DIE HL. JULIANA VON LÜTTICH
von
Eugen Golla
Juliana wurde im Jahre 1193 in dem Dorf Rétinne in der Umgebung
Lüttichs geboren. Bereits im Alter von fünf Jahren Waise geworden, nahm
sie das vor den Toren Lüttichs gelegne Kloster der Augustiner-Nonnen
Mont Cornillon auf, ebenso ihre ältere Schwester Agnes. Die beiden
Mädchen wurden Schwester Sapientia, die in einer zum Kloster gehörenden
Meierei wohnte, zur Erziehung und zum Unterrichten übergeben. Während
Agnes sich normal entwickelte, zeigte sich bei Juliana bald eine
besondere Begabung im Lernen, so daß sie in kurzer Zeit das ganze
Psalterbuch auswendig konnte. Bereits im Kindesalter sehnte sie sich
nach Einsamkeit und war bereit, harte Bußübungen auf sich zu nehmen.
Mit vierzehn Jahren bat Juliana um die Aufnahme in die
Klostergemeinschaft, die ihre auch gewährt wurde.
Strengen Gehorsam gegenüber der Ordensregel verband sie mit weiteren
Fortschritten im Studium der Theologie. Sie lernte auch Latein, um
insbesondere die Werke des hl. Augustinus und des hl. Bernhards im
Originaltext lesen zu können. Frühzeitig pflegte sie eine besondere
Andacht zum Allerheiligsten Altarsakrament.
Während im ersten christlichen Jahrtausend zumindest keine direkte
Leugnung oder Bekämpfung der hl. Eucharistie anzutreffen war, leugnete
als erster im 11. Jahrhundert der französische Theologe Berengar von
Tours die Wesensverwandlung von Brot und Wein und damit auch die reale
Gegenwart Christi, die Eucharistie sei nämlich nur als ein Symbol des
verklärten Christus aufzufassen. Diese Häresie erregte Klerus und Volk
und veranlaßte die Theologen, Verteidigungsschriften zu verfassen.
Schließlich trug zur Festigung der eucharistischen Terminologie die auf
dem vierten Laterankonzil 1215 erfolgte Dogmatisierung des Begriffes
"Transsubstantiation" bei.
In dieser aufgewühlten Zeit wurde Juliana ab 1209 vom Heiland einer
sich häufig wiederholenden Vision gewürdigt, deren Bedeutung ihr erst
im Laufe der Jahre nach vielem Beten enthüllt wurde. Sie sah einen
Vollmond, der zwar im hellen Glanze erstrahlte, aber in seiner Mitte
einen Fleck zeigte, der sich quer hindurch zog. Eines Tages sagte ihr
eine vom Himmel kommende Stimme, daß die Scheibe des Mondes die
kämpfende Kirche darstelle, der Fleck aber darauf hinweise, daß Gott
noch ein fehlendes Fest zu Ehren des hl. Altarsakramentes wünsche, denn
wenn ein solches auch der Gründonnerstag sei, so verdeckten doch die
zahlreichen Zeremonien seinen festlichen Charakter.
1230 wurde Juliana zur Priorin gewählt, die wegen ihrer strengen
Disziplin viel Widerstand von einzelnen Nonnen erfuhr. Aber noch immer
hatte sie ihre Vision sowie den Auftrag Gottes, ein Fest zur Verehrung
des hl. Altarsakramentes einsetzen zu lassen, niemand mitgeteilt, denn
sie hielt sich für zu unbedeutend, um diesen Auftrag auszuführen. Da
sich aber diese Visionen häufiger wiederholten, vertraute sie
schließlich ihr Geheimnis einer Einsiedlerin namens Eva und der Nonne
Isabella an, die in Huy bei Lüttich lebte. Diese beiden Frauen wandten
sich nun an mehrere Kleriker, unter anderen auch an den gelehrten
Kanonikus Johannes von Lausanne sowie den Archidiakon Jakob Pantaleon.
Der zuständige Bischof von Lüttich, Robert, hatte zwar anfangs
Vorbehalte, aber er entschloß sich 1246 - kurz vor seinem Tod - das
gewünschte Fest zur Verehrung des Allerheiligsten Altarsakramentes zu
genehmigen, für das Juliana selber ein lateinisches Offizium verfaßt
hatte. 1252 schrieb der Legat Hugo a S. Caro das Fest für
Westdeutschland vor.
Wie nicht anders zu erwarten, gab es unter dem Klerus und dem Volk von
Lüttich manche Befür-worter des neuen Festes, aber auch viele Gegner,
die Juliana eine Schwärmerin nannten. Ein regelrechter Proteststurm
brach im Kloster aus, als der neue Prior - Mont Cornillon hatte einen
Frauen- als auch Männerkonvent - unterstützt von laxen Mönchen eine
regelrechte Opposition dagegen bilden konnte. So sah sich Juliana
gezwungen, 1248 aus dem Kloster mit drei weiteren Schwestern, unter
denen sich auch ihre Vertraute Isabella befand, zu fliehen. Von da an
begann für sie ein unstetes Wanderleben, das sie mit Ergebenheit und
Geduld bis zu ihrem Tod ertrug. Ihre letzte Zufluchtsstätte fand sie im
Kloster Fosse bei Namur, wo sie eine Zeit lang auch als Einsiedlerin
lebte.
Nach langer Krankheit starb sie am 5. April 1258. Ihre Beisetzung
erfolgte in der nahe gelegenen Cisterzienser-Abtei Villiers. Von Anfang
an in Belgien und besonders in der Diözese Lüttich von den Gläubigen
hoch verehrt, riefen sie immer mehr Gläubige als Fürbitterin an, so daß
Pius IX. ihr Fest für die gesamte Kirche anordnete.
Es war der hl. Juliana nicht mehr vergönnt, die päpstliche Einsetzung
des Fronleichnamsfestes zu erleben. Ihr oben erwähnter Förderer, der
Archidiakon Jakob Pantaleon wurde unter dem Namen Urban IV. im Jahr
1261 zum Papst gewählt. Zu seinem Entschluß, das Fest zur Ehre des
Allerheiligsten Altarsakramentes zu genehmigen, trug zusätzlich
folgendes Ereignis bei: Während Urban infolge häufiger Unruhen in Rom
seine Residenz nach Orvieto verlegte, geschah es, daß in dem nahe
gelegenen Bolsena während der Feier einer hl. Messe nach der Wandlung
ein Blutwunder geschah, welches der Künstler Rafael in einer etwas
abgeänderten Version in seinem Fresko "Die Messe von Bolsena"
verherrlichte. Die Abfassung der Texte für die liturgische Gestaltung
des Fronleichnamsfestes besorgte Thomas von Aquin. Er ist auch der
Verfassung des bei der Prozession gesungenen Liedes "Lauda Sion" und
des Kirchengebetes bei der Meßfeier.
Julianas Todestag wurde zu ihrem Ehrentag bestimmt: die Kirche feiert ihr Fest am 5. April.
Quellenangabe:
Artikel: "Juliana von Lüttich" in: "Catholicisme hier, aujourd'hui, demain", Bd. 6, Paris 1960.
Stadler, Joh. Ev.: "Vollständiges Heiligenlexikon in alphabet. Ordnung", Bd. 3, Augsburg 1869.
"Vies des Saint", Bd. 4, Paris 1946.
Wetzer und Welte: "Kirchenlexikon", 6. Bd., Freiburg 1889.
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