DER KREUZWEG ARMENIENS SEIT ÜBER 1500 JAHREN
aus
Gemeindebrief 1/1989 des Meßzentrums St. Gebhard/Villingen
Anmerkung der Redaktion:
Armenien ist, nachdem es durch die gewaltigen Erdbeben im Dezember 1988
in den Mittelpunkt einer weltweiten caritativen Hilfswelle geraten war,
diesen Winter wieder in die Schlagzeilen geraten: kriegerische
Auseinandersetzungen mit seinen islamischen Nachbarn, wobei Hunderte
von unschuldigen Opfern ihr Leben lassen mußten. Hier soll in groben
Umrissen einmal die Geschichte eines christlichen Volkes vorgestellt
werden, die reich ist ja überreich ist an Leiden, Verfolgungen und an
Verlassenheit ist.
E. Heller
***
Armenien ist der erste christliche Staat der Welt. Das Christentum war
in diesem Land bereits Staatsreligion, ehe Kaiser Konstantin durch ein
Toleranzedikt im Jahre 313 den Christen des Römischen Reiches
Glaubensfreiheit und Gleichberechtigung neben den Anhängern der
heidnischen Kulte gewährte. Geschichtlich gesichert ist die Verbreitung
des Evangeliums in den armenischen Provinzen Siunik und Artaz bereits
Ende des Jahres 100; erster Glaubensbote war nach glaubwürdiger
Überlieferung der hl. Apostel Judas Thaddäus. Bereits im II. und III.
Jahhundert lassen sich verschiedene Bischofssitze in den armenischen
Regionen nachweisen. So erwähnt der Kirchenvater Eusebius von Caesarea
(geb. 26o/65, gest. 338/39) einen Brief des syrischen Patriarchen
Dionysios, den dieser im Jahre 254 an den armenischen Bischof
Meruhschan schrieb. An der Schwelle zum IV. Jahrhundert gewann der aus
dem Hochadel stammende und in Kappadokien christlich erzogene Gregor
die armenische Herrscherfamilie des Königs Tiridates für die
christliche Lehre. Dieser ließ sich im Jahre 3ol mit der Königin
Aschken, der Prinzessin Chosrowiducht, Mitgliedern des Hofes,
zahlreichen Adeligen und dem größeren Teil des Volkes taufen. Im Jahre
3o2 weihte Erzbischof Leontios von Caesarea Gregor zum Bischof der
Armenisch-Apostolischen Kirche, König Tiridates erklärte das
Christentum zur Staatsreligion, erhob Gregor zum Oberbischof und
verlieh ihm den Beinamen "Lusaworitsch", d.h. "der Erleuchter".
Die folgende Geschichte des christlichen Armeniens ist, bildhaft
gesprochen, eine mit "Blut und Tränen" geschriebene. Sie kann hier aus
verständlichen Gründen nur in flüchtigen Umrissen erzählt werden. Die
neue Staatsreligion Armeniens verschlechtarte die Beziehungen zu den
umgebenden Völkern und zum heidnischen Rom. Im Jahre 311 versuchte
Kaiser Maximus Daia das Königreich des Tiridates mit militärischer
Macht zur Rückkehr zum Heidentum zu zwingen. Doch auch gegen den
inneren Widerstand gegen die neue Religion setzten sich der König und
Gregor durch. Im Jahre 303 wurde der Bau der Kathedrale "St.
Etschmiadzin", d.h. "Herabgestiegen ist der Eingeborene" in
Wagharschapat vollendet. Zur Vertiefung des Christentums im Lande
gründete Gregor mehrere Bildungszentren und errichtete
Regional-Diözesen. Armenische Geistliche missionierten in Grusinien,
Kaukasisch-Albanien, in den Gebieten um das Schwarze Meer, auf der
Halbinsel Krim und im Donau-Delta. Als Gregor im Jahre 325 starb,
hinterließ er eine in sich gefestigte Armenische Volkskirche. Sein
jüngerer Sohn Aristakes, ein eheloser Asket, übernahm das geistliche
Amt des Vaters. Er war einer der Teilnehmer und Unterzeichner der
Beschlüsse des Konzils von Nicaea im Jahre 325. Oberbischof
(Katholikos) Aristakes wurde 333 von einem Adeligen ermordet, und sein
verheirateter Bruder Vrtanes übernahm Würde und Amt. Dessen Sohn Gregor
wurde schon im Alter von 15 Jahren Bischof von Grusinien und Albanien,
ein anderer Sohn des Vrtanes, Hussik, wurde 341 Katholikos. Es
entsprach gleichsam einem nationalen Anliegen, daß dieses Amt mehrere
Generationen in der Familie Gregors des Erleuchters verblieb.
Von den Persern bedrängt, reiste Patriarch Nerses persönlich im Auftrag
des Königs Arschak II. zu Kaiser Valens nach Byzanz um Waffenhilfe zu
erbitten. Diese wurden den Armeniern verweigert, da sie sich nicht der
Oströmischen Reichskirche unterwerfen wollten. Kaiser Valens ließ den
Katholikos Nerses auf die öde Insel Patmos verbannen, die einst schon
das Exil des hl. Johannes war. Der spätere Krieg zwischen Persien und
Byzanz hinderte die Armenier, am Konzil zu Konstantinopel im Jahre 381
teilzunehmen. In einer Zeit der politischen Schw&he Armeniens
schloß Kaiser Theodosius 387 einen Vertrag mit dem persischen Herrscher
Schapur III. und teilte Armenien in zwei entsprechende
Interessenbereiche; dennoch blieb das Land durch das gemeinsame
Bekenntnis verbunden. Als Sahak, Sohn des verstorbenen Katholikos
Nerses, das Amt seines Vaters übernahm, bekam die Kirche ein
ungewöhnlich fähiges und tatkräftiges Oberhaupt. Eines seiner großen
Verdienste ist das in Zusammenarbeit mit dem Geistlichen Mesrop
Maschtotz aus 36 (später 38) Buchstaben geschaffene Alphabet, welches
im Jahre 4o6 endgültig festgelegt war. Es setzte hierauf eine so
fruchtbare geisteswissenschaftliche und rege Übersetzungstätigkeit ein,
daß schon die erste Hälfte, des V. Jahrhunderts als das "goldene
Zeitalter" der Armenischen Literatur bezeichnet wird. Das Armenische
Alphabet erwies sich als stärkste Waffe im Kampf gegen den politischen
und kulturellen Einfluß von außen.
Im Jahre 438 bestieg Yadzegert LL. den persischen Thron. Er wollte
seinen nationalen "Feuerkult" (Mazdeismus, Parsismus) im ganzen
iranischen Einflußgebiet, auch in Armenien, einführen. Adel und Volk
setzten sich mehrheitlich entschieden zur Wehr und wählten den Fürsten
Wartan Manigonian zum Führer des Widerstandes. Er bat im christlichen
Byzanz vergebens um Beistand. In der Entscheidungsschlacht bei Awarair
am Fluß Dermud im Jahre 451 standen 60.000 Armenier 300.000 persischen
Kriegern gegenüber. Ungeachtet der tapfersten Gegenwehr wurden die
Armenier besiegt. Fürst Wartan fand in diesem ersten Glaubenskrieg der
Geschichte den Tod. Sein Andenken ist bei den Armeniern in aller Welt
bis heute unvergessen. Auch nach dieser Niederlage kam das Land nicht
zur Ruhe. Immer wieder flammten Aufstände gegen die iranische
Besatzungsmacht auf. Nach einer blutigen Kriegsführung auf beiden
Seiten gestanden die Perserden Armeniern im Jahre 485 die
Glaubensfreiheit zu. Während das Armenische Volk noch seinen
Religionskampf führte, tagte im Jahre 451 zu Chalkedon das IV.
Ökumenische Konzil. Glaubensdifferenzen sollten beigelegt, die
kleineren, selbständigen Kirchen in die große und mächtige Reichskirche
eingegliedert werden. Die Kirchenversammlung beschloß u.a. die Lehre
von den zwei untrennbaren und unvermischbaren Naturen in Christus.
Berichte von Syrern, die die Entscheidungen von Chalkedon ablehnten und
das Dogma in der von ihnen verstandenen Weise an die auf dem Konzil
abwesenden Armenier weitergaben, führten zur formalen Ablehnung dieser
Beschlüsse durch die Armenische Kirche. Sachlich war man in der
Glaubenslehre nicht so weit auseinander, wie die nachfolgenden
Kontroversen vermuten lassen.
Ungeachtet der unruhigen, immer wieder von Kriegswirren erfüllten
Zeiten, entfalteten Wissenschaftler, Künstler, Baumeister, Architekten
und Kunsthandwerker eine reiche Kultur. Die byzantinische
Kirchenbaukunst ist ohne die Kenntnisse armenischer Architektur nicht
denkbar.
Obwohl die Armenier durch ihr christliches Bekenntnis nach Byzanz
orientiert waren, betrieben die griechischen Kaiser eine Armenien
feindliche Politik. Wie sich die orthodoxe, d.h. "rechtgläubige"
Militärmacht des Kaisers Maurikios (582-6o2) in Armenien betrug,
berichtet Michael der Syrer: "Das Heer des Maurikios warf frech die
Kreuze zu Boden (es waren ja keine 'orthodoxen'!), beraubte Kleriker
und Laien, schändete die Mädchen und schnitt die Ohren der Frauen samt
den Ringen ab." Kaiser Herakleios, selbst armenischer Abstammung,
Sieger über die Perser, suchte den Ausgleich der Reichskirche mit der
Armenischen. Der kriegerische Einbruch der Araber verhinderte eine
friedliche Einigung. Kaiser Konstans II. (641-668) sagte jenen
armenischen Fürsten militärische Unterstützung zu, welche sich gegen
die Araber verteidigen wollten. Vorbedingung der Hilfeleistung war die
Annahme der Konzilsbeschlüsse von Chalkedon und die Unterwerfung (!)
unter den Patriarchen Paulos II. (641-654) von Konstantinopel. Der
kirchliche Aufstieg Konstantinopels erklärte sich durch die' politische
Macht des Reiches. (Die Kirchenversammlung von Chalkedon hatte ja auch
den Rang des Patriarchen von Konstantinopel erhöht.) Erst im VI.
Jahrhundert begründete man den Primatsanspruch dadurch, daß der Apostel
Andreas Bischof von Konstantinopel gewesen sei. Die obigen Bedingungen
wurden in Armenien als eine unerträgliche Anmaßung empfungen. Gegen die
Gewährung der Religionsfreiheit unterstellte sich der Adel mehrheitlich
der arabischen Oberhoheit.
Die folgenden Jahrhunderte waren immer wieder von kriegerichen
Auseinandersetzungen erfüllt, unter wechselnden politischen
Herrschaftsverhältnissen; gleichsam eine geographische "Pufferzone"
zwischen Byzanz und den islamischen Völkerschaften. Die benachbarte
Landschaft Kilikien, zwischen Kleinasien, Syrien und dem Nahen Osten
gelegen, war bereits weitgehendarmenisch besiedelt, als in dieser
Region die ersten Kreuzritter eintrafen. Diese eroberten im Jahre 1197
die Stadt Nicaea von den Türken, an deren Spitze Sultan Kilitsch Arslan
kämpfte, und brachten diesen eine vernichtende Niederlage bei. Die
Oberschicht der armenischen Gesellschaft, weltaufgeschlossen, gebildet,
gastfreundlich und kultiviert, übte auf die abendländische
Kreuzritterschaft eine große Anziehungskraft aus. Es kam häufig zu
Eheschließungen zwischen armenischen und eruopäischen Adelshäusern.
Nach der Eroberung Jerusalems durch das Kreuzritterheer im Jahre 1099
bildeten sich neben dem Königreich Jerusalem weitere
Kreuzritterstaaten.
Unter dem armenischen Katholikos Gregor III. unterbreitete der Römische
Stuhl Vorschläge zu einer Union mit der Abendländischen Kirche. Als
jedoch Papst Eugen II. (1145-1153) noch im Jahre seines
Regierungsantritts von den Armeniern die Übernahme des Lateinischen
Ritus forderte, wurde der Unionsgedanke von der überwiegenden Mehrheit
der Armenier aufgegeben. Dennoch wurden auch bei den nicht mit Rom
unierten Armeniern Lateinische Gewohnheiten übernommen: z.B. als
einzige der Orientalischen Kirchen verwendet die Armenische
ungesäuertes Opferbrot bei der Eucharistiefeier, die Bischöfe bedienen
sich der Lateinischen Mitra (ohne die von dieser herabfallenden
Bänder), des Krummstabes und Pontificalringes, das Orgelspiel während
der Heiligen Liturgie ist erlaubt und üblich, das Kreuzzeichen wird wie
im Römischen Ritus von links nach rechts bezeichnet.
Die islamischen und mongolischen Völker vernichteten nach und nach die
Kreuzritterstaaten. Der letzte wirkliche König von Armenien, Leon V. de
Lusignan, wurde 1374 in der Sophienkathedrale zu Sis nach Lateinischem
und Armenischem Ritus gekrönt. Das Titularkönigtum von Armenien starb
151o mit dem Tode von Katherine Cornaro, dem letzten Mitglied der
Familie de Lusignan, auf Zypern endgültig aus. Auch die unter dem
Ansturm des Islam durch den Katholikos Joseph I. von Sis auf der
Kirchenversammlung von Florenz vollzogene Union mit Rom hatte in der
Folgezeit überwiegend keinen Beistand. Das Generalkapitel der
armenischen Geistlichkeit versammelte sich 1441 zu Etschmiadzin,
beschloß wegen der drohenden Kriegsgefahr das 19 km entfernte
Katholikat Sis in das sicherere Etschmiadzin zurückzuverlegen. Da der
Katholikos von Sis weder auf sein Amt noch auf diesen Sitz verzichtete,
bestehen seit dieser Zeit zwei Katholikoi.
Mit der Eroberung Konstantinopels 1453 durch Sultan Mohamed II. ging
das Byzantinische Reich unter. Mohamed II. schätzte die Armenier als
loyale Untertanen. Er übertrug Bischof Jowakim aus Bursa Sitz und Titel
eines Armenischen Patriarchen von Konstantinopel und bestellte ihn zum
gesetzlichen Vertreter aller Armenier und jener Christen, die nicht der
Griechisch-Orthodoxen Kirche angehörten. Die von Sultan Mohamed
gegenüber den Christen geübte Duldsamkeit hielt sich nicht lange im
Osmanischen Reich. Neben Zeiten relativer Ruhe litten die Armenier
besonders unter den Kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Türken
und Persern. Willkürakte und religiöse Verfolgungen waren zwar regional
von unterschiedlicher Härte, doch unterschwellig im türkischen
Herrschaftsgebiet allgegenwärtig. An der Schwelle zu unserem
Jahrhundert, zwischen 1894 und 1896, wurden auf Befehl des osmanischen
Sultans Abdul Hamid II. 300.0000 (in Worten: dreihunderttausend!)
Armenier niedergemetzelt. Als sich der Zusammenbruch des türkischen
Reiches bereits abzeichnete, wurde der schon vorher gehegte Plan einer
vollständigen Vernichtung des Armenischen Volkes in Angriff genommen.
In der Nachtvom 24. zum 25. April 1915 wurden alle gebildeten Armenier,
Politiker, Professoren, Lehrer, Ärzte, zahlreiche Geistliche zu
Konstantinopel verhaftet, ins Landesinnere verschleppt und ermordet.
Alle wehrfähigen Männer innerhalb des türkischen Herrschaftsbereiches
wurden eingezogen, entwaffnet und vor den selbstgeschaufelten Gräbern
erschossen. Frauen, Kinder und Greise trieb man in Gewaltmärschen in
die Syrische Wüste, wo sie dem Durst- und Hungertod preisgegeben
wurden. Die Zahl der Frauen, Mädchen und Kinder, die in die türkischen
Harems verschleppt wurden, kennt allein Gott. Es wurden unvorstellbare
Greueltaten an wehrlosen Menschen vorgenommen, mindestens eineinhalb
Millionen Menschen oft sadistisch gefoltert und ermordet.
Der Dichter Franz Werfel schreibt in seinem Buch "Die vierzig Tage des
Musa Dagh": "Dieses Werk wurde im März 1929 bei einem Aufenthalt in
Damaskus entworfen. Das Jammerbild verstümmelter (!) und verhungerter
(armenischer) Flüchtlingskinder, die in einer Teppichfabrik arbeiteten,
gab den entscheidenden Anstoß das unfaßbare Schicksal des armenischen
Volkes dem Totenreich alles Geschehenen zu entreissen." Zu diesem nicht
in Worten zu fassenden Vökermord an den Armeniern wurde auf Seiten der
Türkei bis heute nicht einmal ein Wort des Bedauerns geäußert!
Ein Bruchteil des ehemaligen Armeniens konstituierte sich in den
zwanziger Jahren als Staat in der Sowjetrepublik. Stalin, einst Schüler
des orthodosen Priesterseminars in der Stadt Tiflis, regierte nach 1929
mit brutaler Grausamkeit als Diktator. Er erneuerte auch die Verfolgung
der Armenier. Zehntausende unschuldige Menschen, Intellektuelle und
Geistliche wurden ermordet oder nach Sibirien verbannt. Den Katholikos
Choren I. ließ Stalin 1938 durch seine Henkersknechte erwürgen! Erst
nach Stalins Tode besserte sich die Lage der Sowjet-Armenier.
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