DIE VERKLÄRUNG CHRISTI
vom
hl. Leo dem Großen, Papst von 440 bis 461
Matth. 17, 1-9:
Nach sechs Tagen nahm Jesus den Petrus, den Jakobus und dessen Bruder
Johannes mit sich und führte sie allein auf einen hohen Berg. Und er
ward verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne,
seine Kleider aber wurden weiß wie Schnee. Und siehe, es erschienen
ihnen Moses und Elias, die mit ihm redeten. Petrus aber nahm das Wort
und sprach zu Jesus: "Herr, hier ist gut sein für uns; wenn du willst,
so wollen wir hier drei Hütten bauen, dir eine, Moses eine und Elias
eine!" Während er noch redete, siehe, da überschattete sie eine lichte
Wolke, und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: "Dieser ist mein
geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe. Ihn sollt ihr
hören!" Als die Jünger dies hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und
fürchteten sich sehr. Und Jesus trat hinzu, berührte sie und sprach zu
ihnen: "Stehet auf und fürchtet euch nicht!" Als sie aber ihre Augen
erhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. Und während sie vom Berge
herabstiegen, befahl ihnen Jesus und sprach: "Sprechet zu niemand von
diesem Gesichte, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist!"
(Vgl. Mark. 9, 1-8; Luk. 9, 28-36.)
Geliebteste!
1. Das verlesene Evangelium, das durch unser Ohr zu unserem Inneren
sprechen will, ladet uns zum Verständnisse eines großen Geheimnisses
ein. Dazu werden wir mit Hilfe der göttlichen Gnade um so leichter
gelangen, wenn wir zuerst das betrachten, was weiter oben erzählt ist.
Wollte doch unser Erlöser Jesus Christus, dessen Glaubenslehre die
Sünder zur Gerechtigkeit und die Toten zum Leben zurückruft, seine
Jünger durch Mahnworte und Wundertaten darin unterweisen, daß man
Christus gleichzeitig für den "eingeborenen Sohn Gottes" und für den
"Menschensohn" halten müsse. Eins wie das andere wäre für sich allein
für unsere Erlösung ohne allen Nutzen gewesen. Denselben Schaden
brächte es, wollte man in unserem Herrn Jesus Christus nur an eine
göttliche Natur und nicht zugleich auch an eine menschliche oder nur an
eine menschliche und nicht zugleich an eine göttliche glauben. Zu
beiden müssen wir uns in gleicher Weise bekennen. Wie in Gott wahre
Menschheit wohnte, so auch im Menschen wahre Gottheit. Um nun die so
heilsame Erkenntnis dieses Glaubenssatzes zu bestätigen, richtete der
Herr an seine Jünger die Frage, wofür sie selber ihn bei den
widersprechenden Meinungen der Leute hielten und welche Ansicht sie
über ihn hätten. Da erschaute der Apostel Petrus, der infolge einer
Erleuchtung durch den himmlischen Vater die Schranken durchbrach, die
ihm als körperliches Wesen und als Mensch gesetzt waren, mit geistigem
Auge den "Sohn des lebendigen Gottes". Und diesem Glauben an die
Majestät der Gottheit verlieh er auch in seinen Worten Ausdruck, weil
er eben nicht allein auf die Substanz des Fleisches und des Blutes
blickte. So sehr erregte Petrus durch dieses über alles Irdische sich
erhebende Bekenntnis das Wohlgefallen des Herrn, daß dieser ihm das
Glück der Seligkeit verlieh und ihn zu jenem heiligen, starken und
unverletzlichen Felsen machte, auf dem die von ihm gegründete Kirche
den Pforten der Hölle und den Gesetzen des Todes trotzen sollte. (So
sehr gefiel er dem Herrn durch jenes Bekenntnis), daß in allen Fällen,
in denen es sich um Lossprechung oder um Vorbehaltung handelt, nur dann
ein Urteil im Himmel Geltung hat, wenn Petrus der Richter war.
2. Diese (von Christus) gepriesene überirdische Erkenntnis (des
heiligen Petrus) mußte aber auch, Geliebteste, über das Geheimnis der
niedrigeren Natur des Herrn aufgeklärt werden. Sollte doch der Apostel,
dessen Glaube sich bis zur Anerkennung der göttlichen Majestät Christi
emporschwang, nicht etwa meinen, daß sich die Annahme unseres schwachen
Wesens für die leidensunfähige Gottheit nicht schicke und mit ihr
unvereinbar sei. Sollte er doch auch nicht den menschlichen Leib des
Herrn schon so für vergöttlicht halten, daß er weder mit dem Tode
bestraft, noch durch den Tod aufgelöst werden könne. Darum erklärte
auch der Herr, "daß er nach Jerusalem gehen und von den Ältesten,
Schriftgelehrten und Hohenpriestern noch vieles erleiden müsse, daß er
getötet werde und am dritten Tage wieder auferstehe." Darum wurde auch
der selige Petrus, der infolge himmlischer Erleuchtung von glühendstem
Eifer für den Glauben an den "Sohn Gottes" erfüllt war und deshalb die
schändlichen Verspottungen und den schmachvollen und grausamen Tod des
Herrn vermeintlich voll heiliger und freimütiger Entrüstung (als
undenkbar) zurückwies, von Jesus in gütiger Weise getadelt und dazu
aufgefordert, sich eifrig an seinem Leiden zu beteiligen. Zeigte und
offenbarte uns doch der Herr in seiner (auf diesen Tadel) folgenden
Ermahnung, daß jene, die ihm nachfolgen wollen, sich selbst verleugnen
und in Erwartung ewiger Güter einen irdischen Verlust sehr niedrig
einschätzen müssen; denn nur der wird sein Leben retten, der sich nicht
scheut, es für Christus dahinzugehen. Damit sich nun die Apostel eine
solch unerschütterliche und heilbringede Standhaftigkeit von ganzem
Herzen zu eigen machten und nicht vor der Schwere des zu tragenden
Kreuzes zurückbebten, damit sie sich nicht des Todes Christi schämten
und an seiner Geduld Anstoß nähmen, mit der er sich qualvollen Leiden
unterziehen wollte, ohne dabei seine Macht und Glorie einzubüßen, nahm
Jesus den Petrus, den Jakobus und dessen Bruder Johannes mit sich,
stieg mit ihnen allein auf einen hohen Berg und zeigte ihnen dort den
Glanz seiner Herrlichkeit. Wenn sie nämlich auch schon in ihm seine
erhabene göttliche Natur erkannt hatten, so wußten sie doch nichts von
der Macht seines Leibes, in dem sich seine Gottheit verbarg. Aus diesem
Grunde hatte er auch in klaren und bezeichnenden Worten verheißen, daß
einige von den um ihn stehenden Jüngern nicht eher den Tod kosten
würden, als bis sie "des Menschen Sohn" in seinem "Reiche" kommen
sähen. Das heißt, daß sie nicht eher sterben würden, als bis sie seine
königliche Herrlichkeit geschaut hätten, deren besondere Zugehörigkeit
zu der von ihm angenommenen menschlichen Natur er diesen drei Männern
sichtbar vor Augen führen wollte. Hätten doch jene, die noch in
sterblichem Fleische wandelten, die Erscheinung der unbeschreiblichen
und unnahbaren Gottheit selber, die denen, die reinen Herzens sind, für
das ewige Leben aufgespart bleibt, nie und nimmer anschauen und sehen
können.
3. So enthüllte also Christus vor auserlesenen Zeugen seine
Herrlichkeit und umgab er seinen Leib, den er mit den anderen
(Menschen) gemein hatte, mit solch strahlendem Glänze, daß sein Antlitz
gleich der Sonne leuchtete und sein Gewand blendend weißem Schnee
vergleichbar war. Bei dieser Verklärung handelte es sich in erster
Linie darum, aus den Herzen der Jünger das Ärgernis zu entfernen, das
sie an seinem Kreuze nahmen. Auch sollte die Unterwürfigkeit, mit der
er sein freiwilliges Leiden auf sich nahm, die nicht in ihrem Glauben
wankend machen, denen er seine verborgene Hoheit und Würde geoffenbart
hatte. (Bei jener Verherrlichung) zeigte sich Jesus aber auch ebenso
dafür besorgt, die Hoffnung seiner heiligen Kirche (auf dereinstige
Verklärung ihrer Kinder) auf sicheren Grund zu stellen, damit der ganze
Leib Christi wüßte, welche Umgestaltung seiner wartet, und all seine
Glieder fest darauf bauten, daß sie der Glorie teilhaftig würden, die
bereits im voraus an ihrem Haupte zutage getreten sei. Davon hatte der
Herr auch gesprochen, als er auf seine "Ankunft in Macht und
Herrlichkeit" mit den Worten anspielte: "Dann werden die Gerechten
leuchten wie die Sonne im Reiche ihres Vaters." Den gleichen Sinn hat
auch das Zeugnis des seligen Apostels Paulus, der da sagt: "Denn ich
halte dafür, daß die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit
der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns offenbar werden wird." Nichts
anderes meint er auch in der folgenden Stelle: "Denn ihr seid gestorben
und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott. Wenn aber Christus,
euer Leben, erscheinen wird, dann werdet auch ihr mit ihm erscheinen in
Herrlichkeit."
4. Um die Apostel zu stärken und sie über alles aufzuklären, wurden sie
bei jenem Wunder auch noch von anderer Seite belehrt. Es erschienen
nämlich Moses und Elias, das heißt das Gesetz und die Propheten, und
redeten mit Christus. So bewahrheitete sich also in der Gegenwart jener
fünf Männer der Ausspruch: "Wenn zwei oder drei Zeugnis geben, hat
jedes Wort Bestand." Was wäre denn dauernder und bleibender als eben
dieses "Göttliche Wort", bei dessen Verkündigung die Posaunen des Alten
und des Neuen Testamentes harmonisch zusammenklingen und sich die
Zeugnisse des Alten Bundes mit der Lehre des Evangeliums decken? Sind
sich doch die Schriften beider Testamente gegenseitig eine Stütze. Er,
der durch Vorbilder unter dem Schleier verschiedener Geheimnisse
verheißen war, zeigte sich jetzt klar und deutlich bei seiner
glorreichen Verklärung. "Das Gesetz" - sagt der selige Johannes -
"wurde durch Moses gegeben, die Gnade und die Wahrheit aber ist durch
Christus geworden." In Christus ging also in Erfüllung, was die
Vorbilder der Propheten verheißen und die Vorschriften des Gesetzes
beabsichtgt hatten: Durch seine Gegenwart bestätigt er die Richtigkeit
der Weissagungen und durch seine Gnade ermöglicht er die Befolgung der
Gebote.
5. Infolge dieser geheimnisvollen Offenbarungen fühlte sich der Apostel
Petrus - voll Verachtung für alles Irdische und voll Widerwillen gegen
die Welt - sozusagen in seinem Geiste der Erde entrückt und von
Sehnsucht nach der Ewigkeit ergriffen. Und aus Freude über das, was er
alles geschaut, wollte er dort mit Jesus seine Wohnstätte haben, wo ihm
der wonne-volle Anblick der Verklärung Christi zuteil war. Deshalb rief
er auch: "Herr, hier ist gut sein! Wenn du willst, wollen wir hier drei
Hütten bauen, dir eine, Moses eine und Elias eine!" Allein Christus gab
auf diesen Vorschlag keine Antwort, um anzudeuten, daß des Petrus
Verlangen zwar nicht sündhaft, wohl aber unangebracht sei, da die Welt
nur durch den Tod Christi erlöst werden könne. Auch sollten die
Gläubigen durch das Beispiel des Herrn zu der Erkenntnis gelangen, daß
man inmitten der Versuchungen dieses Lebens, trotz allen Vertrauens auf
die verheißene Seligkeit, doch eher um Geduld als um Glorie bitten
müsse; denn die glücklichen Tage unserer Herrschaft können nicht früher
kommen, als bis die Zeit des Leidens vorüber ist.
6. "Während Petrus noch redete, siehe, da überschattete sie eine lichte
Wolke, und siehe eine Stimme aus der Wolke sprach: Dieser ist mein
geliebter Sohn an dem ich mein Wohlgefallen habe. Ihn sollt ihr hören!"
Natürlich war im Sohne auch der Vater zugegen. Natürlich war bei jener
Verklärung des Herrn, deren Glanz er für die ihn schauenden Jünger
abgeschwächt hatte, die Wesenheit des "Erzeugers" der seines
"Eingeborenen" gleich. Um aber auf die Eigenart der beiden Personen
hinzuweisen, offenbarte eine Stimme aus der Wolke den Vater und zeigte
die dem Leib entstrahlende Herrlichkeit den Sohn. Wenn nun die Jünger
bei jenen Worten auf ihr Angesicht niederfielen und sich gewaltig
fürchteten, so zitterten sie also nicht nur vor der Majestät des
Vaters, sondern auch vor der des Sohnes. Ein tieferes Verständnis
lehrte sie, daß die göttliche Natur beider ein und dieselbe sei. Weil
sie also kein Zögern kannten im Glauben, so gab es für sie auch keinen
Unterschied in der Furcht. Inhaltsreich und vieldeutig war jenes
Zeugnis. Enthielt ja jener Ausspruch seinem Sinne nach weit mehr, als
sein Wortlaut sagte. Als nämlich der Vater sprach: "Dieser ist mein
geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe. Ihn sollt ihr
hören!" klangen da nicht deutlich die Worte mit an ihr Ohr: "Dieser ist
mein Sohn, der seit ewigen Zeiten von mir gezeugt ist und neben mir
thront; denn der Vater ist nicht älter als der Sohn und der Sohn nicht
jünger als der Vater. Dieser ist mein Sohn, der von mir weder nach
seiner Gottheit noch nach Macht und Ewigkeit geschieden ist. Dieser ist
mein Sohn, nicht durch Annahme an Kindes Statt, sondern in
Wirklichkeit; nicht aus etwas Fremdem geschaffen, sondern aus mir
selbst gezeugt; mein Sohn, der nicht etwa vorher eine andere Wesenheit
hatte und mir dann erst ähnlich wurde, sondern mir gleich ist, weil er
aus meiner Wesenheit stammt. Dieser ist mein Sohn durch den alles und
ohne den nichts geworden ist; denn all meine Werke sind dementsprechend
auch die seinigen.Alles, was ich tue, das tut auf gleiche Weise und
ungetrennt von mir auch er; da im Vater der Sohn und im Sohne der Vater
ist und unsere Einheit niemals eine Trennung kennt.Obgleichich, der
Erzeuger, ein anderer bin, als der ist, den ich gezeugt habe, so müßt
ihr doch von diesem dasselbe glauben, was ihr an mir erkennen könnt.
Dieser ist mein Sohn, der sich sein mir gleichartiges Wesen nicht
gewaltsam angeeignet oder widerrechtlich angemaßt hat, sondern sich
unter Beibehaltung meiner Herrlichkeit dazu herabließ, als
unwandelbarer Gott Knechtsgestalt anzunehmen, um zur Erlösung der
Menschheit unseren gemeinschaftlichen Plan zu verwirklichen."
7. "Zögert darum nicht, den zu hören, an dem ich in allem mein
Wohlgefallen habe, der mich durch seine Lehre offenbart und durch seine
Demut verherrlicht! Denn er ist "die Wahrheit und das Leben", "meine
Kraft und meine Weisheit." Ihn sollt ihr hören, den die Geheimnisse des
Alten Bundes im voraus verkündet und die Propheten geweissagt haben!
Ihn sollt ihr hören, der durch sein Blut die Welt erlöst, den Satan in
Bande schlägt und ihm die Gefäße (der Gefangenschaft) entreißt, der den
Schuldbrief der Sünde und jeden Pakt des Ungehorsams vernichtet! Ihn
sollt ihr hören, der euch den Weg zum Himmel bahnt und euch durch
seinen Tod am Kreuze die Stufen baut, die zu seinem Reiche führen!
Warum zittert ihr vor euerer Erlösung? Warum bangt euch vor der Heilung
euerer Wunden? Geschehen muß der Wille Christi, der auch der meinige
ist! Leget ab die Furcht des Fleisches und wappnet euch mit
Standhaftigkeit im Glauben! Unangebracht ist es, daß ihr beim Leiden
des Erlösers Furcht empfindet, da ihr gerade durch seine Gnade nicht
einmal bei euerem eigenen Ende Furcht empfinden werdet."
8. Diese Worte wollten, Geliebteste, nicht nur den Nutzen derer, die
sie selber hörten, nein, die ganze Kirche lernte in jenen drei Aposteln
kennen, was ihr Auge gesehen und ihr Ohr gehört hatte. Darum soll sich
auch auf Grund der im hochheiligen Evangelium enthaltenen Lehre der
Glaube aller festigen und sich niemand mehr des Kreuzes schämen, das
die Welt erlöst hat! Keiner möge davor zurückscheuen, für die
Gerechtigkeit zu leiden, weil er erst kämpfen soll, bevor er zur Ruhe
eingeht, und niemand möge an dem versprochenen Lohne zweifeln, weil er
erst sterben muß, um zum Leben zu gelangen! Hat doch jener all die
Gebrechen unserer schwachen Natur auf sich genommen, mit dessen Hilfe
wir bezwingen, was er bezwungen hat, und erreichen, was er verheißen
hat, wenn wir nur nicht aufhören, an ihn zu glauben und ihn zu lieben.
Mag es sich also darum handeln, die Gebote zu halten oder Mißgeschick
zu ertragen, immer soll in unseren Ohren der oben erwähnte Ausspruch
des Vaters widerhallen: "Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich
mein Wohlgefallen habe. Ihn sollt ihr hören!" Ihn, der mit dem Vater
und dem Heiligen Geiste lebt und waltet in Ewigkeit. Amen.
(aus: "Homilie", Sermo LI, "Bibliothek der Kirchenväter" Bd.55, S.70-78.)
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