CHRISTI GEBURT
- NACH DEN VISIONEN DER GOTTSELIGEN
ANNA KATHARINA EMMERICH -
Ankunft in Bethlehem und Herbergsuche
Der Weg von der letzten Herberge nach Bethlehem mochte etwa drei
Stunden sein. Sie zogen an der Nordseite von Bethlehem herum und nahten
der Stadt von der Abendseite. Eine Strecke Wegs von der Stadt, etwa
eine Viertelstunde, kamen sie an ein großes Gebäude, mit Höfen und
kleineren Häusern umgeben. Es standen auch Bäume davor, und vielerlei
Volk lagerte in Zelten drum her. Es war das ehemalige väterliche Haus
Josephs und das Stammhaus Davids. Jetzt ist hier das Einnahmehaus der
römischen Schätzung. Joseph hatte auch noch einen Bruder in der Stadt.
Er war ein Wirt; aber nicht sein rechter Bruder, er war ein Nachkind.
Joseph ging gar nicht zu ihm. Joseph ging gleich in das Haus, denn
jeder der ankam, mußte sich anmelden und erhielt einen Zettel, den er
am Tore abgeben mußte, um in die Stadt eingelassen zu werden. Die Stadt
hatte nicht eigentlich ein Tor; aber es führte der Weg doch zwischen
ein paar Mauerresten hinein, wie durch ein zerstörtes Tor. Joseph kam
etwas spät zu der Steuer; doch wurde er ganz freundlich
behandelt.
Joseph zog dann mit Maria gerade nach Bethlehem, das weit
auseinanderliegend gebaut war, hinein bis in die Mitte der Stadt. Er
ließ Maria mit dem Esel immer am Eingang einer Straße halten und ging
hinein, eine Herberge zu suchen. Maria mußte oft lange warten, bis er
betrübt wieder zurückkam. Überall war es voll, überall wurde er
abgewiesen. Endlich sagte er, als es schon dunkel war, sie wollten nach
der anderen Seite der Stadt hinziehen, da fände sich gewiß noch ein
Unterkommen. Sie zogen nun eine Straße, die mehr ein Feldweg als eine
eigentliche Straße war, denn die Häuser lagen an Hügeln zerstreut und
kamen am Ende derselben an einen tiefer liegenden freien Platz oder ein
Feld. Hier stand ein sehr schöner Baum mit glattem Stamm; die Äste
breiteten sich wie ein Dach umher. Darunter führte Joseph die Heilige
Jungfrau und das Lasttier und verließ sie wieder, um Herberge zu
suchen. Er geht von Haus zu Haus. Seine Freunde, von welchen er Maria
gesprochen, wollen ihn nicht kennen. In diesem Suchen kehrt er einmal
zu Maria unter dem Baume zurück und weint. Sie tröstet ihn. Er sucht
von neuem; da er aber die nahe Entbindung seiner Frau als
Hauptbeweggrund anführt, weisen sie ihn noch leichter ab.
Endlich kam Joseph ganz betrübt wieder. Ich sah, daß er weinte, und aus
Betrübnis, weil er keine Herberge gefunden, zu nahen zögerte. Er sagte,
daß er von seiner Jugend her noch einen Ort vor der Stadt wisse, der
den Hirten gehöre, und wo sie ihre Niederlage hätten, wenn sie Vieh zur
Stadt brächten, er habe sich dort oft zum Gebet abgesondert und vor
seinen Brüdern verborgen. Zu dieser Jahreszeit seien keine Hirten da;
oder kämen sie auch, so würde er doch leicht mit ihnen einig werden.
Sie wollten da einstweilen ein Obdach finden; er wolle dann, wenn sie
erst in Ruhe sei, von neuem zu suchen ausgehen. Es waren keine Häuser
in der Nähe. Das Gewölbe war an einer Seite mit rohem Mauerwerk
ergänzt, von wo aus der Zugang ins Tal der Hirten offen stand. Joseph
setzte die leichte geflochtene Türe los. Als sie hier ankamen, lief
ihnen die Eselin entgegen, welche gleich bei Josephs Vaterhaus schon
von ihnen weg außerhalb der Stadt Plerum hierhergelaufen war. Sie
spielte und sprang ganz lustig um sie herum, und Maria sagte noch:
"Sieh, es ist gewiß der Wille Gottes, daß wir hier sein sollen."
Joseph war aber sehr betrübt und ein wenig stille beschämt, weil er so
oft von der guten Aufnahme in Bethlehem gesprochen hatte. Es war ein
Obdach vor der Türe, worunter er den Esel stellte und Maria einen Sitz
bereitete. Es war ungefähr acht Uhr, als sie hier waren, und dunkel.
Joseph machte Licht und ging in die Höhle. Der Eingang war sehr eng, es
stand allerlei dickes Stroh an den Wänden, wie Binsen, und es waren
braune Matten darübergehängt. Auch hinten in dem eigentlichen Gewölbe,
wo oben einige Luftlöcher herein waren, war nichts in Ordnung. Joseph
räumte aus und gewann hinten soviel Raum, daß er Maria eine Lager- und
Sitzstelle machen konnte. Maria setzte sich auf eine Decke und hatte
ihr Bündel neben sich liegen, worauf sie sich lehnte. Auch der Esel
wurde hereingebracht. Joseph heftete eine Lampe an die Wand, und als
Maria ruhte, ging er auf das Feld gegen die Milchhöhle zu und legte
einen Schlauch in ein sehr kleines Bächlein, daß er vollaufen sollte.
Er ging auch noch zur Stadt und holte kleine Schüsseln und Reiserbündel
und ich meine auch Früchte. Es war zwar Sabbat, aber wegen der vielen
Fremden in der Stadt, die allerlei Unentbehrliches brauchten, waren an
den Straßenecken Tische aufgerichtet, worauf die nötigsten
Lebensbedürfnisse und Geräte lagen. Der Wert wurde dabei niedergelegt.
Ich meine, es standen Knechte oder heidnische Sklaven dabei, ich weiß
es nicht mehr recht.
Die inneren Wände der Höhle waren, wo sie von Natur gewachsen,
wenngleich nicht ganz glatt, doch angenehm und reinlich und hatten für
mich etwas Anmutiges. Der Boden lag tiefer als der Eingang und war auf
drei Seiten mit einer erhöhten Steinbank breiter und schmäler umgeben.
Auf einer solchen breiteren Bank stand der Esel. Er hatte keinen Trog
vor sich, es wurde ihm ein Schlauch hingestellt oder an die Ecke
angehängt. Hinter dem Esel war eine kleine Seitenhöhle, nur so groß,
daß der Esel darin stehen konnte. Es wurde das Futter hier aufbewahrt.
Neben dem Stand des Esels war eine Rinne, und ich sah, daß Joseph
täglich die Höhle reinigte. Auch da, wo Maria lag, ehe sie gebar und wo
ich sie in der Geburt erhoben sah, war eine solche Steinbank. Der Ort,
wo die Krippe stand, war eine tief einspringende Seitenwölbung der
Höhle. Nahe an dieser Einwölbung befand sich ein zweiter Eingang in die
Höhle. Über der Höhle zog sich ein Bergrücken hin, der zur Lage der
Stadt führte.
Christi Geburt
Ich sah, wie Joseph am folgenden Tage für Maria in der sogenannten
Säughöhle, der Grabhöhle der Amme Abrahams, Maraha genannt, die
geräumiger war, als die Krippenhöhle, einen Sitz und Lager bereitete.
Sie brachte dort einige Stunden zu, während welcher Joseph die
Krippenhöhle mehr ausräumte und besser in Ordnung brachte. Es war fünf
Uhr abends, als Joseph die Heilige Jungfrau wieder in die Krippenhöhle
zurückbrachte. Hier hängte er noch mehrere Lampen auf, auch versorgte
er unter dem Obdach vor der Türe die freudig aus dem Felde
herbeigeeilte Eselin. Als Maria ihm sagte, es nahe ihre Zeit, er möge
sich ins Gebet begeben, verließ er sie und ging nach seinem Schlafraume
zurück, um zu beten. Er sah noch einmal, ehe er in sein Kämmerchen
eintrat, nach dem Hintergrund der Höhle zurück, wo Maria, ihm den
Rücken kehrend, kniend auf ihrem Lager betete, das Angesicht nach
Morgen gewendet. Er sah die Höhle voll Licht, Maria war ganz wie von
Flammen umgeben. Ich sah den Glanz um Maria immer größer werden. Die
Lichter, welche Joseph angesteckt hatte, waren nicht mehr zu sehen. Sie
kniete in einem weiten, weißen Gewande, das vor ihr ausgebreitet war.
In der zwölften Stunde war sie im Gebete entrückt. Ich sah sie von der
Erde empor gehoben, daß man den Boden unter ihr sah. Sie hatte die
Hände auf der Brust gekreuzt. Der Glanz um sie vermehrte sich. Ich sah
die Decke der Höhle nicht mehr. Es war wie eine Straße von Licht über
ihr bis zum Himmel empor, in der ein Licht das andere und eine Gestalt
die andere durchdrang und Lichtkreise in himmlische Gestalten
übergingen. Maria betete aber nieder zur Erde schauend. Da gebar sie
das Jesuskind. Ich sah es wie ein leuchtendes, ganz kleines Kind, das
heller war, als der übrige Glanz auf der Decke vor ihren Knien liegen.
Es war mir, als sei es ganz klein und werde vor meinen Augen größer. Es
war aber dieses alles eine bloße Bewegung in so großem Glanze, daß ich
nicht weiß, ob ich und wie ich das sah. Selbst die tote Natur war in
innerer Bewegung. Die Steine des Bodens und der Wände der Krippenhöhle
waren wie lebendig.
Es mochte wohl eine Stunde nach der Geburt sein, als Maria den heiligen
Joseph rief, der noch immer im Gebete lag. Als er ihr nahte, warf er
sich in Andacht, Freude und Demut kniend auf sein Angesicht, und Maria
bat ihn nochmals, er solle das heilige Geschenk des Himmels ansehen. Da
nahm er das Kind auf seine Arme. Die Heilige Jungfrau wickelte nun das
Jesuskind in eine rote und darüber in eine weiße Hülle, bis unter die
Ärmchen und nach oben in ein anderes Tüchlein. Sie hatte nur vier
Windeln bei sich. Sie legte es hierauf in die Krippe, welche mit Binsen
und anderen feinen Pflanzen gefüllt und worüber eine Decke an den
Seiten überhängend gebreitet war. Die Heilige Jungfrau hatte ihr Lager
und ihren Sitz neben der Krippe. Ich sah sie aufrecht sitzen und auch
an der Seite liegen in den ersten Tagen. Doch sah ich sie auf keine Art
besonders krank oder erschöpft. Sie war vor und nach der Geburt ganz
weiß gekleidet. Wenn Leute zu ihr kamen, saß sie meist neben der Krippe
und war mehr eingewickelt.
Ich sah die Herden bei dem Hügel der drei Hirtenältesten unter
Schuppen; an dem ferneren Turme der Hirten aber teilweise noch unter
freiem Himmel. Ich sah die drei Hirtenältesten von der wunderbaren
Nacht bewegt zusammen vor ihrer Hütte stehen und umherschauen und einen
herrlichen Glanz über der Krippe erblicken. Auch die Hirten bei dem
entfernteren Turme waren in voller Bewegung. Sie waren auf das
Turmgerüst gestiegen und sahen nach der Krippe hin, über welcher sie
einen Glanz bemerkten. Ich sah, wie eine Lichtwolke zu den drei Hirten
niederkam. Ich bemerkte in derselben auch ein Übergehen und Verwandeln
in Formen und hörte die Annäherung eines süßen, lauten und doch leisen
Gesanges. Die Hirten erschraken anfangs; aber es standen bald fünf oder
sieben leuchtende liebliche Gestalten vor ihnen, welche ein großes Band
wie einen Zettel in den Händen trugen, worauf Worte mit handlangen
Buchstaben geschrieben waren. Die Engel sangen das Gloria.
Denen am Turme erschienen sie auch, und ich weiß nicht mehr, wo sonst.
Die Hirten sah ich nicht augenblicklich zur Krippe eilen, wohin die
drei ersten wohl eine und eine halbe Stunde hatten, und die am Turme
der Hirten wohl noch einmal so weit. Aber ich sah sie sogleich
bedenken, was sie dem neu geborenen Heilande zum Geschenk mitbringen
wollten, und so schnell als möglich diese Geschenke zusammensuchen. Die
drei Hirten kamen schon am frühen Morgen zur Krippe. Ich sah, daß in
dieser Nacht Anna in Nazareth, Elisabeth in Juta, Noemi, Hanna und
Simeon am Tempel Gesichte und Eröffnungen von der Geburt des Heilandes
hatten. Das Kind Johannes war unbeschreiblich froh. Nur Anna wußte, wo
das neugeborene Kind war; die anderen und selbst Elisabeth wußten zwar
von Maria und sahen sie im Gesicht, aber sie wußten nichts von
Bethlehem.
Im Lande der Heiligen Drei Könige sah ich ein großes Wunder. Sie hatten
auf einem Berge einen Turm, wo sich abwechselnd immer einer von ihnen
mit mehreren Priestern aufhielt, um die Sterne zu beobachten. Was sie
in den Sternen sahen, schrieben sie auf und teilten es einander mit. In
dieser Nacht waren zwei der Könige hier, Mensor und Sair. Der dritte,
welcher gegen Morgen des Kaspischen Meeres wohnte und Theokeno hieß,
war nicht dabei. Es war ein bestimmtes Sternbild, nach dem sie immer
schauten und dessen Veränderungen sie beobachteten. Sie empfingen dabei
Gesichte und Bilder am Himmel. So auch in der heutigen Nacht, und zwar
in mehreren Veränderungen. Es war nicht ein Stern, in dem sie das Bild
sahen, es waren mehrere Sterne in einer Figur, und es war eine Bewegung
in den Sternen. Sie sahen einen schönen, farbigen Bogen über dem Bild
des Mondes, auf dem eine Jungfrau saß. Das linke Bein hatte sie in
sitzender Stellung, das rechte hing mehr gerade herunter und stand auf
dem Monde. Auf der linken Seite der Jungfrau erschien über dem Bogen
ein Weinstock, auf der rechten ein Bündel Ähren. Vor der Jungfrau sah
ich die Gestalt eines Kelches, wie der beim heiligen Abendmahle,
erscheinen oder heller aus ihrem Glanze hervortreten. Aus dem Kelche
stieg ein Kind empor, und über dem Kinde erschien eine helle Scheibe,
wie eine leere Monstranz, aus der Strahlen wie Ähren ausgingen. Ich
hatte den Begriff des Sakramentes dabei. Zur Linken der Jungfrau stieg
eine achteckige Kirche mit einem goldenen Tore und zwei kleinen
Seitentüren empor. Die Jungfrau bewegte mit der rechten Hand Kind und
Hostie in die Kirche, die während dem sehr groß wurde und in der ich
die Heiligste Dreifaltigkeit erblickte. Über der Kirche erhob sich ein
Turm. Die gleichen Bilder hatte auch Theokeno, der dritte der Könige,
in seiner Heimat.
Über dem Haupte der auf dem Bogen sitzenden Jungfrau stand ein Stern,
der plötzlich aus seiner Stellung heraus und vor ihnen am Himmel
hinschwebte. Und sie empfingen dabei, wie sonst nie, eine Stimme und
Verkündigung, daß die Geburt des von ihnen und ihren Voreltern schon so
lange erwarteten Kindes in Judäa nun eingetreten sei und daß sie dem
Sterne folgen sollten. Schon in den letzten Tagen vor der Heiligen
Nacht hatten sie von ihrem Turme aus allerlei Bilder am Himmel gesehen,
und wie Könige zu dem Kinde zogen und es verehrten. Darum nahmen sie
jetzt ohne Säumen ihre Schätze zusammen und machten sich mit Gaben und
Geschenken auf die Reise. Sie meinten, sie wollten nicht die letzten
sein. Ich sah, daß nach wenigen Tagen alle drei auf dem Wege
zusammentrafen. Ich sah, daß das Jahr der Welt 3997 noch nicht voll
war, als Jesus geboren wurde. Die nicht vollen vier Jahre von seiner
Geburt bis zum Schlusse des vierten Jahrtausends hat man nachher ganz
vergessen und dann vier Jahre später unsere neue Jahrzahl angefangen.
Christus ist also nicht ganz volle acht Jahre früher als unsere
Zeitrechnung geboren.
Anbetung der Hirten
In der Morgendämmerung nach der Geburt kamen die drei Hirtenältesten
mit Geschenken, welche sie zusammengeholt hatten, zu der Krippenhöhle.
Ihre Geschenke bestanden in kleinen Tieren, die eine Ähnlichkeit mit
Rehen hatten. Sie hatten lange Hälse, klare schöne Augen und waren sehr
fein und schnell. Die Hirten führten sie an feinen Fäden neben und
hinter sich. Sie trugen auch lebende größere Vögel unter dem Arme und
hatten geschlachtete über die Schultern hängen.
Am Eingang der Krippenhöhle sagten sie Joseph, was ihnen der Engel
verkündigte, und wie sie kämen, das Kind der Verheißung zu verehren und
zu beschenken. Joseph nahm ihre Geschenke an und ließ sie die Tiere in
den Kellerraum neben der Seitentüre der Krippenhöhle bringen. Dann
führte er sie zu der Heiligen Jungfrau, die neben der Krippe an der
Erde auf der Decke saß und das Jesuskind vor sich auf dem Schoße hielt.
Die Hirten warfen sich, ihre Stäbe im Arme haltend, auf die Knie,
weinten vor Freude und blieben lange da in großer Süßigkeit; dann
sangen sie den Lobgesang der Engel und einen Psalm, den ich vergessen
habe. Als sie Abschied nahmen, gab ihnen die Heilige Jungfrau noch das
Kind auf die Arme.
Die drei Hirtenältesten kehrten abwechselnd wieder und halfen Joseph,
alles an der Krippenhöhle und umher bequemer einrichten. Auch sah ich
mehrere fromme Frauen bei der Heiligen Jungfrau, welche ihr Dienste
erwiesen. Sie waren Essenerinnen und wohnten nicht weit von der
Krippenhöhle an dem Talgrunde in kleinen Felsenzellen nebeneinander.
Sie hatten kleine Gärtchen bei ihrer Wohnung und unterrichteten Kinder
ihrer Versammlung. Der heilige Joseph hatte sie gerufen, er kannte
diese Genossenschaft schon von Jugend auf; denn, wenn er vor seinen
Brüdern in der Krippenhöhle sich verbarg, hat er auch diese frommen
Frauen an der Felsenwand besucht. Sie kamen abwechselnd zu der Heiligen
Jungfrau, trugen kleine Bedürfnisse und Holzbündelchen zu und kochten
und wu-schen für die Heilige Familie.
Ich sah auch die Magd Annas mit einem alten Knechte von Nazareth her
zur Krippe kommen. Sie war eine Witwe und der Heiligen Familie
verwandt. Sie brachte von Anna allerlei Bedürfnisse mit und blieb bei
der Heiligen Jungfrau. Der alte Knecht weinte Freudentränen und kehrte
wieder zurück, um Anna Botschaft zu bringen. Tags darauf sah ich die
Heilige Jungfrau mit dem Jesuskinde und der Magd auf einige Stunden die
Krippenhöhle verlassen. Aus der Türe heraustretend, wendete sie sich
unter dem Obdache rechts und verbarg sich nach einigen Schritten in der
Seitenhöhle, in welcher bei Christi Geburt die Quelle entsprungen war.
Sie verweilte an vier Stunden in dieser Höhle. Es kamen nämlich Männer
aus Bethlehem als Spione des Herodes, weil durch die Reden der Hirten
das Gerücht verlautete, es sei dort ein Wunder mit einem Kinde
geschehen. Ich sah, daß diese Männer einige Reden mit dem heiligen
Joseph wechselten, welchen sie vor der Krippenhöhle antrafen und daß
sie ihn mit vornehmem Lächeln verließen.
Ein Verwandter Josephs, der Vater jenes Jonadab, welcher bei der
Kreuzigung Jesu ein Tuch darreichte, ist zum Sabbat gehend auch zur
Krippe gekommen. Joseph war ganz gut mit ihm. Der Verwandte hatte durch
Leute seines Ortes von der wunderbaren Lage Josephs gehört und kam, ihn
zu beschenken und das Jesuskind und Maria zu besuchen. Joseph nahm aber
nichts an und verpfändete ihm seine Eselin mit der Bedingung, gegen das
empfangene Geld sie wieder einlösen zu können. Danach feierten Maria,
Joseph, die Magd und zwei Hirten, welche vorne im Gange standen, den
Sabbat in der Krippenhöhle. Es brannte eine Lampe mit sieben Dochten,
und auf einem weiß und rot bedeckten Tischchen lagen die Gebetsrollen.
Die Beschneidung
Joseph kam mit fünf Priestern und einer Frau, welche bei solchen Fällen
gebraucht wurde, von Bethlehem zurück. Sie trugen den
Beschneidungsstuhl und eine achteckige Steinplatte mit sich, in welcher
das Geräte war. Alles dieses wurde im Gange der Höhle an seine Stelle
gesetzt. Der Stuhl war ein Kasten, der auseinander gezogen wurde und
dann eine Art niederes Ruhebett mit einer Lehne an einer Seite bildete.
Er wurde rot bedeckt. Der Beschneidungsstein hatte wohl über zwei Fuß
im Durchmesser. Er war in der Mitte mit einer Metallplatte bedeckt,
unter welcher in einer Vertiefung des Steines allerlei Büchsen mit
Flüssigkeiten und an der Seite die Beschneidungsmesser in abgeteilten
Räumen lagen. Dieser Stein ward auf das Schemelchen gelegt, das mit
einem Tuche bedeckt bis jetzt immer auf der Geburtsstelle Jesu
gestanden hatte und nun neben den Beschneidungsstuhl gestellt wurde.
Die Priester gingen auch zu Maria und dem Kinde; sprachen mit ihr und
erhielten das Kind auf die Arme. Mit Joseph sprachen sie über den
Namen, welchen das Kind erhalten sollte. Während der Nacht haben sie
noch viel gebetet und gesungen, und es war mit Anbruch des Tages, daß
das Kind beschnitten wurde. Maria war dabei sehr bange und betrübt. Als
die Beschneidung geschehen war, wurde das Jesuskind rot und darüber
weiß bis unter die Ärmchen gewickelt; und auch diese wurden
eingebunden; und der Kopf mit einem Tuche umwickelt. Es wurde wie der
auf den achteckigen Stein gelegt und noch über dasselbe gebetet. Wenn
ich gleich weiß, daß der Engel Joseph schon gesagt, das Kind solle
Jesus heißen, so habe ich doch eine dunkle Erinnerung, als habe der
Priester den Namen nicht gleich gebilligt und mit den anderen noch
gebetet. Und ich sah, daß ein leuchtender Engel vor dem Priester stand
und den Namen Jesus auf einer Tafel, wie die über dem Kreuze, ihm
vorhielt. Ich sah auch, daß der Priester diesen Namen auf ein Pergament
schrieb. Ich weiß nicht, ob er selbst oder andere Gegenwärtige den
Engel sahen; aber er schrieb den Namen aus Eingebung sehr erschüttert
und gerührt auf. Nach der Handlung empfing Joseph das Kind zurück und
übergab es der Heiligen Jungfrau, welche im Hintergrunde der
Krippenhöhle mit zwei Frauen gestanden war. Sie nahm das Kind weinend
auf ihre Arme und beruhigte es.
Am Abend des folgenden Tages sah ich Elisabeth von Juta auf einem Esel
mit einem alten Knechte bei der Höhle ankommen. Joseph empfing sie sehr
freundlich. Ihre und Marias Freude war ungemein groß, als sie sich
umarmten. Elisabeth drückte das Kind an ihr Herz. Sie schlief in der
Höhle mit Maria neben der Stelle, wo Jesus war geboren worden. Vor
dieser stand ein Gestell, worauf sie das Kind manchmal legten. Maria
erzählte Elisabeth alles, wie es ihr ergangen. Und als sie ihre Not um
ein Unterkommen bei der Ankunft in Bethlehem erzählte, weinte Elisabeth
herzlich. Sie erzählte ihr auch umständlich, wie es ihr bei der Geburt
Jesu gewesen sei; und ich erinnere mich noch, daß sie sagte, sie sei in
der Stunde der Verkündigung zehn Minuten in Entzückung gewesen, und es
sei ihr gewesen, als verdopple sich ihr Herz, und sie sei mit
unaussprechlichem Heil erfüllt. In der Stunde der Geburt aber habe sie
eine große Sehnsucht empfunden, und es sei ihr gewesen, als wer-de sie
kniend von Engeln emporgehoben und als trenne sich ihr Herz auseinander
und die eine Hälfte scheide von ihr. Zehn Minuten sei sie so entzückt
gewesen und habe eine innerliche Leerheit und eine Sehnsucht nach Etwas
außer ihr empfindend, einen Glanz vor sich erblickt, und als wachse die
Gestalt ihres Kindes vor ihren Augen. Da habe sie es sich bewegen sehen
und weinen hören und ha-be sich besonnen und das Kind von der Decke auf
an ihre Brust genommen; denn anfangs habe sie gezögert, es aufzufassen,
weil es so mit Glanz umgeben gewesen sei.
Elisabeth sagte ihr: "Du hast nicht geboren wie andere Mütter. Die
Geburt des Johannes war auch süß, aber sie war nicht wie die deinige."
Als Anna mit ihrem zweiten Manne und einem Knechte ankam, war ihre
Freude und Rührung über das Jesuskind, das ihr die Ärmchen
entgegenstreckte, sehr groß. Maria erzählte ihr alles wie der
Elisabeth. Anna weinte mit Maria, und dies alles ward von Liebkosungen
des Jesuskindes unterbrochen. Anna hat Maria und dem Kinde mancherlei
mitgebracht, Decken und Binden. Maria hat schon vieles von ihr
empfangen; aber es bleibt doch alles ärmlich in der Krippenhöhle, weil
sie alles, was irgend entbehrlich ist, gleich wieder wegschenkt.
(aus: "Das arme Leben unseres Herrn Jesu Christi" nach
den Gesichten der gottseligen Anna Katharina Emmerich, Augustinerin des
Klosters Agnetenberg zu Dülmen, Aschaffenburg (Pattloch) 1971, S. 20
ff.)
***
Aus den Ansprachen von Simeon, dem Theologen
berichtet von
Nicephorus, dem Einsiedler aus dem 13. Jahrhundert
Von dem Tage an, an dem der Ungehorsam den Menschen vom Paradiese und
dem Verkehr mit Gott ausgeschlossen hat, erhielt der Teufel die Macht,
die Seele des Menschen am Tage und in der Nacht manchmal weniger,
manchmal stärker, zuweilen bis zum äußersten geistig zu beunruhigen.
Das einzige Mittel, sich hier zu schützen, ist die ständige Gegenwart
Gottes. Der Gedanke an Gott, der durch die Kraft des Kreuzes unserem
Gemüte eingeprägt ist, macht den Geist unerschütterlich. Das Ziel des
geistlichen Kampfes besteht darin, daß der Christ sich auf dem
Kampffeld des christlichen Glaubens geradezu austoben muß, weil er ja
dafür ausgerüstet wurde. Wird der Kampf nicht im Glauben geführt, dann
ist er umsonst. Dieser Kampf ist der einzige Sinn der verschiedenen
Tugendübungen, die man um Gottes willen auf sich nimmt. Es handelt sich
darum, Gottes Güte zu rühren, die ursprüngliche Würde wieder zu
erlangen, Christus in uns einzuprägen nach den Worten des Apostels:
»Meine Kinder, noch einmal leide ich Geburtswehen um euch, bis Christus
in euch Gestalt gewinnt« (Gal. 4,I9).
(aus "Kleine Philokalie - Belehrungen der Mönchsväter der Ostkirche über das Gebet" Einsiedeln 1956, S. 126-127) |