Der Westen gibt sich auf
Der demographische Niedergang wird
den politischen und kulturellen nach sich ziehen
von
Dieter Stein
Die demographische Bombe zündet. Doch nicht mit einer großen Detonation
werden unsere Gesell-schaften erschüttert. Vielmehr in homöopathischen
Dosen erreichen die Deutschen, ja alle europäischen, westlichen
Nationen die Informationen über das demographische Ableben ihrer
Völker. Die in der vorvergangenen Woche verbreitete Nachricht des
Statistischen Bundesamtes über einen neuen Rekord des Geburtendefizits
in Deutschland verschwand so auch meist in den Kurzmeldungen: 858.000
Sterbefällen stehen 715.000 Lebendgeburten gegenüber. Gegenüber 2002
sank die Geburtenzahl damit um 1,3 Prozent, die Sterbefälle stiegen um
1,6 Prozent. Das um 23.000 auf 143.000 Menschen gestiegene
Geburtendefizit entspricht dabei in etwa der Anzahl der durch
Abtreibung getöteten ungeborenen Kinder.
Angesichts der Dramatik der Entwicklung müßten alle Zeitungen tage-,
wochenlang mit der demographischen Katastrophe aufmachen. Doch es
handelt sich eben nicht um ein überraschendes, schockartiges Ereignis,
sondern um eine biologisch-soziale Implosion einer Zivilisation, die
noch nicht einmal im Zeitlupentempo stattfindet. Diese Revolution
vollzieht sich mit derart sanfter Verzögerung, daß es für eine Umkehr
unwiderruflich zu spät ist, wenn die gravierendsten Folgen zutage
getreten sein werden.
Einen "Fall Tschernobyl" wie für die Atompolitik gibt es für die
Bevölkerungspolitik somit nicht. Auf Samtpfoten schleicht die
Entwicklung voran. Stündlich werden Menschen geboren, stündlich sterben
Menschen. Jährlich verschwindet statistisch die Einwohnerzahl einer
Stadt wie Freiburg im Breisgau in Deutschland von der Bildfläche - ohne
Requiem, sang- und klanglos.
Die demographische Bombe besteht wohlgemerkt aus zwei Treibsätzen:
Nämlich auf der einen Seite einer Geburtenrate, die immer weiter unter
die zur Reproduktion einer Population notwendige Zahl von statistisch
durchschnittlich 2,1 Kindern pro Frau sinkt (derzeit 1,4 Kinder pro
Frau). Auf der anderen Seite wird der Bevölkerungsrückgang
vorübergehend verschleiert durch die in Wohlstandsgesellschaften
parallel immer noch weiter ansteigende Lebenserwartung. Nur deshalb -
und wegen anhaltender Zuwanderung - bleibt die Einwohnerzahl von 80
Millionen in Deutschland noch für die nächsten Jahre relativ konstant.
Somit kommt es zu einem sich multiplizierenden Alterungseffekt unseres
Volkes. Der gravierende statistische Bevölkerungsrückgang erfolgt wie
mit einem Zeit-zünder erst verzögert.
Theoretisch denkbar wäre es, daß sich der Bevölkerungsrückgang Europas
mit einem Wertewandel verbindet, wie ihn konservative Ökologen immer
gefordert haben. An die Stelle eines quantitativen tritt ein
qualitatives Wachstum. Die im Zeitalter der Industrialisierung immer
dichter besiedelten Ballungszentren könnten menschen- und
umweltfreundlich aufgelockert werden. Für einen solchen
be-grüßenswerten Wertewandel gibt es jedoch keinen Anhaltspunkt. Im
Gegenteil: Der rasende Geburtenrückgang ist Konsequenz der immer noch
fortschreitenden Individualisierung und des weiter expandierenden
Konsums und Wohlstands im Westen.
Vor einem rapiden und im Alltag spürbaren Bevölkerungsrückgang werden
wir jedoch in den kom-menden Jahren vorerst einmal immer stärker die
Folgen der Alterung unserer Völker erleben. Sie ist dem erfreulichen
medizinischen Fortschritt und dem derzeit vorhandenen Wohlstand
geschuldet.
Für diese Entwicklung steigt das wahrnehmende Interesse. Frank
Schirrmacher, einer der FAZ-Herausgeber, hat mit seinem Buch "Das
Methusalem-Komplott" jetzt versucht, der Alterung unserer Gesellschaft
und ihren soziokulturellen Folgen einen Begriff zu geben. Schirrmacher
fordert jedoch nicht eine demographische Wende, eine offensive
Bevölkerungspolitik, sondern trommelt zu einer "militanten Revolution
des Bildes des eigenen Alterns". Die Alterung der westlichen
Gesellschaften ist also quasi, frei nach Boris Becker, einfach nur ein
"mentales Problem".
Mit Anti-Aging-Wohlfühlseminaren à la Schirrmacher läßt sich die
demographische Katastrophe aber nicht gesundbeten. Die Zeitbombe aus
den beiden Treibsätzen Geburtenrückgang und Überalterung erhält nämlich
durch eine dritte Komponente, über die man sich feige ausschweigt, noch
explosivere Sprengkraft. Immer noch meint man nämlich, kurzfristig
Linderung der demographischen Talfahrt durch anhaltende Zuwanderung zu
erreichen. Die höhere Geburtenrate unter den Zugewanderten beschleunigt
aber die ethnische Verschiebung in den Großstädten nur noch weiter.
Neben eine vergreisende deutsche Bevölkerung treten die vitaleren
Generationen der Zugewanderten oder Neu-Bundesbürger mit
"Migrationshintergrund". Die EU-Osterweiterung wird hier übrigens nicht
zu einer Verjüngung des "alten Europa" führen: Der Geburtenrückgang ist
in den Beitrittsländern teilweise massiver als in Deutschland!
Es wird deshalb den Völkern des Westens und damit auch den Deutschen
kaum beschieden sein, seelenruhig und altersweise ihre zubetonierten
und zersiedelten Landschaften ökologisch zu rekultivieren. Es wird
vielmehr ein Bevölkerungsaustausch stattfinden, den der
Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeld "Ethnomorphose" nennt. Mit
diesem Bevölkerungswandel haben wir es in Deutschland in den
Großstädten wie Berlin, Frankfurt und Stuttgart bereits jetzt zu tun -
mit all seinen dramatischen sozialen und kulturellen Verwerfungen.
Im außereuropäischen Raum ziehen sich die Konfliktherde der Welt auch
entlang der Frontlinien demographisch expansiver Völker. Länder mit
anhaltendem Geburtenwachstum, insbesondere im arabischen Raum, erhöhen
den Druck auf das sich öffnende Vakuum an deren Rand. Die Geschichte
wird die Frage beantworten, ob die Werte des Westens, ob
Individualismus und Liberalismus bestehen werden können, wenn sie in
den Untergang von Gemeinschaften münden, wenn diese Werte nicht die
Grundlage dafür bereiten, daß Familienverbände fortexistieren, sondern
diesen sogar den Boden entziehen.
Es wird sich zeigen, ob nicht Tradition, Kultur, Religion aufs engste
mit der Fähigkeit des Menschen verwoben ist, in Gemeinschaft zu leben,
Gemeinschaften zu bilden und ihr Fortleben zu garantieren. Der Westen
steht hier vor seinem historischen Scheitern. Allem Fortschrittsglauben
und Machbarkeitswahn zum Trotz scheint die zur Tradition fähige
Gemeinschaft über die Tradition mißachtende Gesellschaft letztlich zu
triumphieren. Noch ist es Zeit, hier eine Wende einzuleiten.
(aus JUNGE FREIHEIT 17/04 vom 16. April 2004) |