Über die Kirche - Lehre der Himmelskönigin -
von
Maria von Agreda (1602-1665)
(aus: "Leben der Jungfrau und Gottesmutter Maria", Gosheim 1980, Bd.4, S. 204 ff.)
Meine Tochter, mit tiefen Seufzern und in der Bitterkeit deiner Seele
weine darüber, daß die heilige Kirche sich gegenwärtig in so ganz
anderem Zustande befindet, als bei ihrem Beginne. O wie ist doch
verdunkelt das reinste Gold der Heiligkeit, wie ist verändert die
gesunde Farbe! (Kg. 4,1). Die alte Schönheit ist verloren, und dafür
nimmt man nun unechte Farben und trügerische Schminke, um die
Häßlichkeit und Schmach der Laster, die sie in unseliger Weise
entstellen und mit furchtbarem Greuel erfüllen, zu bedecken. Willst du
diese Wahrheit in ihrer ersten Ursache und in ihrem tiefsten Grunde
erkennen, so mußt du dich an den gewaltigen Drang erinnern, mit dem die
Gottheit ihre Güte und Vollkommenheiten den Geschöpfen mitzuteilen
geneigt ist. Nur der menschliche Wille, der kraft der ihm verliehenen
Wahlfreiheit den Strom der Gottheit aufnehmen sollte, ist imstande, ihn
aufzuhalten. Wenn der Mensch vermöge seines freien Willens den
Gnadeneinflüssen der unendlichen Güte widersteht, so tut er, menschlich
gesprochen, der unendlichen Güte Gottes und seiner freigebigsten Liebe
Gewalt an und betrübt sie. Würden dagegen die Geschöpfe die unendliche
Güte Gottes nicht aufhalten, würden sie dieselbe in ihrer ganzen Kraft
wirken lassen, dann würde der Strom der Gottheit sich in alle Seelen
ergießen und sie in höchster Fülle der Natur und der Vollkommenheiten
Gottes teilhaftig machen (2 Petr 1,4).(240)
Hieraus wirst du, meine Tochter, zwei Dinge lernen. Fürs erste wirst du
einsehen, welch großes Wohlgefallen und welch große Freude dem höchsten
Gut jene Seelen bereiten, die mit glühendem Eifer für Gottes Ehre
beseelt, durch ihre Anstrengungen und ihre Wachsamkeit ihm gleichsam
helfen, aus anderen Seelen die Hindernisse zu beseitigen, die sie durch
ihre Sünden dem Wirken Gottes entgegengesetzt haben. Denn diese Sünden
hindern den Herrn, die Seelen zu rechtfertigen und ihnen die zahllosen
Güter mitzuteilen, wie sie dieselben von der unermeßlichen Güte Gottes
zu empfangen fähig sind, und wie der Allerhöchste sie ihnen verleihen
will. Das Wohlgefallen, das Gott empfindet, wenn man ihm in diesem
Werke hilft, ist so groß, daß es in diesem sterblichen Leben nicht
begriffen werden kann. Aus diesem Grunde ist es etwas so Erhabenes um
den Dienst der Apostel, der Bi-schöfe, der Priester und aller Verkünder
des göttlichen Wortes. Sie alle sind Mitarbeiter und Werkzeuge der
unermeßlichen Liebe, die Gott zu den Seelen trägt, zu den Seelen, die
er erschaffen hat, damit sie seiner Gottheit teilhaftig werden. Das
zweite, was du beherzigen sollst, ist die Größe und der Reichtum der
Gaben und Gnaden, die Gottes unbegrenzte Macht jenen Seelen mitteilen
wird, die seiner Macht kein Hindernis entgegensetzen. Diese Wahrheit
offenbarte der Herr schon bei der Gründung seiner heiligen Kirche,
indem er den Gläubigen sich in vielen Wundern zu erkennen gab, seinen
Heiligen Geist oft sichtbar herabkommen ließ und sogar die Macht
verlieh, mit Hilfe des Credo selbst Wunder zu wirken.
Am meisten erglänzte die Güte und Allmacht Gottes in den Aposteln und
Jüngern, weil sie dem ewi-gen und heiligen Willen Gottes keine
Hindernisse entgegensetzten. Sie waren Werkzeuge und Gehilfen der
göttlichen Liebe, echte Nachahmer Jesu Christi und folgten seiner
Wahrheit. Dies war der Grund, warum sie zu einer so erhabenen Teilnahme
an den Vollkommenheiten Gottes gelangten, besonders an seiner
Wissenschaft, Heiligkeit und Macht, und warum sie zu ihrem eigenen
Frommen sowie zum Heile fremder Seelen Wunder wirkten. Von den Aposteln
wurde diese göttliche Weisheit mit ihren Wirkungen auf andere Söhne der
Kirche von Geschlecht zu Geschlecht übertragen und fortgepflanzt. Ich
will hier nicht von den unzähligen Martyrern sprechen, die Blut und
Leben für den heiligen Glauben hingeopfert haben. Betrachte die Stifter
der geistlichen Orden, die großen Heiligen, die in diesen letzteren
geblüht, die Kirchenlehrer, Bischöfe, Prälaten und apostolischen
Männer, in denen Gottes Güte und Allmacht sich deutlich geoffenbart
haben. Es können sich daher die übrigen Priester und Seelenhirten und
überhaupt alle Glaubigen nicht entschuldigen, wenn Gott in ihnen die
Wunder und Gnaden nicht wirkt, die er in den ersten Gläubigen gewirkt
hat und die er fortwährend noch wirkt in allen, die er hierzu tauglich
findet.
Damit die Beschämung aller unwürdigen Diener der heiligen Kirche, die
heute leben, um so größer sei, so höre: Als der Allerhöchste den ewigen
Ratschluß faßte, seine unendlichen Gnadenschätze den Seelen
mitzuteilen, hat er diese Gnaden an erster Stelle und unmittelbar den
Kirchenvorstehern, Priestern, Predigern und allen Verwaltern des
göttlichen Wortes zuzuwenden gedacht. Es war sein Wille, daß sie alle,
soweit es von ihm abhänge, an Heiligkeit und Vollkommenheit mehr Engeln
als Menschen gleichen sollten. Er wollte, daß sie vor allen anderen
Erdenpilgern zahlreicher Vorrechte und Auszeichnungen der Natur und der
Gnade sich erfreuten, damit sie taugliche Diener des Allerhöchsten
würden, was sicher geschähe, wenn sie die Ordnung der unendlichen
Weisheit Gottes nicht verkehren, sondern ihrer Würde entsprechen
wollten. Diese unermeßliche Güte Gottes ist aber heutzutage dieselbe
wie in den Anfangszeiten der Kirche. Gott kann sich nicht verändern.
Seine Freigebigkeit und Güte hat nicht abgenommen. Die Liebe zu seiner
Kirche ist allezeit unendlich groß. Er, die Barmherzigkeit selbst, hat
sein Auge dahin gerichtet, wo Elend ist, und solches gibt es heute in
maßloser Fülle. Das Geschrei der Schäflein Christi ertönt sehr laut.
Der Prälaten, Priester und Kirchendiener gibt es gar viele. Wem ist nun
der Untergang so vieler Seelen und der jammervolle Zustand des
christlichen Volkes zuzuschreiben? Wem ist es anzurechnen, daß die
Ungläubigen heutigen Tages sich nicht der heiligen Kirche anschließen,
sondern sie bedrücken und mit Trauer erfüllen? Wie kommt es, daß die
Diener der Kirche nicht mehr im Glanze der Heiligkeit dastehen, und daß
Jesus Christus nicht mehr so in ihnen verherrlicht wird, wie in den
vergangenen Jahrhunderten, zumal in den ersten Zeiten der Kirche?
O meine Tochter! Siehe, wie die Priester des Herrn sich gleich gemacht
haben dem Volke (Is 24,2), während sie doch das Volk heilig machen
sollten! Die Würde der Priester und ihr reicher, kostbarer
Tugendschmuck sind beschmutzt durch den ansteckenden Umgang mit den
Weltleuten. Die Gesalbten des Herrn, die geweiht sind, um nur mit dem
Herrn zu verkehren und ihm zu dienen, sind vom Adel der Göttlichkeit
herabgesunken. Sie ergeben sich der Eitelkeit, folgen dem Geize und der
Habsucht und setzen ihre Hoffnung auf Schätze von Gold und Silber. Sie
lassen sich herab, den Welt-leuten, den Mächtigen, ja was noch
schlimmer ist, selbst den Frauen zu schmeicheln und zu gefallen. Es
kommt sogar vor, daß sie an den Versammlungen und dem Rate der Bösen
teilnehmen. Kaum ist noch ein Schäflein in der Herde Christi, das die
Stimme des Hirten in ihnen erkennt und das bei ihnen die gesunde
Nahrung und Weide der Tugend und Heiligkeit findet, deren Lehrmeister
sie sein sollten. Die Kindlein bitten um Brot, und niemand ist da, der
es ihnen bricht (Kgl 4,4). Und wenn es noch gereicht wird, so gcschieht
es um des zeitlichen Vorteils willen, oder weil es eben sein muß. Wie
wird aber eine mit Aussatz bedeckte Hand dem Armen und Kranken gesunde
Nahrung bieten können? Wie soll der höchste Arzt der Seelen einer
solchen Hand die Arznei anvertrauen, von der das Leben abhängt? Wenn
diejenigen, welche die Mittler und Fürsprecher der Armen und Sünder
sein sollten, mit größeren Sünden beladen sind als diese, wie können
sie dann Barmherzigkeit herabziehen?
Dies sind die Ursachen, warum die Kirchenfürsten und Priester in
gegenwärtiger Zeit nicht mehr die Wunder wirken, welche die Apostel und
Jünger des Herrn vollbracht haben, und die so viele andere Seelenhirten
wirkten, die das Leben der Apostel nachgeahmt haben. Deshalb bringen
die der Kirche anvertrauten Schätze des Leidens und Sterbens Jesu
Christi weder in den Priestern und Kirchendienern noch in den übrigen
Gläubigen entsprechende Frucht. Die Kirche ist heute mehr als je mit
zeitlichen Gütern bereichert. Da man alle Güter dem Blute Jesu Christi
zu verdanken hat, sollte man alles nach dem Willen und Wohlgefallen des
Herrn verwenden zur Bekehrung der Seelen, zur Unterstützung der Armen,
zur Unterhaltung des Gottesdienstes und zur Verherrlichung des
heiligsten Namens Jesu Christi.
Ob dies geschieht, das mögen die Gefangenen sagen, die mit den
Einkünften der Kirchen aus der Sklaverei nicht losgekauft, die
Ungläubigen, die nicht bekehrt, und die Ketzereien, die nicht
ausgerottet werden. Sie mögen sagen, welche Summen aus den
Kirchengütern für fromme Zwecke verausgabt werden. Ja, sagen werden es
die Paläste, die vom Gute der Kirche erbaut, die Majorate, welche damit
gestiftet, die prächtigen Landhäuser, die damit hergestellt sind. Sagen
werden es die profanen und schändlichen Ausgaben derjenigen, die den
obersten Hohenpriester Jesus Christus entehren, von der Nachfolge des
Herrn und ihrer eigenen Amtsvorgänger, der Apostel, ebenso weit
entfernt sind wie die verkommensten Weltleute. Und wenn die Predigt
derjenigen, die das Wort Gottes verwalten, tot, kraftlos und unfähig
ist, die Zuhörer zu beleben, so liegt die Schuld nicht an der Wahrheit
und Lehre der Heiligen Schrift, sondern an dem schlechten Gebrauch, den
die Prediger davon machen. Gelangt aber das Wort Gottes an die Ohren
der Sünder in einer entstellten Form, so erkennen sie in der Lehre
nicht die Liebe Christi, sondern den Geist des Predigers. Dann hat die
Predigt nicht die Kraft und Wirksamkeit, in die Herzen einzudringen,
mag sie auch noch so kunstvoll ausgearbeitet und darauf angelegt sein,
die Ohren zu erfreuen.
Wundere dich daher nicht, geliebteste Tochter, daß die göttliche
Gerechtigkeit zur Strafe für diese Eitelkeiten und Mißbräuche die
Verkündiger des göttlichen Wortes so ohne Hilfe läßt, und daß die
Kirche, die in ihren Anfängen so erhaben dastand, nunmehr so tief
darniederliegt. Es ist in der Tat noch eine große Gnade Jesu Christi
für seine Kirche, daß es in dieser Zeit, in der er so sehr verlassen
und verachtet ist, noch einige Priester gibt, die von diesen
beklagenswerten Lastern frei sind. Gegen diese Guten ist der Herr sehr
freigebig. Doch ihre Zahl ist sehr klein, wie der Ruin des christlichen
Volkes und die Verachtung bekunden, in die der Stand der Priester
gesunken ist. Wenn die heiligen und seeleneifrigen Priester zahlreicher
wären, so würden sich Sünder bekehren und bessern und Ungläubige würden
sich zum Glauben wenden. Man würde die Prediger mit Ehrfurcht hören und
sie wegen ihrer Würde und Heiligkeit ehren und achten.
Sei nicht ängstlich und in Sorge darüber, daß du dieses
niedergeschrieben hast. Sie selbst wissen gar wohl, daß es wahr ist;
und du schreibst es ja nicht nach deinem eigenen Willen, sondern auf
meinen Befehl. Weine, meine Tochter, über diese Übel und lade Himmel
und Erde ein, daß sie dir klagen helfen.
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