"ERSCHEINUNG DES HERRN"
vom
hl. Leo d.Gr., Papst von 440-461
Geliebteste!
1. Die Erinnerung an die vom Erlöser des Menschengeschlechtes
vollbrachten Dinge bringt uns dann reichlichen Nutzen, wenn wir uns
das, was wir gläubig verehren, auch zur Nachahmung vor Augen halten.
Denn die verschiedenen Geheimnisse Christi sind einerseits Wirkungen
der Gnade, andererseits ein Ansporn, seinem Beispiele nachzueifern, auf
daß wir dem in unseren Werken folgen, den wir mit gläubigem Sinne
bekennen. Schon die Kindesnatur, die der Sohn Gottes durch seine Geburt
aus seiner jungfräulich bleibenden Mutter annahm, belehrt uns, wie wir
in der Frömmigkeit Fortschritte machen können. Offenbart sich ja den
Rechtgläubigen in ein und derselben Person gleichzeitig menschliche
Niedrigkeit und göttliche Majestät. Ihn, den uns die Krippe als Kind
zeigt, bekundet der Himmel, und alles was in ihm ist, als seinen
Schöpfer. Der kleine Knabe ist der Herr und Lenker der Welt. Und jenen,
für den es keine Grenzen gibt, umschließt der Schoß eines Weibes. Aber
gerade darin besteht die Heilung von unseren Wunden und die Aufrichtung
von unserem Falle; denn ohne die Vereinigung solcher Gegensätze hätte
eine Aussöhnung des Menschen mit Gott nicht stattfinden konnen.
2. Für unsere Lebensführung bildet also das Erlösungswerk die
Richtschnur. Und unser sittliches Verhalten hat an jenem ein Vorbild,
der den (in Sünden) Erstorbenen die Rettung brachte. Darum war es auch
ganz in der Ordnung, daß die drei Weisen, als sie der Glanz des
neuerschienenen Sternes zur Anbetung Jesu geführt hatte, den Herrn
nicht sahen, wie er bösen Geistern gebot oder Tote zum Leben erweckte,
wie er Blinde sehend und Lahme gehend machte, wie er den Stummen die
Sprache wieder gab oder in sonstigen Werken seine göttliche Kraft
offenbarte. Nein, sie sollten ihn sehen als stilles und friedliches
Kind, über das die besorgte Mutter wachte, an dem keinerlei Spur seiner
Macht zu entdecken wäre, an dem sich nur eine wunderbar große Demut
zeigte. Gerade die besondere Art seiner heiligen Kindheit, zu der sich
Gott, der Sohn Gottes, herbeigelassen hatte, führte uns also bereits
vor Augen, was später unseren Ohren gepredigt werden sollte, auf daß
wir schon durch das Gesehene lernten, was das Wort noch nicht zum
Ausdruck brachte. Hatte doch der ganze Sieg des Erlösers, der den Satan
und die Welt bezwang, seinen Anfang und sein Ende in der Demut. Mit
Verfolgung begannen und mit Verfolgung schlossen seine von ihm
festgesetzten Lebenstage. Es fehlte weder dem Kinde die Geduld zu
leiden, noch dem, der zu leiden entschlossen war, die Sanftmut des
Kindes; denn auf ein und dieselbe Erniedrigung seiner Majestät geht es
zurück, daß der eingeborne Sohn Gottes als Mensch zur Welt kommen
wollte und die Menschen ihn töten konnten.
3. So hat denn der allmächtige Gott unsere nur allzu schlimme
Lage einzig und allein durch seine Demut in eine gute umgewandelt und
den Tod und dessen Urheber vernichtet, indem er all die Unbilden seiner
Verfolger ruhig hinnahm und aus Gehorsam gegen seinen Vater selbst die
Grausam-keit seiner wütenden Feinde mit größter Sanftmut ertrug. Wie
groß muß da erst unsere Demut, unsere Geduld sein, da wir alle Leiden,
die uns zustoßen, nur selbst verschuldet haben! "Denn wer kann sich
rühmen, daß er ein reines Herz habe oder frei von Sünde seid?" Und wenn
der selige Jo-hannes ausruft: "Wenn wir sagen, wir hätten keine Sünde,
so führen wir uns selbst in Irrtum und die Wahrheit ist nicht in uns",
wo fände sich da jemand, der so schuldlos wäre, daß die Gerechtigkeit
nichts an ihm zu tadeln und die Erbarmung nichts zu verzeihen hätte? So
besteht denn, Geliebteste, die ganze Lehre der christlichen Weisheit
nicht in weitschweifigen Worten oder spitzfindigen Erörterungen, auch
nicht im Streben nach Ruhm und Ehre, sondern in wahrer und freiwilliger
Demut, die der Herr Jesus Christus vom Mutterschoße bis zum Tode am
Kreuze statt aller Stärke erwählt und gepredigt hat. Als sich nämlich
seine Jünger - so erzählt der Evangelist - untereinander
stritten, "wer von ihnen der größere im Himmelreiche sein würde, rief
der Herr ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sprach: Wahrlich
ich sage euch, wenn ihr euch nicht bekehrt und nicht werdet wie die
Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen. Wer immer sich
also demütigt wie dieses Kind, der ist der größere im Himmelreich."
Christus liebt also die Kleinen, deren Natur er zuerst dem Leibe und
der Seele nach annahm. Er liebt die Kleinen, da sie uns Demut lehren,
ein Vorbild der Unschuld sind und in sich die Sanftmut verkörpern. Er
liebt die Kleinen; denn auf sie weist er die Erwachsenen in ihrer
Gesinnung hin, und zu Kindern läßt er die Menschen wieder in ihren
alten Tagen werden. Und nach seinem Vorbilde erniedrigt er jene, die er
zum ewigen Reiche empor-führt.
4. Damit wir aber vollkommen zu erkennen vermögen, auf
welche Weise man zu einer solchen Umkehr kommen kann und durch welche
Änderung wir wie die Kinder werden sollen, so laßt uns darüber die
Worte des seligen Apostels Paulus hören: "Werdet nicht Kinder an
Einsicht, sondern seid Kindlein in der Bosheit". Nicht zu den
Tändeleien der Kindheit also oder zu den Unvollkommenheiten unserer
Jugendjahre sollen wir zurückkehren, sondern solche Eigenschaften aus
jener Zeit annehmen, die auch dem reiferen Alter ziemen! Schnell laßt
uns darum unseren Ärger unterdrücken und rasch die Hand zur Versöhnung
bieten! Aufhören soll jedes Nachtragen von Beleidigungen, aufhören
jedes Verlangen nach Glanz und Würde! Gerne verkehre man miteinander,
und unter allen herrsche natürliche Gleichheit! Ist es doch ein großes
Gut, niemand schaden zu können und in Ränken unerfahren zu sein; denn
auf dieser Welt gilt es als Klugheit, Unrecht zu tun und dafür Rache zu
nehmen, während sich der kindliche Charakter der christlichen
Gerechtigkeit darin offenbart, daß man niemand Böses mit Bösem vergilt.
In dieser Hinsicht den Kindern ähnlich zu werden, dazu fordert uns,
Geliebteste, das Geheimnis des heutigen Festes auf. Diese Art der Demut
legt uns der von den Weisen angebetete, im Kindesalter stehende Erlöser
ans Herz. Und um uns zu zeigen, welche Ehren er denen bereitet, die ihm
nachfolgen, verlieh er den Kleinen, die zur Zeit seiner Menschwerdung
das Licht der Welt erblickten, die heilige Würde des Martyriums. So
durften also die in Bethlehem - der Geburtsstadt Christi - geborenen
Kinder infolge ihres gleichen Alters auch sein Leiden mit ihm teilen.
Darum sollen die Gläubigen die Demut lieben und alle Überhebung meiden.
Jeder gebe dem Nächsten den Vorzug vor sich selber, und niemand suche
den eigenen Vorteil, sondern den des anderen! Und wenn so alle von dem
Streben durchdrungen sind, dem Mitmenschen Gutes zu tun, dann wird man
in niemand mehr das Gift des Neides finden; "denn wer sich selbst
erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht
werden." So bezeugt es unser Herr Jesus Christus selber, der mit dem
Vater und dem Heiligen Geiste lebt und waltet als Gott in Ewigkeit.
Amen.
(aus "Bibliohek der Kirchenväter" Bd. 54, München 1927, "Des heiligen
Papstes und Kirchenlehrers Leo des Großen sämtliche Sermonen", I. Teil,
S.180-184, übersetzt von Dr. Theodor Steeger) |