WEIHNACHTEN 1988: KRIPPE UND KREUZ
von
H.H. Kaplan Dr. Felix Jeker
Kenner der Kirchengeschichte und insbesondere der Stadt Rom wiesen mich
einmal hin auf eine interessante Feststellung: Zieht man eine Gerade
von der Basilika Santa Maria Maggiore zur Erzbasilika St. Johann im
Lateran - welche ursprünglich dem allerheiligsten Erlöser geweiht war -
und zieht man ebenso eine Gerade von der Basilika Santa Croce in
Gerusalemme hin zur Kirche S. Stefano in Mont Coelio, so bilden diese
beiden gezogenen Geraden ein Kreuz. Dabei ist die Strecke von S. Maria
Maggiore zum Lateran genau doppelt so weit wie die von S. Croce zu S.
Stefano.
Ich sehe in dieser "Geographie" dieser vier Kirchen so etwas wie einen
Zusammenhang von Weihnachten und Ostern, von Krippe und Kreuz. Weshalb?
Eine ehrwürdige Reliquie in S. Maria Maggiore bildet Holz von der
Krippe, welches eingefaßt ist in einem prunkvollen Altar in der
Confessio dieser Kirche. Dieser Altar ist auch nach dem römischen
Missale die Station der Mitternachtsmesse, "Statio ad S. Mariam maiorem
ad Praesepe". Der Weg geht hinauf zur Erlöserkirche, dem vertikalen
Kreuzbalken, zum Lateran, der Stationskirche sowohl des Palmsonntags,
des Grün-Donnerstag und der Osternachts-Vigil. Dicht daneben steht auch
als Bestandteil des frühchristlichen und mittelalterlichen
Lateranspalastes das Kloster der Passionisten, welches als eine weitere
kostbare Reliquie die Scala sancta verehrt, jene Treppe, auf welcher
unser Herr und Erlöser auf seinem Leidensweg ging. Die Kirchen des
Querbalkens: Santa Croce birgt die vielleicht kostbarste Reliquie der
katholischen Kirche, nämlich jenes Stück Holz vom Kreuze Christi,
welches nach der Überlieferung Kaiserin Helena um 3oo aus dem hl. Land
nach Rom gebracht hat. Und von dieser Kirche des hl. Kreuzes geht der
Querbalken hinüber zu S. Stefano: Station des Nach-Weihnachtstages, des
26. Dezember! Nach dem Frieden der Heiligen Nacht, den die Engel über
die Felder von Bethlehem besungen, die unerhörte Dissonanz: Der hl.
Stefanus wird als erster Märtyrer der jungen Kirche zu Tode gesteinigt!
Zurück zur "Geographie" dieser vier Kirchen: Von der Krippe aus wächst
der Kreuzestamm, verbunden mit Leiden, Kampf, Verfolgung, Tod - bis hin
zur siegreichen Auferstehung des Erlösers am Ostermorgen!
In unserem einst christlichen Abendland ist Weihnachten immer noch das
wichtigste Fest im Jahr, vor allem im Geschäftsjahr. Im November werden
unsere Straßen und unsere Städte in weihnachtliche Stimmung 'getaucht'
- mit enormem Aufwand an Licht. Die Menschen sind normalerweise
gereizter und nervöser als zu anderen Jahreszeiten, sie sind auch
beschäftigter als sonst. Andererseits ist das Begehen des
Weihnachtsfestes auch keine große Kunst: Jeder ist imstande, ein
Tannenbäumchen zu erstehen und Kerzen darauf zu stecken. Fast jeder
kann seine Familie oder Verwandte und Freunde zu sich einladen und in
festlicher Athmosphäre einige traute und gemütliche Stunden verbringen
- Stellung zu Weihnachten beziehen muß keiner dabei. Mit anderen
Worten: Im Extremfall könnte nicht nur ein lauer Katholik, sondern auch
ein abgefallener, ein ungläubiger 'Christ', ja ein Atheist
'Weihnachten' feiern, mit allem Zubehör. Und die Menschen, die einsam
und verlassen sind? Sie haben die schwierigste Zeit des Jahres zu
bewältigen. Der Mensch ohne Zuhause spürt die winterliche Kälte
doppelt, er leidet mehr unter seiner Einsamkeit und Armut. Nicht nur
Pfarrämter, sondern auch Wohlfahrtsinstitutionen,
Sorgen-Telefon-Einrichtungen etc. werden in den Weihnachtstagen echt
gefordert, während sonst oft im Verlaufe des Jahres 'Funkstille'
herrscht. Und die Obdachlosen-Weihnachtsfeiern der Heilsarmee oder
ähnliche Veranstaltungen in Altersheimen und Spitälern sind sehr gut
besucht, die zur Verfügung gestellten Säle brechend voll. Mitmachen tun
gläubige Menschen und solche, die sich dem Christentum entfremdet
haben. Wohin wollten solche Menschen in diesen Tagen auch hingehen,
wenn alles wegen der Feiertage "zu" ist?
Eine alte Frau hat mir einmal gesagt, sie könnte mit Weihnachten nichts
anfangen, jedes Jahr reiße ihr das Weihnachtsfest alte Wunden von neuem
auf: Alle ihre Angehörigen, Eltern, Geschwister, Ehemann und Kinder,
seien ausgerechnet jeweils zur Weihnachtszeit gestorben. Sie begreife
Gott nicht, daß er dies ihr antun konnte, ihr ein Familienmitglied nach
dem anderen in dieser Zeit wegzunehmen. Ich versuchte, die Frau zu
trösten. Es war schwierig. Inzwischen ist auch sie verstorben - sechs
Tage vor Weihnachten!
Wir wissen, der Weihnachtstag ist das fixe Datum, wo wir Menschen das
Gemüthafte nicht ausschalten können. Dazu kommt noch unsere klimatische
Situation, so daß "weiße Weihnachten" ein Begriff ist. Dabei wurde erst
im Jahre 354 das Weihnachtsfest auf den 25. Dezember festgelegt!
Weihnachten zu feiern, die Geburt des Herrn und Heilandes festlich zu
begehen, erfordert von uns eine Stellungnahme, eine Auseinandersetzung.
Tun wir das, dann kann Weihnachten für uns ein Fest sein, das nichts zu
tun hat mit weltlicher Betriebsamkeit und Geschäftigkeit. Dann können
wir erkennen, daß Gott das getan hat, was kein Mensch ersinnen oder in
seinem Verstand unterbringen kann: Gott tut das Äußerste, das
Gewagteste, das Unerhörteste, er der Ewige und Allmächtige wird Mensch,
dazu unter den widerlichsten Umständen, weil "kein Platz für sie war in
der Herberge" (Lk. 2,7). Dieses Mensch-Werden konnte nicht deutlicher
der Menschheit vor Augen gestellt werden als durch die Geburt: Gott
kommt zur Welt auf die gleiche Weise, wie alle Menschen das Licht der
Welt erblicken. Und Zeugen des unerhörten Geschehens vor Bethlehem
waren nicht Gelehrte und Notare - die hätten kaum davon Notiz genommen
-, sondern die Hirten und Tiere, also lauter 'Analphabeten'! Diese
vernahmen auch als erste den Gesang der Engel: "Ehre sei Gott in der
Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind" (Lk.
2,14).
Die Menschen waren zumeist nicht guten Willens. Der Gottessohn wurde
zum Stein des Anstoßes, "zum Zeichen, dem widersprochen werden wird"
(Lk. 2,34). Also kaum ist die Idylle um den neugeborenen Gottessohn in
der Heiligen Nacht vorüber, zeichnen sich ab Leiden und Kampf, welche
schon beginnen mit der herodianischen Verfolgung und dem Kindermord zu
Bethlehem. Das Zeichen der Erlösung, das Kreuz Christi, ist errichtet
über dem Holz der Krippe! Die Krippe steht am Anfang des
Erlösungswerkes, welches gipfelt im Karfreitag und in Ostern. Diesen
Zusammenhang vergessen wir Heutige leicht. Er muß aber den frühen
Christen im 4. Jahrhundert gegenwärtig gewesen sein, als der
liturgische Weihnachtsfestkreis, wie wir ihn aus dem römischen Missale
kennen, festgelegt wurde, und als in Rom die vier genannten Kirchen in
der Form eines Kreuzes erbaut wurden.
Für uns Abendländer ist Weihnachten ein wichtigeres Fest als Ostern.
Das hat wohl nicht die Kirche in früheren Zeiten so angeordnet, hat
sich aber im Bewußtsein des gläubigen Volkes so entwickelt. Gerade bei
. uns kommt an Weihnachten so etwas auf wie Traurigkeit, wenn wir uns
dsn enormen Glaubensabfall der letzten Jahrzehnte vergegenwärtigen,
ebenso das Versagen der Kirche, insofern sie Menschen anvertraut ist.
Wir sind heimatlos in einer uns entfremdeten 'Kirche' geworden. Der
Gottessohn ist uns diesen bitteren Weg vorangegangen: "Er kam in sein
Eigentum, doch die Seinigen nahmen ihn nicht auf; allen aber, die ihn
aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden."(Joh. 1, 11 f.)
Wir glauben an den Namen des Erlösers, der über alle Namen ist, und wir
wollen an Weihnachten unsere Bereitschaft erneuern, IHN, den
Gottessohn, in unsere Herzen aufzunehmen. Das ist unsere
Weihnachtsaufgabe, die wir getreulich erfüllen wollen. "Das hat mir die
ganze Weihnachtsfreude verdorben!" Dieser Spruch ist für viele Menschen
zum geflügelten Wort geworden, weist aber darauf hin, wie solche
Menschen eigentlich Weihnachten abhängig machen von peripheren Dingen
und Ereignissen. Keiner ist gegen diese Gefahr gefeit, denn das
tägliche Leben und "unser Kampf um's Dasein" bieten uns nicht nur
sonnige Stunden, sondern auch mancherlei Ärger, Aufregung und Verdruß.
Wenn wir aber
bedenken, daß an Weihnachten Gott sein Äußerstes tat und als Kind, als
Mensch eintrat in das Jammertal dieser Erde, in die Abgründe
menschlicher Stumpfheit und Sünde, um schließlich von den Menschen, um
derentwillen er ja gekommen war, gekreuzigt zu werden, dann erkennen
wir unsere Blöße, wenn wir die Weihnachtsfreude abhängig machen von
irdischer Sorglosigkeit und Unbeschwertheit. Von der Krippe ist unser
Heil ausgegangen, über Tod und Auferstehung. Von der Krippe wird
ausgehen auch für uns Heutige der Segen Gottes, der uns leidenden und
kämpfenden Christen zuteil wird.
Und diesem Segen wollen wir uns anschließen, auf daß er allen
Mitgliedern und Lesern vermittelt wird: Gott gesegnete Weihnachten!
(gez.:) Kaplan Felix Jeker
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