DER HL. ANTONIUS VON PADUA
von
Manfred Jacobs
Wie hat er eigentlich ausgesehen der hl. Antonius von Padua? Eine dumme
Frage? Wir sollten doch alle vertraut sein mit seiner äußeren
Erscheinung, begegnet gerade er uns - man kann es ohne Überteibung
sagen - weltweit (und neben der Gottesmutter) wohl am meisten. Weniger
in der Dichtung, dafür aber um so mehr in den darstellenden Künsten wie
der Malerei und der Bildhauerei. Von den Werken allergrößter Künstler
bis hin zur einfachen Volkskunst spannt sich das Spektrum der
darstellenden Verehrung. Und so sehen wir Antonius auf Altarbildern,
Mosaiken, Miniaturen, Votivbildern, Bildstöcken, Stichen, Drucken,
klösterlichen Siegeln, auf Gebrauchs- und Luxusgegenständen, kurz fast
überall und oft unerwartet, als einen Jüngling, meist stehend, groß und
schlank, mit Tonsur, in der Kutte der Minderbrüder, das Antlitz sehr
fein, ja sogar manchmal fast mädchenhaft zart und anmutend. Als
Attribute sind ihm beigegeben das Jesuskind, eine Lilie (als Symbol der
Reinheit) und ein Buch (Zeichen der Schriftkenntnis, Gelehrsamkeit und
schriftstellerischer Tätigkeit).
Realistische, nüchterne Gemüter mögen der oft idealisierten - man
empfindet es - ätherisch wirkenden Gestalt des Heiligen befremdlich
gegenüberstehen, und in der Tat treffen einfachere Darstellungen,
speziell auf Votivbildern sicherlich oft weit besser die wirkliche
Persönlichkeit des hl. Antonius. So existiert z.B. eine Votivtafel in
Padua, die den Heiligen neben einem Kranken sitzend mit hochgerutschter
Kutte zeigt, ganz so, wie sich eben ein Mensch natürlich und
ungezwungen bewegt. Auch wir wollen Antonius in seiner äußeren Gestalt
so sehen, wie ihn seine Zeitgenossen erlebt, sein Biograph ihn uns
schildert, und die Anatomen (auf Grund der Form seines Skelettes) über
ihn berichtet haben.
Wie alle Portugiesen - Antonius stammte nämlich nicht aus Padua,
sondern aus Lissabon und hieß ursprünglich auch nicht Antonius, sondern
Ferdinandus - hatte Antonius keine helle, sondern eine dunkle
Hautfarbe, und die Haut selbst war, infolge heftiger Fieberanfälle -
die ihn seit seinem Besuch in Nordafrika heimsuchten (darüber später) -
und als Folge harter Bußübungen, denen Antonius sich unterzog, schon
sehr früh faltig geworden. Seine Tonsur war breit und seine Haare waren
ebenfalls dunkel. Die Gestalt zeigte mittlere Größe und war ziemlich
korpulent, einmal wohl bedingt durch seine Erbanlagen, zum andern durch
die Wassersucht, an der erlitt, niemals aber als Folge allzu üppiger,
unmäßiger Lebensweise. Antonius selbst schämt sich seiner körperlichen
Gebrechen nicht. In seinen Schriften z.B. erwähnt er die Wassersucht,
die zu seinem frühen Tode führte, ausführlich - ansonsten
sprichwörtlich bekannt für seine Zurückhaltung, über persönliche Dinge
zu reden.
Wir finden auch Autoren, die die Meinung vertreten, Antonius habe noch
an Gicht, Asthma und Diabetes gelitten. Wir haben also einen
gepeinigten Menschen vor uns, von dem zu vermuten ist, daß er unter
diesen Umständen weder gut stehen noch mühelos zu gehen vermochte.
Erst der Biograph Sicco Ricci zeigt uns 2oo Jahre nach dem Tode des
Heiligen im Jahre 1231 dessen wirkliches Aussehen: Antonius Skelett
zeigt ein breites Kinn und gesunde Zähne. Die Stimme soll, wie es
heißt, kraftvoll und manchmal auch betörend gewesen sein. Die Art, wie
Antonius sich gab, scheint unzugänglich, ja vielleicht sogar etwas
abweisend gewesen zu sein, hat es doch den Anschein, daß er nur wenige
Freunde hatte, eigentlich nur den Luca Belludi und vielleicht noch den
Grafen Gerhard von Camposanpiero. Wer vermag aber zu sagen, ob das
wirklich der wahre Charakter des Heiligen war? War ihm ein anderes
Verhalten überhaupt möglich? Es darf nicht übersehen werden, daß
Antonius ohne jegliche Rücksichtnahme, dafür aber mit vollem Recht,
hohe Herren, Geldverleiher, Wucherer und lichtscheues Gesindel scharf
angriff und kräftige Schläge austeilte. Unterdrückte konnten sich
damals nur durch Antonius Gehör verschaffen gegenüber den starken und
brutalen, rigorosen Herren, denen es nicht darauf ankam, auch Gewalt
anzuwenden. War es da für jemand, der sich der Ordnung Gottes
verschrieben hatte, nicht angebracht, sowohl gegenüber der einen wie
auch der anderen Seite eine gewisse Distanz zu halten? Nur so konnte er
seine Unabhängigkeit bewahren und behalten.
Das Engagement des Heiligen darf aber nicht mit den Augen der heutigen
sogenannten 'Befreiungstheologie' gesehen werden. Antonius predigte
weder den Aufstand noch die Revolution. Er kam nicht von "unten", d.h.
er wollte nicht über den Weg der sozialen Gerechtigkeit zu den Geboten
Gottes kommen, sondern gerade umgekehrt wollte er, von den göttlichen
Geboten ausgehend, die verrotteten Verhältnisse insgesamt aus der Welt
schaffen, nicht nur auf dem sozialen Sektor!
Auch die Lebensentschlüsse, die der hl. Antonius von Padua für sich
persönlich getroffen hat, sind nicht vergleichbar mit der
Personengruppe, die sich selbst "Aussteiger" nennt bzw. als solche
bezeichnet wird. Schon alleine die Motivationen von beiden stehen sich
diametral gegenüber. Der Aussteiger wendet der Konsumgesellschaft, die
sich - zugegebenermaßen - weitestgehend widernatürlich verhält, nicht
nur deswegen den Rücken zu, um Streß und Terminen aus dem Wege zu
gehen, sondern er weigert sich auch, die bürgerlichen Spielregeln
einzuhalten, ohne die ein geordnetes Zusammenleben unmöglich ist. Der
Aussteiger will, wie er selbst sagt, seine Persönlichkeit frei
entfalten, d.h. willkürlich, ohne Rücksichtnahme auf andere. Und eine
eventuelle Unterordnung wird auch abgelehnt, denn das hindere die
"Selbstverwirklichung".
Ganz anders verhält es sich bei Antonius. Demütig bis zur
Selbstverleugnung verzehrt er sich im Dienste Gottes, der Kirche und
des Nächsten bis zur völligen Erschöpfung. Schwer krank, körperlich
leidend und gequält, nicht zuletzt durch seine rücksichtslose und
ständige Selbstaufopferung stirbt er, erst 36 Jahre alt, in völliger
Armut. Es war im Jahre 1231.
Die Nennung des Jahres seines Heimganges und die Angabe seines
Lebensalters, die urkundlich im "Liber miraculorum" belegt sind,
ermöglichen es der Antonius-Forschung, das Geburtsjahr des Heiligen zu
ermitteln. Man schrieb also das Jahr 1195, als dem einflußreichen
Höfling des Königs Alfons, dem adeligen Ritter Martini, von seiner
Ehefrau Maria ein Knabe geboren wurde. Bei der Taufe erhielt dieser den
Namen Ferdinando. Er stammte also aus einem sehr vornehmen Elternhaus,
denn auch die Mutter kam aus lusitanischem Adel.
Es ist nicht bekannt, ob Ferdinando/Antonius noch Geschwister hatte
oder ob seiner Eltern den frühen Tod ihres Sohnes überlebten. Der Knabe
erhielt eine gute christliche Erziehung. Der Biograph Benignitas
berichtet, daß diese sich sehr segensreich bei dem Kleinen auswirkte
und die guten Anlagen des Jungen förderte, denn Ferdinando habe gerne
den Armen gegeben und - so andere Quellen - eine große Liebe zur
Gottesmutter gehabt, die im Hause seiner Eltern sehr verehrt wurde.
Besonders seine Mutter soll sehr fromm gewesen sein.
Fraglos erhielt der Sproß aus adeligem Haus eine besondere geistige und
körperliche Ausbildung. Im Falle Ferdinandos traf es sich
außergewöhnlich günstig, denn sein gebildeter Priester-Onkel, der
Kanonikus war, unterrichtete an der bischöflichen Schule, die der
Kathedrale von Lissabon angegliedert war. Dieser Unterricht gliederte
sich in zwei Bereiche, dem Trivium mit Grammatik, Dialektik und
Rhetorik, sowie dem Quadrivium mit Arithmetik, Geometrie, Astronomie
und Musik. Selbstverständlich kam hier auch der Religionsunterricht
nicht zu kurz, und wer Neigung hatte, erhielt auch theologischen
Unterricht und wurde dem Priestertum zugeführt.
Besagter Onkel nun hatte einen verhältnismäßig großen Einfluß auf
seinen Neffen, was der Vater mit Argwohn beobachtete. Nicht durch
Gelehrsamkeit und Bildung kam man zu Reichtum und Macht, so meinte
Ritter Martini, sondern einzig die Beherrschung des Waffenhandwerkes
sei der richtige Weg hierzu. Er wollte deshalb, daß der Unterricht
durch Reiten, Fechten und andere, den Körper stählende Übungen als
Ausgleich und als Gegengewicht ergänzt werde. Darüber hinaus galt es,
Ferdinando in die gute Gesellschaft einzuführen und dafür zu sorgen,
daß der Kontakt mit dieser nicht abriß. Die damalige High-Society war
in ihrer Struktur wohl kaum anders als die heutige. Karrierestreben,
Neid, Luxus, üppige Gelage, Ausschweifungen und Laster auf allen
Gebieten waren standesüblich.
Ferdinando war ein gesunder Jüngling, und er lebte in einer Zeit, von
der der Historiker Herculano schreibt, daß "in dem pestverseuchten
Lissabon die verabscheuungswürdigsten Laster nur so blühten und die
übelsten Leidenschaften in reichem Maße befriedigt werden konnten".
Sicherlich war auch für den jungen Martini die Sexualität zu einem
Problem geworden. Die Krise war, wie der portugiesische Franziskaner
Fernando Felix Lopes schreibt, in dem Milieu von Lissabon, welches
einem "Irrgarten der Laster und der schmutzigen Phantasien" glich,
"qualvoll, beängstigend und langwierig". Pater Lopes schließt die
Möglichkeit nicht aus, daß diese Krise bis zu Ferdinandos 2o.
Lebensjahr oder bis zum Beginn seiner theologischen Studien angedauert
haben könnte. Diese Kämpfe bringen uns den späteren hl. Antonius
menschlich so nahe und sein siegreicher Widerstand gegen alle
Anfechtungen zeigt uns, daß die Tugend kein Zeichen eines
Ausnahmerechts einzelner Personen oder eines Standes ist, sondern das
Ergebnis einer bewußten und schweren Entscheidung!
Die Ikonographie des hl- Antonius von Padua zeigt deshalb auch diesen
Heiligen mit einer Lilie, dem Symbol der Reinheit, in der Hand, und für
die Zeit vom Eintritt in das Kloster bis zu seinem Tode beglaubigen
alle Zeugnisse einstimmig diese seine Haltung. Antonius selbst schreibt
zu diesem Thema: "Wenn man dem Übel der Ausschweifung nicht widersteht,
endet man damit, daß auch alle anderen guten Vorsätze ersticken". "Wo
Überfluß an Reichtum und Vergnügen ist, dort haust der Aussatz des
Lasters". "Diese wohnen bei jenen, die lau sind und dem Müßiggang
zugetan". "Das Herz aber erhebt sich, bevor es in Ausschweifung
versinkt, im Geist des Stolzes, des 'Anfangs jeder Sünde'. Immer wenn
der geistliche Mensch von der Versuchung gequält wird, wenn der Teufel
ihn listig zu verführen sucht, mache er sich zum Kampf bereit, wappne
er sich und erhebe seinen Geist zu höheren Dingen. Er nehme Geißel und
Bußgürtel, beweine die Gefahr für seine Seele und züchtige jenen
Körper, der sich täuschen ließ und es wagte, die gleichen
Verrücktheiten wie in der Vergangenheit zu begehen."
Schon kurz nach der Vollendung seines 15. Lebensjahres entschloß sich
Ferdinando dazu, Priester zu werden. Auf jeden Fall wird diese seine
Entscheidung zu nicht geringem Klatsch in den gehobenen,
sensationslüsternen Gesellschaftskreisen geführt haben. Es war das Jahr
12lo, als Fernando Martini bei den regulierten Augustinerchorherren
(Regularkanonikern) in Lissabon - in der Abtei, die dem hl. Vinzenz
geweiht war - ins Noviziat eintrat, wozu die enttäuschten Eltern,
allerdings nur widerwillig, ihre Zustimmung gaben. Ritter Martini hatte
es ja kommen sehen, und er gab sicherlich dem Priester-Onkel die Schuld
an der 'Fehlentwicklung' seines Sohnes. Es blieb aber immerhin zu
hoffen, daß es sich bei dem Schritt ihres Sohnes nur um eine
jugendliche Schwärmerei handeln würde, sozusagen um eine pubertäre
Entwicklungsstufe. Sie, die Eltern hatten sich schon ganz andere Pläne
für ihren Fernando zurechtgelegt.
Fernando blieb für zwei Jahre in dieser Abtei in Lissabon, wo er,
seiner Herkunft gemäß, mit großem Respekt und sehr großzügig behandelt
wurde. Häufige Besuche von Verwandten, Freunden wurden überhaupt nicht
registriert. Fernando selbst liebte diese Zerstreuungen zwar nicht,
konnte sie aber nicht verhindern. Deshalb bat er den Prior, ihn
woanders hingehen zu lassen. Seinem außergewöhnlich überragenden
Gedächtnis Rechnung tragend und eingedenk seiner großen Begabung und
seines Wissensdurstes, entschied er sich für das Kloster Santa Cruz in
der Stadt Coimbra, wo das höchste Studienniveau von ganz Portugal
anzutreffen war. Hier war der ideale Ort, der seiner Intelligenz am
ehesten entsprechen konnte. Dort führte er über acht Jahre lang "ein
über alle Maßen eifriges Leben", wie Thomas von Pavia in seinem Wetk
"Dialogus de gestis sanctorum fratrum minorum", welches zwischen 1244
und 1246 verfaßt wurde, schreibt.
Für Fernando war das Studium, vor allem der Hl. Schrift, welches er mit
besonderem Eifer, ja, man kann sagen, fast ausschließlich betrieb, kein
Selbstzweck, sondern es hatte der Heilsaufgabe zu dienen. "Nichts ist
kostbarer als die Zeit, und doch vernachlässigt man nichts mit größerem
Leichtsinn". Und "die Tage vergehen und keiner klagt sich an, einen Tag
sinnlos vergeudet zu haben, der doch nie mehr wiederkehrt", so schreibt
Fernando.
In Coimbra wurde Fernando zum Priester geweiht, und dort war es auch,
wo es zu dem tiefsten und radikalsten Einschnitt in seinem Leben kam.
Es war im Jahre 1217, als die ersten Franziskaner auch nach Portugal
gekommen waren. In der Nähe von Coimbra hatte ihnen die Königin Urraca
ein kleines Kirchlein geschenkt. Dieses war dem hl. Antonius dem
Eremiten geweiht. Hier nun erschienen 1219 Franziskaner-Missionare,
die, von ihrem Ordensvater Franz ausgesandt, in dem noch von den
Sarazenen beherrschten Gebiet von Sevilla - und von dort aus weiter in
Marokko die Frohbotschaft verkünden sollten. Geleitet wurde diese
Gruppe von dem Bruder Vitale, der aber unterwegs erkrankte und deshalb
seine Mission vorzeitig beenden mußte. Es blieben übrig die Priester
Bernardo, Pietro und Ottone sowie die Laienbrüder Adiuto und Accursio.
Aber schon nach kurzer Zeit der Predigertätigkeit wurde ihr irdisches
Leben durch das Martyrium beendet. Die verstümmelten Leichen kamen auf
abenteuerliche Weise zurück nach Coimbra und wurden dort im Kreuzgang
des Klosters Santa Cruz feierlich beigesetzt. Fernando, der die toten
Franziskaner-Brüder während ihres Aufenthaltes in Coimbra kennen und
schätzen gelernt hatte, sah mi einem Mal seinen Weg vor sich! Er
vertraute den zur Beisetzung gekommenen franziskanischen Brüdern an,
daß er schon lange große Sympathien für ihren armen und einfachen Orden
hege, und nun sei er endgültig dazu entschlossen, diesem beizutreten.
Allerdings knüpfe er als Voraussetzung hierfür die Bedingung, ebenfalls
als Missionar in heidnische Länder entsandt zu werden. Es war günstig,
daß auch der franziskanische Provinzial für Spanien, Giovanni Parenti,
der spätere Generalminister des Ordens, erschienen war, um die toten
Brüder zu ehren. Dieser erhielt umgehend Kenntnis von dem Wunsche
Fernandos. Nachdem er die nötigen Informationen eingeholt hatte, gab er
seine Zustimmung für dessen Aufnahme in den Orden. Nach den Regeln der
Augustiner-Chorherren durfte aber kein Mitglied das Kloster verlassen
ohne die Erlaubnis des Priors und ohne die schriftliche Zustimmung
desselben. Diese Erlaubnis konnte Fernando dem Prior Johannes abringen.
Um aber jedem eventuellen Gegenzug der Kanoniker zuvorzukommen, begaben
sich die Minderbrüder von Santo Antao dos Olivaes schon sehr früh am
nächsten Morgen in die Abtei Santa Cruz, wo der neue Mitbruder das
weiße Kleid der vornehmen Augustiner-Chorherren gegen die unscheinbare
und grobe Kutte der Minderbrüder umtauschte. Ferdinando Martini hatte
auf eine prunkvolle Umgebung verzichtet und einen Kreis gelehrter
Männer verlassen. Er kehrte einer königlichen Abtei den Rücken und
wandte sich einer armen, einfachen Hütte zu. Auf der Schwelle der Abtei
Santa Cruz sagte der Gehilfe des Priors zu dem scheidenden Mitbruder
giftig-zynisch und seine geistige Leere offenbarend: "Geh nur, geh,
jetzt kannst du einer Heiliger werden!" Und Ferdinando antwortete:
"Solltest du einmal hören, daß ich ein Heiliger geworden bin, dann lobe
Gott den Herren!" (Inzwischen ist Brauch geworden, daß am Fest des hl.
Antonius von Padua die Liturgie im Kloster Olviaes von einem
Augustiner-Chorherrn zelebriert wird.)
Um die ganze Konsequenz seines Entschlusses zu bezeugen und um zeigen,
daß er genau wußte, was er tat, daß er sich sehenden Auges von der Welt
lösen und nur noch Gott angehören wollte, indem er mit der Kutte der
Minderbrüder auch einen "neuen Menschen" anzog, nahm Fernando Martini
auch einen neuen Namen an, was damals unüblich war. Er wählte den Namen
des Antonius, des Patrons der kleinen Kirche von Coimbra. Wenn das die
feine Gesellschaft von Lissabon erfährt!
Der Verfasser der "Assidua" behauptet, Fernando habe den Namen deshalb
gewählt, um mögliche Nachforschungen seiner Verwandten zu erschweren.
Die Anmerkungen zu diesem Text, der in der Biblioteca Antoniana in
Padua aufbewahrt wird, verneint das jedoch. Nachdem Fernando Lissabon
verlassen hat, werden seine Eltern in den überlieferten Quellen nicht
mehr erwähnt.
Antonius konnte sofort den Profeß ablegen, weil er noch im Sommer 122o
dem Franziskaner-Orden beigetreten war. Die Verfügung Papst Honorius
III., wonach ein Jahr Noviziat mindestens bis zum Profeß auch für
diesen Orden verbindlich festgelegt wurde, wurde erst am 22. September
desselben Jahres promulgiert. Außerdem war Antonius ja schon vorher
bereits zum Priester geweiht worden.
Für Antonius war nun der entscheidende Zeitpunkt gekommen, wo er mit
Zustimmung seines Oberen der Provinz Santiago, der er angehörte,
beseelt von heißem Missionsdrang, nach Marokko gehen durfte. Als
Begleiter war ihm Bruder Philippus, ein Spanier zugeteilt worden. Aber
die Wege des Menschen sind nicht Gottes Wege, und Seine Gedanken sind
nicht die Gedanken der Menschen. Schon während der Überfahrt der beiden
erkrankte Antonius an Malaria auf dem Segelschiff. Auch an Land verließ
ihn diese Krankheit nicht. Er wurde von ihr auch noch den langen Winter
hindurch geplagt und nahm lebensbedrohliche Formen an. Geschwächt, wie
er war, konnte er schließlich dazu überredet werden, wieder in die
Heimat zurückzukehren. Das Segelschiff, auf welchem Antonius die
Rückreise antrat, hielt Kurs auf Spanien. Aber ein furchtbarer Sturm,
in den es geraten war, zerstörte das Segelwerk und zerbrach das Steuer.
Hilflos und ohnmächtig, den rasenden Elementen preisgegeben, trieb und
tanzte das havarierte Schiff auf den Wellen und wurde schließlich nach
Sizilien abgetrieben. Antonius konnte schließlich südlich von Messina
an Land gehen. Der genaue Ort der Anlandung ist nicht bekannt, man weiß
aber, daß er in dem Franziskanerkonvent von Messina, der damals schon
zehn Jahre bestand, Aufnahme gefunden hat. Seine Mitbrüder pflegten den
Kranken dort so hingebungsvoll, daß er schon nach wenigen Monaten
gesundheitlich wieder hergestellt war.
Es erhebt sich die Frage, weshalb Antonius nicht in Marokko bleiben und
dort wirken durfte, weshalb er schließlich nach Italien verschlagen
wurde. Wir gehen nicht fehl, darin einen Fingerzeig Gottes zu sehen.
Hat doch gerade das christliche Mitteleuropa die Pflicht, Hort, Hüter
und Verbreiter der wahren und unverfälschten christlichen Lehre zu
sein! Hat es diese verantwortungsvolle Aufgabe aber je erfüllt? Wohl zu
keiner Zeit umfassenden und allgemeinen Sinne. Wie pflichtvergessen,
lasch, interessenlos, ja sogar feindlich stand und steht dieses Europa
teilweise dem christlichen Erbe gegenüber. Wohl zu keiner Zeit bot es
eben Anreiz für Andersgläubige, sich zu bekehren. Hören wir nicht,
gerade heute, daß Gott in unerreichbarer Ferne wohnt und sich nicht
(mehr) um die Welt kümmert? Daß deshalb alles Beten zwecklos sei, weil
es keine Erhörung finden könne? Heißt es nicht, die sogenannte
"Schöpfung" sei ein Produkt des Zufalls? Die Materie unerschaffen, ewig
und das einzige Prinzip des Seins? Der Mensch sei nur das Ergebnis
einer durch Milliarden Jahre währenden Entwicklung? Vertritt nicht auch
die sog. 'Kirche' neuerdings den Standpunkt, daß die Seele des Menschen
ein Epiphänomen (Nebenerscheinung) der Materie und daher vergänglich
sei? Es folgte daraus, daß es dann auch keine Vergeltung im Jenseits,
also kein Gericht geben würde, und auch keine ewige Seligkeit und
natürlich: auch keine Hölle. Propagieren nicht die liberalen
Regierungen, daß jeder Mensch autonom (d.h. sich nach eigenem Gutdünken
sich selbst Gesetze geben könne) sei und sich deshalb auch keine
Hemmungen aufzuerlegen brauche. Der Asket darf für seine qualvolle
Enthaltsamkeit keinen Lohn erhoffen. Wird nicht öffentlich vertreten,
daß der Mensch seiner Natur nach sinnlich veranlagt sei und das Recht
hat, seiner Natur gemäß zu leben? Das einzig wahre Glück soll nach
dieser Auffassung in der Befriedigung der Sinnlichkeit, konkretdes
ungehemmten sexuellen Genusses liegen. Deshalb ist Sinneslust keine
Sünde. Eheliche Treue sei Torheit. Ein Mann darf so viele Frauen haben
wie er will, eine Frau darf sich so vielen Männern hingeben wie sie
möchte. Und die Folgen im Rechtsbereich des heutigen deutschen Volkes?
Abschaffung des § 175 StGB, d.i. Homosexualität wird nicht mehr
bestraft; Freigabe der Pornographie durch Willy Brandt; Freigabe der
Abtreibung (§ 218 StGB) usw. Die sog. offizielle 'Kirche', die allen
vorgenannten Skandalen und Rechtsbrüchen kaum Widerstand
entgegengesetzt hat, sondern in beschämender Weise nicht nur religiöse
Mißstände (z.B. die Leugnung der Engel, des Teufeis, und Visionen sind
lediglich nach außen verlagerte Abspaltungen des Unbewußten - Haag -,
womit dann auch Lourdes, Fatima, La Salette fallen) fördern, sondern
sich auch offen in den Unrechtsstaat einspannen (lassen). Es wäre also
höchste Zeit für eine innere Umkehr!
Schauen wir wieder auf Antonius. Als er in Sizilien erfuhr, daß am 3o.
Mai 1221 das übliche große Pfingstfest in Assisi stattfinden sollte,
drängte esihn, seinen Ordensvater Franz dort kennenzulernen. Noch nicht
vollständigen genesen, schloß er sich den anderen Brüdern an und
wanderte zu Fuß - bettelnd und hungernd durch ganz Süditalien, über Rom
und weiter hinauf bis nach Assisi in Umbrien. Dort, an der Wiege des
Ordens, dem Kirchlein Portiuncola, waren bereits 3ooo Brüder
versammelt. Der Psalm 144 stand als Leitsatz über dem Convent. Nach
einem Jahr Missionstätigkeit war Franziskus sehr krank aus Damiette in
Ägypten zurückgekehrt. Er sprach wenig und sehr leise. Trotzdem
predigte er dem Volke. Sein Vikar trug die Bitte vor, 9o Missionare
nach Deutschland zu entsenden. Bereits zwei Jahre vorher, im Jahre
1219, waren vom Bruder Franz bereits 6o Brüder dorthin entsandt worden.
Aber nicht etwa, daß nördlich der Alpen ein besonders großer Bedarf an
diesen Minderbrüdern bestanden hätte, ließ den hl. Franziskus daran
denken, nochmals 9o aus der Gemeinschaft dorthin zu entsenden.
Eigentlich hätte er es tunlichst vermeiden sollen, sie nochmals nach
Deutschland zu schicken, denn die ersten 6o Brüder waren mißhandelt und
mit Schimpf und Schande wieder nach Italien abgeschoben worden. Man
hatte sie einfach verjagt. Was war geschehen? Schuld an diesem Eklat
war die anti-intellektuelle Einstellung der franziskanischen
Ordensgemeinschaft. Franziskus sah in der Bildung sogar ein Hindernis
in der Ganzhingabe an Gott. Dieser Prämisse eingedenk und auf jegliche
Schulung verzichtend konnte es geschehen, daß der ganze deutsche
Sprachschatz, der von den ausgesandten 6o Brüdern beherrscht wurde, mit
dem kleinen Wörtchen "Ja" erschöpft war. Mit diesen sprachlichen
Voraussetzungen ging es so lange gut, bis die Brüder eines Tages
gefragt wurden, wer sie denn eigentlich seien, und was sie überhaupt
wollten. Offenbar, und auch verständlicherweise wußte niemand so recht,
etwas mit den bekutteten, bettelnden Männern anzufangen. Eine
Verständigung gab es nicht, man ahnte nur, daß sie dem Volke etwas
predigen wollten. Schließlich fragte man auch, ob sie vielleicht
Häretiker seien, was sie treuherzig mit "Ja" beantworteten. Damit war
ihre Verstoßung besiegelt.
Der gelehrte Antonius äußerte sich zu diesem Vorkommnis nicht. Er war
noch zu neu in jenem Orden. Außer den sizilianischen Brüdern kannte er
niemand von den in Portiuncola zusammengekommenen Minderbrüdern.
Niemand kümmerte sich um ihn, und so kam es, daß er nach Beendigung des
Kapitels verlassen und verloren herumstand und nicht wußte, wohin er
sich wenden sollte bzw. konnte, zumal ihn keiner der Provinzialminister
haben wollte. Hatte es doch den Anschein, als sei Bruder Antonius zu
nichts zu gebrauchen.
(Fortsetzung folgt)
HINWEIS DER REDAKTION: Der
Artikel "Eine (un)heimliche Massentötung?" stammt aus der Feder von
Frl. Felizitas Küble und erschien zunächst im "Komm-mit"-Heft.
(Vgl."E", Nr.2)
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