PREDIGT ÜBER DIE VIERZIGTÄGIGE FASTENZEIT
vom
hl. Leo d.Gr., Papst von 440-461
Geliebteste!
1. Welch geeigneteren Ausgangspunkt könnte ich für meine Predigt über
das hochheilige und so wichtige Fasten wählen als die Worte des
Apostels, durch dessen Mund Christus selber sprach, als die Worte, die
vor euch verlesen wurden: "Sehet, jetzt ist die gnadenreiche Zeit,
sehet, jetzt sind die Tage des Heils!" (Kor. 6,2) Stets bedenkt uns
Gott mit seinen reichsten Gaben, und immer finden wir durch seine Gnade
Gelegenheit, zu seiner Barmherzigkeit unsere Zuflucht zu nehmen. Jetzt
aber müssen sich alle von noch größerem Eifer für ihre geistige
Vervollkommnung leiten lassen, muß ein noch stärkeres Vertrauen ihre
Herzen beseelen. Legt uns doch die Wiederkehr unseres Erlösungstages
die Übung aller frommen Werke ans Herz, damit wir das Geheimnis des
Leidens unseres Herrn, das alle anderen überragt, mit reinem
Leibe und mit reiner Seele feiern. Freilich sollten wir jenen so
wunderbaren Vorgängen (unserer Heilsgeschichte) eine solch
ununterbrochene Hingabe, eine solch beständige Verehrung
entgegenbringen, daß wir vor den Augen Gottes immer so dastünden, wie
wir geziemenderweise am Osterfeste erscheinen müssen. Weil aber eine
derartige Festigkeit (im Wollen) nur wenigen eigen ist, weil selbst
jener, der seine religiösen Pflichten strenger erfüllt, unter der
Hinfälligkeit des Fleisches erlahmt und sich endlich die Sorge unseres
Erdenlebens auf verschiedene Gebiete erstreckt, so kann sich auch das
Herz des Frommen vom Schmutze dieser Welt nicht frei erhalten. Darum
sollten uns nach einer gar heilsamen Bestimmung der göttlichen
Vorsehung vierzigtägige Exerzitien dazu verhelfen, die Reinheit der
Seele wiederzugewinnen, um die zu anderen Zeiten begangenen Sünden
nunmehr durch frommeWerke zu tilgen und durch ein züchtiges Fasten
auszu-merzen.
2. Laßt uns also, Geliebteste, beim Eintritt in die
geheimnisreiche, durch das Sühnemittel des Fastens geheiligte Zeit
dafür sorgen, den Weisungen des Apostels nachzukommen, "indem wir uns
von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes reinigen"! (Kor.7,1)
Laßt uns das Ringen, das zwischen den beiden Bestandteilen des Menschen
stattfindet, in die rechten Bahnen leiten, damit die Gott unterstellte
Seele, der die Führung des Leibes zukommt, ihre würdevolle herrschende
Stellung behaupte! Niemand wollen wir Grund zum Ärgernisse geben und
uns keinen Tadel unserer Gegner zuziehen. Werden ja die Ungläubigen mit
Recht über uns herfallen und die Zungen der Gottlosen un-sere Fehler
als Waffe zur Verunglimpfung des Glaubens gebrauchen, wenn das
sittliche Verhalten des Fastenden mit der Reinheit einer vollkommenen
Beherrschung (aller Triebe) im Widerspruche steht. Liegt doch die ganze
Bedeutung unseres Fastens nicht in einer bloßen Enthaltung von Speise,
ist es doch nutzlos, dem Leibe seine Nahrung zu entziehen, wenn sich
nicht auch unser Herz von aller Ungerechtigkeit abwendet (bis hierher
wurde diese Predigt mit einer kleinen Änderung am Anfang des 2.
Kapitels in das Brevier aufgenommen. Dom. I. Quadrag. in II. Noct.
Lect. IV-VI.) und sich nicht unsere Zunge vor Verleumdung hütet. Eine
Einschränkung unserer Freiheit im Essen muß auch eine Zurückdämmung
unserer anderen Begierden aus demselben Gesichtspunkte zur Folge haben.
Jetzt ist die Zeit, in der Sanftmut und Geduld, Friede und Ruhe bei uns
einkehren sollen, in der wir jede sündhafte Befleckung von uns
fernhalten und uns alle Tugenden dauernd zu eigen machen müssen. Jetzt
möge sich der Starkmut der Frommen daran gewöhnen, Verfehlungen zu
verzeihen, Kränkungen unbeachtet zu lassen und Beleidigungen zu
vergessen! Jetzt muß sich der Gläubige üben, "mit den Waffen der
Gerechtigkeit zum Angriff und zur Verteidigung." (Kor. 6,7)
Inmitten von Ruhm und Geringschätzung, von böser und guter Nachrede
soll er auf diese Weise sein sicheres Gewissen und seinen
unerschütterlichen Rechtssinn frei halten von Dünkelhaftigkeit, wenn
man ihm Anerkennung zollt, und frei von Erschlaffung, wenn der Tadel
seine Stimme erhebt. Nicht Trübseligkeit, sondern Heiligkeit sei der
Grundzug gottesfürchtiger Demut! Auch soll man von jenen keine
murrenden Klagen hören, die stets in heiligen Freuden Trost finden
können. Bei der Ausübung mildtätiger Werke fürchte man nicht, an seinen
weltlichen Gütern Einbuße zu erleiden! Stets ist die christliche Armut
reich, weil da, was sie hat, mehr ausmacht, als das,was ihr abgeht.
Auch be-sorgt der nicht, auf Erden Not zu leiden, dem es gegeben ist,
im Herrn aller Dinge sein ganzes Hab und Gut zu erblicken. Wer also
Gutes tun will, dem braucht nicht im geringsten für eine Aufbringung
der dazu erforderlichen Mittel bange zu sein, da auch an der nur zwei
Heller betragenden Gabe der Witwe im Evangelium der Opfersinn gerühmt
wurde (vgl. Mark. 12,42 ff.; Luk. 21,1 ff.) und selbst derjenige, der
uneigennützigerweise einen Becher frischen Wassers reicht, nicht
unbelohnt bleiben soll. (Vgl. Matth.10,42; Mark.9,40) Bildet doch die
Gesinnung der Frommen den Gradmesser für das Maß ihrer Liebeswerke. Nie
wird dem die Möglichkeit fehlen, Erbarmung zu üben, dem nicht die
Barmherzigkeit selber fremd ist. So war es mit der heiligen Witwe von
Sarepta, die dem seligen Elias bei einer Hungersnot ihre ganze, nur
noch für einen einzigen Tag reichende Speise vorsetzte, und ohne zu
zögern das wenige Mehl und die paar Tropfen Öl, die sie noch hatte,
hergab, weil es ihr mehr darum zu tun war, den Hunger des Propheten zu
stillen, als ihre eigenen notwendigen Bedürfnisse zu befriedigen. Aber
dennoch gebrach es ihr nicht an dem, was sie so zuversichtlich
spendete: Aus den Gefäßen, die sie zu jenem frommen Zwecke geleert
hatte, entquoll für sie neuer Segen. Infolge des heiligen Gebrauches,
den sie von ihrer Habe machte, besaß sie immer die Dinge in Fülle, die
sie nicht zu verlieren gefürchtet hatte.
3. Zweifelt nicht daran, Geliebteste, daß diese
frommen Übungen, zu denen ihr, wie ich zuversichtlich glaube, gerne
bereit seid, dem Satan, dem Feinde aller Tugenden, ein Dorn im Auge
sind! Zweifelt nicht daran, daß er die ganze Kraft seiner Bosheit
aufbietet, um der Frömmigkeit in der Frömmigkeit selber eine Schlinge
zu legen und jenen, die er nicht durch Kleinmut zu Fall bringen konnte,
durch eitles Prahlen beizukommen. Richtiges Handeln verführt gar leicht
zur Sünde des Hochmuts, und stets liegt für die Tugendhaftigkeit die
nächste Gefahr in der Selbstüberhebung. Denn es ist schwer, beim Lobe,
das die Menschen einem guten Lebenswandel zollen, unempfindlich zu
bleiben, sofern man sich nicht nach dem Worte der Schrift "bei seinem
Rühmen im Herrn rühmt." (2 Kor. 10,17) Wo gäbe es jemand, dessen
Vorsatz jener so nichtswürdige Feind nicht zu bekämpfen wagte? Wessen
Fasten sollte er nicht zu schädigen suchen, da er nicht einmal, wie ihr
aus dem verlesenen Abschnitte des Evangeliums wißt (Matth. 4,1-11), die
Person des Welterlösers mit seinen listigen Anschlägen verschonte?
Entsetzt über sein vierzig Tage und vierzig Nächte dauerndes Fasten,
wollte er in listigster Weise auskundschaften, ob der Herr eine solche
Enthaltsamkeit der göttlichen Gnade zu verdanken habe oder aus sich
selber übe. Darum fürchtete er auch keinen Mißerfolg seines tückischen
Beginnens wenn Christus wirklich das Wesen dessen besäße, dessen Körper
er besitzt. So suchte er denn zunächst voll Arglist zu erforschen, ob
Jesus der Schöpfer aller Gebilde ist, der die Natur der Dinge beliebig
umgestalten könnte. Zweitens gedachte er zu ergründen, ob sich in dem
sichtbaren menschlichen Leibe die Gottheit verborgen halte für die es
eine Leichtigkeit wäre, ihren Weg durch die Luft zu nehmen und sich in
irdischer Gestalt durch diesen leeren Raum zu schwingen. Allein der
Herr wollte ihm lieber nach dem Grundsatze der Gerechtigkeit die wahre
menschliche Natur entgegenstellen als seine göttliche Macht offenbaren.
Daher verfiel der Satan drittens auf den hinterlistigen Gedanken,
jenen, bei dem kein Anzeichen überirdischer Kraft zutage getreten war,
durch Herrschbegierde zu versuchen und durch Verheißung der Reiche
dieser Welt so weit zu bringen, daß er ihn anbete. Allein die Klugheit
des Teufels wurde durch Gottes Weisheit zur Torheit, so daß der stolze
Feind gerade durch das gebunden wurde, (d.h. durch die menschliche
Natur - "ut superbus hostis de eo, quod quondam ligaverat, ligaretur.")
was er einst gebunden hatte, und sich nicht scheute, den zu verfolgen,
der für die Welt getötet werden mußte.
4. Laßt uns daher vor den Anschlägen dieses Gegners auf
der Hut sein, nicht allein bei den Genüssen, die unserem Gaumen reizen,
sondern auch bei unserem Vorsatze, Enthaltsamkeit zu üben! Er, der es
verstanden hat, dem Menschengeschlechte durch die Speise den Tod zu
bringen, weiß auch durch das Fasten selber zu schaden. Wie er einst
dazu verführte, Verbotenes zu nehmen, so verleitet er jetzt durch seine
Werkzeuge, die Manichäer, zu entgegengesetzter Sünde, nämlich dazu,
Erlaubtes zu meiden. Natürlich nützt eine enthaltsame Lebensweise, die
an wenig Nahrung gewöhnt ist und jedes Verlangen nach auserlesenen
Gerichten zurückweist. Wehe aber der Lehre derjenigen, bei denen sogar
das Fasten zur Sünde wird! Verdammen sie ja die Natur der Geschöpfe, so
daß sie dadurch den beschimpfen, der diese erschaffen hat. Behaupten
sie ja, befleckt zu werden, wenn sie Dinge genössen, deren Urheber in
ihren Augen nicht Gott, sondern der Teufel ist. Und doch haftet keiner
einzigen Materie etwas Böses an und ist auch das Böse selbst nirgends
auf der Welt verkörpert. Alles ist aus der Hand des guten Schöpfers gut
hervorgegangen. ("Omnia bona auctor instituit.") Auch gibt es nur
einen, auf den sämtliche Dinge zurückgehen, ihn, "der Himmel und Erde
gemacht hat, das Meer und alles, was darin ist." (Ps. 146, 6; Apg.
14,14) Was nur immer davon dem Menschen zur Stillung seines
Hungers und Durstes gewährt wurde, ist nach Art und Herkunft rein und
heilig. Wenn man freilich diese Gaben gierig und maßlos genießt, so
liegt in dem "Zuviel" das Entehrende für die der Völlerei und
Trunksucht Frönenden. An sich aber erzeugen Speise und Trank keinerlei
Befleckung. Sagt doch der Apostel: "Den Reinen ist alles rein, den
Befleckten aber und Ungläubigen ist nichts rein, sondern befleckt ist
ihr Sinn und ihr Gewissen". (Tit. 1,15)
5. Machet dagegen ihr, Geliebteste, als fromme
Kinder euerer Mutter, der katholischen Kirche, die ihr durch den Geist
Gottes in der Schule der Wahrheit unterrichtet wurdet, von euerer
Freiheit einen (dieser Stellung) entsprechenden weisen Gebrauch! Wißt
ihr doch, daß es gut ist, sich auch des Erlaubten zu enthalten und bei
strengerer Kasteiung auch auf eine Unterscheidung der Speisen zu
achten, jedoch nur so, daß man sich ihres Genusses enthält, nicht aber
ihre Natur verdammt. Laßt euch daher nicht im geringsten von der
Irrlehre jener anstecken, die sich gerade durch ihr Fasten am
allermeisten beflecken, "indem sie mehr dem Geschöpfe als dem Schöpfer
dienen!" (Röm. 1,25) Den Gestirnen des Himmels bringen sie
törichterweise ihre Enthaltsamkeit dar, indem sie zu Ehren der Sonne
und des Mondes den ersten und zweiten Tag nach dem Sabbat zum Fasten
auserkoren. Durch diesen einen widersinnigen Brauch machen sie sich in
doppelter Beziehung der Gottlosigkeit und der Entweihung schuldig,
("Bis impii, bia profani") da sie in dieser Anordnung, sich der Speise
zu enthalten, ihre Verehrung für die Sterne und ihreVerachtung der
Auferstehung unseres Herrn zum Ausdruck bringen wollen. Die
geheimnisvolle Erlösung der Menschen weisen sie zurück und glauben
nicht, daß Christus, unser Herr, im wahren Fleische unserer Natur zur
Welt kam und wahrhaft gelitten hat, daß er wirklich ins Grab gelegt
wurde und wirklich auferstanden ist. Aus diesem Grunde bestimmen sie
auch (den Sonntag), den Tag unserer Freude, zu ihrem Fast- und
Trauertage. Da sie zur Verdeckung ihres Unglaubens auch bei unseren
Zusammenkünften zu erscheinen wagen, so benehmen sie sich bei der
allgemeinen Teilnahme an den Sakramenten folgendermaßen: Damit sie ja
(als Häretiker) unentdeckt bleiben könnten, genießen sie bisweilen
unwürdig den Leib des Herrn, verschmähen es aber völlig, das Blut
unserer Erlösung zu trinken.( Der Genuß des Weines war den Manichäern
verboten) Dies tun wir auch, fromme Zuhörer, deshalb zu wissen, daß ihr
derartige Leute an den angegebenen Merkmalen erkennt, und damit die auf
sakrilegischer Heuchelei Ertappten durch priesterliche Gewalt aus der
heiligen Gemeinde ausgeschlossen werden. Gegen solche Menschen richten
sich die Mahnworte des seligen Apostels Paulus, die er in fürsorglicher
Weise der Kirche Gottes zuruft: "Wir bitten euch aber, Brüder, daß ihr
euch in acht nehmt vor denen, die Streitigkeiten und Bedenklichkeiten
erheben wider die Lehre, die ihr gelernt habt. Haltet euch fern von
ihnen! Denn dergleichen Menschen dienen nicht Christus dem Herrn,
sondern ihrem Bauche, und mit süßen Worten und Schmeicheleien verführen
sie die Herzen der Arglosen." (Röm. 16,17f. 9)
6. Durch unsere Ermahnungen, die wir so oft,
Geliebteste, gegen diese fluchwürdige Irrlehre an euch gerichtet haben,
seid ihr genügend aufgeklärt. So unterzieht euch denn voll Andacht und
Frömmigkeit dem heiligen vierzigtägigen Fasten und rüstet euch, durch
Werke der Barmherzigkeit der Erbarmung Gottes würdig zu werden!
Unterdrücket den Zorn, bezwinget den Haß, liebet die Einigkeit und
wetteifert miteinander in der Übung echter Demut! Seid gegen euere
Sklaven und die euch Untergebenen gerechte Herren! Keiner von ihnen
soll im Gefängnisse oder in Banden schmachten! Aufhören soll jede Rache
und vergessen sein jede Beleidigung! Strenge verwandle sich in
Nachsicht, Erbitterung in Sanftmut und Streitsucht in Friedfertigkeit!
Ein jeder soll uns bescheiden, freundlich und gütig finden, damit unser
Fasten Gott wohlgefällig ist! Bringen wir ihm doch erst dann ein Opfer
wahrer Enthaltsamkeit und wahrer Frömmigkeit dar, wenn wir jede Bosheit
meiden. Zu dem allen leihe uns der allmächtige Gott seinen Beistand,
er, dem mit dem Sohne und dem Heiligen Geiste ein und dieselbe Gottheit
und ein und dieselbe Majestät eigen ist in Ewigkeit! Amen.
(Leo der Große, Sermo XLII - 4. Fastenpredigt - in: "Bibliothek der Kirchenväter" Bd.55, München 1927, S. 17 ff.)
***
SÄTZE, DIE NICHT IN VERGESSENHEIT GERATEN DÜRFEN:
HÄRETISCHE BESTIMMUNGEN DES SOG. II. VATIKANISCHEN KONZILS
Bezüglich der Liturgie der "getrennten Bruder" lehrt das sog.Konzil in
Art. 3 des Ökumenismusdekrets: "Auch zahlreiche liturgische Handlungen
der christlichen Religion werden bei den von uns getrennten Brüdern
vollzogen, die auf verschiedene Weise je nach der verschiedenen
Verfaßtheit einer jeden Kirche und Gemeinschaft ohne Zweifel
tatsächlich das Leben der Gnade zeugen können und als geeignete Mittel
für den Zutritt zur Gemeinschaft des Heiles angesehen werden müssen."
Danach wäre das protestantische Abendmahl ein geeignetes Mittel zum
Heil. Zweifellos steht diese Behauptung im krassen Widerspruch zu den
Aussagen des Konzils von Trient! |