DER HEILIGE FRANZ XAVER
von
Eugen Golla
Das 16. Jahrhundert ist trotz oder vielleicht gerade wegen des großen
Abfalls von Gott besonders reich mit berühmten Heiligen beschenkt
worden. Zu ihnen gehört neben Pius V., Karl Borromäus, Theresa von
Avila und Ignatius von Loyola auch Franz Xaver, ein aus der
nordspanischen Provinz Navarra stammender Edelmann, dessen Vater
Vorsitzender des königlichen Rates war. 1506 auf dem Schloß Xavier
geboren, begann er mit 18 Jahren das Studium der Philosophie an der
Pariser Universität. Temperamentvoll, reich an außerordentlichen
Geistesgaben, von heiterem, gewinnendem Wesen, aber auch voll
ehrgeiziger, weitreichender Pläne wurde er, der im Kolleg der
Karthäuser wohnte, mit Ignatius bekannt, der dort seine ersten
Gefährten gefunden hatte, die ihn nie mehr verlassen sollten. Dieser
erkannte, daß Franz ein guter Mitarbeiter beim Aufbau der geplanten
Gesellschaft Jesu sein könnte, obwohl er das Gelübde der freiwilligen
Armut vorerst lächerlich fand und über den alten Soldaten Ignatius, der
sich durchgerungen hatte, Student zu werden, spöttelte.
Dennoch konnte Ignatius den jungen Navarresen dazu bewegen, die von ihm
konzipierte Form der Exerzitien mitzumachen, und er ruhte nicht eher,
bis er Franz auf den Weg der christlichen Voll-kommenheit gebracht
hatte. Dabei soll ihn besonders das Schriftwort tief beeindruckt haben
"Was nutzt es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen, wenn er an
seiner Seele Schaden leidet?" (Matth. 16, 26) 1534 zählte Franz Xaver
zu den ersten sechs Genossen, die auf dem Montmartre ihre Gelübde
ablegten und sich auf das Priesteramt vorbereiteten. 1536 wanderte er
mit den anderen Gefährten zu Fuß nach Venedig. Seine Ausrüstung bestand
in einem Lederranzen, in dem sich Bibel und Brevier befanden, um den
Hals trug er einen Rosenkranz. In Venedig leistete er im Spital der
Unheilbaren einfache Dienste und widmete sich bis tief in die Nacht dem
Gebet. In der Lagunenstadt empfing er schließlich zusammen mit Ignatius
und den anderen Gefährten die Priesterweihe. Zwei Jahre später befand
sich Ignatius mit seinen Gefährten in Rom, wo 1540 die Gründung der
neuen Gesellschaft die päpstliche Bestätigung erhalten hatte. Das
charitative Wirken sowie die Predigten der ersten Mitglieder der
Gesellschaft Jesu hatten zur Folge, daß bereits einige Monate vorher
Franz Xaver von Papst Paul III. den Auftrag erhalten hatte, in den
indischen Kolonien Portugals unter den Heiden und Scheinchristen zu
missionieren - letztere bestanden zum größten Teil aus moralisch
defizienten Kolonialherren und Beamten.
Franz Xaver reiste von Rom über die Alpen und Pyrenäen nach Lissabon.
Nach drei Monaten kam er dort an und wohnte nicht in dem ihm
angebotenen Haus, sondern im Spital. Die Abreise nach dem 20 000
entfernt gelegenen Goa, dem Verwaltungssitz von portugiesisch Indien,
erfolgte am 7. April 1541. Die Fahrt dorthin war überaus beschwerlich
und dauerte 13 Monate. Obwohl ihm der Rang eines päpstlichen Nuntius
verliehen worden und er mit päpstlichen Breven an die jeweiligen
Herrscher der Besucherländer versehen war, lehnte er die ihm
angebotenen Diener für die Überfahrt ab. Vielmehr bereitete er sich
seine Mahlzeiten auf dem Schiff selbst und wusch auch seine Kleidung
auf dem Verdeck. Als man ihn darauf aufmerksam machte, daß dies
unziemlich sei, antwortete er: "Es ist kein Ärgernis zu befürchten,
wenn ich nichts Schlechtes tue."
Nach seiner Ankunft in Goa am 6. Mai 1542 warf er sich dem
residierenden Bischof von Goa, einem Franziskaner, zu Füßen, wies seine
Vollmachten vor und erklärte, daß er den erhaltenen Weisungen folgen
werde. Er wohnte fortan im Spital und begann umgehend mit der
dornenvollen Au-gabe, für diese alte christliche Kolonie, die dem
Verfall nahe war, ein Seelsorger für alle zu sein: für die Aussätzigen,
die Bettler und die Gefängnisinsassen, für die maroden Christen der
Verwaltung.
Schon im folgenden Jahr sandte ihn der portugiesische Vizekönig an die
im Süden Indiens gelegene Fischer- oder Perlenküste, dessen Einwohner
vor einiger Zeit zum größten Teil zwar getauft worden waren, die aber
in größter Armut dahinvegetierten. Franz Xaver durchzog, begleitet von
drei Eingeborenen, später auch von zwei Mitgliedern der Gesellschaft
Jesu unterstützt, dieses unfruchtbare Gebiet, welches von den
Portugiesen normalerweise gemieden wurde, um die Wurzeln für eine
katholische Seelsorge einzupflanzen. Vorsorglich ließ er schriftlich
die wichtigsten Gebete zurück, die die Eingeborenen auswendig zu lernen
hatten.
Anschließend missionierte er in Travancor, wo das Brahmanentum
vorherrschte, das nahezu unbekehrbar war. Aber nichtsdestoweniger
erntete Franz auch hier große Erfolge, denn zuweilen konnte er an einem
Tage ein ganzes Dorf bekehren. Insgesamt spendete Franz Xaver entlang
der Küste ca. 10 000 Taufen und ließ 45 Kirchen errichten. Wenn diese
nicht ausreichten zur Feier der hl. Messe und zu Predigten - oft
begleiteten ihn nämlich tausende von Menschen -, diente ihm ein Baum
als Kanzel. Bald nach Beginn seiner Missionsreisen sandte er Berichte
nach Rom über seine Tätigkeit - über Erfolge und Mißerfolge -, die
nicht nur mit Begeisterung gelesen wurden, sondern wegen ihrer
Lebendigkeit seit 1545 auch in gedruckter Form erschienen.
Aber Franz Xavers Verlangen, den christlichen Glauben im südöstlichen
Asien auszubreiten, kannte keine Grenzen. In den folgenden Jahren
durchzog er - nunmehr auch unterstützt von Genossen der Gesellschaft
Jesu, die ihm von Europa nachgesandt worden waren - weite Teile des
südlichen Asiens, vor allem Ceylon (Sri Lanka), die Halbinsel Malakka
und die im östlichen Indonesien gelegenen Molukken, wo er eineinhalb
Jahre weilte. Franz sah es als seine Pflicht an, die neu getauften
Christen gegen die Brutalität, Ausbeutung und Habgier der
portugiesischen Beamten und eingesickerten Abenteurer zu schützen. Da
Portugal vom Papste das Patronatsrecht über sämtliche Bistümer und
Benefizien in den eroberten überseeischen Ländern besaß, forderte er
König Johann III. auf, um die Abschaffung dieser Mißstände besorgt zu
sein und die Interessen der Christen zu fördern.
Schon 1548 schrieb Franz Xaver an Ignatius, daß im fernen Osten eine
große Insel namens Japan von portugiesischen Seeleuten entdeckt worden
sei. Sein brennendes Verlangen, das Christentum in aller Welt zu
verkündigen, ließ ihn daher trotz vielfältiger Warnungen nicht eher
ruhen, bis er in Begleitung eines jungen Japaners, den er in Malakka
kennengelernt und getauft hatte, dorthin aufbrach. Seine Landung in
Kogoshima am 15. August 1549 bedeutet in der Geschichte der Missionen
einen denkwürdigen Tag. Ohne sich Illusionen zu machen, schrieb er
schon einige Monate später an seine Mitbrüder, sie müßten sich, wenn
sie nachkommen wollten, bereit sein, schwerere Mühsale auf sich zu
nehmen als bisher. Tatsächlich war in Japan alles anders als unter den
Völkern, in denen Franz Xaver bisher missioniert hatte. Nicht nur, daß
die Sprache schwierig zu erlernen war, es herrschten völlig andere
Umgangsformen, eine strenge, eigenartige Etikette, und statt der
Achtung, die im portugiesischen Herrschaftsgebiet einem Priester
entgegengebracht wurde, verspotteten die Japaner trotz aller äußerer
Höflichkeit alle Fremden, besonders wenn sie als Missionare kamen.
Er durchzog unter ungeheueren Strapazen Teile Japans, aber der
Missionierungserfolg war sehr gering. Nach einem Jahr zählte man in
Kagoshima etwa einhundert Gläubige. Die Verhältnisse besserten sich
etwas, als er bei einem mächtigen Territorialfürsten, weil nunmehr
besser gekleidet und mit Geschenken versehen, die Erlaubnis der freien
Predigt erhalten hatte, so daß er binnen einem halben Jahr 500 - 600
Getaufte zählen konnte. Unvorstellbar mühselig war auch die Art seiner
Mis-sionierung; er schrieb mit lateinischen Buchstaben eine japanische
Predigt, die er so gut wie möglich vorlas und durch einen Helfer
erklären ließ; auch veranlaßte er die Übersetzung einer kurzen
katholischen Lehre ins Japanische.
Obwohl sich ein anderer Territorialfürst noch wohlwollender erwies,
mußte Franz gegen Ende des Jahres 1551 seine Rückreise nach Indien
antreten, da dort seine Anwesenheit erforderlich wurde. Inzwischen war
er zum Provinzial ernannt worden. Indessen hatte er aber erkannt, daß
Japans Bekehrung ohne vorherige Christianisierung Chinas, dessen
Weisheit und Wissenschaft im gesamten ostasiatischen Raum großes
Ansehen, ja Bewunderung genossen, unmöglich sei. Während seines
Aufenthaltes lernte er auch buddhistische Bonzen kennen; er hielt aber
den Buddhismus für wertlos, welche Meinung auch von den späteren
Chinamissionaren übernommen wurde. (Es war eben noch ein weiter Weg bis
"Assisi 1986"!)
Das Betreten Chinas war Fremden unter schweren Strafen untersagt. Dies
konnte aber Franz Xaver, dessen häufigstes Gebet war: "Gib mir Seelen,
o Gott", nicht von seinem Ziel, der Bekehrung des chinesischen Kaisers
(auf welche die Bekehrung der angesehenen Klasse der Gelehrten folgen
würde) abschrecken. Am 14. April 1552 fuhr er von Goa nach Malakka ab,
wo ihm der dortige portugiesische Statthalter Alvaro, ein Sohn Wasco da
Gama's, des Entdeckers des Seeweges nach Indien über das Kap der Guten
Hoffnung, die Weiterfahrt nach China verweigerte. Da machte Franz zum
ersten Male von seiner Vollmacht als Gesandter des Papstes Gebrauch und
exkommunizierte Alvaro. Schließlich wurde ihm die Weiterfahrt gestattet
- aber unter militärischer Bewachung und unter Begleitung eines
Ordensbruders.
Sein erstes Ziel war die bei Kanton gelegene Insel Sancian, ein ödes
felsiges Eiland, dessen einzige Behausungen Strohhütten waren, die
portugiesische Schleichhändler vorübergehend bewohnten. Von seinem
Begleiter verlassen, versuchte er längere Zeit vergebens jemand zu
finden, der ihn auf das Festland bringen sollte. In dieser Wartezeit
errichtete er eine Kapelle, in der er an Sonntagen für Portugiesen
Gottesdienst abhielt. Als sich schließlich ein Chinese gegen hohen Lohn
bereitfand, ihn nach Kanton zu bringen, war es bereits zu spät, denn am
22. November befiel ihn, der bereits die ganze Zeit über unter Kälte,
Hunger und Sehnsucht nach missionarischer Wirksamkeit litt, ein
heftiges Fieber, dem er am 3. Dezember 1552 im Alter von 46 Jahren
erlag. Dem Bilde Christi zugewandt, waren seine letzten Worte: "Herr,
auf Dich setzte ich meine Hoffnung, ich werde niemals zu Schanden
werden."
Sein Leichnam, der nach Goa überführt werden sollte, wurde in eine Art
Sarg gelegt und mit ungelöschtem Kalk überschüttet, um die Verwesung zu
beschleunigen; bei Öffnung kurz vor der Abfahrt des Schiffes - etwa
zwei Monat später - stellte man aber keine Verwesung fest. Seine
dauernde Ruhestätte fand der Heilige in der St. Pauls Kirche in Goa, wo
der Reliquienschrein noch heute ein Gegenstand hoher Verehrung ist.
1744 konnte erneut die Unversehrtheit des Leichnams festgestellt
werden. Den rechten Arm ließ der Jesuitengeneral Aquaviva 1615
lostrennen, um ihn der Kirche Il Gesu in Rom als kostbare Reliquie zu
schenken. Die Heiligsprechung nahm gleichzeitig mit derjenigen von
Ignatius Papst Gregor XV. am 12. März 1622 vor.
Mit Franz Xaver starb wohl der nach dem hl. Paulus größte Glaubensbote
unserer Kirche. Auch die Protestanten müssen seine Bedeutung und Größe
anerkennen, wenn sie diese auch mit dem Vorwurf, er sei zu "römisch"
gewesen, herabzusetzen versuchten. Die manchmal zu hörende Kritik, er
habe sich übernommen, habe oberflächlich gearbeitet, ist grundlos. Kaum
elf Jahre würden auch bei den modernen Verkehrsmitteln und sämtlichen
Erleichterungen der modernen Technik nicht ausreichen, um mit nur
wenigen Gehilfen Indien, Indonesien, Malakka und Japan mit einem so
dichtmaschigen Netz von Missionsstationen zu versehen.
Er bleibt somit der Pionier der Missionierung in der Neuzeit. Er war
es, der das systematische Sprachenstudium, das Kennenlernen und
Beobachten der Sitten und Gebräuche fremder Völker sowie den Einsatz
von einheimischen Priestern einführte, alles Strategien, ohne die
allein schon wenige Jahrzehnte nach seinem Tode nicht 400.000 Japaner
hätten bekehrt werden können. In seinem Sinne wirkten einige Jahrzehnte
nach seinem Tode besonders die Jesuiten AlessandroValignani und Mateo
Ricci in China. Letzterem war es vergönnt, aufgrund der erworbenen
Kenntnisse auf dem Gebiete der Mathematik und Astronomie sowie der
Beherrschung der chinesischen Sprache vom Kaiser die Erlaubnis zu
erhalten, in Peking zu wirken und so die Grundlagen für die spätere
Entwicklung der Chinamission zu legen.
Abschließend ein paar Worte über die dem Heiligen vielfach
zugeschriebenen Wunder. In erster Linie handelt es sich hierbei um die
Gabe der Sprachen, so daß er sich ohne Kenntnis derselben habe
verständigen können. Dem steht gegenüber, daß er in seinen Briefen
wiederholt über Schwierigkeiten der Verständigung klagt und sich oft
mit Brocken aus verschiedenen Sprachen behelfen mußte. Bekannt ist auch
die Erzählung von seinem in das Meer gefallenen Kruzifix, das bei der
Landung von einer Krabbe gebracht wurde, worüber schon Voltaire
spöttelte. Auf jeden Fall ist aber das geschichtlich beglaubigte Leben
und Wirken Xavers so großartig gewesen, daß ihn durch ein Bezweifeln
der ihm zugeschriebenen Wunder kein Abbruch zugefügt werden kann. Sein
Fest feiert die Kirche am 3.
Dezember.
***
Benützte Literatur:
"Geschichte des Christentums", Bd.8, Herder 1992.
"Geschichte der Kirche", Bd.3, Benzinger
1965.
Jedin, Hubert: "Handbuch der Kirchengeschichte", Bd.4, Herder 1963
Lortz, Josef: "Geschichte der Kirche", Bd.2, Münster 1964
Pastor, Ludwig v.: "Geschichte der Päpste", Bd.5 u. 6, Freiburg 1909/1923.
Artikel "Franz Xaver" in: Koch, Ludwig: "Jesuiten-Lexikon", Bd.1, Paderborn 1934.
Stadler, Joh. Ev.: "Vollständiges Heiligenlexikon in alphabetischer Ordnung", Bd.2, Augsburg 1861.
Wetzer und Welte: "Kirchenlexikon", 4. Bd., Freiburg 1886. |