PREDIGT ÜBER DIE AUFERSTEHUNG DES HERRN
vom
hl. Leo d.Gr., Papst von 440-461
Geliebteste!
1. Die Worte des Evangeliums haben uns das ganze
Ostergeheimnis vor Augen geführt, und so sehr ist unser Inneres von dem
Gehörten durchdrungen, daß sich jeder von uns ein Bild von den
Ereignissen machen kann. Der von Gott eingegebene Text der Heiligen
Schrift hat uns deutlich gezeigt, durch wessen Gottlosigkeit unser Herr
Jesus Christus (dem Tode) überantwortet und durch wessen Richterspruch
er verurteilt wurde. Er hat uns gezeigt, mit welcher Grausamkeit man
den Herrn ans Kreuz geschlagen hat, und in welcher Herrlichkeit er von
den Toten auferstanden ist. Aber auch wir müssen euch pflichtgemäß mit
einer Unterweisung dienen. Ich fühle es, daß ihr voll frommer Erwartung
die schuldige und übliche Predigt von mir fordert, und darum sollen
auch zu den erhabenen Abschnitten aus dem Evangelium die Mahnworte des
Priesters treten! Da die Gläubigen über nichts im dunkeln bleiben
dürfen, so muß sich der Same des göttlichen Wortes, der in der
Auslegung des Evangeliums besteht, in dem Erdreiche eueres Herzens
weiter entwickeln.
Ausjäten müßt ihr alle erstickenden Dornen und Disteln, damit sich die
Saatkörner einer frommen Denkungsweise und die Keime edler Entschlüsse
ungehindert zur Frucht entfalten können. Ist doch das Kreuz Christi,
das die Rettung der Sterblichen zum Ziele hat, ein Geheimnis und ein
Beispiel. Ein Geheimnis ist es, indem darin die ganze Macht Gottes zum
Ausdruck kommt, und ein Beispiel, indem die Menschen dadurch zur Liebe
angefeuert werden. Auch das ist ja für die vom Joche der Knechtschaft
Befreiten eine Frucht der Erlösung, daß sie sich diese zum Vorbild und
zur Richtschnur nehmen können. Schon die Weisheit dieser Welt tut sich
so viel auf ihre dem Irrtum unterworfenen Meister zugute, daß sie dem,
den sie sich als Führer erkoren hat, in all seinen Anschauungen, Sitten
und Lehren folgt. Auf welch andere Weise werden da wir mit Christus
verbunden sein können, als wenn wir unzertrennlich mit dem vereint
sind, der, wie er selbst gesagt hat, "der Weg, die Wahrheit und das
Leben ist?"( Joh. 14,6) Der "Weg" ist er durch seinen heiligen
Wandel, die "Wahrheit" durch seine gottliche Lehre und das "Leben"
durch seine (uns verheißene) ewige Glückseligkeit.
2. Da die Gesamtheit des Menschengeschlechts in den
Stammeltern zu Fall gekommen war, wollte der barmherzige Gott dem nach
seinem Ebenbild gemachten Geschöpfe durch seinen eingeborenen Sohn
Jesus Christus zu Hilfe kommen. Diese Erneuerung unserer Natur sollte
mit unserem Wesen in Zusammenhang stehen! Außerdem sollte uns diese
zweite Erschaffung mit noch größeren Vorzügen ausstatten, als sie uns
durch die eigentliche zuteil geworden waren! Glücklich wäre
gewesen, was Gott gebildet hatte, wäre es von ihm nicht abgefallen.
Aber noch glücklicher ist das, was Gott erneuert hat, wenn es in ihm
verbleibt. Etwas Großes war es, von Christus die Ebenbildlichkeit
em-pfangen zu haben, aber noch mehr ist es, mit Christus gleichen
Wesens zu sein. Hat doch der unsere Natur zu seiner eigenen gemacht,
(der das Maß seiner Gaben ganz nach Belieben verteilt und nie dem
Wandel der Veränderlichkeit unterworfen ist) der weder unser Wesen in
seinem, noch sein We-sen in unserem aufgehen lassen wollte. Der hat
unsere Natur zu seiner eigenen gemacht, der Gottheit und Menschheit so
in einer Person miteinander vereinte, daß Schwachheit und Kraft
verteilt waren, und weder das Fleisch durch die Gottheit unverletzlich
werden konnte noch die Gottheit durch das Fleisch leidensfähig.
Der hat unsere Natur zur seinen gemacht, der als Sprößling unseres
Geschlechtes zwar die Art des gemeinsamen Stammes treu bewahrte, aber
die Befleckung der auf alle Menschen übergehenden Erbsünde von sich
ausschloß. Schwachheit und Sterblichkeit, die nicht selbst Sünde,
sondern nur Strafen für die Sünde waren, hat der Erlöser der Welt auf
sich genommen, um den Tod erleiden zu körmen und sie in den Dienst der
Sühne zu steilen.
Was also bei allen anderen Menschen eine Vererbung des Fluches war, das
ist bei Christus eine geheimnisvolle Wirkung seiner Liebe: Frei von
Schuld bot er sich dem grausamsten aller Gläubiger dar (d.h. dem Satan,
der durch den Sündenfall unserer Stammeltern der Gläubiger aller
Menschen geworden war - vgl. Srm. 22,3) Er duldete es, daß die
dem Satan dienstbaren Hände der Juden sein unbefleckt empfangenes
Fleisch ans Kreuz schlugen. Gerade deshalb aber wollte er, daß sein
Leib bis zu seiner Auferstehung sterblich sein sollte, damit für jene,
die an ihn glauben weder eine Verfolgung unüberwindlich, noch der Tod
schrecklich wäre. Sollten sie doch ebensowenig zweifeln an der
Gemeinschaft der Herrlichkeit, wie sie nicht zweifeln sollten an der
Gemeinschaft der Natur!
3. Wenn wir also, Geliebteste, das, was wir mit dem Munde
bekennen, auch in unserem Herzen unwandelbar festhalten, dann nehmen
wir teil am Kreuze, am Tode und am Begräbnis Christi, dann auch an
seiner Auferstehung am dritten Tage. In diesem Sinne sagt der Apostel:
"Wenn ihr auferstanden seid, so suchet, was droben ist, wo Christus zur
Rechten Gottes thront. Auf das, was oben ist, richtet euere Gedanken,
nicht auf das, was auf Erden ist! Denn ihr seid gestorben, und euer
Leben ist verborgen mit Christus in Gott. Wenn aber Christus, euer
Leben, erscheinen wird, dann werdet auch ihr mit ihm erscheinen in
Herrlichkeit." (Kol. 3,1ff.)
Damit aber die Gläubigen erkennen, wie es ihnen möglich ist, alle
irdische Lust zu meiden und sich zu himmlischer Weisheit
emporzuschwingen, verheißt uns der Herr seinen Beistand mit den Worten:
"Sehet, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!"
(Matth.28,20) Nicht ohne Grund hatte der Heilige Geist durch den
Mund des Isaias gesprochen: "Siehe, die Jungfrau wird empfangen und
einen Sohn gebären, und man wird ihm den Namen Emanuel geben, was
verdolmetscht heißt: Gott mit uns!" (Is. 7,14; Matth. 1,23) So erfüllt
also Jesus ganz, was sein Name sagt. Er, der in den Himmel aufgefahren
ist, verläßt die nicht, die er an Kindes Statt angenommen hat. Und
obwohl er zur Rechten des Vaters sitzt, ist er doch auch bei allen, die
zu seinem Leibe gehören. Von oben herab stärkt uns der zur Geduld, der
uns nach oben zur Herrlichkeit einladet.
4. Darum sollen wir auch nicht inmitten dieser
eitlen Welt zu eitlen Toren werden oder, wenn uns ein Unglück trifft,
verzagen; denn auf der einen Seite umschmeichelt uns trügerische Lust
und auf der anderen erhebt sich immer drohender Mühe und Sorge. Nein,
"da die Erde voll der Huld des Herrn ist" (Ps. 32 (33),5) , steht uns
überall Christus mit seinem Siege zur Seite. So erfüllen sich seine
Worte: "Seid getrost: Ich habe die Welt überwunden!" (Joh. 16,33)
Mögen wir also zu kämpfen haben gegen die Liebedienerei der Welt oder
gegen die Begierden unseres Fleisches oder gegen die spitzen Pfeile der
Irrgläubigen, immer sei das Kreuz des Herrn unsere Waffe!
Wenn wir "den Sauerteig der alten Bosheit" (vgl. 1 Kor. 5,8) von uns
fernhalten, dann feiern wir beständig Ostern. Inmitten aller
Wechselfälle dieses Lebens, die so reich an den verschiedensten Leiden
sind, müssen wir uns die Mahnung des Apostels vor Augen halten, der uns
mit den Worten unterweist: "Die Gesinnung sollt ihr haben, die auch
Christus Jesus hatte, der es, da er in Gottes Gestalt war, nicht für
einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, aber sich selbst entäußerte,
indem er Knechtsgestalt annahm und so den Menschen gleich wurde und im
Äußeren als Mensch befunden ward. Erniedrigt hat er sich selbst, indem
er gehorsam war bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze. Darum hat ihn
auch Gott erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über jedem Namen
steht, damit im Namen Jesu die Knie aller sich beugen im Himmel, auf
Erden und unter der Erde, damit jede Zunge bekenne, daß der Herr Jesus
Christus in der Herrlichkeit Gottes, des Vaters, ist." (Phil. 2,5ff)
Das heißt: Wenn ihr das Geheimnis der großen Liebe des Herrn richtig
erfaßt und euch vergegenwärtigt, was der eingeborene Sohn Gottes für
die Erlösung der Menschen getan hat, dann müßt ihr dieselbe Gesinnung
haben, von der Christus Jesus erfüllt war, dessen Erniedrigung kein
Reicher verachten und kein Vornehmer geringschätzen darf. Vermag sich
doch keines Menschen Glück zu solcher Höhe zu erheben, daß er etwas
Beschämendes darin erblicken dürfte, daß es Gott, der stets Gott blieb,
nicht unter seiner Würde hielt, zum Knechte zu werden.
5. Nehmt euch die Taten des Herrn zum Vorbild! Liebet, was
er geliebt hat, und ihr werdet Gottes Gnade in euch finden! Sehet in
ihm voll Freude euere eigene Natur! Christus wurde arm, ohne
seinen Reichtum einzubüßen. Er erniedrigte sich, ohne seine
Herrlichkeit zu verringern, und erlitt den Tod, ohne seine Ewigkeit zu
verlieren. Auch ihr müßt darum auf denselben Pfaden wandeln und in
dieselben Fußstapfen treten, auch ihr müßt das Irdische verachten, um
des Himmelreiches teilhaftig zu werden. Wer das Kreuz auf sich nimmt,
der muß seine Begierden ertöten, seinenLastern absterben, alle
Eitelkeit meiden und jede falsche Lehre von sich weisen. Wenn auch kein
Lüstling, kein Schwelger, kein Hoffärtiger und kein Geiziger das Ostern
des Herrn feiern kann, so hat doch niemand weniger Anteil an diesem
Feste als ein Irrgläubiger, namentlich jener, der hinsichtlich der
Menschwerdung des Wortes einer falschen Meinung hultigt, in dem er
entweder die göttliche Natur nicht voll und ganz anerkennt oder in dem
Fleische nur einen Scheinleib sieht (wie die Arianer und Doketen).
Der Sohn Gottes ist wahrer Gott, der alles, was dem Vater eigen ist,
vom Vater hat. Für ihn gibt es weder Anfang noch Zeit, weder Wechsel
noch Veränderlichkeit. Er ist weder von dem "Einen Gott" getrennt noch
von dem "Allmächtigen" verschieden. Seit Ewigkeit ist er der
eingeborene Sohn seines ewigen Vaters. Darum unterscheidet auch der
Christ, der an den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist glaubt,
in Wesen des "Einen Gottes" keine Abstufungen der Einheit, wie er
umgekehrt auch nicht die dem "Dreiheit" zu einer Person
verschmelzt. Es genügt aber nicht, an dem Sohn Gottes nur die Wesenheit
des Vaters zu erkennen, wenn wir nicht auch daran festhalten, daß er
trotz Wahrung seiner Natur unseresgleichen ist. Jene Selbstentäußerung,
die er sich für die Erlösung der Mensch-heit auferlegt, war eine
Anordnung seiner Barmherzigkeit, nicht aber eine Enteignung der Macht.
Da nach dem ewigen Ratschlusse Gottes "kein anderer Name unter dem
Himmel den Menschen gegeben ist, um selig werden zu können" (Apg. 4,12)
, nahm der Unsichtbare unsere sichtbare Natur an, und wurde der, für
den es keine Zeit gibt, zu einem zeitlichen, und der, für den es keine
Leiden gibt, zu einem leidensfähigen Wesen. Dies geschah, nicht um die
Kraft des Herrn in unserer Schwäche aufgehen zu lassen, sondern damit
sich unsere Schwachheit in unvergängliche Stärke verwandeln konnte.
6. Deshalb wird auch das Fest, das wir "Pascha" nennen, im
Hebräischen mit dem Namen "Pha-se", das heißt "Übergang" bezeichnet,
wie das der Evangelist in folgenden Worten bestätigt: "Vor dem
Osterfeste, da Jesus wußte, daß seine Stunde gekommen war, um aus
dieser Welt zum Vater hinüberzugehen" (Joh. 13,1) etc. In welch anderer
Natur aber als in der unsrigen hätte dieses "Hinübergehen" stattfinden
können, da ja der Vater mit dem Sohne und der Sohn mit dem Vater
unzertrennlich verbunden war? Weil nun "Wort" und "Fleisch" eine Person
bilden, gibt es keine Trennung zwischen dem, der unsere Natur
angenommen hat, und dem, was angenommen worden ist. Aus diesem Grunde
nennt auch der Apostel in seinem bereits angeführten Ausspruche: "Darum
hat ihn auch Gott erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über jedem
Namen steht" (Phil. 2,9) , diese ehrenvolle Erhebung des Fleisches
einen Zuwachs an Ehre für den, der es erhob. Beziehen sich doch die
erwähnten Worte auf die Erhöhung der angenommenen menschlichen Natur;
denn wie die Gottheit vom Leibe während seines Leidens nicht geschieden
war, so sollte auch umgekehrt der Leib an der Herrlichkeit Gottes ewig
Anteil haben.
Allen, die an ihn glauben, hat der Herr selbst den Weg zu diesem
unsagbar großen Gnadengeschenk erschlossen, indem er unmittelbar vor
seinem Leiden nicht nur für seine Apostel und Jünger, sondern auch für
die gesamte Kirche betete: "Aber nicht für diese allein bitte ich dich,
sondern auch für jene, die durch ihr Wort an mich glauben, damit alle
eins seien, - wie du, Vater, in mir und ich in dir -, damit auch sie in
uns eins sind." (Joh. 17,20 f.)
7. An dieser Einheit können die keinen Anteil haben,
die es in Abrede stellen, daß der Sohn Gottes, der wahre Gott, seine
menschliche Natur (bei der Auferstehung) beibehielt, die also dieses
heilbringende Geheimnis bekämpfen und dadurch von der Osterfeier
ausgeschlossen sind. Da sie im Widerspruch stehen mit dem Evangelium
und dem christlichen Glaubensbekenntnisse, können sie dieses Fest nicht
mit uns begehen. Und wenn sie sich auch den Namen eines Christen
anmaßen, so werden sie doch von allen zurückgewiesen, für die Christus
das Oberhaupt ist.
Ihr dagegen könnt bei dieser Feier mit Fug und Recht frohlocken und
euch frommer Freude weihen, da ihr nichts Falsches in die wahre Lehre
eindringen laßt. (Vgl. Röm. 1,8 u. Srm. 3,4) Ihr zweifelt weder
an der Geburt Christi dem Fleische nach, noch an seinem Leiden und
Sterben, noch an seiner leiblichen Auferstehung. Ihr glaubt, daß
Christus, ohne irgendwie von der Gottheit getrennt zu sein, wahrhaft im
Schoße der Jungfrau empfangen wurde und wahrhaft am Stamme des Kreuzes
hing. Ihr haltet daran fest, daß sein Leib wahrhaft im Grabe ruhte, daß
er wahrhaft in Herrlichkeit auferstand und wahrhaft zur Rechten des
Vaters thront: "Und von diesem Throne erwarten wir auch", wie der
Apostel sagt, "den Heiland, unseren Herrn Jesus Christus, der unseren
niedrigen Leib umgestalten wird, damit er dem herrlichen Leibe dessen
ähnlich werde" (Phil. 3,20-21), der mit dem Vater und dem Heiligen
Geiste lebt und waltet in Ewigkeit. Amen.
(Leo d.Gr., Sermo LXXII - 2. Predigt über die
Auferstehung des Herrn - in: "Bibliothek der Kirchenväter" Bd.55,
München 1927, S. 196 ff.)
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Zitat:
"Befreie mich von mir und bewahre mich in Dir, dann erst werde ich mir gehören, wenn ich Dir gehöre."
Cassiodorus (geb. um 490, gest. um 583)
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