HIMMELFAHRT UND PFINGSTEN
- NACH DEN VISIONEN DER GOTTSELIGEN
ANNA KATHARINA EMMERICH -
Die Himmelfahrt
In der Nacht vor seiner wunderbaren Himmelfahrt sah ich Jesus mit der
Heiligsten Jungfrau und den Elfen in dem inneren Saal des
Abendmahlhauses. Die Jünger und die heiligen Frauen waren betend in den
Seitenhallen. Im Saal stand der Tisch des Abendmahles mit den
Osterbroten und dem Kelch unter der angezündeten Lampe. Die Apostel
waren in ihren Feierkleidern. Die Heiligste Jungfrau war Jesu
gegenüber, der wie am Grünen Donnerstag Brot und Wein
consecrierte.
Das heiligste Sakrament sah ich, da es Jesus ihnen reichte, wie einen
leuchtenden Körper in den Mund der Apostel eingehen und seine Worte bei
der Consecration des Weines wie einen roten Strahl in den Kelch
fließen.
Als der Tag graute, verließ Jesus mit den Elfen das Abendmahlhaus. Die
Heiligste Jungfrau ging dicht hinter ihnen, und die Schar der Jünger
folgte in kleinem Zwischenraum. Sie zogen durch die Straßen von
Jerusalem, wo alles noch still und schlafend war. Der Herr wurde immer
ernster und schneller in seinen Reden und seinem ganzen Tun. Am
gestrigen Abend schien er mir in seinen Reden viel teilnehmender. Ich
erkannte den Weg, und ich empfand, Jesus gehe alle Wege seines Leidens
mit ihnen, um in ihnen durch Lehre und Ermahnung die Erfüllung der
Verheißung recht leben-dig werden zu lassen. An jedem Ort, wo eine
Szene seines Leidens vorgefallen, verweilte er einige Augenblicke und
belehrte sie von der Erfüllung prophetischer Worte und Verheißungen und
erklärte ihnen die Bedeutung der Orte. An jenen Stellen, wo die Juden
Verwüstungen, Gräben, Steinhaufen oder andere Hindernisse angebracht
hatten, um die Verehrung derselben zu stören, befahl er den
nachfolgenden Jüngern, voranzugehen und die Hindernisse wegzuräumen,
welches sie schnell taten. Sie ließen ihn dann an sich vorübergehen,
verbeugten sich und folgten wieder nach. Vor dem Tor, das nach dem
Kalvarienberg führt, wendeten sie sich vom Wege ab nach einem
angenehmen Platz unter Bäumen, der ein Betort war, wie mehrere um
Jerusalem waren. Hier setzte sich Jesus mit ihnen, lehrte und tröstete
sie. Unterdessen wurde es Tag, und ihre Herzen wurden etwas leichter;
es war ihnen, als könnte er doch wohl noch bei ihnen bleiben.
Es kamen neue Scharen von Gläubigen herzu; ich sah aber keine Frauen
unter ihnen. Jesus zog wieder in den Weg, der nach dem Kalvarienberg
und dem Heiligen Grab führt, zog aber nicht ganz bis hin, sondern
wendete sich um die Stadt herum nach dem Ölberg. Es wurden auch auf
diesen Wegen einzelne Verwüstungen und Verzäunungen an Bet- und
Lehrorten Jesu durch die Jünger wiederhergestellt. Die Werkzeuge dazu
fanden sie in den Gärten umher; ich erinnere mich runder Schaufeln, die
aussahen wie unsere Backofenschaufeln.
Am Ölberg verweilte Jesus mit der Schar an einem ungemein anmutigen und
kühlen Ort mit schö-nem langem Gras; ich wunderte mich, daß es gar
nirgends niedergetreten war. Die Menge der Menschen um Jesus wurde hier
so groß, daß ich sie nicht mehr zählen konnte. Jesus sprach hier sehr
lange mit ihnen als einer, der nur sein Wort abschließt und auf dem
Punkt zu scheiden ist. Sie ahnten, daß die Scheidestunde nahe, doch
glaubten sie die Zeit nicht so kurz.
Der Herr wandelte nun gegen Gethsemane und vom Ölgarten aus den Ölberg
hinan. Den Weg, wo er gefangen worden, betrat er nicht. Die
Menschenmenge folgte wie in Prozessionen auf verschiedenen Wegen rings
um den Berg nach; viele drangen durch die Hecken und Gartenzäune. Jesus
aber ward immer leuchtender und schneller. Die Jünger eilten nach,
vermochten aber nicht, ihn einzuholen. Als er auf der Spitze des Berges
angekommen war, glänzte er wie ein weißes Sonnenlicht. Vom Himmel
senkte sich ein leuchtender Kreis zu ihm, der in Regenbogenfarben
schimmerte. Die Nachdringenden standen in weitem Kreis wie geblendet.
Jesus leuchtete heller als die Glorie um ihn. Er legte die linke Hand
vor die Brust und segnete mit gehobener Rechten, sich rings wendend,
die ganze Welt. Die Menge stand unbewegt still; ich sah alle gesegnet.
Er segnete nicht, wie die Rabbinen, mit den Handflächen, sondern wie
die christlichen Bischöfe. Ich fühlte sein Segnen der ganzen Welt mit
großer Freude.
Nun aber strahlte das Licht von oben mit Jesus eigenem Glanz zusammen.
Und ich sah seine Sichtbarkeit vom Haupt an in diesem Himmelslicht sich
auflösen und wie emporverschwinden. Es war, als ob eine Sonne in die
andre, eine Flamme in ein Leuchten eingehe, ein Funke in eine Flamme
schwebe. Es war, als ob man in die volle Sonne am Mittag schaue; aber
weißer und heller; der volle Tag schien finster dagegen. Als ich sein
Haupt nicht mehr sehen konnte, unterschied ich seine Füße noch
leuchtend, bis er ganz in dem Himmelsglanz verschwunden war. Unzählige
Seelen sah ich von allen Seiten in dieses Licht eingehen und mit dem
Herrn empor verschwinden. Ich kann nicht sagen, daß ich ihn wie etwas
Fliegendes in der Luft habe kleiner werden gesehen, sondern wie in die
Lichtwolke nach oben verschwinden.
Nach einigen Augenblicken, da der Glanz etwas gewichen war, blickte die
ganze Versammlung in größter Stille und mannigfaltigster Seelenbewegung
starr zu dem Lichtschein empor, der noch länger andauerte. Ich sah in
diesem Licht zwei Gestalten, anfangs klein, niederkommen und dann groß
in langen weißen Gewändern, mit Stäben in der Hand, wie Propheten
erscheinen. Sie sprachen zu der Menge, ihre Stimmen klangen laut wie
Posaunen; es war mir, als müßte man sie in Jerusalem hören können.
Auf der Spitze des Ölberges, wo Jesus auffuhr, war eine Steinfläche. Er
stand darauf und sprach noch, ehe er segnete und die Lichtwolke ihn
aufnahm. Seine Fußstapfen blieben auf den Stein abgedrückt und auf
einem anderen die Spur einer Hand der Heiligsten Jungfrau. Es war schon
Mittag vorüber, bis die ganze Menge sich verloren hatte.
Als die Apostel und Jünger sich nun allein fühlten, waren sie anfangs
unruhig und hielten sich für verlassen; sie wurden aber durch die
ruhige Anwesenheit der Heiligsten Jungfrau unter ihnen voll Trost, und
ganz auf Jesu Wort vertrauend, daß sie ihnen die Mittlerin, die Mutter
und Fürbitterin sei, empfingen sie Frieden. In Jerusalem war unter den
Juden eine gewisse Scheu. Ich sah manche Türen und Läden verschließen
oder in Häusern zusammenkommen. Sie hatten in den letzten Tagen schon
etwas eigentümlich Banges und heute ganz besonders.
Die Apostel hielten sich sehr zurückgezogen; ich sah niemand aus der
großeren Schar der Anhänger zu ihnen in das Abendmahlhaus gehen. Sie
hüteten sich mehr vor den Verfolgungen der Juden und hielten sich in
strengerem, geordneterem Gebet als die Schar der Jünger in den anderen
Räumen des Abendmahlhauses, welche mehr aus- und einwandelten und von
welchen ich auch viele nächtlich die Wege des Herrn mit großer Andacht
wandeln sah.
Bei der Wahl des Matthias zum Apostel sah ich Petrus im Abendmahlhaus
in seinem bischöflichen Mantel mitten im Kreise der Apostel stehen; die
Jünger waren in den geöffneten Seitenhallen versammelt. Petrus schlug
Josef Barsabas und Matthias vor, die beide unter der abgesonderten
Schar der Jünger standen. Unter diesen waren einzelne, welche an die
Stelle des Judas gewählt zu werden wünschten, die beiden aber hatten
gar nicht daran gedacht und waren ohne alles Verlangen. Am Tag danach
wurde das Los über sie geworfen, wobei sie selbst nicht zugegen waren.
Da nun das Los auf Matthias fiel, ging einer in den Aufenthalt der
Jünger und holte ihn herüber.
Das heilige Pfingstfest
Das ganze Innere des Abendmahlssaales war am Vorabend des Festes mit
grünen Bäumen geschmückt, in deren Zweige Gefäße mit Blumen gestellt
wurden. Grüne Gewinde liefen von einer Seite des Saales zur andern. Die
Stellwände gegen die Seitenhallen und die Vorhalle waren geöffnet; nur
das äußere Hoftor war geschlossen. Petrus im Bischofsmantel stand vor
dem Vorhang zum Allerheiligsten unter der Lampe an einem rot und weiß
gedeckten Tisch, auf dem Rollen lagen; ihm gegenüber unter dem Eingang
aus der Vorhalle die Heiligste Jungfrau mit verschleiertem Angesicht
und hinter ihr in der Vorhalle die heiligen Frauen. Die Apostel standen
in zwei Reihen den beiden Seiten des Saales entlang nach Petrus
hingewendet, und aus den Seitenhallen herein nahmen hinter den Aposteln
stehend die Jünger am Chorgesang und Gebet teil. Als Petrus die von ihm
gesegneten Brote brach und austeilte, zuerst an die Heiligste Jungfrau
und die herantretenden Apostel und Jünger, küßten sie ihm die Hand, und
auch die Heiligste Jungfrau tat es. Es waren außer den heiligen Frauen
ihrer hundertzwanzig im Abendmahlshause und den Umgängen
versammelt.
Nach Mitternacht entstand eine wunderbare Bewegung in der ganzen Natur,
die allen Anwesenden sich mitteilte, welche an den Pfeilern des Saales
und in den Seitenhallen in tiefer Innigkeit, mit über der Brust
gekreuzten Armen still betend umher standen. Ruhe breitete sich über
das Haus, und in seinem ganzen Umfang herrschte lautlose Stille.
Gegen Morgen sah ich über den ÖIberg eine silberweiß glänzende
Lichtwolke vom Himmel herab in sinkender Richtung dem Hause sich
nähern. In der ersten Ferne sah ich sie wie eine runde Kugel, deren
Bewegung ein süßer warmer Windstrom begleitete. Näherkommend wurde sie
größer und zog wie eine leuchtende Nebelmasse über die Stadt, bis sie
über Sion und dem Abendmahlshause, sich immer dichter zusammenziehend
und stets durchsichtiger leuchtend, still stand und mit steigendem
Windesbrausen gleich einer tief hängenden Gewitterwolke sich
niedersenkte. Bei diesem Brausen sah ich viele Juden, welche die Wolke
wahrnahmen, erschreckt nach dem Tempel eilen; und ich selber kam in
eine kindische Angst, wohin ich mich verbergen könnte, wenn der Schlag
erfolgen würde; denn das ganze hatte Ähnlichkeit mit einem schnell
heranziehenden Gewitter, das statt von der Erde herauf vom Himmel
herab, statt dunkel ganz licht, statt donnernd sausend heranzieht.
Diese sausende Bewegung fühlte sich wie tief erquickender warmer
Luftstrom.
Als die Lichtwolke ganz nieder über das Abendmahlshaus herabhing und
mit steigendem Sausen immer leuchtender wurde, sah ich auch das Haus
und seine Umgebung immer heller, und die Apostel, Jünger und Frauen
immer stiller und inniger werden. Gegen drei Uhr morgens vor
Sonnenaufgang aber ließen sich plötzlich aus der sausenden Wolke weiße
Lichtströme auf das Haus und seine Umgebung nieder, die sich siebenfach
durchkreuzten und unter der Durchkreuzung in feinere Strahlen und
feurige Tropfen sich auflösten. Der Punkt, wo die sieben Lichtströme
sich durchschnitten, war mit Regenbogenlicht umgeben, in welchem eine
leuchtende, schwebende Gestalt erschien, mit unter den Schultern
ausgebreiteten Flügeln oder flügelähnlichen Strahlen. In diesem
Augenblick war das ganze Haus und sein Umfang durch und durch mit Licht
erfüllt. Die fünfarmige Lampe leuchtete nicht mehr. Die Versammelten
waren entzückt, richteten unwillkürlich ihr Antlitz dürstend in die
Höhe, und in den Mund eines jeden ergossen sich Lichtströme wie
lodernde Flammenzungen. Es war, als atmeten, als tranken sie das Feuer
dürstend in sich und als lodere ihre Begierde aus dem Munde diesen
Flammen entgegen. Auch auf die Jünger und anwesenden Frauen im
Vorgemach ergoß sich dieses heilige Feuer; und so löste sich die
Glanzwolke wie in verschiedener Stärke und Färbung.
Nach dem Ergusse herrschte freudige Kühnheit in der Versammlung. Alle
waren bewegt und wie mit Freude und Zuversicht berauscht. Sie traten um
die Heiligste Jungfrau, die ich allein ganz ruhig und wie immer in
stiller heiliger Fassung sah. Die Apostel umarmten sich untereinander
und von freudiger Kühnheit zu reden durchdrungen, riefen sie sich zu:
"Wie waren wir, was ist aus uns geworden?" Auch die heiligen Frauen
umarmten sich. Die Jünger in den Umgängen waren ebenso bewegt, und die
Apostel eilten auch zu ihnen. In allen war ein neues Leben voll Freude,
Zuversicht und Kühnheit. Ihre Freudigkeit ging nun in Danksagung über,
sie traten in die Betordnung zusammen, dankten und lobsangen Gott in
großer Bewegung. Indessen verschwand das Licht. Petrus hielt nun eine
Rede an die Jünger und sendete mehrere hinaus nach den Herbergen der
ihnen anhängenden Pfingstgäste.
(aus: "Das arme Leben unseres Herrn Jesu Christi" nach
den Gesichten der gottseligen Anna Katharina Emmerich, Augustinerin des
Klosters Agnetenberg zu Dülmen, Aschaffenburg (Pattloch) 1971, S. 550
ff.)
|