JUNGFRAU UND GOTTESGEBÄRERIN
vom
hl. Johannes von Damaskus (675-749)
Wir predigen die heilige Jungfrau als Gottesgebärerin im eigentlichen
und wahren Sinne. Denn wie wahrer Gott der ist, der aus ihr geboren
worden, so ist wahre Gottesgebärerin die, die den wahren Gott, der aus
ihr Fleisch angenommen hat, geboren hat. Denn Gott, sagen wir, ist aus
ihr geboren worden, nicht als hätte die Gottheit des Wortes den Anfang
des Seins aus ihr genommen, sondern weil der Gott-Logos selbst, der
"von Ewigkeit her" (1 Kor. 2,7) zeitlos aus dem Vater gezeugt ist und
anfangslos und ewig mit dem Vater und dem Geiste zugleich existiert,
"am Ende der Tage" (Hebr. 1,2) um unseres Heiles willen in ihrem Schöße
Wohnung nahm und, ohne sich zu verwandeln, aus ihr Fleisch annahm und
geboren wurde. Denn nicht einen bloßen Menschen gebar die heilige
Jungfrau, sondern einen wahrhaftigen Gott, nicht einen nackten, sondern
fleischbekleideten, nicht einen, der vom Himmel den Leib herabbrachte
und wie durch einen Kanal durch sie hindurchging (Anm.d.Übers.: so
lehrten die Gnostiker), sondern einen, der aus ihr uns wesensgleiches
Fleisch annahm und es in ihm selbst subsistieren machte
(hypostasierte). Wäre nämlich der Leib vom Himmel gebracht und nicht
von unserer Natur genommen, was hälfe dann die Menschwerdung?
Die Menschwerdung des Gott-Logos geschah ja darum, daß die sündige,
gefallene und verdorbene Natur selbst den Tyrannen, der sie getäuscht,
besiege und so vom Verderben befreit werde, wie der göttliche Apostel
sagt: "Denn durch einen Menschen (kommt) der Tod und durch einen
Menschen die Auferstehung der Toten" (1 Kor. 15,21). Ist das erste
wahr, dann auch das zweite.
Wenn er aber auch sagt: "Der erste Adam ist von der Erde, irdisch, der
zweite Adam ist der Herr vom Himmel" (1 Kor. 15,47), so meint er nicht,
sein Leib sei vom Himmel, sondern offenbar, er sei kein bloßer Mensch.
Denn sieh, er nannte ihn sowohl Adam wie Herrn und zeigte damit beides
zugleich an. Adam heißt ja Erdgeborener. Erdgeboren aber ist offenbar
die Natur des Menschen, sie ist aus Staub gebildet. Herr
dagegen bezeichnet die göttliche Wesenheit.
Ferner sagt der Apostel (Paulus): "Es sandte Gott seinen eingeborenen
Sohn, geboren aus einem Weibe" (Gal. 4,4). Er sagte nicht: durch ein
Weib, sondern: aus einem Weibe. Es zeigte also der göttliche Apostel
an, daß der eingeborene Sohn Gottes und Gott der ist, der aus der
Jungfrau Mensch geworden, er hat nicht in einem zuvor gebildeten
Menschen wie in einem Propheten Wohnung genommen, sondern er ist
wesenhaft und wirklich Mensch geworden, d.h. er hat in seiner Hypostase
ein mit einer vernünftigen und denkenden Seele belebtes Fleisch
hypostasiert und ist selbst dessen Hypostase geworden. Denn dies
bedeutet das "geboren aus einem Weibe". Wie wäre es denn möglich
gewesen, daß das Wort Gottes selbst "dem Gesetze unterstellt" (Gal.
4,4) war, wenn es nicht ein uns wesensgleicher Mensch geworden wäre?
Darum nennen wir die heilige Jungfrau mit Recht und in Wahrheit
Gottesgebärerin. Stellt doch dieser Name das ganze Geheimnis der
Heilsveranstaltung (d.i. die Menschwerdung) dar. Ist nämlich die
Gebärerin Gottesgebärerin, so ist sicherlich der aus ihr Geborene Gott,
sicherlich aber auch Mensch. Denn wie sollte Gott, der von Ewigkeit her
existiert, aus einem Weibe geboren sein, wenn er nicht Mensch geworden
wäre? Der Sohn eines Menschen ist doch offenbar ein Mensch. Ist aber
der aus einem Weibe Geborene selbst Gott, dann ist offenbar der,
welcher der göttlichen und anfangslosen Wesenheit nach aus Gott dem
Vater gezeugt ist, und der, der am Ende der Zeiten der anfänglichen und
zeitlichen, d.h. der menschlichen Wesenheit nach, aus der Jungfrau
geboren ist, ein einziger. Das weist aber auf eine Hypostase; zwei
Naturen und zwei Geburten unseres Herrn Jesus Christus hin.
Christusgebärerin aber nennen wir die heilige Jungfrau durchaus nicht.
Denn der verruchte, verabscheuungswürdige und jüdisch gesinnte
Nestorius, das Gefäß der Schande, hat zur Aufhebung des Ausdruckes
Gottesgebärerin und zur Bekämpfung der Gottesgebärerin, die in Wahrheit
allein höher als jedes Geschöpf geehrt wird, und mag dieser samt seinem
Vater, dem Satan bersten, diese kränkende Benennung erfunden. Denn ein
Christus (d.i. ein Gesalbter) ist auch der König David und der
Hohepriester Aaron - Könige und Priester sind es, die gesalbt werden -,
und jeder gott-tragende Mensch kann Christus, dagegen nicht von Natur
Gott genannt werden. So hat auch der gottverfluchte Nestorius sich
erfrecht, den aus der Jungfrau Geborenen Gottesträger zu nennen. Fern
sei es uns, ihn als Gottesträger zu bezeichnen oder zu denken, sondern
als fleischgewordenen Gott. Denn das Wort selbst ist Fleisch geworden,
empfangen zwar von der Jungfrau, hervorgegangen aber als Gott unter
Annahme (der menschlichen Natur), die auch selbst zugleich mit ihrer
Hervorbringung ins Sein von ihm vergottet wurde. Darum erfolgte zu
gleicher Zeit dreierlei: ihre Annahme, ihre Existenz und ihre
Vergottung durch das Wort.
Und so kommt es, daß die heilige Jungfrau als Gottesgebärerin
bezeichnet und gedacht wird, nicht bloß wegen der Natur des Wortes,
sondern auch wegen der Vergottung des Menschlichen. Deren Empfängnis
wie Existenz, nämlich die Empfängnis des Wortes und die Existenz des
Fleisches im Worte selbst, ist zu gleicher Zeit auf wunderbare Weise
erfolgt Denn die Gottesgebärerin selbst bot wunderbar den Stoff zur
Bildung dem Bildner dar und den Stoff zur Menschwerdung dem Gott und
Schöpfer des Alls, der das Angenommene vergottete, während die Einigung
das Geeinte so, wie es eben geeint worden, wahrte, nämlich nicht bloß
das Göttliche, sondern auch das Menschliche von Christus, das, was über
uns ist, und das, was wir sind. Denn nicht etwas, das zuerst wie wir
geworden, ist später höher als wir geworden, nein, beides existierte
immer vom ersten Dasein an, weil es von Anfang der Empfängnis an die
Existenz im Worte selbst hatte. Menschlich also ist es (d.i. das
Angenommene) seiner eigenen Natur nach, Gott aber und göttlich auf
übernatürliche Weise. Weiterhin besaß es auch die Eigentümlichkeiten
des beseelten Fleisches, denn das Wort nahm sie in Rücksicht auf die
Heilsordnung an. Sie sind in der Ordnung natürlicher Bewegung
(Tätigkeit) in Wahrheit natürlich.
(aus: "Bibliothek der Kirchenväter" Bd.44)
|