DER HL. BERNHARD VON CLAIRVAUX
von
Eugen Golla
"Einigen Menschen ist die Gabe zuteil geworden, den Inhalt eines
Jahrhunderts in sich zu vereinigen. Solche Menschen sind selten, man
kann sie ohne Mühe aufzählen. Zu ihnen gehört der hl. Bernhard (von
Clairvaux). Er trug das zwölfte Jahrhundert in sich, er trug es nicht
ohne Schmerz." Mit diesen Worten leitet Ernest Hello in seinen
"Heiligenleben" den Aufsatz über Bernhard ein. Wenn also ein Mönch sein
Jahrhundert zu prägen vermochte, das Orakel seiner Zeit genannt wurde,
dann konnte dies nur geschehen, weil sich in seiner Seele
überdimensionale Kräfte des Gemütes, der Demut, der Nächstenliebe und
einer persönlichen Nachfolge Christi mit einem klaren Blick für die
Gebrechen seiner Zeit sowie einem fast übermenschlichen Willen, sie zu
beseitigen, verbanden.
Der hl. Bernhard wurde 1090 auf dem Schloß Fontaines bei Dijon, fast an
der Grenze zwischen der zum Reich gehörenden Grafschaft und dem zu
Frankreich gehörenden Herzogtum Burgund geboren. Sowohl sein Vater
Tescelin als auch seine Mutter Alethde Montbard entstammten
Geschlechtern burgundischer ritterlicher Dienstherren. Die Legende
berichtet, daß seiner tiefreligiösen Mutter vor seiner Geburt träumte,
sie habe in ihrem Leib ein Hündlein, das eifrig belle. Ein frommer Mann
beruhigte sie, daß dies keine schlimme Vorbedeutung habe, vielmehr
deutete er das Traumbild als Zeichen dafür, daß das zu erwartende Kind
ein Eiferer für den Herrn sein werde.
Bernhard wuchs mit fünf Brüdern und einer Schwester auf und scheint
frühzeitig großer Gnaden gewürdigt worden zu sein, da er schon als
Knabe die Geburt Christi visionär erleben durfte. Zum Kriegsdienst
ungeeignet, erhielt er bei den Stiftsherren von Notre Dame des
Saint-Vorles in Chatillon eine ausgesucht humanistische Ausbildung, die
ein jähes Ende fand, als er im Alter von etwa 16 Jahren seine Mutter
verlor. Sein Vater und seine Brüder bemühten sich, ihn zu bewegen,
weiter zu studieren, insbesondere eine Hochschule in Deutschland zu
besuchen. Der gut aussehende, elegante Jüngling, dem die Welt offen zu
stehen schien und dessen Naturell heißblütig war - so wird berichtet,
er habe ( von einer Versuchung ergriffen ) sich in eiskaltes Wasser
gestürzt - neigte aber immer mehr zu einem ganz Gott geweihten Leben.
Wahrscheinlich dürfte hierzu die Erinnerung an seine Mutter beigetragen
haben, die ihm oft vor Augen schwebte und ihm gleichsam zuzurufen
schien, daß sie ihn nicht für diese Welt erzogen habe. Bernhard
vermochte aber nicht nur seine Familie zu überzeugen, daß er fest
entschlossen sei, der Welt zu entsagen, sondern er veranlaßte sogar
eine Anzahl seiner Brüder und Vettern, den gleichen Schritt zu tun.
Und so klopften um Ostern des Jahres 1112 an die 30 junge entschlossene
Männer an der Pforte eines Klosters, das mangels ausreichenden
Nachwuches zum Aussterben verurteilt zu sein schien. Es war dies
Citeaux, die erst 14 Jahre zuvor errichtete erste Niederlassung der
Zisterzienser, die im Rufe stand, nach der strengsten Auslegung der
Benediktiner-Regel zu leben. Was die Zisterzienser-Regel besonders
auszeichnete, war neben ausgeprägter apostolischer Armut und Einsamkeit
im Gebete die regelmäßige Handarbeit, insbesondere die Beschäftigung
mit Bodenkultur und Landwirtschaft, web ehe dem Orden in den
nachfolgenden Zeiten eine nicht zu unterschätzende zivilisatorische
Bedeutung, insbesondere bei der Kolonisierung des Ostens, verlieh.
Drei Jahre verbrachte Bernhard in Citeaux. Mit großem Eifer unterwarf
er sich den strengen Regeln seines Ordens: 6 Stunden Offizium, je nach
Jahreszeit 4 - 7 Stunden körperliche Arbeit und 2 - 5 Stunden
geistliche Lesungen. Um seinen Eifer nicht erkalten zu lassen, pflegte
der junge Mönch oft an sich die Frage zu steLlen: "Bernhard, warum bist
du hierher gekommen?" - Ein Zeitgenosse berichtet, daß er sowohl bei
Tage als auch bei Nacht aufrecht stehend betete, bis seine vom Fasten
und Arbeiten geschwächten Knie ihren Dienst versagten, daß er sich
geißelte und lange Zeit hindurch nur Brot und Milch oder eine
Gemüsesuppe zu sich nahm. Erst als sich ein Magenleiden einstellte,
welches ihn sein weiteres Leben nicht mehr verlassen sollte, milderte
er die freiwillig übernommene Askese. - Frühzeitig muß der Abt die
hervorragenden Eigenschaften von Bernhard erkannt haben: als es nämlich
infolge des unerwarteten Zustromes der neuen Mönche erforderlich wurde,
Töchterklöster zu gründen, betraute er ihn mit dieser Aufgabe, obwohl
er erst ein Jahr zuvor die ewigen Gelübde abgelegt hatte und nicht
älter als 25 Jahre war. Und so zog Bernhard als Abt mit elf
Ordensleuten im Jahre 1115 in die neue Niederlassung, die sich in einer
abschreckenden Gegend befand. Im Gegensatz zu den Benediktinern, die
ihre Klöster auf Höhen errichteten, bevorzugten die Zisterzienser
sumpfige Täler mit Wäldern, die erst gerodet werden mußten. Das von
Bernhard zu errichtende Kloster befand sich im sog. Wermutstale, an
einem mitten im Walde gelegenen wüsten, oft von Räubern heimgesuchten
Orte, mehr als 100 km von Citeaux entfernt. Aber diese neue Stätte der
Gnaden erhielt wegen des Glanzes, der von dem neuen Abt ausging, bald
den Namen "Clairvaux", d.h. "Lichtental".
Obwohl der hl. Bernhard nur eine schwache physische Konstitution besaß,
oft kränklich und bettlägerig war, entwickelte er bald eine
erstaunliche Aktivität. So konnte er bereits drei Jahre nach der
Stiftung von Clairvaux Tochterklöster gründen, von denen sich eines im
weit entfernten Portugal befand. Auch nahm seine Autorität so schnell
zu, daß er 1119 die erste Verfassungsurkunde von Citeaux
mitunterzeichnen durfte.
Frühzeitig interessierte er sich sehr stark für die Lage im Heiligen
Land, wo nach der siegreichen Beendigung des ersten Kreuzzuges 1099
christliche Reiche errichtet worden waren. So beteiligte er sich u.a.
an der Erstellung der Verfassung für den Templerorden und widmete ihm
eine Schrift, die gleichsam sein Programm sein sollte, wobei er ein
idealisiertes Bild vom geistlichen Rittertum im Gegensatz zum abfällig
beurteilten weltlichen Rittertum entwarf. Obwohl man es ihm nahelegte,
im Heiligen Land ein Kloster zu gründen, lehnte er es ab, da er die
Zisterzienser hierfür als nicht geeignet hielt.
Die Stunde der Bewährung im Dienste der Weltkirche kam, als es 1130 -
wie so oft im Mittelalter - zu einer zwiespältigen Papstwahl kam und
ein gefährliches Schisma entstand. Eine kleine Gruppe von Kardinalen
hatte eilig und formlos Innozenz II, die Mehrheit einige Stunden danach
(zwar rechtmäßig in der Form), aber zu spät, Anaklet II. gewählt, die
dann beide am gleichen Tag, aber in verschiedenen Kirchen geweiht
wurden. Mit Entschiedenheit stellte sich Abt Bernhard von Anfang an auf
die Seiten Innozenz II., eines ehrenhaften und geistlich gesinnten
Mannes, fürchtete er doch wie so viele frommen Christen auch, daß
Anaklet - ein zwar hochgebildeter und beredter, aber auch ehrgeiziger
und prunkliebender Geistlicher, der der reichen jüdischen Familie der
Pierleoni entstammte, die allerdings schon seit etwa loo Jahren
Christen waren - sich eher für die Interessen seines Geschlechtes
einsetzen als für das Wohl der Kirche sorgen werde. Indem er mit
Feuereifer für den Würdigeren kämpfte, setzte er sich zwar über gewisse
Formalitäten hinweg, gab aber dem Geiste des Gesetzes den Vorrang vor
dem Buchstaben. (N.b. dieses dem kirchlichen Gesamtwohl dienende
Prinzip der "Epikie" wird wohl auch bei einer Wiedererrichtung einer
rechtgläubigen Hierarchie sicherlich von Bedeutung sein.)
Hauptsächlich auf die unermüdliche Tätigkeit des Abtes von Clairvaux
ist es zurückzuführen, daß der größte Teil der westeuropäischen Staaten
auf die Seite Innozenz II. trat. Trotzdem war dieser aber nicht in der
Lage, sich lange in Rom zu behaupten: er floh nach Frankreich, wo ihn
Bernhard eifrig unterstützte. Als Kaiser Lothar seinen ersten Römerzug
unternahm, um in der Heiligen Stadt in der Lateransbasilika zum Kaiser
gekrönt zu werden, begleitete Bernhard den Papst nach Rom, das dieser
jedoch bald wieder verlassen mußte; denn des Kaisers Macht war schwach,
und Anaklet - ausreichend unterstützt - behielt die Leostadt mit der
Engelsburg fest in seinem Besitz. Zwei Jahre später begab sich Bernhard
wieder nach Italien, wo er maßgeblich daran beteiligt war, daß sich
Mailand und andere Städte Oberitaliens Lothar und dem Papst
unterwarfen, wozu die Begeisterung, die sein Auftreten, seine Reden und
seine Wundertaten hervorriefen, viel beitrugen. Schließlich wollte man
ihn zwingen, den erledigten Erzbischofsitz von Mailand einzunehmen.
Aber in seiner Demut schlug er es aus, Nachfolger des hl. Ambrosius zu
werden.
Im Jahre 1137 sah er sich zum dritten Male genötigt, nach Italien zu
ziehen, wo er nicht nur an der Wiederherstellung der Ordnung im Kloster
Monte Cassino mitwirkte, sondern auch die Kirchenspaltung beendete,
indem es ihm gelang, daß sich nach dem Tode Anaklets dessen Nachfolger
bald unterwarf.
Bernhard genoß nicht nur am päpstlichen Hof großes Ansehen. Er erfreute
sich auch großer Hochschätzung bei den jungen Orden der
Prämonstratenser und Karthäuser und im Zentrum der mönchischen
Reformbewegung, in Cluny. Dies hielt aber sein heftiges Temperament
nicht davon ab, gelegentlich die verweichlichte Lebenshaltung der
Cluniazenser, ihre Vorliebe für Prunk und eine wenig monastische
Lebensgestaltung zu tadeln. Sein aufrechter Charakter und seine
Selbstlosigkeit, die ihn nie verließen, bewirkten aber, daß bisweilen
auftretende Trübungen in den Beziehungen der Orden untereinander nie
lange anhielten.
Inzwischen ging die Errichtung von Niederlassungen immer schneller
vonstatten. Zwischen 1130 und 1145 erfolgten allein 39 größere
Neugründungen, u.a. auch in Deutschland, wo in der Nähe von Trier das
Kloster Himmerod eröffnet wurde. Im Jahre 1140 verurteilte das Konzil
von Sens auf Veranlassung Bernhards einige Schriften des großen Petrus
Abälard, der in jüngeren Jahren durch seinen ärgerlichen Roman, dessen
Handlung er mit seiner Schülerin sogar nachgespielt hatte, weltbekannt
geworden war. Abälard hielt zwar grundsätzlich an der Offenbarung fest,
aber seine Vermittlungsversuche zwischen Glauben und Wissen, welche zur
Emanzipation der Vernunft (im rein rationalistischen Sinne; Anm.d.Red.)
beitrugen, lehnte Bernhard als häretisch ab. Als Abälards Appelation an
den Papst erfolglos blieb, unterwarf er sich.
Ein unerwartetes, aber wichtiges Ereignis im Leben Bernhards war die
1145 erfolgte Wahl des Bernhardus von Pisa, des Abtes von St. Anastasio
in Rom, der zuvor Mönch im Kloster Clairvaux gewesen war, zum Papste.
Wenn auch Bernhard die Nachricht, daß sein ehemaliger Schüler unter dem
Namen Eugen III. Nachfolger Petri geworden war, anfangs mit einiger
Bestürzung aufnahm, weil er ihm nicht die volle Befähigung für das
höchste Amt auf Erden zutraute, so behielt doch die Freude über diese
Wahl die Oberhand. Ja, nicht viel später schrieb er sogar, daß alle,
die eine Sache haben, sich jetzt an ihn wendeten, und man sprach davon,
daß nicht Eugen, sondern er der eigentliche Papst sei. Wenn er auch auf
den Papst aus dem Zisterzienser-Orden großen Einfluß nahm und ausübte,
ist - kirchengeschichtlich gesehen - dennoch zu berücksichtigen, daß
letzterer auch auf die Kurie Rücksicht nehmen mußte und es an
Eifersucht auf den Zisterzienser-Abt nicht fehlte. Unbestritten ist
aber, daß Bernhard versuchte, durch Eugen III. die Verweltlichung am
päpstlichen Hof zu bremsen.
Zur Zeit der Thronbesteigung des neuen Papstes verbreitete sich eine
Schreckensnachricht im Abendland: das im nördlichen Mesopotamien
gelegene Edessa - seit dem ersten Kreuzzug ein wichtiges Bollwerk des
Heiligen Landes gegen den Islam - ging an die Seldschucken verloren. Um
dem drohenden Verlust aller übrigen christlichen Staaten, besonders
Jerusalems, zuvorzukommen, wandte sich der Papst zuerst an den
französischen König Ludwig VII., wobei Bernhard es unternahm, in
Frankreich das Kreuz zu predigen.
Des Heiligen Begeisterung begnügte sich aber nicht damit, bald begab er
sich an den Rhein, wo es ihm gelang, zu Weihnachten 1146 den deutschen
König Konrad III. zur Teilnahme am Kreuzzug zu gewinnen, was ihm als
ein Wunder erschien. Seine Wege führten ihn rheinauf und -ab. Er hielt
sich in Flandern, Köln und Konstanz auf und unterdrückte in Mainz eine
Judenverfolgung, deren Hauptmotiv die erregte Kreuzzugsstimmung war.
Obwohl der deutschen Sprache nicht mächtig, (so daß er sich eines
Dolmetschers bedienen mußte,) genügte das von ihm ausstrahlende
Charisma, die Volksmassen zu begeistern. Auch wird von vielen
Wunderheilungen bei seinen Ansprachen berichtet.
Mit einer gewissen Unsicherheit, ob sie sich überhaupt aus ihrer
Abgeschiedenheit hervorwagen sollte, wandte sich zu jener Zeit auch die
große Visionärin Hildegard von Bingen an Bernhard. Er ermutigte sie
nicht nur zur Veröffentlichung ihrer Werke, sondern forderte
unmittelbar den Papst auf, der damals bei der Synode zu Trier anwesend
war, nach Prüfung von Hildegards Sehergabe dort öffentlich aus ihrem
Werk "Scivias" ("Wisse die Wege") den versammelten Kardinalen,
Bischöfen und Theologen vorzulesen.
1148 liefen die ersten Nachrichten über Mißerfolge der Kreuzritter im
Orient ein. Es ist begreiflich, daß Bernhard besonders unter diesem
geheimen Gottes gericht litt; wurde er doch allgemein als der Bürge für
das Gelingen des zweiten Kreuzzuges angesehen, so daß es an Vorwürfen
nicht mangelte, die er - soweit sie ihn persönlich betrafen - in Demut
und im Bewußtsein der Unvollkommenheit alles Irdischen aufnahm. Er sah
in den Sünden der Kreuzfahrer, in ihrer Uneinigkeit, aber auch im
feindlichen Verhalten des Byzanthinischen Reiches den Hauptgrund für
die drohende Katastrophe. Aber vergebens forderte er auf, sich durch
das Mißlingen nicht entmutigen zu lassen, ja, er versuchte das
Zustandekommen eines neuen Kreuzzuges zu organisieren, was aber infolge
mangelnder Begeisterung ergebnislos verlief. Wahrscheinlich wäre er
auch nicht mehr imstande gewesen, dieses Unternehmen, wie es geplant
war, persönlich zu leiten, denn seine körperlichen Gebrechen nahmen zu,
wenn auch in seinem Geist das Feuer längst nicht erloschen war.
Im Frühjahr 1153 bat ihn der Erzbischof von Trier, sich zwecks
Beilegung von Streitigkeiten zwischen dem Bischof von Metz und dem
Herzog von Lothringen nach Metz zu begeben, um die Vermittlerrolle zu
übernehmen. Obwohl schon schwer krank, verweigerte er nicht die
Übernahme dieser Mission, der wenigstens ein vorübergehender Erfolg
beschieden war.
Wenige Monate später - am 2o. August 1153 - starb der Abt von
Clairvaux, wo er 38 Jahre dem Kloster vorgestanden hatte. Aber nur eine
kurze Zeitspanne entfiel auf ein Wirken in klösterlicher
Abgeschiedenheit, was ihn bisweilen bedrängt hat. Schrieb er doch: "Es
schreit zu euch mein widernatürliches Leben, mein beladenes Gewissen.
Ich führe nämlich - gewissermaßen als eine Chimäre meines Jahrhunderts
- weder das Leben eines Geistlichen noch das eines Laien. Denn schon
längst habe ich zwar nicht das Mönchsgewand, aber doch die Lebensweise
eines Mönches abgelegt".
Tief betrauert von der damals 700 Seelen betragenden Klostergemeinde
wurden seine sterblichen Überreste vor dem Altare der allerseligsten
Jungfrau Maria, die er sein ganzes Leben hindurch verehrt hatte,
bestattet. Er hinterließ ein umfangreiches literarisches Werk, welches
in Briefen, Predigten und Abhandlungen eingeteilt wird. Die etwa 5oo
erhaltenen Briefe, deren Adressaten hohe Geistliche, Mönche, Adelige
und Laien waren, umfassen teils nur wenige Worte, teils bilden sie
regelrechte theologische Abhandlungen. Sie gewähren uns einen
vortrefflichen Einblick in sein Wirken als Politiker und Seelenführer,
zeigen aber auch sonstige liebenswerte Charakterzüge. So erfährt man
z.B., daß weder die strenge Askese in der Klosterzelle noch die
aufregende Welt der Politik ihn des Gefühls für die Schönheit und den
Reichtum der Natur beraubt hätten, ja, im Gegenteil, er findet sogar
noch Worte, die an den hl. Franziskus erinnern, denn er schreibt, wie
er lernen wolle "von der Erde und von Bäumen, vom Kom, von den Blumen
und den Steinen", "was kein Meister lehren kann".
Unter seinen Predigten, die für eine aus Mönchen bestehende
Zuhörerschar verfaßt sind, ragen die 86 Predigten über das Hohe Lied
hervor, eine allegorischmystische Interpretation desselben. Von seinen
asketischen Schriften ist besonders eines seiner Frühwerke, welches er
als junger Abt für seine Kommunität schrieb, bekannt geworden: "De
gradibus humilitatis et superbiae" ("Über die Stufen von Demut und
Hochmut"). Es handelt sich dabei um einen Kommentar zu der in der
Benediktiner-Regel geforderten Demut als der Weg zur Wahrheit.
Ausführlich sind die 12 Stufen des Hochmutes beschrieben, die vom
Vorwitz bis zu gewohnheitsmäßigen Sünden führen.
Die umfangreichste und bekannteste seiner Abhandlungen ist sein
Alterswerk "De consideratione" ("Über die Betrachtung"). Es ist eine
Gelegenheitsarbeit, die auf Bitten des Papstes Eugen III. für diesen
geschrieben wurde und in kunstvollem Aufbau neben Ratschlägen und
Anweisungen für eine gottgefällige Ausübung des Papstamtes auch einen
asketisch-mystischen Abschnitt enthält. So verlangt Bernhard z.B. in
diesem Buch eine gewisse Trennung zwischen geistlichen und weltlichen
Angelegenheiten, keine Einmischung in rein weltliche Belange und
Geschäfte der Fürsten. Im dritten Buch wird der Papst an seine
Pflichten gegen die Heiden, ihnen das Evangelium zu verkünden, erinnert
und gemahnt, dafür zu sorgen, daß die Kirche gut regiert werde, denn
sein Amt sei das eines Verwalters, nicht eines Herrschers. Im Anschluß
daran rügt er die am päpstlichen Hofe herrschenden Mißbräuche, die
kuriale Juristerei und den Hochmut und die Habsucht der hohen
Geistlichkeit zu Rom, die immer größere Ausmaße annehmen würde.
Bernhards gemütsinnige und gefühlsbetonte Mystik ist nicht geprägt von
intesiven mystischen Erlebnissen. Aber besonders ausgezeichnet durch
eine Verehrung der Menschheit Christi beeinflußte sie wesentlich die im
13. Jahrhundert entstehende Herz-Jesu-Verehrung und zu Ende des 14.
Jahrhunderts die Devotio moderna, die ihren Höhepunkt in der "Nachfolge
Christi" fand. In der Mariologie geht er weder in den auf uns
gekommenen 18 Marienpredigten noch in seinen sonstigen Werken über die
bis dahin von der Kirche fixierten Lehre hinaus. Obwohl er relativ
selten von der Gottesmutter spricht und die schon damals von gewissen
Theologen vertretene Lehre von der Unbefleckten Empfängnis ablehnte,
zählt er dennoch zu den großen Marienverehrern, da seine trefflichen
Abhandlungen bahnbrechend für die spätere Marienverehrung wurden. So
versetzt auch Dante in seiner "Göttlichen Komödie" den hl. Bernhard an
einen bevorzugten Platz im Paradies.
Nicht belegt ist die fromme Legende, nach der Bernhard während seines
Aufenthaltes als Kreuzzugsprediger in Speyer beim Eintritt in den
dortigen Dom abwechselnd niederknieend und dann vorwärtsschreitend die
Worte "0 Clemens", "o pia" und "o dulcis Virgo Maria" gesprochen haben
soll, welche, wie wir wissen, später dem "Salve Regina" beigefügt
worden sind.
Der weithin verbreitete Ruf von seinem heiligmäßigen Leben bewirkte es,
daß Bernhard bereits im Jahre 1174 von Papst Alexander III. kanonisiert
wurde. Seine Reliquien sind über die ganze Erde verbreitet. Als "Doctor
Ecclesiae" scheint er schon sehr frühzeitig im Zisterzienser-Orden
verehrt worden zu sein. Die offizielle Verleihung dieses Titels
("Kirchenlehrer") erfolgte allerdings erst 183o durch Papst Pius VIII.
Als besondere Attribute sind auf den Bildern, die ihn darstellen
(wollen) festzuhalten: eine Mitra zu seinen Füßen, da er dreimal die
bischöfliche Würde abgelehnt hatte, ein Bienenkorb als Anspielung auf
seinen Ehrentitel "Doctor mellifluus" ("honigsüßer Lehrer"). Die Kirche
feiert sein Fest am 20. August.
Literaturhinweise:
"Handbuch der Kirchengeschichte" hrsg. von Hubert Jedin, Freiburg 1968, Bd.3.
Hampe, Karl: "Bernhard von Clairvaux" Köln - Graz 1963.
Köpf, Ulrich: "Bernhard von Clairvaux" in: Ruhbach / Sudbrack: "Große Mystiker - Leben und Wirken" München 1984.
Schneider, Ambros: "Die Zisterzienser" Köln 1974.
Stadler: "Vollständiges Heiligenlexikon" Augsburg 1858, Bd.l, Artikel über Bernhard v.C.
"Vie des Saints" Paris 195o, Bd.8.
"Realenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche" Leipzig 1897.
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