Aus den geistlichen Ansprachen
des
Nicephorus, des Einsiedlers aus dem 13. Jahrhundert
Ihr versteht nun, liebe Brüder, daß es eine geistliche Lebenskunst gibt
oder einen geistlichen Weg, der pfeilschnell zur Leidenschaftslosigkeit
und zur Gottesschau für den hinführt, der ihn beschreitet. lhr seid nun
überzeugt, daß das ganze tätige Leben vor Gott nur Blätter am Baume
sind, daß jeder Seele, der die Wachsamkeit des Geistes fehlt, auch die
Früchte fehlen. Ohne die Wachsamkeit wird alles der Seele nichts
nützen. Sorget dafür, daß ihr nicht ohne Früchte zum Tor des Todes geht
und dort nicht über ein fruchtloses Leben trauern müßt.
Frage: Mein Vater, deine
Darlegung hat uns das Verhalten derer gezeigt, die Gott gefallen. Sie
hat uns weiter belehrt, daß es einen Weg gibt, auf dem die Seele
schnell von den Leidenschaften befreit wird und daß dieser Weg für
jeden Christen notwendig ist, der sich in die Armee Christi einreihen
will. Wir zweifeln nicht mehr. Wir sind überzeugt. Aber worin besteht
die Achtsamkeit? Wie kann man zu ihr gelangen ? Das möchten wir gerne
wissen; denn wir haben davon nur eine bescheidene Kenntnis.
Antwort: Durch den Namen
unseres Herrn Jesu Christi können wir dazu gelangen; denn er sagt:
"Ohne mich könnt ihr nichts tun" (Joh. I5, 5). Mit seiner Hilfe und
Mitwirkung will ich nach besten Kräften versuchen, euch zu zeigen,
worin die Achtsamkeit besteht und wie wir sie mit der Gnade Gottes
erlangen können.
Gewisse Heilige haben die Achtsamkeit als Wachsamkeit des Geistes,
andere als Wachsamkeit des Gemütes, andere als Nüchternheit oder Ruhe
des Geistes und andere noch anders bezeichnet. Wie viele Benennungen es
auch geben mag, sie gehen alle auf dasselbe hinaus, wie man ja auch
Brot meint, wenn man von Weißbrot oder einer Brotschnitte
spricht.
Was ist die Achtsamkeit und was sind ihre Eigenschaften? Hört mir gut
zu. Die Achtsamkeit ist das Zeichen einer vollendeten Reue, sie ist ein
Sichzurückfinden der Seele, Haß gegen die Welt und Hineilen zu Gott.
Achtsamkeit heißt die Sünden ablegen, um das Tugendkleid anzuziehen,
sie ist unerschütterliche Gewißheit über die Verzeihung der Sünden, der
Anfang der Gottversenkung oder besser gesagt ihre dauernde
Grundvoraussetzung. Ihretwegen neigt sich Gott über den Geist, um sich
ihm zu offenbaren. Die Achtsamkeit ist die Ruhe des Geistes, das
Stillwerden oder das Schweigen, das durch Gottes Barmherzigkeit der
Seele geschenkt wird. Sie ist die Reinigung der Gedanken, der Tempel
für die Erinnerung an Gott und die Kraftquelle zum Ertragen von
Prüfungen. Die Achtsamkeit ist die Triebfeder zum Glauben, zur Hoffnung
und zur Liebe. Ohne Glauben erträgt man nicht die Prüfungen, die von
außen kommen. Wer Prüfungen nicht mit fröhlichem Gemüte entgegennimmt,
der kann nicht zum Herrn sprechen: "Du bist meine Zuflucht und meine
Schutzburg" (Ps. 3,4). Wer seine Zuflucht nicht auf den Allerhöchsten
setzt, der kann in der Tiefe seines Gemütes nicht die Liebe
haben.
Diese erhabenen Wirkungen klingen aber bei den meisten, um nicht zu
sagen bei allen, durch eine Belehrung an. Es ist sehr selten, daß man
Gott allein durch die Kraft des Handelns und des Glaubens ohne einen
Meister aufnehmen kann. Eine Ausnahme bewirkt noch keine
Gesetzmäßigkeit. Es ist darum gut, sich einen zuverlässigen Meister zu
suchen. Seine Winke belehren uns über Irrtum von rechts oder von links
und auch über die Übertreibungen auf dem Gebiete der Achtsamkeit. Seine
persönlichen Erfahrungen in solchen Prüfungen werden uns ihren Sinn
erklären und uns ohne jeden Zweifel den richtigen geistlichen Weg
zeigen, den wir dann ohne jede Schwierigkeit gehen können. Hast du
keinen Meister, so suche dir einen unter allen Umständen. Findest du
aber keinen, so flehe zu Gott um Zerknirschung deines Geistes, bitte
ihn in Demut unter Tränen und tue, was ich dir sage. Zuerst muß dein
Leben ruhig werden, frei von jeder Sorge und friedlich mit allen. Dann
gehe in deine Zelle, schließe dich ein und setze dich in einen Winkel
und folge genau dem, was ich dir sage.
Du weißt, daß wir unseren Atem nicht ohne das Herz ausatmen können. Das
Herz ist ja der Träger unseres Lebens und der körperlichen Wärme. Das
Herz zieht den Atem ein, um seine eigene Wärme durch das Ausatmen nach
außen ausströmen zu lassen. So wird ein vollendeter Wärmeaustausch
bewirkt. Sein Werkzeug dabei ist die Lunge. Vom Schöpfer als feines
Gewebe geschaffen, führt sie ohne Unterlaß die Luft ein und läßt sie
zurückströmen gleich einem Windstoß. So bewirkt das Herz durch das
Einziehen der Kälte und durch das Ausströmen der Wärme im Atem eine
ungestörte Tätigkeit, die man als das Gleichgewicht des Lebens
bezeichnet hat. Setze dich wie ich eben sagte und sammle deinen Geist,
ziehe deinen Atem durch die Nase ein; denn das ist der Weg, den der
Atem nimmt, um zum Herzen hinabzusteigen. Zwinge den Atem, in dem
Augenblick des Einatmens zum Herzen hinabzusteigen. Wenn du ihn dort
eine zeitlang festhältst, wirst du die Freude spüren, die daraus folgt.
Du wirst es nicht bedauern. Ein Mann, der nach Abwesenheit nach Hause
zurückkehrt, der freut sich, seine Gattin und seine Kinder
wiederzufinden. So geht es dem Geiste ebenso, wenn er in seiner Seele
Heimat findet, und er fließt über von Wonne und unsagbarer
Freude.
Mein Bruder, gewöhne deinen Geist daran, nicht nach außen zu drängen.
Für die Neulinge fehlt dieser Eifer noch für solche Abgeschlossenheit
und innere Zurückgezogenheit. Wenn aber die Gewohnheit dazu gewonnen
ist, dann wird ihn keine Lust mehr zu äußeren Spaziergängen locken. Das
Reich Gottes ist ja in uns, wer seine Blicke nach innen lenkt, das
reine Gebet erstrebt, dem wird die ganze äußere Welt schal und
verabscheuungswürdig. Wenn du von Anfang an durch den Geist in das Herz
hinabsteigst, so wie ich dir gezeigt habe, dann wollen wir Gott danken.
Preise ihn, juble und halte dich einzig und allein an diese Übung. Sie
wird dich lehren, was du noch nicht weißt. Wisse aber, daß du nicht
müßig bleiben darfst, während dein Geist im Herzen wohnt. Vielmehr ist
deine einzige Tätigkeit und Betrachtung »Herr Jesus Christus, Sohn
Gottes, erbarme dich meiner«. Unter keinen Umstanden sei untätig.
Pflege diese Übung weiter, auch wenn dein Geist schon frei geworden ist
von Zerstreuung. Mache ihn taub und unzugänglich fiir die
Einflüsterungen der Feinde und richte dich durch diese Übung täglich
empor in Liebe und im Verlangen nach Gott.
Wenn du aber, lieber Brudcr, trotz aller Anstrengung nach meinen
Anweisungen nicht in die Tiefen deines Gemütes gelangen kannst, so tue,
was ich dir sage, und mit Hilfe Gottes wirst du zum Erfolg kommen. Du
weißt, daß der Verstand des Menschen seinen Sitz in der Brust hat. Wenn
auch unsere Lippen stumm bleiben, so können wir doch in unserer Brust
wirklich sprechen, Entscheidungen treffen, uns aufraffen zum Gebet, zum
Psalmengesang und zu anderen Übungen. Hast du aus deinem Verstande
jeden anderen Gedanken ausgeschaltet, so erfülle ihn mit dem Gebete
»Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner«. Zwinge dich zu diesem
Gebetsruf unter Ausschluß jedes anderen Gedankens. Mit der Zeit wirst
du Meister in dieser Übung. Und so wirst du Einkehr in dein Gemüt
halten, und zwar ohne von Zweifeln beunruhigt zu werden, wie ich dir
vorher sagte. Ich habe selbst bei mir diese Erfahrung gewonnen.
Hast du die Achtsamkeit, nach der du in fröhlicher Sehnsucht gestrebt
hast, erlangt, dann wirst du sehen, wie der Chor der Tugenden dich
heimsucht. Es kommt die Liebe, die Freude, der Friede, und alle übrigen
schließen sich an in herrlichem Geleite. Durch sie werden alle deine
Bitten bei unserem Herrn Jesus Christus Erhörung finden. Bei Jesus
Christus, unserem Herrn, mit dem dem Vater und dem Heiligen Geiste Ruhm
und Herrschaft gebührt, Ehre und Anbetung, jetzt und alle Zeit und von
Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
(aus "Kleine Philokalie - Belehrungen der Mönchsväter der Ostkirche über das Gebet" Einsiedeln 1956, S. 127-133)
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