ERSTE PREDIGT AUF DIE VIERZIGTÄGIGE FASTENZEIT
vom
hl. Leo d.Gr., Papst von 440-461
Geliebteste!
1. Die Hebräer und alle israelitischen Stämme
schmachteten einst wegen ihrer Sünden und ihrer Gott zugefügten
Beleidigungen unter der drückenden Herrschaft der Philister. Um nun
diese Feinde besiegen zu können, erneuerten sie, wie die heilige
Geschichte erzählt, ihre körperlichen und geistigen Kräfte durch ein
auferlegtes Fasten. Hatten sie doch erkannt, daß sie infolge ihrer
Mißachtung der göttlichen Gebote und des Verfalls ihrer Sitten jene
harte und unwürdige Knechtschaft verdienten und sie vergeblich einen
Waffengang wagen würden, wenn sie nicht zuvor ihren eigenen Lastern
zuleibe gegangen wären. Sie griffen also zu dem Bußmittel strenger
Abtötung, indem sie sich von Speise und Trank enthielten. Um ihre
Feinde zu bezwingen, bezwangen sie zuerst die Lust ihres Gaumens. So
kam es, daß jene grausamen Gegner und gewalttätigen Herren vor
"Hungernden" weichen mußten, während sie sich die "Gesättigten"
untertan gemacht hatten. Auch uns umringen, Geliebteste, gar mancherlei
Widerwärtigkeiten und Gefahren. Auch wir müssen darum durch eine
ähnliche Kasteiung Genesung suchen, wenn wir in ähnlicher Weise
gerettet werden wollen. Befinden wir uns doch fast in der gleichen Lage
wie die Hebräer; denn wie diese von Gegnern von Fleisch und Blut
angegriffen wurden, so werden wir zumeist von inneren Feinden verfolgt.
Überwinden wir diese durch unsere Besserung, die ein Geschenk der
göttlichen Gnade ist, dann wird auch die Kraft aller sichtbaren Feinde
an uns zuschanden werden: Durch eine Vervollkommnung unsererseits
werden jene geschwächt, denen nicht ihre eigenen Verdienste, sondern
unsere Vergehungen Macht über uns verliehen haben.
2. Laßt uns also, Geliebteste, um all unsere Feinde
bezwingen zu können, Gottes Beistand suchen, indem wir seine Gebote
halten! Wissen wir ja, daß wir nur dann die Oberhand über unsere
Feinde zu gewinnen vermögen, wenn wir sie zuerst über uns gewonnen
haben. So müssen wir denn in uns selbst viele Kämpfe durchfechten; denn
die Wünsche des Fleisches stehen mit denen des Geistes in Widerspruch
und die des Geistes mit denen des Fleisches (vgl. Gal. 5,17). Siegen in
diesem Streite die Begierden des Leibes, dann verliert die Seele in
schmachvoller Weise die ihr eigene Würde. Und wenn die dienen muß, der
die Herrschaft zukäme, so bringt dies den allergrößten Schaden. Wenn
dagegen der seinem göttlichen Leiter untertänige Geist, der nur an den
Gaben des Himmels seine Freude findet, die Lockungen sinnlicher Lust
niedertritt und in dem von ihm bewohnten sterblichen Leibe die
Herrschaft der Sünde nicht aufkommen läßt, dann nimmt die Vernunft in
wohlgeordneter Weise die ihr gebührende Vorrangstellung ein. Und kein
Blendwerk böser Geister wird diesen Schutzwall untergraben können.
Besitzt doch der Mensch erst dann den wahren Frieden und die wahre
Freiheit, wenn das Fleisch auf die Stimme des Geistes hört und der
Geist der Führung Gottes folgt. In solch heilsamer Weise kann man sich
jederzeit vorsehen, auf daß unsere ständig auf der Lauer liegenden
Feinde durch unseren unermüdlichen Eifer erliegen. Jetzt jedoch müssen
wir noch sorgsamer jenes Ziel erstreben und noch bereitwilliger an
seine Verwirklichung gehen, da uns in diesen Tagen gerade die
verschlagensten Gegner mit erbitterterer Schlauheit nachstellen. Wissen
sie ja, daß die hochheilige vierzigtägige Fastenzeit angebrochen ist,
durch deren Beobachtung alle frühere Lauheit gebüßt und jede
Unterlassung gesühnt wird. Darum verwenden sie auch die ganze Kraft
ihrer Bosheit natürlich darauf, daß jene, die das Osterfest des Herrn
feiern wollen, in irgendeinem Punkte unrein befunden werden
(vgl.1.Esdr.6,16 ff.). So soll für diese das Mittel, wodurch sie
Verzeihung erlangen könnten, Anlaß zu einer neuen Beleidigung Gottes
werden.
3. Da wir also, Geliebteste, in die vierzigtägige
Fastenzeit eintreten, das heißt in jene Zeit, in der wir Gott eifriger
dienen müssen, so wollen wir uns zum Streite gegen die Versuchungen
rüsten; denn jetzt gilt es, in guten Werken sozusagen eine Art von
Wettkampf zu bestehen! Laßt uns daran denken, daß uns die Gegner um so
heftiger zusetzen, je eifriger wir auf unser Heil bedacht sind! Allein
größere Macht besitzt jener, der in uns ist, als jener, der gegen uns
ist. Und gerade durch den sind wir stark, auf dessen Kraft wir
vertrauen. Gestattete doch deshalb der Herr dem Verführer, ihn zu
versuchen, damit wir uns an dem ein Beispiel nehmen, der uns durch
seine Hilfe unterstützt. Wie ihr gehört habt, besiegte er den
Widersacher nicht durch seine gewaltige Macht, sondern durch Zeugnisse
aus dem Gesetze (vgl. Matth. 4,1-11). Auf diese Weise wollte er für den
Menschen das Verdienst und für den Erbfeind die Strafe erhöhen, wenn
der Gegner des Menschengeschlechtes sozusagen nicht mehr von einem
Gotte, sondern gewissermaßen von einem Menschen bezwungen würde. Wie
der Herr damals den Kampf auf sich genommen hat, so müssen auch wir ihn
für alle Zeit auf uns nehmen. Wie er gesiegt hat, so sollen auch wir in
ähnlicher Weise siegen; denn es gibt, Geliebteste, keine guten
Werke ohne den Prüfstein der Versuchung, keinen Glauben ohne die
Erprobung seiner Festigkeit, keinen Kampf ohne Feind und keinen Sieg
ohne Streit. Solange wir hier auf Erden wandeln, sind wir rings von
Verrat, rings von Gefahren umgeben (vgl. Job. 7,1). Wollen wir uns
nicht täuschen lassen, so müssen wir auf der Hut sein. Und wollen wir
die Oberhand gewinnen, so müssen wir streiten. Darum sagt auch der
hochweise Salomon: "Mein Sohn, willst du dich dem Dienste Gottes
hingeben, so mache dich auf Anfechtung gefaßt!" (Ekkli. 2,1) Der
von Gottes Weisheit erfüllte Mann wußte eben, daß jeder, der nach einem
gottgefälligen Leben strebt, einen mühevollen Streit zu bestehen habe.
Da er also diese Gefahr vorhersah, so richtete er im voraus seine
Mahnworte an jenen, der den Kampf auf sich nehmen soll. Er wollte
dadurch verhüten, daß der Versucher, wenn er sich einem Unerfahrenen
naht, diesem in seiner Ohnmacht allzu schnell Wunden schlägt.
4. Durch göttliche Unterweisungen belehrt, sind wir
uns wohlbewußt, Geliebteste, daß wir in diesem Streit einem gewaltigen
Ringen entgegengehen. Laßt uns darum hören, was der Apostel sagt: "Wir
haben nicht zu kämpfen wider Fleisch und Blut, sondern wider die Mächte
und Gewalten, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis und gegen die
Geister der Bosheit in den Lüften." (Eph. 6,12) Laßt uns nicht
vergessen, daß diese unser Feinde in allem, was wir zu unserem Heile zu
tun versuchen, einen Angriff gegen sich selber sehen, und daß wir
gerade durch unser Streben nach edlen Gütern unsere Gegner reizen!
Besteht ja infolge des vom Satan geschürten Neides zwischen uns und
ihnen deshalb ein tief eingewurzelter Zwiespalt, weil sie der Güter
verlustig gingen, deren wir unter Gottes Beistand teilhaftig werden,
und so unsere Rechtfertigung für sie eine Folter ist. Unsere Erhebung
bedeutet ihren Sturz, unsere Erstarkung ihre Ohnmacht. Die Mittel, die
wir zur Genesung anwenden, sind für sie Dolchstiche, da ihnen die
Heilung unserer Verletzungen Wunden schlägt. "Stehet also",
Geliebteste, nach den Worten des Apostels, "die Lenden eueres Geistes
umgürtet mit Wahrheit und euere Füße beschuht mit der Bereitschaft des
Evangeliums des Friedens! Ergreifet vor allem den Schild des Glaubens,
mit dem ihr alle feurigen Pfeile des Bösen auslöschen könnt. Nehmet den
Helm des Heiles und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort
Gottes!" (Eph. 6,14 f) Sehet, Geliebteste, mit welch starken Waffen,
mit welch unüberwindlicher Schutzwehr wir von dem durch viele Triumphe
ausgezeichneten Heerführer, von dem unbesiegten Meister der
christlichen Kriegskunst ausgerüstet wurden! Für unsere Lenden gab er
uns als Gürtel die Keuschheit, für unsere Füße die Sandalen des
Friedens; denn ein ungegürteter Kämpfer wird gar rasch von dem ihn zur
Unzucht aufstachelnden Verführer besiegt und ein Unbeschuhter gar
leicht von der Schlange gebissen. Um den ganzen Leib zu schützen,
verlieh er uns den Schild des Glaubens, setzte er auf unser Haupt den
Helm des Heiles und bewaffnete er unsere Rechte mit einem Schwerte,
nämlich mit dem Worte der Wahrheit. Dadurch sollte der geistige
Streiter nicht nur vor Verwundung bewahrt bleiben, sondern selbst auch
in den Stand gesetzt werden, seinen Gegner zu verletzen.
5. Im Vertrauen auf diese Waffen laßt uns,
Geliebteste, unverdrossen und unverzagt den uns bevorstehenden Kampf
beginnen! In diesem dem Fasten geltenden Wettstreite wollen wir uns
nicht damit begnügen, einzig und allein in der Enthaltung von Speisen
unser Ziel zu erblicken! Genügt es doch nicht, wenn wir nur das
Fleisch kasteien, der Seele aber keine neuen Kräfte zuführen. Das
wenige, das wir dem "äußeren Menschen" entziehen, komme dem "inneren"
zugute! Und wenn wir dem Leibe seine natürliche Sättigung versagen, so
stärke sich dafür unser Geist durch überirdische Genüsse! Jeder Christ
gehe mit sich zu Rate und durchforsche ernstlich das Innere seines
Herzens! Er sehe darauf, daß sich hier keinerlei Zwietracht eingenistet
und keinerlei Leidenschaft festgesetzt habe! Die Keuschheit verbanne
aus ihrer Nähe die Unenthaltsamkeit, und die im Dunklen schleichende
Verstellung weiche dem Lichte der Wahrheit! Der Hochmütige mäßige seine
Anmaßung, und der Jähzornige höre wieder auf die Stimme der Vernunft!
Zerbrechen wollen wir die Geschosse, mit denen wir anderen schadeten,
und unsere verleumderische Zunge im Zaume halten! Aufhören soll alle
Rache und jede Beleidigung vergessen sein! Kurz, " jede Pflanzung, die
nicht der himmlische Vater gepflanzt hat, soll mit der Wurzel
ausgerottet werden!" (Matth. 15,13) Findet doch dann der Keim der
Tugend in uns richtige Nahrung, wenn der Boden unseres Herzens von
allem weltlichen Unkraut gesäubert wird. Wenn also einer gegen irgend
jemand so von Rachsucht erfüllt ist, daß er ihn ins Gefängnis warf oder
in Fesseln legte, so möge er schleunigst seine Befreiung herbeiführen,
nicht nur, wenn er unschuldig ist, sondern selbst dann, wenn er die
Strafe verdient zu haben scheint! Treu beobachte er so die Vorschrift
im Gebete des Herrn: "Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir
vergeben unseren Schuldigern!" (Matth. 6,12) Unter allen Bitten
legt uns der Herr diese in so besonderer Weise ans Herz, gleich als ob
die Erhörung des ganzen Gebetes von der Erfüllung dieser Bedingung
abhängig wäre. So sagte er: "Wenn ihr den Menschen ihre Sünden vergebt,
so wird auch euch euer Vater vergeben, der im Himmel ist. Wenn ihr aber
den Menschen nicht vergebt, so wird auch euch der Vater euere Sünden
nicht vergeben." (ebd.14 f.)
6. Laßt uns darum, Geliebteste, an unsere
Schwachheit denken, und weil wir gar leicht in alle möglichen Sünden
fallen, in keiner Weise jene vorzügliche Arznei, jenes so wirksame
Heilmittel für unsere Wunden gering schätzen! Laßt uns nachsichtig
sein, auf daß man auch mit uns Nachsicht habe! Die Verzeihung, die wir
für uns erbitten, wollen wir auch gewähren! Laßt uns nicht nach Rache
verlangen, wenn wir für uns selbst um Gnade flehen! Verschließen wir
nicht unser Ohr bei den Klagen der Armen! Rasch und bereitwillig wollen
wir gegen die Notleidenden Barmherzigkeit üben, damit auch wir am Tage
des Gerichtes würdig sind, Barmherzigkeit zu finden! Wer mit Hilfe der
göttlichen Gnade sich auf solche Art zu vervollkommnen trachtet, der
beobachtet gewissenhaft das heilige Fasten. Befreit von dem "Sauerteige
seiner alten Bosheit" wird er "mit den ungesäuerten Broten der Reinheit
und Wahrheit" (Kor.5,8) ein glückliches Ostern feiern. In
würdiger Weise wird er sich infolge seines neugestalteten Lebenswandels
bei der geheimnisvollen Erlösung des Menschengeschlechtes freuen. Durch
Christus, unseren Herrn, der mit dem Vater und dem Heiligen Geiste lebt
und herrscht in Ewigkeit. Amen.
(Leo der Große, Sermo XXXIX in: "Bibliothek der Kirchenväter" Bd. 55, München 1927, S. 1 ff.)
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