Ein Skandal:
Klassischer Fall von Meinungsmanipulation
durch die Medien
PRIVAT-DEPESCHE, Nr. 8 vom 22.02.95
Neuere Befunde der Medienwirkungsforschung zeigen: Nachrichten über
Personen sind einprägsamer als Sachberichte. Negativmeldungen werden
aufmerksamer wahrgenommen als positive Informationen. Und: Die Chance
auf eine Beeinflussung der Leser, Hörer und Seher ist dann besonders
groß, wenn sie keinerlei Vorkenntnisse besitzen. Wenn alle drei
Faktoren zusammenkommen, ist die Durchschlagskraft von Medienmeinungen
auf die Bevölkerung am höchsten.
Genau dies ist - wie man jetzt untersucht hat - dem sächsischen
Justizminister Steffen Heitmann Ende 1993 zum Verhängnis geworden. Als
Präsidentschaftskandidat der Unionsparteien einstimmig nominiert, hatte
der frühere evangelische Oberkirchenrat mit seinen Äußerungen zur Rolle
der Frau als Mutter, zur Ausländerpolitik und zum Umgang mit der
NS-Vergangenheit einen Sturm der Entrüstung in großen Teilen der
veröffentlichten Meinung der Bundesrepublik entfacht. Als Kritik und
Häme schließlich auch aus seiner eigenen Partei und seiner Kirche
kamen, gab Heitmann seine Kandidatur auf.
Dies entsprach durchaus der Mehrheitsstimmung in der Bevölkerung. Auf
eine Allensbacher Um-frage über Heitmanns Eigenschaften wurden in West
und Ost gleichermaßen am häufigsten die Negativurteile unterstützt. Der
sei "unsympathisch", "unsicher", "altbacken" und habe ein "überholtes
Frauenbild".
An anderer Stelle im Fragebogen hatten die Meinungsforscher Heitmanns
umstrittene Äußerungen in wörtlichem Zitat, aber anonym zur Abstimmung
gestellt:
1.Wenn jemand sagt: "Die Leistung der Frau als Mutter muß wieder höher bewertet werden" -
Sehen Sie das auch so, oder sind Sie nicht dieser Meinung? - "Das sehe
ich auch so", erklärten 78 %; "Bin nicht dieser Meinung" 11 %.
2.Wenn jemand zum Thema Ausländer in Deutschland sagt: "Man muß die
Überfremdungsängste der Bürger ernst nehmen und auch so nennen dürfen"
- Sehen sie das auch so, oder sind Sie nicht dieser Meinung? - "Das
sehe ich auch so", erklärten 64 %; die Gegenmeinung vertrat nur jeder
Vierte.
3. Hier haben wir einmal eine Meinung zur deutschen Vergangenheit
aufgeschrieben. Wenn Sie das bitte einmal lesen, wie bewerten Sie diese
Meinung? Finden Sie das richtig, was da gesagt wurde, oder sind Sie
nicht damit einverstanden? "Ich glaube, daß der organisierte Tod von
Millionen Juden in Gaskammern tatsächlich einmalig ist - so wie es
viele historisch einmalige Vorgänge gibt. Ich glaube aber nicht, daß
daraus eine Sonderrolle Deutschlands abzuleiten ist bis ans Ende der
Geschichte. Es ist der Zeitpunkt gekommen - die Nachkriegszeit ist mit
der Deutschen Einheit endgültig zu Ende gegangen -, dieses Ereignis
einzuordnen, aber um Gottes Willen nicht wegzulegen!" - "Finde ich
richtig", antworteten 71 %; Bin nicht damit einverstanden" 12 %.
Offenkundig drückte Steffen Heitmann also mit seinen angeblich
"skandalösen" Äußerungen die Meinung der Bevölkerungsmehrheit aus.
Trotzdem machte er sich dank der Medien damit in der Öffentlichkeit so
unbeliebt, daß er als Präsidentschaftskandidat nicht mehr zu halten
schien. Obwohl eine große Mehrheit seinen Aussagen zustimmte, als sein
Name nicht dabeistand, antworteten nur 19% der Bundesbürger auf eine
weitere Frage, Heitmann spreche aus, "was viele Leute wirklich denken".
Gleichzeitig unterstützte nur jeder fünfte Westdeutsche und jeder
siebte Ostdeutsche die Aussage: "In den Medien läuft zur Zeit eine
regelrechte Kampagne gegen Heitmann" und der CDU-Politiker werde
"unfair behandelt". Die Mehrheit sah dies nicht so, bei einer
allerdings großen Zahl Unentschiedener (30 %).
Der "Fall Heitmann" erweist sich somit als klassischer Fall der
Manipulation einer Bevölkerungsmehrheit durch eine Minderheit von
"Meinungsführern" (unterstützt durch den ehemaligen Bundespräsidenten
v. Weizsäcker, Anm.d.Red.) in den Medien. Diese ordnen sich nach der
neuesten Jour-nalistenstudie gerade noch zu zehn Prozent als
"konservativ" oder "christlich-demokratisch" ein und bekennen sich zu
fast drei Vierteln als "linksliberal" (21 %), "liberal" (19 %),
"sozialdemokratisch" (17 %), "grün-alternativ" (10 %) oder
"sozialistisch" bzw. "kommunistisch" (4 %). Beim gleichzeitig
bekundeten missionarischen Eifer und elitären Selbstbewußtsein sowie
mangelnder Unterstützung für das Objektivitäts-Postulat ist die Wirkung
auf Berichterstattung und Kommentierung von Politik
unausweichlich.
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