PREDIGT AUF DIE VIERZIGTÄGIGE FASTENZEIT
vom
hl. Leo dem Großen, Papst von 440-461
Geliebteste!
1. Unsere Pflicht ist es, immer ein weises und heiliges Leben zu führen
und all unser Wollen und Handeln auf das zu richten, woran, wie wir
wissen, die Gerechtigkeit Gottes ihr Wohlgefallen hat. Beim Nahen jener
Tage aber, die uns die Geheimnisse unserer Erlösung anschaulicher vor
Augen führen, müssen wir mit noch mehr Gewissenhaftigkeit und
Ängstlichkeit auf die Reinigung unserer Herzen bedacht sein und mit
noch größerer Lust alle tugendhaften Werke üben. Wie unsere
geheimnisvolle Heilsgeschichte selbst in gewissen Teilen wunderbarer
(als in anderen) ist, so soll auch (zu solchen Zeiten) unser
Pflichteifer etwas über sein gewohntes Maß hinausgehen! Ein je
herrlicheres Fest einer mitzumachen hat, in desto schönerem Schmucke
muß er daran teilnehmen. Offenbar ist es ganz in der Ordnung und
sozusagen der Pflicht gegen Gott entsprechend, wenn man sich an einem
Feiertage in hübscherer Kleidung zeigt und schon durch sein äußeres
Auftreten die Heiterkeit seiner Seele kundgibt, wenn wir an solchen
Tagen auch das Haus selbst, in dem wir zum Herrn beten, mit mehr
Hingebung und Sorgfalt und mit reicherem Prunke zieren, soweit dies in
unseren Kräften liegt. Ist es da nicht billig, daß sich die Seele des
Christen, die ein wahrer und lebendiger "Tempel Gottes" (2 Kor. 6,16;
vgl. l Kor. 6, l9). ist, verständigerweise ein schöneres Aussehen
gibt und als Vorbereitung für das Fest ihrer wunderbaren Erlösung alle
Vorkehrungen trifft, damit nicht irgendein Makel der Ungerechtigkeit
ihrem Glanze schade oder irgendwelche Falte (vgl. Eph. 5,27) eines
unaufrichtigen Herzens ihre Schönheit entstelle? Denn wozu nützt es,
sich durch äußeren Putz den Schein der Ehrbarkeit zu geben, wenn der
innere Mensch vom Schmutz gewisser Laster starrt? Alles, was des
Herzens Reinheit und der Seele Spiegel trübt, muß man also unablässig
entfernen und sozusagen durch Ausfeilung (der rostigen Stellen) wieder
blinkender machen.
Jeder durchforsche sein Gewissen und lade sich vor seinen eigenen
Richterstuhl! Er sehe darauf, ob er in den verborgensten Winkeln seines
Herzens jenen Frieden findet, wie ihn Christus gibt (vgl. Joh. 14,27),
und ob nicht irgendwelche Begehrlichkeit des Fleisches mit den
Bestrebungen des Geistes im Widerstreite liegt! Er sehe darauf, ob er
nicht niedrige Verhältnisse verachtet und glänzende anstrebt; ob er
nicht ungerechten Gewinn liebt und sein Vergnügen darein setzt, seinen
Besitz ins Ungemessene zu mehren; ob ihn nicht der Wohlstand des
Nächsten mit verzehrendem Neide erfüllt oder ihm das Unglück seines
Feindes Anlaß zur Freude gibt! Und sollte er etwa von solchen
Leidenschaften nicht das Geringste in sich entdecken, dann gehe er
ernstlich mit sich darüber zu Rate, welchen Lieblingsgedanken er
gewöhnlich nachhängt, ob er nicht an Truggebilden der Eitelkeit sein
Wohlgefallen findet, oder endlich, wie rasch er sein Herz von dem
abwendet, was ihm zu seinem Schaden schmeichelt; denn von keinerlei
Reizen beeinflußt, von keinerlei Begierden aufgestachelt zu werden, ist
nicht jenem Leben beschieden, das eine fortwährende Versuchung ist!
(Vgl. Job. 7,1) Und wer ihr nicht zu unterliegen fürchtet, unterliegt
ihr sicherlich. Verrät es doch Dünkelhaftigkeit, wenn sich einer damit
brüstet, wie leicht es ihm fällt, die Sünde zu meiden, da ja eine solch
anmaßende Äußerung an sich schon sündhaft ist, nach den Worten des
seligen Apostels Johannes: "Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so
führen wir uns selbst in Irrtum und die Wahrheit ist nicht in uns" (1
Joh. 1, 8; vgl. 3 Kön. 8, 46; Sprichw. 20, 9; Pred. 7, 21).
2. Niemand täusche sich also darüber, Geliebteste, und niemand
hintergehe sich selbst! Auch setze keiner ein solches Vertrauen auf die
Reinheit seines Herzens, daß er sich gegen alle Gefahren der Verführung
gefeit glaubt, da der stets auf der Lauer liegende Versucher seine
Anschläge mit größerer Erbitterung gegen jene richtet, die er sich
zumeist der Sünde enthalten sieht! Denn wen sollte der mit seiner
Tücke verschonen, der sich sogar unterfing, an den Herrn der Majestät
selber mit seinen listigen Ränken heranzutreten? (Matth. 4,1 ff.) Der
Teufel hatte gesehen, wie sein Stolz durch die von dem Herrn Jesus voll
Demut empfangene Taufe zuschanden gemacht wurde (Matth. 3,13 ff. Mark.
1, 9 ff.; Luk. 3, 21 f. Joh. 1, 32 ff.). Er wußte, daß durch das
vierzigtägige Fasten alle Begehrlichkeit des Fleisches ausgeschlossen
war. Dennoch verzweifelte der böse Geist nicht an den Mitteln und Wegen
seiner Arglist. So viel versprach er sich von der Unbeständigkeit
unseres Wesens, daß er im voraus mit der Möglichkeit des Falles
desjenigen rechnete, dessen wahre menschliche Natur er aus Erfahrung
kannte. Wenn also der Satan nicht einmal unseren Herrn und Erlöser mit
seinen trügerischen Nachstellungen unbehelligt ließ, mit welch größerer
Zuversicht wird er da den Kampf gegen unsere Hinfälligkeit führen! Denn
seitdem wir ihm in der Taufe entsagt haben und durch unsere
Wiedergeburt in Gott aus einem Wesen, das seiner Herrschaft verfallen
war, zu einem "neuen" Geschöpfe geworden sind, seit dieser Zeit
verfolgt er uns mit glühenderem Hasse und mit grimmigerer Eifersucht.
Solange wir an unsere sterbliche Hülle gebunden sind, hört der alte
Erbfeind nicht auf, uns allenthalben Fallstricke zu legen und besonders
dann gegen die "Glieder Christi" (1 Kor. 6, 15.) zu wüten, wenn von
diesen heiligere Geheimnisse gefeiert werden sollen. Mit Recht leitet
darum die Unterweisung des Heiligen Geistes das christliche Volk dazu
an, sich auf das Osterfest durch ein vierzigtägiges Fasten
vorzubereiten. Der dieser Reinigung zugrunde liegende Zweck ladet uns
an und für sich schon zur Wahrnehmung dieser gnadenreichen Zeit ein und
macht uns eine eifrige Teilnahme an der uns auferlegten Kasteiung zur
Pflicht. In je größerer Heiligkeit nämlich einer erwiesenermaßen diese
Tage hinbrachte, in desto gottgefälligerer Weise hat er dadurch - so
wird das Urteil lauten - dem Pascha des Herrn seine Verehrung erwiesen.
3. Laßt uns also in diesen Tagen der heiligen Fastenzeit die Werke der
Nächstenliebe, die uns immer am Herzen liegen sollen, in noch
ausgiebigerem Maße üben! "Seien wir barmherzig gegen alle, besonders
aber gegen die Glaubensgenossen," (Gal. 6, 10) um uns auch in der
Spendung der Almosen die Güte unseres himmlischen Vaters zum Vorbild zu
nehmen, "der seine Sonne aufgehen läßt über Gute und Böse und regnen
läßt über Gerechte und Ungerechte" (Matth. 5, 45.). Obgleich man also
namentlich den Gläubigen in ihrer Armut zu Hilfe kommen soll (vgl. Srm.
89, 5.), so ist es doch auch Pflicht, der Bedrängnis derer seine
Teilnahme zuzuwenden, die noch nicht das Evangelium angenommen
haben; denn bei allen Menschen muß uns die gemeinschaftliche Natur mit
Liebe erfüllen. Diese Gemeinschaft soll uns auch gegen jene gütig
stimmen, die in irgendeinem Dienstverhältnisse zu uns stehen, vor allem
dann, wenn sie bereits durch dieselbe Gnade wiedergeboren und um den
gleichen Preis des Blutes Christi erlöst sind! Haben wir ja mit ihnen
auch noch das gemein, daß wir alle nach Gottes Ebenbild geschaffen
sind. Sie unterscheiden sich von uns weder durch ihre leibliche
Abstammung noch durch ihre geistige Wiedergeburt. Der Geist, durch den
wir geheiligt werden, ist ein und derselbe. Wir leben in dem gleichen
Glauben und eilen zu denselben Sakramenten. Laßt uns diese Einheit
nicht geringschätzen und eine so weitgehende Gemeinschaft nicht für
wertlos halten! Nein, gerade der Gedanke, daß die unsere Knechte sind,
mit denen wir uns in den Dienst ein und desselben Gebieters teilen, übe
auf unser ganzes Verhalten (ihnen gegenüber) einen mildernden Einfluß
aus! Wenn also der eine oder der andere von ihnen seinen Herrn schwerer
beleidigt hat, so möge ihm in diesen Tagen der VersöhnungVerzeihung
zuteil werden! Erbarmung trete an die Stelle der Strenge, und
Nachsicht ersticke alle Rachsucht! Keiner bleibe mehr in Gewahrsam,
keiner befinde sich mehr hinter Schloß und Riegel! Denn nur wer
anderen ihre Sünden ver-zieh, sollte auf eine Nachlassung seiner
eigenen rechnen dürfen. An diese Bedingung knüpfte unser Gott seine
Barmherzigkeit (vgl. Matth. 6,14f.; 18,35; Mark. 11,25; Ekkli.
28,3ff.).
Laßt uns darum, Geliebteste, beseitigen, was die Zwietracht schürt und
zu Feindschaft aufstachelt. Aufhören soll aller Haß und schwinden jede
Eifersucht! Alle "Glieder Christi" (1 Kor. 6,15) umschlinge das
eine Band der Liebe; denn "selig sind die Friedfertigen, weil sie
Kinder Gottes genannt werden," (vgl. Matth. 5,9) nicht allein
"Kinder", sondern auch "Erben", "Miterben Christi" (Röm. 8,17), der
lebt und waltet in Ewigkeit. Amen.
(Leo der Große, Sermo XLI - 3. Fastenpredigt - in: "Bibliothek der Kirchenväter" Bd.55, München 1927, S. 13 ff.)
***
Gelegenheit zum Meßbesuch in München:
Auf Grund verschiedener Vorfälle kann H.H. Kaplan Rissling seit
November 97 nicht mehr wie gewohnt die hl. Messe in München in der
Kapelle Schellingstr. 136 feiern. Die Sonntagsgottesdienste finden
seither in München im Hotel "Maria", Schwanthalerstr. 114, statt
(Konferenzraum: Thomas) - Zeit: 8 Uhr 30, vorher ist Beichtgelegenheit.
Die Gottesdienstordnung für Ostern lag bei Redaktionsschluß noch nicht
vor. Gläuige, die von auswärts zur Messe an den Osterfeiertagen kommen
wollen, können die Meßzeiten telefonisch bei uns erfahren: 08171-28816.
E. Heller
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