DER HL. JOSEPH VON LEONISSA
von
Eugen Golla
1746, am Feste der Apostelfürsten Petrus und Paulus, erfolgte durch
Papst Benedikt XIV. die Heiligsprechung zweier Kapuziner-Patres. Der
eine, Fidelis von Sigmaringen (vgl. dazu die Darstellung des selben
Autors in EINSICHT 19. Jahrg. Nr.1 vom Mai 1989, S. 17-2o), wurde einer
der beliebtesten Heiligen der Deutschen, der andere, Joseph von
Leonissa, ein Italiener, ist zwar außerhalb seines Heimatlandes wenig
bekannt, doch verdient sein missionarischer Eifer und sein Bekennermut,
der für einen modernen Menschen vielleicht unverständlich erscheinen
mag, aber sehr wohl aus der Vorstellungsart der damaligen Zeit
erklärbar ist, unsere Bewunderung, er selbst unsere Verehrung.
1556 in Leonissa, einem Städtchen in der Nähe von Spoleto - im
damaligen Kirchenstaat - geboren, verlor Joseph seine Eltern sehr früh,
die zu den angesehensten Bürgern der Kleinstadt zählten. Im Alter von
16 Jahren wollten ihn seine Verwandten zwingen, ein reiches und
vornehmes Mädchen zu heiraten. Aber Joseph lehnte es ab, sich zu
vermählen. Seit seiner Kindheit hatte er bereits ein eigenständiges
religiöses Leben geführt. Bald nach dieser Begebenheit trat er bei den
Kapuzinern im Kloster Carcerelle in Assisi ein und legte kurz darauf
die feierlichen Gelübde ab. Als Beweis für seinen Willen zur strengen
Askese ist von ihm folgender Ausspruch überliefert, den er an seinen
Körper richtete: "Bruder Esel, man braucht dich nicht wie ein Streitroß
zu füttern; du mußt dich damit begnügen, ein armer Esel zu sein und wie
ein solcher behandelt zu werden."
Als er nach Vollendung der erforderlichen Studien die Priesterweihe
erhalten hatte, wurde während seiner danach aufgenommenen Tätigkeit als
Seelsorger und Prediger sein Verlangen, unter den Mohammedanern zu
missionieren, immer stärker. Das große türkische Reich war damals trotz
seiner schweren Niederlage bei Lepanto im Jahre 1571 noch immer der von
Europa am meisten gefürchtete Feind. Die Situation der vielen Christen
war unter der türkischen Herrschaft sehr schlecht, auch in
Konstantinopel, wo es nur wenige katholische Priester für die Seelsorge
gab. Deshalb begannen im Jahre 1583 in der Hauptstadt des türkischen
Reiches einige Jesuitenpatres die seelsorglichen Bemühungen zu
verstärken, nachdem sie vom Papst eigens für diese Aufgabe dorthin
entsandt worden waren. Als sie aber wenige Jahre darauf der Pest
erlagen, wurde 1587 Joseph von Leonissa mit zwei Ordensgenossen
beauftragt, das Werk der verstorbenen Jesuitenpatres weiterzuführen.
Als Wirkungsfeld wurde den neuen Missionaren der auf der europäischen
Seite liegende Stadtteil Pera zugewiesen, wo sie eine baufällige Kirche
vorfanden, die sie zunächst einmal wieder instand setzten.
Die Betreuung der katholischen Christen in der überwiegend von
Orthodoxen und Mohammedanern bewohnten Stadt am Bosporus war nicht
ungefährlich, zudem war sie aufreibend. Aber Joseph und seine Begleiter
scheuten keine Mühen. Mit besonderer Hingabe widmete sich besonders
Joseph den in den Kerkern schmachtenden Galeerensklaven. Darüber hinaus
konnte ihn keiner davon abhalten, seine missionarischen Absichten auch
auf die Bekehrung von den Mohammedanern auszudehnen, indem er ihnen
wiederholt das Wort Gottes verkündete.
Aber all dies schien ihm noch zu unbedeutend! Wie einst der hl.
Franziskus während des fünften Kreuzzuges den Sultan von Ägypten
bekehren wollte, ging bald sein Sinnen und Trachten darauf, dasselbe
beim türkischen Sultan zu versuchen. Nachdem er viele Pläne zu diesem
Unternehmen entworfen hatte, gelang es ihm schließlich mit viel Mut, in
den Palast Murads III. vorzudringen. Doch sofort wurde Joseph entdeckt.
Er wurde von der Leibwache ergriffen und vom Sultan zu dem besonders
qualvollen, weil lange andauernden Tod auf dem Hakengalgen verurteilt.
Das Urteil wurde vollstreckt. Man nagelte Joseph an einen Balken, wobei
man die linke Hand und den rechten Fuß durchbohrte. So hing er drei
Tage und ebenso viele Nächte.
Doch der HERR wollte nicht, das das Leben seines treuen Dieners mit
diesem Martyrium so qualvoll zu Ende gehen sollte. Wir wissen jedoch
nicht exakt, wie seine Errettung genau erfolgte. Feststeht, daß nach
Ablauf von drei Tagen der Sultan Joseph vom Balken abnehmen ließ und
die Todesstrafe in lebenslängliche Verbannung umwandelte. In der
Kanonisationsbulle steht zu lesen, daß ein Engel in Gestalt eines
Knaben Joseph befreite und seine Wunden heilte. Aus diesem Grunde wird
Joseph von Leonissa nicht als Märtyrer, sondern als Bekenner im
"Martyrologium" geführt.
Nach Italien zurückgekehrt, wurde ihm ein ein neuer Wirkungskreis
zugewiesen: Umbrien. Dort sollte er als Bußprediger sein Apostolat
fortsetzen. Hier führte er ein strenges Büßerleben, um durch und an
seiner Person seine neue Aufgabe sinnfällig zu demonstrieren: er
schlief auf einem Strohsack und zwei Steinen; seine Nahrung bestand aus
etwas Gemüse sowie in Wasser aufgeweichtem Brot. Seine unermüdlichen
Anstrengungen als Prediger - manchmal waren es bis zu acht Ansprachen
an einem Tage! - bewirkten die Bekehrung vieler lauer Christen oder
fast gänzlicher abgefallener Gläubigen. Neben dieser anstrengenden
Tätigkeit widmete er sich auch der Linderung des Loses der vielen armen
Menschen, die ihm besonders am Herzen lagen. Um diesen Menschen zu
helfen, unterstützte er die Errichtung und Renovierung von Hospizen
sowie die Gründung von sog. "Montes pietatis", d.s. Leihanstalten, die
gegen Pfand billige Darlehen gewährten, um so die Menschen vor
Wucherern zu schützen.
Nachdem sich Joseph von Leonissa in Umbrien mehr als zwanzig Jahre dem
Dienste Gottes und des Nächsten mit all seinen Kräften gewidmet hatte,
wurde ihm die Offenbarung zuteil, daß sich das Ende seines Lebens nahe.
Er kehrte daraufhin in sein Kloster Amatrice bei Rieti zurück, wo ihn
bald die ersten Vorzeichen einer Krebserkrankung befielen. Zweimal
unterzog er sich einer Operation, die bei dem damaligen Stand der
medizinischen Kenntnisse und Fertigkeiten mit furchtbaren Schmerzen
verbunden war. Als ihn daher die Chirurgen festbinden wollten, deutete
er auf sein Kruzifix, das er in den Händen hielt und erklärte: "Dies
ist das stärkste Band, es wird mich besser festhalten als alle
Fesseln."
Bald darauf starb er, erst 56 Jahre alt, im Jahre 1612. Vierzig Jahre
seines Lebens hatte er seinem Orden gedient. Unter dem Zulauf einer
großen Menschenmenge wurde sein Leichnam später nach Leonissa
übertragen. Viele Berichte von Wundern gab es, die auf seine Fürbitte
hin erfolgt sind. Sein Todestag, der 4. Februar, ist auch sein
Gedenktag.
Benützte Literatur:
"Bibliotheca Sanctorum" Bd.6, 1965; darin Artikel: "Joseph v. Leonissa".
Stadler, Joh. Ev.: "Vollständiges Heiligenlexikon in alphab. Ordnung" 3.Bd., Augsburg 1869.
"Vies des Saints" Bd.2, Paris 1936.
Wetzer und Welte: "Kirchenlexikon" Freiburg 1889.
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