ÜBER DEN HL. GEIST
vom
hl. Leo dem Großen
In der Apostelgeschichte steht geschrieben: "Als die Tage des
Pfingsfestes gekommen und alle Jünger an demselben Orte einmütig
beisammen waren, entstand plötzlich vom Himmel herab ein Brausen,
gleich dem eines gewaltig daherfahrenden Windes und erfüllte das ganze
Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen zerteilte Zungen wie
von Feuer, und es ließ sich auf einen jeden von ihnen nieder. Und alle
wurden erfüllt vom Heiligen Geiste und fingen an, in fremden Sprachen
zu reden, so wie es der Heilige Geist ihnen zu sprechen eingab." (Apg.
2,1 ff.)
Wie schnell wirkt doch das Wort der Weisheit! Wie rasch erfaßt man da,
was man lernen soll, wo Gott selbst der Lehrer ist! Da braucht es
keinen Dolmetscher zum Verstehen, keine Übung zum Sprechen und keine
Zeit zur Vervollkommnung. Es wehte der Geist der Wahrheit, wo er wollte
(Joh. 3,8), und die jedem Volke eigentümliche Sprache wurde zu einem
gegenseitigen Verständigungsmittel im Munde der Kirche. Von diesem Tage
an ertönte der Posaunenruf der evangelischen Predigt. Seit diesem Tage
befruchtete der Tau der Gnade und reichlich fließender Segen jedes öde
und dürre Land; denn um das Antlitz der Erde zu erneuern, "schwebte der
Geist Gottes über den Wassern" (Gen. 1,2). Um die alte Finsternis zu
verscheuchen, brach ein neuer Lichtstrahl hervor. Beim Glänze
flammender Zungen vernahm man das klare Wort des Herrn und seine
gluthauchende Lehre, der die Kraft innewohnte, zu erleuchten und wie
Feuer auf die Seele zu brennen, damit die Erkenntnis geweckt und die
Sünde getilgt würde.
Obwohl die Art und Weise jenes Vorganges, Geliebteste, überaus
wunderbar war, und es keinem Zweifel unterliegt, daß sich in jener
plötzlich zutage tretenden Fähigkeit, die Sprachen aller Völker zu
sprechen, die majestätische Macht des Heiligen Geistes offenbarte, so
möge doch niemand glauben, daß sich in dem, was man mit leiblichen
Augen sah, sein göttliches Wesen gezeigt habe! Seine unsichtbare Natur,
die er mit dem Vater und dem Sohne teilt, hat damit nur einer
besonderen Wirkung ihrer Gnade, so wie es ihr beliebte, durch ein
sinnlich wahrnehmbares Zeichen Ausdruck verliehen, während sie das ihr
eigene Wesen unter ihrer Gottheit verborgen hielt. Weder den Vater noch
den Sohn noch den Heiligen Geist vermag der Mensch zu schauen; denn in
der göttlichen Dreieinigkeit ist nichts unähnlich, nichts ungleich.
Alle Vorstellungen, die man sich von ihrem Wesen machen kann, laufen
auf dieselbe Kraft, Majestät und Ewigkeit hinaus. Wenn auch als Person
betrachtet der Vater ein anderer ist als der Sohn und der Heilige
Geist, so ist doch ihre Gottheit, ihre Natur die gleiche. Wenn auch der
eingeborene Sohn vom Vater stammt, und der Heilige Geist der Geist des
Vaters und des Sohnes ist, so ist er dies doch nicht im Sinn all der
Geschöpfe, die der Vater und der Sohn geschaffen haben, sondern im
Sinne eines zusammen mit beiden lebenden und regierenden Wesens. Seit
Ewigkeit ist seine Natur die nämliche wie die des Vaters und des
Sohnes. Darum sprach auch der Herr, als er am Tage vor seinem Leiden
seinen Jüngern die Ankunft des Heiligen Geistes verhieß: "Noch vieles
habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht fassen. Wenn aber
jener Geist der Wahrheit kommt, so wird er euch die ganze Wahrheit
lehren; denn er wird nicht von sich selber reden, sondern alles, was er
hört, wird er reden und das Zukünftige wird er euch verkünden. Alles,
was der Vater hat, ist mein. Darum habe ich euch gesagt, daß er von dem
Meinigen nehmen und euch verkünden wird." (Joh. 16,12 ff.) Dem Vater
ist also nichts anderes eigen als dem Sohne und dem Heiligen Geiste.
Alles, was der eine besitzt, besitzen auch die anderen. Von jeher
bestand bei der Dreieinigkeit diese Gemeinschaft; denn bei ihr deckt
sich dieses gemeinsame, "alles umfassende Haben" mit ihrem "ewigen
Sein". Nicht darf man bei ihr an Alter, Rang oder sonstige Unterschiede
denken. Wenn schon niemand erklären kann, was Gott ist, so soll auch
niemand zu behaupten wagen, was er nicht ist; denn entschuldbarer wäre
es, sich über das unerklärliche Wesen der Dreieinigkeit in
ungebührender Weise zu äußern, als ihr Eigenschaften anzudichten, die
mit ihr im Widerspruch stehen! Was also fromme Herzen von der ewigen
und unveränderlichen Herrlichkeit des Vaters zu fassen vermögen, das
sollen sie ohne allen Unterschied zugleich auch vom Sohne und vom
Heiligen Geiste glauben!
(aus: Sermo LXXV-Predigt über das Pfingstfest -, etwa 45o-46o)
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