"Selig die Trauernden,
denn sie werden getröstet werden"
- aus den Predigten über die Seligpreisungen -
vom
hl. Gregor von Nyssa (335-394)
Einleitung
Noch haben wir den Gipfel des Berges nicht betreten, sondern befinden
uns im unteren Bereiche der Erkenntnisse, wenn wir auch gewissermaßen
schon zwei Hügel erreicht haben, als wir zur seliggepriesenen Armut und
zu der noch höher als diese stehenden Sanftmut emporstiegen. Von diesen
Hügeln führt uns das Wort Gottes höher hinauf und zeigt uns zunächst
eine dritte Höhe in den Seligkeiten, zu der wir nun mit aller Kraft
emporeilen sollen, während wir alles Bedenken und die uns umstrickende
Sünde ablegen, wie der Apostel sie nennt (Hebr. 12,1), damit wir
unbeschwert und wohlgerüstet auf der Spitze anlangen und das Licht der
Wahrheit, dem wir uns mit unserer Seele nahen, uns desto heller
leuchte.
I.
Was bedeutet nun der Ausspruch: "Selig sind die Trauernden; denn sie
werden getröstet werden." Allerdings könnte einer, der seinen Blick auf
die Welt richtet, lächeln und über den Ausspruch sich spöttisch
folgendermaßen auslassen: "Wenn man diejenigen im Leben seligpreist,
die von lauter Mißgeschick verzehrt werden, dann sind folgerichtig jene
unglücklich, die ihr Leben ohne Leid und Sclhmerz genießen!" Und er
wird noch mehr spotten, wenn er, sich anschickend die verschiedenen
Arten von Mißgeschicken aufzuzählen, das Elend des Witwenstandes und
dessen Jammer vorführt, Vermögensverluste, Schiffbrüche,
Kriegsgefangenschaft, ungerechte Verurteilungen bei Gericht,
Verbannungen, Gütereinziehung, Aberkennung der bürgerlichen Rechte,
Heimsuchungen durch Krankheit wie Erblindung, Verletzung und überhaupt
die mannigfachen Leiden des Körpers. Und wenn sonst dem Menschen in
diesem Leben ein Übel an Leib oder Seele zustößt, so wird er auf sie
alle hinweisen, um die Lächerlichkeit des Ausspruches darzutun, der die
Trauernden seligpreist. Aber unbekümmert um solche, welche die
göttlichen Worte mit kleiner, niedriger Seele betrachten, wollen wir
nach Kräften den Reichtum, der, wenn auch verborgen im Ausspruche
liegt, zu erkennen suchen, damit auch dadurch der große Unterschied
offenbar werde, welcher zwischen irdischer, fleischlicher Auffassung
und hoher himmlischer Besinnung besteht.
Nahe liegt es, vor allem jene Trauer glückselig zu preisen, die wir
über Verfehlungen und Sünden empfinden, gemäß der Lehre des hl. Paulus
über die Traurigkeit; nach derselben gibt es nicht bloß eine Art
Traurigkeit, sondern eine weltliche und auch eine nach dem Herzen
Gottes: die weltliche bereite den Tod, die andere bringe den Trauernden
das Heil durch die Reue (2 Kor. 7, 10). Und in der Tat eignet sich zur
Seligpreisung eine Seelenverfassung, in welcher der Mensch das Böse
merkt und sein in Sünden verbrachtes Leben bejammert. Es geht nämlich
wie bei Erkrankungen des Leibes: ist ein Teil des Körpers durch einen
Schaden schlaff geworden, so ist die Unempfindlichkeit ein sicheres
Zeichen dafür, daß der schlaffe Teil bereits abgestorben ist; sobald
aber durch ärztliche Kunst das Gefühl des Lebens dem Körperteil
wiedergebracht worden, so beginnen, obgleich noch Schmerzen vorhanden,
der Kranke und seine Pfleger sich zu freuen, indem sie gerade aus dem
Umstand, daß das kranke Glied wieder den Schmerz empfindet, mit Recht
schließen, der Anfang der Genesung sei bereits vorhanden.
Ähnlich gibt es Menschen, welche sich der Sünde vollständig in die Arme
geworfen haben, daß sie, wie der Apostel sagt, ganz abgestumpft wurden
(Eph. 4, 19); sie sind gleichsam Leichname: sie haben keine Empfindung
mehr für die Tugend, aber auch kein Gefühl für das Böse, das sie tun.
Wenn aber eine heilkräftige Mahnung gleichsam wie eine brennende, heiße
Arznei sie erfaßt, etwa eine ernste Androhung des künftigen Gerichtes,
wenn diese ihr Herz durch die Furcht vor den kommenden Dingen tief er
schüttert, wenn sie das unauslöschliche Feuer, den nie ersterbenden
Wurm, das Zähneknirschen, das unaufhörliche Heulen, die äußerste
Finsternis und alles Derartige wie scharfe, herbe Arznei einem durch
die Leidenschaft der Wollust Erstarrten beibringt, ihm gleichsam
einheizt und ihn so weit bringt, daß er den schlimmen Zustand fühlt, in
welchem er sich befindet, so bereitet eine solche Mahnung gerade
dadurch, daß sie der Seele die Empfindung des Schmerzes einflößt, seine
Seligpreisung vor. Daher geißelte auch der hl. Paulus jenen, der in
wütiger Lust gegen das Lager des Vaters gefrevelt, mit seinem Tadel nur
so lange, als er sich gegen seine Sünde unempfindlich zeigte; als aber
die Arznei der Züchtigung ihre Wirkung tat, begann der hl. Paulus den
Mann als einen, der durch die Traurigkeit schon glückselig geworden, zu
trösten, damit er nicht, wie er sagt, vom Übermaß des Schmerzes
verzehrt werde. Auch dieser Gedanke soll nicht unnütz für das
Tugendstreben sein, weil ja die Sünde im menschlichen Leben
überfließend vorhanden ist: als ihr Heilmittel wurde die Trauer
nachgewiesen, die durch die Reue hervorgerufen wird.
II.
Aber noch etwas Tieferes als das Gesagte scheint das Wort Gottes zu
enthalten; indem es von einer fortgesetzten Übung der Trauer spricht,
fordert es uns nämlich auf, noch an etwas anderes zu denken. Denn wenn
es nur auf die Reue über die Sünde hätte hinweisen wollen, so hätte es
folgerichtiger diejenigen seliggepriesen, welche getrauert haben, nicht
jene, welche immerfort trauern. So preisen wir - um abermals den
Krankheitszustand zum Vergleiche beizuziehen - diejenigen glücklich,
welche mit Erfolg eine Kur gemacht haben, nicht jene, welche immerfort
eine Kur machen; denn die Fortsetzung der Kur verrät die Fortdauer der
Krankheit. Aber daß das Wort Gottes nicht bloß in dem oben dargelegten
Sinne, als ob es nur den Reumütigen die Seligkeit zuspräche, aufgefaßt
werden darf, ergibt sich uns noch aus einem anderen Grunde. Wir finden
nämlich gar viele, die ein ganz tadelloses Leben führen, so daß es vom
Worte Gottes selbst als tugendhaft bezeugt wird. Welche Habgier gab es
an einem Johannes? Welchen Götzendienst bei einem Elias? Welche andere
größere oder kleinere Sünde nennt die Geschichte ihres Lebens? Wie nun?
Wird nun das Wort Gottes verkünden, sie stünden außerhalb der
Seligpreisung, sie, die niemals in eine Seelenkrankheit gefallen sind
und daher auch nicht nötig hatten, das oben dargelegte Heilmittel,
nämlich den Reueschmerz, anzuwenden? Wäre es nicht ungereimt, solche
Männer von der gött lichen Seligkeit ausgeschlossen zu wähnen, deshalb,
weil sie weder gesündigt noch die Sünde durch Trauer getilgt haben?
Oder wäre es da nicht besser, zu sündigen, als ohne Sünde zu leben,
wenn einzig und allein den Reumütigen die Gnade des Trösters in
Aussicht steht? Es heißt ja doch: "Selig die Trauernden, denn sie
werden getröstet werden!"
Wir wollen daher nach Möglichkeit, wie Habakuk sagt, dem folgen, der
uns nach oben führt (Hab. 3,19) und den im Worte liegenden Sinn
erforschen, damit wir sehen, welcher Trauer die Tröstung des Heiligen
Geistes versprochen ist. Erwägen wir also, was denn zunächst die
Traurigkeit an sich ist im menschlichen Leben und wodurch sie
hervorgerufen ist. Soviel liegt klar vor aller Augen, daß die Trauer
eine trübe Stimmung der Seele ist, hervorgerufen durch den Verlust
eines geliebten Gegenstandes; dieser Zustand greift nicht Platz bei
jenen, welche ihr Leben in lauter Freude zubringen. Recht glücklich
z.B. ist einer im Leben: alle seine Geschäfte gehen ausgezeichnet; er
hat seine Freude an seiner Ehegattin, ist stolz auf seine Kinder, hat
Sicherheit durch Eintracht mit seinen Verwandten, genießt Ansehen in
der Gemeinde und Ehre von seiten der Mächtigen, ist furchtbar seinen
Gegnern, geschätzt von seinen Untergebenen, seinen Freunden zugänglich,
prangend in Reichtum, fähig, das Leben zu genießen, frei von Kummer,
von kräftiger Gesundheit, im Besitz alles dessen, was in dieser Welt
als wertvoll gilt: ein solcher lebt gewiß in Frohsinn, weil ihm Freude
aus allen seinen gegenwärtigen Verhältnissen zuströmt. Falls aber ein
Umschwung am heiteren Himmel seines Glückes eintritt, etwa eine
Scheidung von seinen Lieben, ein Vermögensverlust oder eine durch
welchen Zufall nur immer herbeigeführte Schädigung seines körperlichen
Wohlbefindens, so entsteht durch die Trennung von dem, was ihm Freude
verschaffte, die entgegengesetzte Stimmung, die wir Trauer nennen.
Demnach ist die aufgestellte Begriffsbestimmung richtig, daß die
Traurigkeit ein schmerzliches Empfinden des Verlustes von Dingen ist,
welche uns erfreuen.
III.
Haben wir nun die Traurigkeit begrifflich erfaßt, so möge uns das
Bekannte zum Unbekannten führen, damit wir auch einsehen, worin noch
die seliggepriesene Trau rigkeit besteht, auf welche Tröstung folgen
soll. Wenn der Verlust von Gütern des gegenwärtigen Lebens die
Traurigkeit hienieden bewirkt, niemand aber über die Einbuße eines
unbekannten Gegenstandes klagen kann, so müssen wir zuerst untersuchen,
welches das wahre Gut ist, und darauf das Verhältnis, in welchem die
Menschen zu diesem wahren Gute stehen. So wird es uns gelingen, die
seligmachende Traurigkeit zu finden.
Einen Vergleich bieten die Blinden: wenn einer in Blindheit geboren
ist, der andere aber, nachdem er an das Licht gewöhnt war, in einen
finsteren Kerker geworfen wurde, so werden beide von ihrem Geschick
nicht in gleicher Weise getroffen; denn der eine weiß, wessen er
beraubt ist, und empfindet daher die Entziehung des Lichtes schwer; der
andere, der eine solche Wohltat überhaupt nicht kennt, wird sein Leben
ohne allzugroße Traurigkeit verbringen, weil er, in Blindheit
aufgewachsen, kein Gut verloren zu haben glaubt. In folgedessen wird
den einen die Sehnsucht nach dem Lichte antrei-ben, auf allerlei Mittel
und Wege zu sinnen, um wieder all das sehen zu können, was ihm mit
Gewalt entzogen wurde. Der andere aber wird bis in sein Greisenalter in
seiner Blindheit gelassen dahinleben, weil er von dem höheren Gut (der
Sehkraft) keine Ahnung hat und seine Lage für ganz annehmbar erachtet.
Ähnlich ist es auch bei dem Gegenstand, der uns jetzt beschäftigt: wer
es soweit gebracht hat, das wahre Gut zu erkennen, und dann die
Armseligkeit der menschlichen Natur betrachtet, wird sich in seiner
Seele sicher unglücklich fühlen, weil ihn darüber Trauer erfaßt, daß
sein gegenwärtiges Leben nicht jenes höchste Gut besitzt. Nicht die
Traurigkeit an sich scheint vom Worte Gottes seliggepriesen zu sein,
als vielmehr die Erkenntnis des höchsten Gutes, verbunden mit der
Empfindung der Traurigkeit darüber, daß unserem Leben jenes
heißersehnte Gut mangelt.
Den angezogenen Vergleich weiter verfolgend, müssen wir nunmehr
erforschen, welches denn jenes Licht sei, von welchem diese dunkle
Höhle der menschlichen Natur nicht mehr erleuchtet wird. Oder stellen
wir uns hiermit eine Aufgabe, die leicht gelöst werden könnte? Denn
welche Geisteskraft in uns wäre fähig, die Natur des gesuchten Gutes zu
ergründen? Welche Namen und Worte stünden uns zur Verfügung, uns eine
würdige Vorstellung von dem Lichte über uns zu verschaffen? Wie soll
ich das Ungesehene nennen, wie das Unstoffliche darstellen? Wie das
Unsichtbare zeigen, wie das erfassen, was ohne Größe, ohne Quantität,
ohne Qualität, ohne Gestalt ist, was weder im Raume noch in der Zeit
sich findet, was außerhalb jeder Begrenzung und jeder begrifflichen
Vorstellung liegt, dessen Werk das Leben und der Inbegriff alles Guten
ist, an dem man alles Hohe, das sich denken und sagen läßt, erschaut:
Gottheit, Herrscherwürde, Macht, Ewigkeit, Unvergänglichkeit, Freude
und Jubel und überhaupt alles Erhabene, was wir nur immer ersinnen und
aussprechen können? Wie also und durch welche Gedanken kann man sich
dieses unser höchstes Gut vor Augen stellen, das nur innerlich
geschaut, nicht äußerlich gesehen wird, das allem, was ist, Dasein
gibt, selbst aber seit Ewigkeit existiert und nicht erst entstehen
mußte? Damit meine Rede nicht vergeblich sich abmühe, das Unerfaßliche
zu erreichen, wollen wir aufhören, über die Natur des höchsten Gutes
nachzugrübeln, da es unmöglich ist, so Erhabenes zu begreifen, und
wollen es schon als einen Gewinn aus unserer Untersuchung betrachten,
wenn wir gerade infolge der Unmöglichkeit, das Gesuchte zu ergründen,
einigermaßen eine Ahnung von der unendlichen Größe des Gesuchten
bekommen. Je mehr wir aber einsehen, daß jenes Gut über unser
Erkenntnisvermögen erhaben ist, desto höher wollen wir auch die Trauer
darüber in uns steigern, daß das Gut, von dem wir getrennt sind, von
solcher Beschaffenheit und Hoheit ist, daß wir es nicht einmal mit
unseren Gedanken erschließen können.
IV.
An diesem Gute, das alle Fassungskraft übersteigt, hatten wir Menschen
einst Anteil, und in solchem Maße fand es sich auch in unserer Natur,
daß jene Menschheit, die da in getreuester Nachahmung nach dem Urbilde
geschaffen war, eine Änderung erfahren zu haben schien. Denn was wir
jetzt an jenem Urbilde auf dem Wege des Glaubens erkennen, das alles
befand sich auch einstens im Menschen:
Unverweslichkeit, Glückseligkeit, Bedürf nislosigkeit, Unabhängigkeit,
Schmerzlosigkeit und Mühe losigkeit des Lebens, Unterhaltung mit
göttlichen Dingen und die Gabe, mit offenem, von jeder Täuschung freiem
Geiste das Gute zu sehen. Dies alles lehrt uns in wenigen Worten der
Bericht über die Weltschöpfung, indem er darlegt, daß der Mensch nach
dem Ebenbilde Gottes geschaffen worden sei, im Paradiese lebte und in
dessen Erzeugnissen schwelgte; die Frucht der paradiesischen Bäume und
Pflanzen war Leben, Erkenntnis und andere ähnliche Güter. Da wir all
diese Vorzüge besaßen, wie ist es da möglich, wenn wir unser
gegenwärtiges Elend mit der damaligen Glückseligkeit vergleichen, nicht
über unseren tiefen Fall zu trauern? Das Hohe ist erniedrigt, das
Ebenbild des Himmlischen ward der Erde verwandt. Was zum Herrschen
bestimmt war, zum Sklaven gemacht, was zur Unsterblichkeit geschaffen
war, dem Tode preisgegeben; was in Paradieses Freuden lebte, wurde in
dieses Land voll Krankheit und Mühsal verbannt; was den Vorzug haben
sollte, von jeder Leidenschaft frei zu sein, hat dafür ein Leben
eingetauscht, das angefüllt ist mit Leidenschaften heftigster Art; was
sich voller Freiheit erfreute, schmachtet unter der Gewalt vieler
Tyrannen. Denn jede Leidenschaft wirft sich, wenn sie die Oberhand
gewonnen hat, zum Zwingherrn über den auf, der sich ihr einmal
unterwarf. Und sobald sie die Burg der Seele eingenommen hat, läßt sie
jeden, der ihr gehorcht, durch seine eigenen Untergebenen knechten, in
dem sie des Menschen Getanken und Entschlüsse nach ihrem Gutdünken
mißbraucht. So verfährt der Zorn, so die Furcht, die Feigheit, die
Unbotmäßigkeit, die Leidenschaft des Schmerzes und der Lust, Haß, Zank,
Unbarm herzigkeit, Härte, Neid, Schmeichelei, Rachgier,
Gleichgültigkeit und all die Leidenschaften, die in unserem Innern
kämpfen und streiten, eine ganze Menge von Gebietern und Tyrannen, die
vermöge der Macht, die ihnen zur Verfügung steht, die Seele wie eine
Kriegsgefangene zur Sklavin machen.
Und wenn wir noch dazu die Mißgeschicke des Leibes in Erwägung ziehen,
die mit unserer Natur so innig verbunden sind, ich meine, die
verschiedenartigen Krankheiten, die das Menschengeschlecht im Anfang
nicht kannte, so werden wir noch viel reichlicher Tränen vergießen, da
wir bei einem Vergleich deutlich sehen, daß an Stelle der Freude das
Leid, an die Stelle des Guten das Böse getreten ist.
Diese Lehre scheint der Herr mit seiner Seligpreisung der Traurigkeit,
wenn auch etwas verborgen, zu verkünden, indem er jene Traurigkeit
meint, die da bewirkt, daß die Seele das wahre Gute voll Sehnsucht im
Auge behalte und sich nicht in die Täuschungen des gegenwärtigen Lebens
hinabziehen lasse. Denn beides ist unbestreitbar: wer einerseits die
Dinge dieser Welt richtig beurteilt, kann nicht ohne Tränen leben; wer
andererseits in den Lüsten dieses Lebens versinkt, von dem kann man
nicht annehmen, daß er trauere. Letzteres beweisen auch die
unvernünftigen Tiere; diese befinden sich zwar von Natur aus in einem
bedauernswerten Zustand - denn was ist jammervoller, als der Vernunft
beraubt zu sein? - aber ein Gefühl ihres Unglücks haben sie nicht.
Vielmehr verläuft ihr Leben in einer gewissen Freude: das Pferd ist
voll Übermut, der Stier tummelt sich, daß der Staub auffliegt, das
Schwein sträubt seine Borsten, die jungen Hunde scherzen, die Kälber
hüpfen. Jedes Lebewesen kann auch durch mancherlei Zeichen seine Freude
ausdrücken. Hätten sie jedoch eine Ahnung von der Vernunft, die sie
entbehren, sie verbrächten ihr stumpfes, niedriges Leben nicht in
Freude. So ist es auch bei den Menschen: solange sie die kostbaren
Güter, deren wir nunmehr beraubt sind, nicht kennen und würdigen,
überlassen sie sich ganz der Freude an dem gegenwärtigen Leben. Wer
sich aber mit der Freude an der irdischen Gegenwart zufrieden gibt,
kennt folgerichtig kein Streben nach Höherem. Wer aber nicht strebt,
wird auch nicht finden, was nur dem Strebenden beschert wird. Deshalb
also preist das Wort Gottes die Traurigkeit selig, nicht als ob es
diese um ihrer selbst willen für beseligend halten würde, sondern wegen
des Segens, der aus ihr erwächst.
V.
Der Zusammenhang beweist, daß das Trauern im Hinblick auf die Tröstung
seliggepriesen wird; denn es heißt: "Selig sind die Trauernden; denn
sie werden getröstet werden." Dieses Verständnis besaß bereits, wie es
scheint, im voraus der große Moses - oder vielmehr das Wort, das durch
ihn die geheimnisvollen Anordnungen für die Paschafeier traf. Er
schrieb nämlich ungesäuertes Brot für die Festtage vor und als Zukost
bitteren Lattich. Aus solchen Andeutungen sollen wir lernen, daß wir an
dem Paschafest nur dann Anteil haben, wenn wir die Bitterkeiten des
Lebens mit einem lauteren, sozusagen ungesäuerten Wandel verbinden. Aus
dem glechen Grund mischt auch der große David, obgleich er mit dem
höchsten Maße irdischen Glückes, d.i. mit der Königswürde, ausgestattet
war, reichlich Bitterkeiten in sein Leben, indem er seufzend,
wehklagend und weinend über die Verlängerung seines Aufenthaltes im
Fleische und erfüllt von heißer Sehnsucht nach dem Lande da droben
ausruft: "Wehe mir, daß mein Aufenthalt verlängert wird" (Ps. 120, 5).
Und unverwandten Auges auf die Schönheit der himmlischen Hütten
blickend, sagt er anderswo, er vergehe vor Sehnsucht, weil er es für
vorzüglicher halte, dort unter die Letzten zu gehören, als in dieser
Welt der Erste zu sein (Ps. 83, 11).
Wenn aber jemand den wahren Begriff der seliggepriesenen Traurigkeit
finden will, so betrachte er sie in der Erzählung von Lazarus und dem
Reichen. In derselben wird uns die vorgetragene Auffassung noch klarer
verkündet. Abraham sagt nämlich zum Reichen: "Erinnere dich, daß du
viel Gutes in deinem Leben empfangen hast, ebenso wie Lazarus viel
Schlimmes. Darum wird dieser getröstet, du aber gepeinigt." (Luk. 16,
25). Das ist billig, nachdem ein unberatener oder richtiger: ein
übelberatener Sinn uns von dem Plane, den Gottes Güte mit uns vorhatte,
weit entfernt hat. Nach Gottes Willen sollten wir nämlich nur das Gute
ohne jegliches Schlimme genießen, das Schlimme aber nicht zugleich mit
dem Guten verkosten; da wir jedoch mit freiem Entschluß, verleitet von
unserer Gier, vom Gegenteil, d.h. vom Ungehorsam gegen das göttliche
Gebot, kosteten, so muß der Mensch in beide Zustände geraten und sowohl
an Leid als auch an Freud seinen Anteil bekommen.
Da es nun zwei Welten gibt und ein zweifaches Leben in jeder dieser
Welten und demgemäß auch eine doppelte Freude, die eine in dieser Welt,
die andere in jener, die uns nach unserer Hoffnung in Aussicht steht,
so ist es wohl als Seligkeit zu betrachten, wenn man seinen Anteil an
der Freude sich in den wahren Gütern der Ewigkeit sichern will, seine
Schuldigkeit aber im Ertragen von Leid in diesem kurzen, vergänglichen
Leben auf sich nimmt. Dem entsprechend wird man es für einen Verlust
ansehen, in diesem Leben nicht manche Freuden zu entbehren, sondern
gerade durch deren Vollgenuß einstens der höheren Güter verlustig zu
gehen. Wenn es also seligzupreisen ist, in unendlichen Ewigkeiten eine
unbegrenzte und immerdar dauernde Freude zu genießen, die Menschen aber
auch das Gegenteil kosten müssen, so ist der Sinn des Ausspruches wohl
klar und leicht einzusehen, war-um jene selig sind, welche jetzt
trauern; denn sie werden für ewige Zeit getröstet werden.
Der Trost aber entspringt aus der Gemeinschaft mit dem Tröster; denn
die Gabe des Trostes ist eine besondere Wirkung des Heiligen Geistes.
Mögen auch wir derselben gewürdigt werden durch die Gnade unseres Herrn
Jesus Christus, welchem Ruhm sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
(aus "Bibliohek der Kirchenväter" Bd. 56, München 1927: "Des heiligen Bischofs Gregor von Nyssa Schriften", S.173-182)
|