WENN GLAUBENSSUBSTANZ SCHWINDET
von
Renate Köcher
Meinungsforscherin in Allensbach
Sie widerspricht Thesen über Kirchenaustritte
(DEUTSCHE TAGESPOST vom 8.4.95)
ALLENSBACH (DT/idea). Die Meinungsforscherin Renate Köcher vom Institut
für Demoskopie Allensbach hat weit verbreiteten Analysen der
Kirchenaustritte widersprochen. Die Erhebungen stünden im Gegensatz zur
Meinung, daß Kirchenaustritte vor allem Ausdruck des Protestes gegen
die Sexualmoral der katholischen Kirche seien oder sich gegen
kirchliche Verlautbarungen wendeten, die als bevormundend empfunden
würden. Auch die These, daß die Erosion vor allem die Institution
Kirche, aber nicht die individuelle Religiösität betreffe, halte einer
Überprüfung nicht stand. Vielmehr sei Ursache der Lockerung kirchlicher
Bindungen ein Verlust an religiöser Substanz. Auch die Kirchen
verweltlichten immer mehr. "Der Glaube wird unsichtbar", schreibt Frau
Köcher in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Allein die
konfessionellen Unterschiede bei den Austritten zeigten, daß der
Protest gegen die katholische Kirche nicht die entscheidende Rolle
spiele. Nach den jüngsten Zahlen kehrten 1992 in Deutschland 361 000
Protestanten und 193 000 Katholiken ihrer Kirche den Riicken - und das
bei nur wenig unterschiedlichem Mitgliederstand: die katholische Kirche
umfaßt 28,1 Millionen, die evangelische Kirche 28,9 Millionen
Mitglieder. 39 Prozent aller Protestanten, aber nur 21 Prozent der
Katholiken hätten bereits einen Austritt erwogen, wobei nur der
katholische Anteil heute geringer sei als vor drei Jahren.
Das Empfinden der Kirchen, die Nachhut der gesellschaftlichen
Entwicklung zu bilden, spiegle sich in der Meinung der Bürger wieder,
heißt es weiter. Auf die Frage nach der künftigen Bedeutung der Kirche
antworteten 38 Prozent der Protestanten und 37 Prozent der Katholiken,
sie werde weniger wichtig werden. Das Ergebnis bei einer Befragung
Konfessionsloser lag bei 43 Prozent. Eine wachsende Bedeutung
bescheinigten ihr neun Prozent der evangelischen und vierzehn Prozent
der katholischen Kirchenmitglieder. Von befragten Konfessionslosen
gaben fünf Prozent diese Antwort. Der Rest meinte, es werde sich nichts
ändern, oder wollte überhaupt keine Prognose abgeben. Unverändert
besteht Frau Köcher zu folge ein enger Zusammenhang zwischen
kirchlicher Bindung und individuellem Glauben. In Bevölkerungskreisen
mit engen Bindungen zur Kirche hielten sich 96 Prozent für religiös,
von den Distanzierten aber ganze sechzehn Prozent. 54 Prozent der
westdeutschen und 21 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung bezeichneten
sich als religiös. Beunruhigen müßte die Kirchen nach Ansicht von Frau
Köcher, daß die meisten ihrer Mitglieder vor allem Wert darauf legen,
Feiern einen würdigen, kirchlichen Rahmen zu geben. Die Bedeutung der
Kirchen als religiöser Heimat habe sich im umgekehrten Verhältnis zur
Übernahme sozialer und politischer Verantwortung entwickelt. Frau
Köcher sagte: "Die große Versuchung für beide Kirchen ist heute, sich
auf die ge-sellschaftlich akzeptierten Aufgaben zu konzentrieren und
ihren eigentlichen Auftrag zu vernachlässigen." Zudem sei dem modernen
Christentum missionarischer Eifer völlig fremd. Zwar berichteten 42
Prozent der Bevölkerung davon, in den letzten Jahren auf ihren Glauben
angesprochen worden zu sein. Doch handle es sich in nahezu jedem
zweiten Fall um Zeugen Jehovas und nur bei einer verschwindenden
Minderheit um Katholiken oder Protestanten.
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