ÜBER DIE URSPRÜNGE
DES CHRISTLICHEN ABENDLANDES
von
Eugen Golla
Nachdem der germanische Heerführer Odoaker im Jahre 476 über die Alpen
gezogen war und den letzten römischen Kaiser, Romulus Augustulus,
entthront hatte, ließ er am byzantinischen Hof melden, daß es im Westen
keinen Kaiser mehr gäbe. Aber sehr viel bedeutete das zu diesem
Zeitpunkt nicht mehr, denn schon seit etwa 400 beherrschten germanische
Stämme das Imperium Romanum, dessen Grenzen längst nicht mehr diesen
kriegerischen Völkern standhielten.
In diesen Zeiten eines ungeheuren politischen Umbruches schien auch der
katholische Glaube im höchsten Grade gefährdet, denn es stellte sich
die Frage, ob die Kirche, die seit Konstantin dem Großen Reichskirche
geworden war, den Untergang des antiken Reiches werde überleben können,
zumal die Kirche eine gewisse Protektion durch den Staat genoß. An
dieser unsicheren Situation änderte sich auch nichts, als der Ostgote
Theoderich im Jahre 500 seinen Einzug in die Ewige Stadt im Stil der
römischen Imperatoren hielt, sich mit hochgebildeten Römern umgab und
die berühmtesten, dem Verfall preisgegebenen Bauwerke der Antike
wiederherstellen ließ; denn er war ein Bewunderer der
römisch-griechischen Kultur. Es entstand ein unüberbrückbarer Gegensatz
zwischen den katholischen Römern und dem neuen Herrenvolk der Ostgoten,
die die Häresien des Arius angenommen hatten. Folglich schien in diesem
Gegeneinander alter und neuer Kräfte auch das Papsttum in eine seine
Existenz bedrohende Lage zu geraten, zumal es sich immer wieder auch
der Anmaßungen der byzantinischen Kaiser und der Patriarchen von
Konstantinopel erwehren mußte.
Doch sollte das Weiterbestehen der Kirche nicht an das Bestehen des
Imperium Romanum gekoppelt bleiben. Unabhängig von der offiziellen
Hierarchie entwickelte sich das Mönchtum als eine Institution, deren
Fundamente in der radikalen Nachfolge Christi lagen, wie sie in den
Evangelischen Räten zum Ausdruck kommt. Dem 3. Jahrhundert entstammten
die ersten Mönche, die Wüstenväter, die ohne Bindung an eine
Gemeinschaft in der Einsamkeit gemäß dem Ideal der vollkommenen
Christusliebe lebten. Aus der Idee eines solchen Einsiedlerlebens
entwickelte in Ägypten Pachomios durch Zusammenschluß mehrerer solcher
Wüstenväter asketische Mönchs-Gemeinschaften mit Unterwerfung unter
einen Oberen. Damit war die Voraussetzung geschaffen, aus der die Regel
für die Basilianermönche des Ostens geschaffen wurde. Bereits im 4.
Jahrhundert entstand nahe der Zelle des hl. Martinus in Gallien das
erste abendländische Kloster.
Es bedurfte jedoch der mit einem besonderen Charisma ausgestatteten
Persönlichkeit Benedikts von Nursia, diese aus dem Altertum stammende
Institution so zu gestalten, daß sie imstande sein sollte, in dieser
Zeitenwende, im Zusammenbruch der antiken Welt eine wichtige Funktion
auf dem Gebiete von Religion und Kultur zu übernehmen.
Es darf nicht verwundern, wenn über den Lebenslauf des hl. Benedikt
vieles ungeklärt geblieben ist, entstammte er doch der für das
Abendland dunkelsten Epoche, in der Dokumente für eine gesicherte
Geschichtsschreibung nur sehr spärlich vorhanden sind. Wir müssen daher
dankbar sein, daß uns Papst Gregor der Große, der noch zu Lebzeiten
Benedikts geboren wurde, in seinen "Dialogen" ein Bild von ihm
entwirft, das trotz seiner vielen legänderen Züge für den Historiker
und Hagiographen von großem Wert ist.
Benedikt entstammte der Provinz Nursia im Sabinerland, einer Gegend,
deren Bewohner als energisch, herb und charakterfest geschildert
werden. Etwa um 48o geboren, weilte er zum Studieren der
Rechtswissenschaften kurze Zeit in Rom. Angeekelt von dem dortigen
sittenlosen Leben begab er sich bald danach nach Enfide (in der Gegen
von Tibur), um mit Gleichgesinnten ein asketisches Leben zu führen, das
also im krassen Gegensatz zu dem Lebensstil stand, den er in Rom
kennengelernt hatte. Als sich durch ein Wunder zeigte, daß die
besondere Gnade Gottes auf ihm ruhte, floh er vor der neugierigen Menge
in eine unzugängliche Höhle in der Nähe von Subiaco. Gott hatte ihn
jedoch nicht bloß für ein Eremitendasein ausersehen: es kamen junge
Leute zu Benedikt, die von ihm verlangten, in der monastischen
Lebensweise ausgebildet zu werden. Hierbei wendete Benedikt das vom hl.
Pachomios eingeführte Modell einer Einteilung in zwölf "Familien" unter
der jeweiligen Leitung eines geistlichen Vaters an, wobei er die Rolle
eines gemeinsamen Oberen beanspruchte. Als aber einer der Mönche, der
ihm feindlich gesinnt war, die Mönchsgemeinschaft sittlich zu verderben
suchte, entschloß sich Benedikt, seine Gründung durch ein
durchorganisierteres Gemeinschaftsleben straffer zu führen. Dazu
errichtete er - wahrscheinlich im Jahre 529 - auf dem Monte Cassino ein
Kloster, welches das Mutterkloster des abendländischen Mönchtums werden
sollte. Den heidnischen Kult, den er dort vorfand, vertrieb er. Als er
starb - etwa um das Jahr 547 -, lebte auf dem Monte Cassino, in Subiaco
und Terracina, wo er zwei weitere Klostergemeinschaften gegründet
hatte, nach dieser Regel bereits eine größere Anzahl von Mönchen. (Es
blieb Benedikt erspart, die Zerstörung des Klosters auf dem Monte
Cassino durch die Langobarden im Jahre 577 mitzuerleben. Die Mönche
mußten nach Rom fliehen, wo sie in der Nähe der Lateran-Basilika ein
Kloster errichteten. Monte Cassino blieb danach für ein Jahrhundert
verwaist.)
Die nach Benedikt benannte Regel ist die erste umfangreichere
Abhandlung dieser Epoche: praxisbezogen, streng und biegsam zugleich,
römische Disziplin mit dem Geiste des Christentums vereinigend, wurde
sie für die nachfolgenden Jahrhunderte von ausschlaggebender Bedeutung.
Dadurch, daß sie klare Richtlinien für die Organisation sowie die
geistliche Leitung einer Klostergemeinschaft darbot, veränderte sie
auch das bisherige soziale System, da sich nun als neues Glied der
Gesellschaft das Mönchtum zwischen die Klassen der Herren und der
Knechte schob. Bei der Abfassung dieser Regel konnte Benedikt bereits
auf einen reichen Schatz der Tradition, den die großen Lehrer des
Mönchstums geschaffen hatten, zurückgreifen. Neben der Hl. Schrift
benützte er vor allem die Werke der hl. Augustinus, Pachomios und
Basilius.
Die Grundidee der Regel ist das Propagieren der Ausrichtung des Lebens
auf Christus, der Wille, IHM nachzufolgen. Dem Abt, der Christus
repräsentiert, muß gehorcht werden, und wie der Heiland Leiden auf sich
nahm, so soll auch der Mönch zur Passion bereit sein. Die
griechisch-römische Philosophie verglich bisweilen das Leben mit dem
Kriegsdienst, und für Benedikt war das Mönchtum ein geistlicher
Kriegsdienst. So läßt er beim Vortrag der Regel anläßlich der
Gelübdeablegung den Novizen sagen: "Ecce lex, sub qua militare vis!"
("Sieh das Gesetz, unter dem du Kriegsdienst leisten willst.' Deshalb
erscheint manches, was die Regel befiehlt, als Verkörperung einer
strengen Disziplin: während z.B. bisher ein Mönch nur das
Keuschheitsgelübde ablegte, mußte sich nunmehr ein Mönch nach Benedikts
Regel in einer Profeßurkunde verpflichten, verschiedene Gelübde
einzuhalten, unter denen als besonders wichtig das Versprechen der
"stabilitas loci", d.i. der Ortsansässigkeit, galt, da durch es eine
Gemeinschaft auf Dauer ermöglicht wurde und die Mitglieder der
Gemeinschaften vor den Gefahren der Verweltlichung geschützt werden
sollten, denen die herumvagabundierenden Mönche ausgesetzt waren.
Eine revolutionäre Neuerung war die starke Betonung der Arbeit, womit
anfangs in erster Linie gemeint war, daß die Mönche von den Erträgen
ihrer körperlichen Arbeit existieren sollten, sich also selbst
versorgen sollten. Wenn somit auch viele Opfer abverlangt wurden -
"dura et aspera, per quae itur ad Deum" ("das Harte und Schwierige,
mittels welchem man zu Gott gelangt", Cap, 58) beherrschte die "regula"
dennoch weises Maßhalten. So erwähnt sie weder verpflichtende noch
freiwillige heroische Bußwerke, sie kürzt das Chorgebet zugunsten der
Arbeit und erteilt für das Privatgebet folgende Vorschrift: "Kurz,
nicht viele Worte, aber herzlich aus innerster Seele." (Cap. 2o) Ebenso
sind die Verordnungen, welche die Mahlzeiten und die für den Schlaf
bestimmten Zeiten betreffen, großzügig.
Das sich auf und aus den Trümmern der antiken römischen Welt
entwickelnde geistliche Imperium der Kirche sah sich aufgefordert, zu
der Gelehrsamkeit, insbesondere zur damaligen Literatur, Stellung zu
beziehen. Vielfach wurden vom Klerus Philosophie und Theologie als
Gegensätze empfunden, obwohl schon der hl. Augustinus betont hatte, daß
die Theologie eine Wissenschaft sei, die der anderen Wissenschaften zum
Verständnis der Hl. Schrift bedürfe. Es war ein Glücksfall, daß die
wohl letzten bedeutenden intellektuellen Römer, die beide unter
Theoderich hohe Staatsämter innehatten, Cassiodorus und Boetius, eine
feste Verbindung zwischen der klassisch griechisch-römischen und der
frühchristlichen Kultur sowie der Welt der Mönche und der barbarischen
Völker herstellten. Das von Cassiodorus auf seinen süditalienischen
Besitzungen errichtete Kloster - wahrscheinlich nach der Regel des hl.
Benedikt -, das er "Vivarium" nannte, machte sich neben der
wissenschaftlichen Exegese daran, durch das Sammeln alter Handschriften
und deren Vervielfältigung durch Abschreiben die antike Literatur zu
archivieren. Man kann mit Recht sagen, daß Cassiodorus die erste
Klosterschule der ausgehenden Antike errichtete. Dadurch, daß Boethius
das Abendland mit den großen griechischen Philosophen bekannt machte,
galt er im Mittelalter neben Augustinus als einer der bedeutendsten
Autoren, in dem man einen Vorläufer der hochmittelalterlichen
Scholastik sah.
Grundlegenden Einfluß übte auch das Papsttum aus, welches am Ende der
Epoche des weströmischen Reiches mit dem hl. Leo I., dem Großen, einen
ersten Höhepunkt erreicht hatte, und zwar als geistliches Machtzentrum.
Aber die Idee des Papsttums als Zentrum geistlicher Souveränität und
Hoheit fand auch während der großen Zeitenwende würdige Vertreter. So
bemühte sich besonders Gelasius I. (492-496) um die Reinigung der
Kirche von Irrlehren und heidnischen Gebräuchen. Papst Gelasius ist
auch der erste, der die Lehre über das Verhältnis von "sacerdotium" und
"imperium", von geistlicher und weltlicher Macht, klar formulierte. In
der Auffassung, daß ersterer ein gewisser Vorrang einzuräumen ist, und
dem Staat die Pflicht obliegt, Kirche und Glauben nach außen zu
schützen, kündigte sich bereits die Idee des Mittelalters an, wonach
der Kaiser der "protector Ecclesiae", der Schutzherr der Kirche, sein
solle. Problematisch blieb jedoch weiterhin das Verhältnis zu Ost-Rom,
zu Byzanz. Aber immer kämpften die Päpste für die endgültige Annahme
der Beschlüsse der Konzile von Nicäa bis Chalkedon, so daß schließlich
anerkannt werden mußte, daß Rom immer den Väterglauben unversehrt
bewahrt hatte.
Im Jahre 590 bestieg mit Gregor I., dem Großen, der wohl bedeutendste
Pontifex des ersten Jahrtausends den Stuhl Petri. Einer vornehmen
römischen Familie entstammend, hatte er bereits als junger Mann das Amt
eines Stadtpräfekten von Rom inne, sich aber dann entschieden, den
Palast seines Vaters auf dem Cölius in ein Kloster umzuwandeln, in dem
die Mönche nach der benediktinischen Regel lebten und in das er selbst
eintrat. Gregor empfand als echter Römer besonders schmerzhaft den
Niedergang und Verfall seines Volkes. Aber er verzweifelte nicht.
Vielmehr feuerte ihn seine Gottesliebe an, das Überleben, ja Aufkeimen
des katholischen Glaubens in der sich neu formierenden Welt durch
unermüdliche Arbeit zu fördern.
Wohl wenige verehrten den hl. Benedikt so wie dieser erste Mönch auf
dem Papstthron. Er setzte im zweiten Buch seiner "Dialoge" in der
vorerwähnten Lebensbeschreibung Benedikts dem Ordensstifter ein
herrliches Denkmal. Die darin aufgeführten Wundertaten lassen Benedikt
als einen großen Pneumatiker (Wundertäter) erscheinen, der hierdurch
auch der vollkommene Mönch ist. Für Gregor ist aber auch die
benediktinische Regel, welche auf den ersten Blick die nüchterne
Organisation des Klosterlebens zum Gegenstand hat, von großer Weisheit
durchdrungen. So schreibt er: "Der Mann Gottes leuchtete unter den
vielen Wundertaten, durch die er in der Welt glänzte, auch in
hervorragender Weise durch das Wort der Lehre. Er schrieb nämlich eine
Mönchsregel mit ausgezeichneter Unterscheidungsgabe und in klarem
Stil". (Unterscheidungsgabe ist nach Gregor die Fähigkeit zu erkennen,
ob das im Menschen wirkende Pneuma von Gott oder vom Bösen kommt.)
Was die praktische Tätigkeit Gregors anbelangte, ging sein Trachten
danach, das Mönchtum, welches durch Benedikt eine feste
Organisationsform erhalten hat und eine gesellschaftliche Institution
geworden war, ein stabiler Faktor in ihr, in den
unmittelbaren Dienst der Kirche zu übernehmen, indem er Mönche auf
Bischofsstühle benannte, ihnen die Predigt des Christentums bei den
Langobarden und - was besonders wichtig war! - die Missionierung bei
den Angelsachsen übertrug. Dadurch wurde einer der wichtigsten Beiträge
zur Entstehung des christlichen Abendlandes geleistet, weil die
dauerhafte Verbindung der Bekehrten mit der Kirche Roms und der
Verschmelzung aus römisch-christlichen und germanischen Elementen die
Keimzelle schuf, aus der die westeuropäische Hochkultur hervorgehen
sollte. Zur Zeit von Gregors Regierung trat zumindest die westgotische
Oberschicht in Spanien zum katholischen Glauben über, so daß mit
Ausnahme der Langobarden der Arianismus abgewürgt werden konnte.
Einen kostbaren Glaubensschatz verdanken wir ebenfalls diesen enormen
geistigen Anstrengungen: die Herausbildung der katholischen Liturgie,
insbesondere die Festsetzung des Kanons der hl. Messe. Von Leo d.Gr.
angefangen trugen viele der nachfolgenden Päpste bis zum Ende des 6.
Jahrhunderts zur Ausarbeitung und Vollendung der liturgischen Texte
bei, am meisten Gregor d.Gr. Danach folgte nur noch weniger bedeutsame
Modifikationen und Ergänzungen. Auch die Perikopenordnung, d.i. die
Anordnung der Lesungen der biblischen Abschnitte, geht im wesentlichen
auf die Anordnungen aus der damaligen Zeit zurück.
Durch diese Konzentration der Kräfte auf die Bewahrung des Glaubens im
Mönchstum (und durch es) entrann die katholische Kirche nicht nur dem
Sog, mit in den Untergang der antiken Welt hineingezogen zu werden,
sondern eröffnete selbst Perspektiven und Ideen, durch die nicht nur
das geistige Erbe der Antike gerettet und durch die die Kirche
innerlich gefestigt hervorging, sondern auch den Rahmen vorgab,
innerhalb dessen sich später auch die politische Welt wieder fangen und
orientieren konnte. Diese Schöpfung eines christlichen Europas, das die
romanischen, germanischen und slawischen Völker umfaßte, konnte nur
erfolgen, weil sich im Gegensatz zu unserer Zeit nicht Häresie und
Apostasie des päpstlichen Stuhles bemächtigt hatten, sondern die Kirche
den Richtlinien der überlieferten Lehre gefolgt war und ihre Prinzipien
weiter ausgeformt hatte. Dagegen entspricht dem vom Liberalismus und
New Age geprägten neuen Vereinigten Europa (als Teil einer "neuen
Weltordnung", an der eifrig gearbeitet wird) die aus dem Modernismus
entstandene neue 'katholische Kirche'. Sie verfälschte nicht nur den
wahren Glauben, die Sakramente, sondern führte den von dem Propheten
Daniel angekündigten "Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte" herbei.
Benutzte Literatur:
Angerer / Trumler: "Stifte und Klöster" Aschaffenburg 1987
Danitlou-Marrou: "Geschichte der Kirche" Bd. 1, Einsiedeln 1953
"Heilige Überlieferung, Ausschnitte aus der Geschichte des Mönchtums und des heiligen
Kultes" Münster 1938
Heussi, K.: "Kompendium der Kirchengeschichte" Tübingen 1976
Jedin, Hubert: "Handbuch der Kirchengeschichte" Bd. 2, Freiburg 1978
"Saeculum - Weltgeschichte" Bd. 3, Freiburg 1967
Lortz, J.: "Geschichte der Kirche" Bd. 1, Münster 1962
Schmitz, Philib.: "Geschichte des Benediktinerordens" Bd. 1, Einsiedeln 1947
|