Wenn Glaubenssubstanz schwindet
ALLENSBACH (DT/idea). Die Meingsforscherin Renate Köcher vom Institut
für Demoskopie Allensbach hat weit verbreiteten Analysen der
Kirchenaustritte widersprochen. Die Erhebungen stünden im Gegensatz zur
Meinung, daß Kirchenaustritte vor allem Ausdruck des Protestes gegen
die Sexualmoral der katholischen Kirche seien oder sich gegen
kirchliche Verlautbarungen wendeten, die als bevormundend empfunden
würden.
Auch die These, daß die Erosion vor allem die Institution Kirche, aber
nicht die individuelle Religiosität betreffe, halte einer Überprüfung
nicht stand. Vielmehr sei Ursache der Lockerung kirchlicher Bindungen
ein Verlust an religiöser Substanz. Auch die Kirchen verweltlichten
immer mehr. "Der Glaube wird unsichtbar", schreibt Frau Köcher in der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Allein die konfessionellen
Unterschiede bei den Austritten zeigten, daß der Protest gegen die
katholische Kirche nicht die entscheidende Rolle spiele.
Nach den jüngsten Zahlen kehrten 1992 in Deutschland 361 000
Protestanten und 193 000 Katholiken ihrer Kirche den Rücken - und das
bei nur wenig unterschiedlichem Mitgliederstand: die katholische Kirche
umfaßt 28,1 Millionen, die evangelische Kirche 28,9 Millionen
Mitglieder. 39 Prozent aller Protestanten, aber nur 21 Prozent der
Katholiken hätten bereits einen Austritt erwogen, wobei nur der
katholische Anteil heute geringer sei als vor drei Jahren.Das Empfinden
der Kirchen, die Nachhut der gesellschaftlichen Entwicklung zu bilden,
spiegle sich in der Meinung der Bürger wieder, heißt es weiter. Auf die
Frage nach der künftigen Bedeutung der Kirche antworteten 38 Prozent
der Protestanten und 37 Prozent der Katholiken, sie werde weniger
wichtig werden. Das Ergebnis bei einer Befragung Konfessionsloser lag
bei 43 Prozent. Eine wachsende Bedeutung bescheinigten ihr neun Prozent
der evangelischen und vierzehn Prozent der katholischen
Kirchenmitglieder. Von befragten Konfessionslosen gaben fünf Prozent
diese Antwort. Der Rest meinte, es werde sich nichts ändern, oder
wollte überhaupt keine Prognose abgeben.
Unverändert besteht Frau Köcher zufolge ein enger Zusammenhang zwischen
kirchlicher Bindung und individuellem Glauben. In Bevölkerungskreisen
mit engen Bindungen zur Kirche hielten sich 96 Prozent für religiös,
von den Distanzierten aber ganze sechzehn Prozent. 54 Prozent der
westdeutschen und 21 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung bezeichneten
sich als religiös.
Beunruhigen müßte die Kirchen nach Ansicht von Frau Köcher, daß die
meisten ihrer Mitglieder vor allem Wert darauf legen, Feiern einen
würdigen, kirchlichen Rahmen zu geben. Die Bedeutung der Kirchen als
religiöser Heimat habe sich im umgekehrten Verhältnis zur Übernahme
sozialer und poli-tischer Verantwortung entwickelt. Frau Köcher sagte:
"Die große Versuchung für beide Kirchen ist heute, sich auf die
gesellschaftlich akzeptierten Aufgaben zu konzentrieren und ihren
eigentlichen Auftrag zu vernachlässigen".
Zudem sei dem modernen Christentum missionarischer Eifer völlig fremd.
Zwar berichteten 42 Prozent der Bevölkerung davon, in den letzten
Jahren auf ihren Glauben angesprochen worden zu sein. Doch handle es
sich in nahezu jedem zweiten Fall um Zeugen Jehovas und nur bei einer
verschwindenden Minderheit um Katholiken oder Protestanten. (DT vom
8.4.95)
Anmerkung: Hier werden Beobachtungen einer Meinungsforscherin
widergegeben, die - ohne die theologischen Inhalte geprüft zu haben -
zu ähnlichen Ergebnissen kommt wie wir auch: die religiöse Krise, die
selbstverständlich nicht auf Deutschland beschränkt ist, ist auch nach
diesen demoskopischen Erhebungen ein Zerfallsprodukt im Zusammenhang
mit der Aufgabe ihrer eigentlichen Bestimmung.
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