DIE HEILIGE ANGELA MERICI
von
Eugen Golla
Angela Merici wurde 1474 indem an der Südseite des Gargasees gelegenen
Desenzano, das damals zur Republik Venedig gehörte, geboren. Ihre
Eltern waren einfache Leute, die ihr aber eine gute christliche
Erziehung gaben. Als sie mit 15 Jahren Waise geworden war, nahm sie und
ihre Schwester ein im benachbarten Salò wohnender Onkel auf , der den
Mädchen erlaubte, ihre von strenger Religiosität geprägte Lebensweise
fortzusetzen.Eine schwere seelische Erschütterung bedeutet für Angela
der Tod ihrer geliebten Schwester, die ohne Sakramentsempfang
verschieden war; sie fand erst die Ruhe wieder, nachdem sie die
Offengarung erhalten hatte, daß sich die Verstorbene derAnschauung
Gottes erfreuen dürfe, und sie befleißigte sich nunmehr noch eifriger
der Askese, indem sie in den Dritten Orden des heiligen Franziskus
eintrat.
Nach dem Ableben ihres Onkels kehrte sie, zwanzig Jahre alt geworden,
nach Desenzano zu ihrem Bruder zurück, wo sie, die sich bisher
hauptsächlich der Selbstheiligung gewidmet hatte, mit Werken der
christlichen Nächstenliebe begann.So entschloß sie sich, einen Verein
von Jungfrauen zu gründen, der es sich zur Aufgabe machte, die
zahlreichen armen und verwahrlosten Mädchen Desenzanos, die ohne
Unterricht aufwuchsen zu betreuen und in den Anfängen des christlichen
Glaubens sowie im Lesen und Schrieben zu unterrichten. Aufgrund einer
Einladung einer vornehmer Frau in Brescia zog sie dorthin, wo es ihr
auch gelang, langjährige Feinde miteinander zu versöhnen.
Voll Verlangen, das Heilige Land kennenzulerne, schloß sich Angela 1524
- in demselben Jahre wie der hl. Ignatus - einem Pilgerzug nach
Palästina an. Die Berichte über diese Fahrt enthalten folgende
legendären Züge: Es war ihr nicht vergönnt, die Orte, wo der Heiland
lebte und litt zu sehen, da sie eine auf natürliche Weise unerklärliche
Blindheit in der Hafenstadt Kretas bereits auf der Hinreise befiel. Als
sie aber auf der Rückfahrt in derselben Stadt vor einem wundertätigen
Kreuz flehentlich um die Wiedererlangung ihrer Sehkraft betete,
erlangte sie diese wieder.
Die durch die Renaissance-Päpste geförderte Verweltlichung und
sittliche Verderbnis des Klerus und nicht minder der Beginn der
Glaubensspaltung durch Luther schufen für die Kirche eine immer
bedrohlicher werdende Lage. Doch gerade damals zeigten sich in
Rom die ersten Anzeichen einer Wendung zum Besseren: hervorragende
Geistliche und Laien errichteten Bruderschaften,die sich sowohl
religiösen Übungen als auch den Werken der christlichen Nächstenliebe
widmeten.Als daher ein päpstlichetr Kämmerer, der Angela auf ihrer
Pilgerfahrt kennengelernt hatte, ihr eine Audienz bei Papst Klemens
VIII. vermittelt hatte, zeigte dieser, der sich von dem segensreichen
Wirken dieser Bruderschaft überzeugt hatte, ein großes Interesse für
die Aufgabe, die sich Angela in Brescia gestellt hatte und er munterte
sie auf, in der Ewigen Stadt tätig zu werden. Schließlich willfahrte er
aber ihrem Wunsche, nach Brescia zurückkehren zu dürfen, wo ihre Arbeit
allerdings bald durch die italienischen Kriege unterbrochen wurde.
Dort erfolgte dann am 15.November 1535 die Krönung ihres Lebenswerkes,
die Stiftung, einer Vereinigung zur Übung der christlichen Liebe
mittels Krankenpflege und Unterweisung derJugend. Angela stellte ihre
Gründung unter das Patronat einer der volkstümlichsten Heiligen der
damaligen Zeit, der besonders in Köln verehrten hl. Ursula.
Diese religiöse Gemeinschaft sollte den jeweilligen Zeitverhältnissen
angepaßt werden können. Sie war daher geplant als eine Vereinigung von
Jungfrauen, die ohne Ablegung von Ordensgelübden weiter in ihren
Familien leben sollten, allerdings täglich die hl. Messe zu höhren und
bestimmte Gebete zu verrichten hatten. Im Jahre darauf wurde die aus 12
Kapiteln bestehende Regel vom Bischof von Verona genehmigt. Als die
Kongregation kurz dannach bereits 76 Mitglieder zählte wurde Angela als
erste vorsteherin mit dem Titel "Mutter" gewählt. Sie erlebte zwar noch
die Ausbreitung ihrer Stiftung auf ganz Brescia und Umgebung, starb
aber schon 1540 im Rufe der Heiligkeit. Begraben wurde sie in der ihr
zur Verfügung gestellten Kirche der hl. Afra in Brescia. Ihre
Seligsprechung erfolgte 1768 durch Papst Klemens xIII; Papst Pius VII.
versetzte sie 1807 unter die Heiligen und Pius IX. bestimmte als ihren
Fetstag den 31. Mai.
In ihrem Testament hinterließ die Heilige folgende Ermahnungenan ihre
Jüngerinnen: "Haltet euch im Sterben nach Vollkommenheit an den in der
Kirche üblichen Weg, wie er auf Eingebung des Heiligen Geistes duch so
viele Heilige gebahnt und erprobt wurde. Um die neuen Meinungen in
religiösen Dingen, die sich erheben oder erheben werden kümmert euch
nicht, ihr habt nichts damit zu schaffen. Aber betet und lasset beten,
damit Gott seine Kirche nicht verlasse und sie nach seinem Wohlgefallen
reformiere wie er es zu seiner größten Ehre und unserem Heile dienlich
erkennt. In diesen Zeiten der Gefahr und des Verderbens werdet ihr
nirgends eine Zuflucht finden als zu den füßen des Kreuzes. Wenn Jesus
euch leitet und belehrt, werdet ihr wohl unterwiesen sein nach den
Worten des Propheten: "Glückselig derjenige, den du unterweisest, o
Herr."
Die heilige Angela stiftete den Ursulienorden im Zeitalter der vom
Heidentum geprägten Renaissance. Um die sittliche Entartung
einzudämmen, bediente sie sich eines Mittels, das eben diese
Renaissance geschafft hatte: der Förderung der Frauenbildung. Sie
erkannte mit genialem Blick, daß nur eine solide in kirchlichem Sinne
geleiteten Erziehung die Re-Christianisierung der Familien und
gleichzeitig auch die Übernahme von geistlicher Verantwortung durch die
Frauen ermögliche.
Frühzeitig setzte sich der hl. Karl Borromäus, der die Ursulinen nach
Mailand berief, um in ihnen tatkräftige Helferinnen zu haben, für die
Seligsprechung Mutter Angelas ein. Andererseits verlangte er aber, der
sich mit besonderer Energie und Stenge für die Durchführung der
Beschlüsse des Konzils von Trient einsetzte, von den Ursulinen ein
leben in Gemeinschaft und die Ablegung der einfachen Gelübde. Wenn auch
in der Verfassung der Gründung Angelas im Laufe der Zeiten
verschiedene Veränderungen vorgenommen werden mußten, so erreichten
dennoch die Ursulinen die Beschränkung der Klausur auf ihr Chorgebet,
um so wirksamer in der Welt wirken zu können.
Benutzte Literatur:
Pastor, Ludwig: "Geschichte der Päpste", Band 12., Freiburg 1927.
Artikel "Ursula Merici" bzw. "Ursulinerinnen" in: Manns, Peter: "Die Heiligen in ihrer Zeit", 2. Bd., Mainz 1966.
Stadler, Joh. Ev.: "Vollständiges Heiligenlexokin in alphaget. Ordnung", Band 1, Augsburg 1858.
"Vies des Saints" Band 5, Paris 1947.
Wetzer und Welte: "Kirchenlexikon", Band 12, Freiburg 1901.
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