DER HL. BRUNO, STIFTER DES KARTHÄUSERORDENS
von
Eugen Golla
Bruno gehört zu den großen Persönlichkeiten der Ottonischen
Renaissance, jener bereits unter Karl d.Gr. beginnenden, Antike und
Christentum vereinigenden Bildungsbewegung um die Wende des ersten
Jahrtausends.
Leider ist unser Wissen über sein Leben - wie dies für einen Großteil
der Menschen des Mittelalters zutrifft - sehr lückenhaft, zumal vieles,
was er niederschrieb, verlorenging.
Einer vornehmen und gottesfürchtigen niederrheinischen Familie
erfcstammend, deren Namen nicht genau überliefert ist, wurde er um das
Jahr Io3o in Köln geboren. Ungefähr bis zu seinem 14. Lebensjahr
besuchte er die Schule des Stiftes St. Kunibert in seiner Vaterstadt.
Nach diesem elementaren Unterricht widmete er sich mit großem Erfolg
humanistischen Studien an der berühmten Schule in Reims und in Paris,
denen die der Theologie und Philosophie folgten. Hierbei ist es nicht
auszuschließen, daß er eine Zeitlang in Tours auch Schüler Berengars
von Tours war, der - fast ein halbes Jahrtausend vor Luthers Auftreten
- nur eine geistige, nicht leibliche Gegenwart Christi im
Altarsakrament lehrte, somit die Transsubstantiation und die
Realpräsenz in der Eucharistie leugnete. Jedenfalls erlitt Bruno aber
keinen Schiffbruch an seinem Glauben, vielmehr kehrte er bald wieder
nach Reims und dann nach Köln zurück, wo er wahrscheinlich im Jahre
1055 die Priesterweihe empfing und Kanonikus von St. Kunibert wurde.
Nicht viel später - etwa im Jahre Io57 - erhielt er, der bereits einen
Namen als Gelehrter besaß, vom Erzbischof von Reims die ehrenvolle
Berufung, das Amt des Domscholasters zu übernehmen, womit die Leitung
der Domschule und die Aufsicht über sämtliche Bildungsanstalten der
Diözese verbunden war. Es folgte nun eine fast 2o Jahre dauernde
erfolgreiche Lehrtätigkeit, von der uns jedoch nur zwei Kommentare zur
Hl. Schrift, und zwar einer über die Psalmen und einer über die
Paulus-Briefe, erhalten geblieben sind, welche in einem klaren und
präzisen Latein verfaßt, Zeugnis davon ablegen, daß Bruno auf der Höhe
der Bildung seiner Zeit stand.
Im Jahre 1069 wurde Manasses, ein Vertreter jener unwürdigen, mittels
Simonie zu ihrer Würde gelangten Prälaten, Erzbischof von Reims. Seine
Auffassung vom Bischofsamt geht wohl am klarsten aus dem ihm
zugeschriebenen Satz hervor, daß es schön wäre, Erzbischof von Reims zu
sein, wenn nicht die Messen gesungen werden müßten. Solange sich
Manasses I. in seiner neuen Stellung noch nicht genügend gefestigt
fühlte, war er Bruno gegenüber wohlwollend. Als dieser aber, beseelt
von der gleichen Gesinnung wie der damalige Papst Gregor VII.,
schonungslos gegen die Habsucht und das leichtfertige Leben seines
Herrn auftrat, war der Grund zu Konflikten gelegt. Als seine Mahnungen
erfolglos blieben, verzichtete er auf das ihm Io75 übertragene
Kanzleramt und verließ Reims, d.h. er mußte vor Manasses fliehen.
Schließlich trat er sogar auf der Synode zu Clermont als Ankläger gegen
Manasses I. auf, dem es aber trotz der erfolgten Suspendierung gelang,
seine unwiderrufliche Absetzung noch auf einige Jahre hinauszuschieben,
indem er Bruno verleumdete und gegen ihn intrigierte. Schließlich wurde
unser Heiliger voll rehabilitiert, ja sogar als Nachfolger auf den
vakant gewordenen erzbischöflichen Stuhl vorgeschlagen. Für ihn nahm
jedoch, fern von Reims, ein neuer Lebensabschnitt seinen Anfang:
nachdem er dem Orden der Benediktiner beigetreten war, begab er sich
mit sechs gleichgesinnten Brüdern nach Sèche-Fontaine in der Diözese
Langres, um dort ein strenges, bußfertiges Leben zu führen. Dieses
Streben nach Vollkommenheit in klösterlicher Abgeschiedenheit war
gerade im Hochmittelalter, besonders bei Gelehrten, nicht selten
anzutreffen. Nach einer späten, vielfach nicht anerkannten Tradition,
soll Bruno kurz vorher in Paris Zeuge eines erschütternden Wunders
gewesen sein, welches ihn veranlaßte, der Welt zu entsagen: Ein dem
Augenschein nach tadelloser, berühmter eben gestorbener
Universitätslehrer erhob sich während des Totenoffiziums von der Bahre
mit den Worten, er sei durch Gottes gerechtes Urteil verdammt worden.
Die kleine Einsiedelei Sèche-Fontaine befand sich im Gebiet der einige
Jahre vorher vom hl. Robert gegründeten Abtei Molesmes, der Urzelle des
Zisterzienserordens. Die beiden Ordensstifter nahmen zwar miteinander
Kontakt auf, aber Bruno und Robert strebten auf verschiednen Wegen nach
einem gottgeweihten Leben. Bald genügte Bruno auch die Einsamkeit von
Sèche-Fontaine nicht mehr. Er machte sich daher Io84 mit den sechs
Gefährten auf den Weg zu seinem ehemaligen Schüler, dem hl. Hugo,
Bischof von Grenoble.
Nach der Überlieferung war dieser den Ankömmlingen schon aus dem Grunde
besonders wohlwollend gesinnt, weil er damals im Traume sieben Sterne
zu seinen Füßen fallen sah, die ihn zu einer Chartreuse (= Karthause)
genannten Einöde führten, wo der Herr ein Kloster errichtete.
In dieser großartigen Alpenlandschaft, 25 km von Grenoble entfernt;
errichtete nun Bruno die erste Karthäuserniederlassung, die anfangs nur
aus primitiven Hütten und einem Oratorium aus Stein bestand. Im
folgenden Jahr konnte alsdann eine bescheidene Kirche erbaut werden.
Außerordentliche Askese prägte das Leben dieser neuen Gemeinschaft, die
von Brot, Hülsenfrüchten und Wasser lebte. Während zu Beginn je zwei
Eremiten in einer Zelle wohnten, erhielt nach und nach jeder seine
eigene, in welcher er sämtliche Werktage in vollständiger Einsamkeit
zubringen mußte. Überhaupt war gänzliches Stillschweigen, Verständigung
mittels Zeichen, mit Ausnahme der Sonntage, zur Pflicht gemacht. Neben
dem Gebet mußte ein Teil des Tages der Arbeit gewidmet werden, außer
der erforderlichen körperlichen in der Hauptsache dem Abschreiben alter
Manuskripte, vor allem von Andachtsbüchern.
Sicherlich diente dem Heiligen als Vorbild für seine Gründung und für
die Regel das Leben der Einsiedler der frühchristlichen Zeit. Auch sind
gewisse Züge dem abendländischen Mönchtum entnommen. Aber es wäre
abwegig, in der Regel der Karthäuser nur eine abgeänderte Form der
Benediktinerregel zu sehen. Auch lag es nicht in Brunos Absicht, einen
vom Papst genehmigten Orden zu gründen. Seine Persönlichkeit genügte,
um die Gemeinschaft zusammenzuhalten und ihr eine feste Ordnung zu
geben, so daß erst im 13. Jahrhundert die Verfassung schriftlich
fixiert wurde.
Nach sechs Jahren erfolgreichen Aufbaues trat ein Ereignis ein, das die
Existenz der jungen Gründung empfindlich traf: Brunos ehejnaliger
Schüler zu Reims, Eudes de Chatillon, seit zwei Jahren Papst Urban II.,
erwies seinem ehemaligen Lehrer die Ehre, ihn nach Rom als seinen
Berater zu berufen. Die Regierungszeit dieses Papstes, des zweiten
Nachfolgers Gregors VII., stand wie die seiner Vorgänger im Schatten
des Investiturkampfes. Kaiser Heinrich IV. und der von ihm eingesetzte
und begünstigte Gegenpapst bedrohten den Römischen Stuhl.
Für die Karthäuser bedeutete der Weggang ihres Gründers und geistliehen
Vaters einen schweren Schlag. Aber Bruno gehorchte, gab der Karthause
einen neuen Vorsteher und zog in Begleitung einiger Gefährten in die
Ewige Stadt. Einzelheiten über sein Leben und Wirken in Rom sind uns
nicht überliefert, wir wissen nur, daß er im päpstlichen Palast wohnte
und seine Mitbrüder die Erlaubnis erhielten, ihr strenges Leben
fortsetzen zu dürfen. Die geräuschvolle Weltstadt entsprach aber nicht
ihrem Ideal der Einsamkeit, so daß Urban II. ihrerBitte entsprach,
wieder in die Karthause bei Grenoble zurückkehren zu wollen. Eine späte
Tradition, die sich auf ungesicherte Quellen stützt, behauptet, den
Karthäusern sei die in den Thermen Diokletian errichtete Kirche Sankt
Cyriak übergeben worden, dort, wo in unmittelbarer Nähe Pius IV. im
Jahre 1561 durch Michelangelo die Karthäuserkirche Santa Maria degli
Angeli erbauen ließ, in der ein Kunstwerk das Andenken an Bruno
lebendig erhält: die drei Meter hohe Statue Brunos des klassizistischen
Bildhauers Houdon. Kahlen Hauptes, gesenkten Blickes, in Meditation
versunken, tritt uns der Heilige entgegen. Papst Klemens XIV. soll beim
Anblick dieses Standbildes ausgerufen haben: "Diese Statue würde
sprechen, wenn es ihr die Ordensregel nicht verbieten würde."
Der Papst entließ aber vorerst Bruno nicht aus seinen Diensten. Ja, er
mußte ihn sogar auf seiner Flucht vor dem Gegenpapst nach Kalabrien
begleiten, wo er ihm gleichsam als Belohnung für seine Dienste das
Erzbistum Reggio anbot. Aber er lehnte die Annahme der hohen Würde ab
und bat vielmehr um die Erlaubnis, in Kalabrien, dem "Gelobten Land"
der Einsiedler des Mittelalters, das strenge Büßerleben wieder
aufnehmen zu dürfen. Graf Roger von Sizilien schenkte bald darauf Bruno
eine große Fläche einsamen, wüsten Landes, genannt "della Torre". Mit
den frohlockenden Worten des Psalmisten: "Benedictus Dominus, quoniam
exaudivit vocem deprecationis meae" ("Gepriesen sei der Herr, denn er
hat mein Flehen erhört"), Ps. 27, teilte er seinen Brüdern in der
Kartause in der Nähe von Grenoble die Erfüllung seines Wunsches mit.
Mit sechs neuen Gefährten baute er in La Torre (Turris eremus) eine
neue Karfhause auf. Das war im Jahre Io91. Drei Jahre später erfolgte
die Einweihung des neuen Klosters. Papst Paschalis II. bestätigte die
Privilegien von La Torre. Das neue Kloster erhielt den Namen "Sancta
Maria in eremo" ("hl. Maria in der Wüste"). Diese neuerliche Stiftung,
in welcher nach den gleichen strengen Regeln gelebt wurde wie in der
Chartreuse, erfreute sich eines solchen Zulaufes, daß bereits einige
Jahre später ein zweites Kloster errichtet werden mußte, welches
den Namen St. Stefan erhielt. Es war vorwiegend für schwächere Brüder
bestimmt.
Es ist viel über die sogenannte Naturfeindlichkeit der Kirche,
insbesondere des Mönchtums geschrieben worden. Aber das schiere
Gegenteil entspricht der Wahrheit. Herrliche, der Tier- und
Pflanzenwelt entnommene poetische Bilder sind in großer Zahl in der
Heiligen Schrift enthalten, besonders in den Psalmen. Die
Wüstenheiligen des frühen Christentums faszinierte die herbe, einsame
Natur. Im Mittelalter rief der hl. Franziskus sämtliche Geschöpfe auf,
am Lobpreis Gottes mitzuwirken. Wir besitzen aus dieser Epoche berühmte
Schilderungen landschaftlicher Schönheit, von welcher die in harter
Arbeit errichteten Klöster umgeben waren. Solch eine Beschreibung ist
auch in einem der beiden erhaltenen Briefe des hl. Bruno enthalten:
"Ich bewohne in Kalabrien mit einigen sehr frommen Brüdern eine
Einsiedelei, die ausreichend von den Wohnungen der Menschen entfernt
ist. Was könnte ich, was würdig wäre, erzählen von der Sanftheit der
gesunden milden Luft oder der weiten lieblichen Ebene, die in der Ferne
von Bergen mit grünen Wiesen und blühenden Weideplätzen begrenzt wird!
Wer vermöchte den Anblick der so lieblich gewellten Hügel beschreiben
und die Krümmungen der schattigen Täler mit ihrer Fülle von Quellen und
Bächen? Es fehlen weder bewässerte Gärten noch Bäume der
verschiedensten Art. Aber wozu soll ich noch länger darüber sprechen?
Für einen weisen Menschen gibt es angenehmere und nützlichere
Beschäftigungen, weil sie göttlich sind. Wenn aber die Seele durch
harte Zucht und geistige Betätigung erschöpft ist, ist es gut, wenn sie
sich aufrichten kann und aufzuatmen vermag. Denn wenn der Bogen immer
gespannt bleibt, wird er schließlich schlaff und unverwendbar. Was nun
die Vorteile und das Glück betrifft, welche die Einsamkeit und die
Stille der Einsiedelei denen gewähren, die sie lieben, so wissen dies
nur die, welche es erprobten."
Des weiteren enthält dieser Brief eine ernste Mahnung an den Empfänger,
seinen Freund Radulph, Probst von Reims, das seinerzeit abgelegte
Gelübde, Mönch zu werden, bald zu erfüllen.
Als Bruno das Ende seines Lebens herannahen fühlte, versammelte er
seine Gefährten um sich und legte vor ihnen laut betend das
Glaubensbekenntnis, welches noch unter seinen Schriften erhalten ist,
ab unter besonderer Hervorhebung der realen Gegenwart Christi in der
heiligsten Eucharistie, um gleichsam nochmals auszudrücken, wie sehr er
Berengars Irrlehren verabscheute. Sein Todestag war der 6. Oktober
1101. Obwohl nun Brunos Ordensstiftung blühte und bald viele Karthausen
entstanden sowie Wunder an seinem Grabe erfolgten, blieb er das gesamte
Mittelalter hindurch nur der "Meister Bruno". Erst Leo X. genehmigte
mündlich das Lesen einer hl. Messe zu seinen Ehren, was streng genommen
einer Seligsprechung gleichkommt. Das 1514 genehmigte Offizium wurde
von Papst Gregor XV. im Jahre Œ623, also erst gut loo Jahre später, ins
römische Brevier aufgenommen und damit auf die gesamte Kirche
ausgedehnt. Schließlich nahm Klemens X. 1675 mittels eines einfachen
Dekrets die Kanonisierung vor. Das Fest des hl. Bruno feiert die Kirche
am 6. Oktober.
Benützte Literatur:
Bonechi, E. Rom.: "Dictionaire d'Histoire et Geographie ecclésiastique" Paris 1937, Bd. 10; Artikel: "Bruno".
Manns, Peter: "Die Heiligen" Mainz 1975.
Stadler, Joh. Ev. : "Vollständiges Heiligen-Lexikon" 1861.
"Vies des Saints" Paris 1952, Bd.lo.
Wetzers und Weites: "Kirchenlexikon" Freiburg 1883, Bd.2.
Buchberger, Michael: "Lexikon für Theologie und Kirche" Freiburg 1931, Bd.2.
Anmerkung der Redaktion:
In meinen Augen hat das Leben eines Heiligen immer eine direkte
Beziehung zum Leben Jesu, welches es in allgemeiner oder auch in
besonderer Weise nachahmt oder ihm nachzufolgen versucht, in dem es
bestimmte Momente oder Begebenheiten daraus zu intensivieren bemüht
ist. Im Leben, im Streben, in der Sehnsucht des hl. Bruno sehe ich
immer den Versuch, Anteil an der Verklärung Christi auf dem Berge Tabor
zu haben: absolute Offenheit der Gottheit Christi, absolute Stille,
absolute Anbetung.
E. Heller |