FÜHRTE MOSES SEIN VOLK
INS GELOBTE LAND DES SOZIALISMUS ?
ZUR SITUATION DES RELIGIÖSEN NIEDERGANGES
- AUS DER SICHT EINES PROTESTANTISCHEN PASTORS
von
Georg Huntemann
(aus: DIE WELT vom 19./2o.11.1985)
Es kommt immer öfter vor, daß Konfirmanden nicht wissen, warum
Weihnachten, Ostern oder Pfingsten gefeiert werden - vom Büß- und
Bettag ganz zu schweigen. Daß einem zu Ostern nichts anderes einfällt
als der Osterhase und für die Weihnachtszeit nichts anderes als der
Weihnachtsmann, gehört zu den durchaus normalen Erfahrungen von
Pfarrern und Religionslehrern - zumal in Deutschlands nördlichen
Großstädten. Jene Großmütter sterben eben aus, auf deren Schoß kleine
Kinder biblische Geschichte lernten. Der so oft prophezeite
Traditionsbruch ist in der Kirche längst angekommen.
Die Zeiten haben zwar noch ihre Feste, aber die sind längst als Konsum-
und Freizeitinseln ihres Sinnes entfremdet. Das Heilige ist weg aus der
Zeit. Säkularisierung nennen Soziologen diesen Prozeß der Entheiligung.
Sie ist auch schon längst in die Kirche eingebrochen. I
In einem Materialheft für den Konfirmandenunterricht mit dem Titel
"Unsere Fragen zum Thema Gott", herausgegeben vom
Burckhardthaus-Verlag, wird Jesus selbst säkularisiert: "Jesus ging es
nicht um einen Bereich über den Wolken, sondern um Frieden und
Gerechtigkeit für alle Menschen". Und dem alttestamentlichen
Gottesvolk, mit Mose aus Ägypten zum Berge Sinai unterwegs, schwebt
nach Meinung dieser Autoren "nicht ein Gott im fernen Himmel, sondern
die leuchtende Hoffnung auf eine bessere Zukunft" vor. Nicht um die
Rettung der Verdammten durch den Gottessohn sei es Jesus gegangen ("die
alte Kirche glaubt an den lieben Gott, der schickte den Menschen seinen
Sohn, um die Verdämmten zu retten"), sondern um die muntere Zukunft:
"Traut euch, den Verachteten, etwas zu. Ihr könnt viel mehr, als ihr
denkt. Seid froh, wir werden die Welt verändern."
Was man hier erfährt, ist eine Fälschung, eine Karikatur des
Christlichen. Aber dergleichen gibt es heute in einer Flut von
Materialien, Unterweisungen, Religionsbüchern und Kirchenzeitungen. Wer
die biblischen Quellen studiert, weiß, daß die urchristliche
Gottesreichserwartung auf die übernatürliche Wiederkunft Christi
gegründet war. Glaube, Liebe und Hoffnung waren Kräfte, die Welt und
Gesellschaft verändern konnten - auch wenn sie nicht von dieser Welt
waren.
Der christliche Glaube war durchaus dualistisch, eben in der Dualität
von Himmel und Erde, Gott und Schöpfung, Tod und Auferstehung, Anfang
und Ende der Welt, Gottesfeindschaft und Versöhnung, Gegenwart und
Zukunft des Reiches Gottes. Diese Spannung von Himmel und Erde bestimmt
das Wesen des christlichen Glaubens, ihre Verneinung bedeutet die
Zerstörung dieses Glaubens.
Aber das geschieht gerade heute in der Kirche selbst. Der Himmel wird
auf die Erde geholt, er wird zu planbaren politischen Zielen umgesetzt.
Er steht nicht mehr in Gottes, sondern in des Menschen Hand. Der Anfang
der Welt in Gott wird genauso verneint wie das Ende der Welt im
Gericht. Die neue Schöpfung - von der Urgemeinde erwartet durch die
Wiederkunft Christi - wird zur Schöpfung einer neuen Gesellschaft.
Das einmalige Kreuz- und Versöhnungsopfer Jesu, seine einmalige
unvergleichliche Heilstat wird (so Dorothée Solle 1985 in einem
Passionsgottesdienst zu Schaffhausen, der vom Fernsehen übertragen
wurde) zu einer "weitergehenden Kreuzigung in unserer Welt". So wird
jeder Politiker, der sich für einen Weltverbesserer hält, zu einem
Jesus. Die Sorge, im Abseits zu stehen, als Feind der Veränderung
gebrandmarkt zu werden, wird zum Motor der Säkularisierung des
christlichen Glaubens. Von dieser Angst wußte die urchristliche
Gemeinde nichts, die sich noch an die Jesusworte erinnerte, daß
Jüngerschaft eben nicht von der Welt und eben nicht von der
Leidenschaft zur Weltlichkeit geleitet wird. Diese Säkularisierung ist
äußerlich zunächst kaum merkbar. Es bleibt ja für den Augenschein alles
beim alten. Bischöfe, Pröpste, Kirchenräte und Pastoren, die Altäre und
Talare, die Riten (Taufe, Trauung, Begräbnis) und auch die alten Lieder
- alles wird weiter gepflegt. Nur die herkömmlichen Begriffe
christlicher Glaubensaussagen werden 'besetzt'. Sie werden gleichsam
'enthusiasmiert', zum Humanen hin abgekürzt. Enthusiasmus (nach Luther
die Todsünde aller Todsünden) heißt eigentlich "in Gott sein". Dieses
"wie Gott sein" ist aber die Urversuchung der Menschheit, wie wir auf
den ersten Seiten der Bibel lesen. Der Säkularisierung kann nur durch
Konfrontation begegnet werden. Der biblische Sinn muß dem
säkularisierten, pervertierten Sinn gegenübergestellt werden. |