PREDIGT ÜBER DIE AUFERSTEHUNG DES HERRN
VOM
HL. LEO D. GR., PAPST VON 440
SERMO LXXI
(aus: "Bibliothek der Kirchenväter" Bd.55, München 1927; übers. v. Theodor Steeger.)
1. Geliebteste! In unserer letzten Predigt haben wir euch, wie wir
glauben, in wohlberechtigter Weise die Teilnahme am Kreuzestode Christi
empfohlen; soll doch das Ostergeheimnis im Leben der Gläubigen ein Echo
finden und auch in unserem Wandel zum Ausdruck kommen, was wir an
diesem Festtag feiern! Welchen Nutzen eine solche Teilnahme bringt, das
habt ihr an euch selbst erfahren: Aus eueren frommen Übungen habt ihr
gelernt, wie sehr es für Leib und Seele von Vorteil ist, längere Zeit
hindurch zu fasten, öfters zu beten und reichlicheres Almosen zu
spenden; denn es gibt wohl keinen unter euch der nicht durch diese
Selbstverleugnung gefördert worden wäre und nicht in der Tiefe seines
Herzens etwas geborgen hätte, worüber er sich mit Recht freuen könnte.
Allein dieser Gewinn muß dauernd gehütet werden, damit sich unser
frommer Eifer nicht in Lauigkeit verwandle und uns der neidische Satan
nicht rauben kann, was wir durch Gottes Gnade erreicht haben. Da wir
also deshalb das vierzigtägige Fasten beobachteten, um während der
Leidenszeit des Herrn an uns selbst einigermaßen sein Kreuz zu
verspüren, müssen wir auch darnach streben, als Teilnehmer an seiner
Auferstehung zu erscheinen. Schon während unserer irdischen
Wanderschaft müssen wir vom Tode zum Leben übergehen. Jeder Mensch, der
irgendeine Umwandlung durchmacht, hört auf zu sein, was er war, und
beginnt zu sein, was er nicht war. Doch ist es nicht gleichgültig,
wofür man lebt oder stirbt; denn es gibt einen Tod, der zum Leben, und
ein Leben, das zum Tode führt. Nur solange wir dieser vergänglichen
Zeitlichkeit angehören, können wir uns das eine oder das andere zu
eigen machen, und nach unseren Handlungen auf Erden richtet sich unser
Lohn in der Ewigkeit. Darum müssen wir dem Satan entsagen und Gott
unser Dasein weihen. Ablegen müssen wir jede Ungerechtigkeit, um zu
einem gerechten Leben zu erstehen. Das Alte in uns muß sterben, damit
sich das Neue entwickeln kann. Und da nach dem Ausspruch der Ewigen
Wahrheit niemand zwei Herren zu dienen vermag" (Matth.6,24), soll der
nicht unser Gebieter sein, der die Stehenden zu Fall brachte, sondern
jener, der die Gefallenen zur Herrlichkeit erhob!
2. Der Apostel sagt: "Der erste Mensch aus Erde ist irdisch, der zweite
Mensch vom Himmel ist himmlisch. Wie der irdische ist, so sind auch die
irdischen, und wie der himmlische, so auch die himmlischen. Wie wir
also das Bild des irdischen (Stammvaters) getragen haben, so wollen wir
auch das des himmlischen tragen (1 Kor. 15,47 ff)!" Dieser Wandel muß
uns mit großer Freude erfüllen; denn auf diese Weise wird uns
armseligen Erdgeborenen die Herrlichkeit des Himmels erschlossen durch
die Barmherzigkeit dessen, der zu uns herniederstieg, um uns zu sich
emporzuheben. Er begnügte sich nicht allein mit unserer Natur, sondern
nahm auch das Los der Sünder auf sich. So ließ also Gott, der nicht
leiden konnte, das ganze Elend der sterblichen Menschen über sich
ergehen. Damit aber an den Herzen der bestürzten Jünger nicht lange
Trauer nage, ließ der Herr die von ihm im voraus verkündete dreitägige
Frist ((seiner Ruhe im Grabe (Vgl. Matth.12,4o)) wunderbar schnell zu
Ende gehen: Zu dem vollen zweiten Tage fügte er den Schluß des ersten
und den Anfang des dritten hinzu, so daß die Zeitdauer bedeutend
verkürzt wurde, während die Zahl der Tage bestehen blieb. So ließ die
Auferstehung des Erlösers weder die Seele lange in der Unterwelt noch
das Fleisch lange in seinem Grabe. Und so schnell vollzog sich die
Wiederbelebung des keine Spur der Verwesung an sich tragenden Leibes,
daß dieser mehr geschlafen zu haben als tot zu sein schien. Es verband
eben die Gottheit, die von keinem der beiden Bestandteile der
menschlichen Natur in Christus wich, durch ein Machtwort, was sie durch
ihre Macht getrennt hatte.
3. Noch viele Zeichen folgten, durch welche die Wahrheit des Glaubens,
der auf der ganzen Welt verkündigt werden sollte, bestätigt wurde: Der
weggewälzte Stein, das leere Grab, die zurückgelassenen Tücher und die
Engel, die den ganzen Hergang erzählten, bewiesen schon zur Genüge, daß
der Herr wirklich auferstanden war. Aber dennoch zeigte er sich noch
öfters persönlich den Frauen und den Aposteln. Er redete, verkehrte und
aß mit ihnen. Ja er ließ sich sogar von denen, die noch zweifelten,
sorgsam und neugierig betasten. Bei verschlossenen Türen trat er mitten
unter seine Jünger und erfüllte sie durch seinen Hauch mit dem Heiligen
Geiste. Er verlieh ihnen das Licht der Erkenntnis und erschloß ihnen
die Geheimnisse der Heiligen Schrift. Wiederholt zeigte er ihnen die
Wunde an seiner Seite, die Spuren der Nägel und all die Beweise seines
jüngst überstandenen Leidens (Vgl. Matth. 28.). Dies alles tat er,
damit wir erkennen, daß in ihm die wahre göttliche und menschliche
Natur ungetrennt bestehen bleibt, damit wir also wissen, daß zwischen
"Wort" und "Fleisch" ein Unterschied vorhanden ist, und gläubig daran
festhalten, daß "Wort" und "Fleisch" zusammen den "Einen Sohn Gottes"
bilden.
4. Mit diesem Glauben steht nicht in Widerspruch was der Völkerapostel
Paulus sagt: "Wenn wir auch Christus dem Fleische nach gekannt haben,
so kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr (2 Kor.5,16);" denn obgleich
die Auferstehung des Herrn keine Lossagung von seinem Leibe bedeutete,
brachte sie doch eine Umgestaltung. Die menschliche Natur erfuhr einen
Zuwachs an Macht, ohne darum aufgelöst zu werden. Die Beschaffenheit
änderte sich, die Wesenheit blieb dieselbe: Der Leib, der soeben noch
gekreuzigt werden konnte, wurde leidensunfähig, was man töten konnte,
wurde unsterblich, und was verwundbar gewesen war, ward nunmehr
unverletzlich. Mit Recht heißt es also, daß man den Leib Christi, so
wie er war, nicht mehr kenne, weil nichts von seiner früheren
Leidensfähigkeit, nichts von seiner alten Schwäche in ihm zurückblieb,
so daß er zwar noch derselbe seinem Wesen nach ist, nicht aber nach der
ihm jetzt eigenen Herrlichkeit. Doch, warum sollten wir an jenen Worten
des Apostels über den Leib Christi etwas Wunderbares finden, wenn er
von der Gesamtheit der geistigen Christen sagt: "Darum erkennen wir von
nun an niemand mehr dem Fleische nach (2. Kor. 5,16)?" Die Auferstehung
in Christus - so meint er - hat für uns Menschen schon damals begonnen,
als der Herr, der für die ganze Welt gestorben ist uns an sich selbst
(durch sein Hervorgehen aus dem Grabe) die Erfüllung all unseres
Hoffens im voraus zeigte. Daran halten wir ohne Schwanken und Mißtrauen
fest. Auch hängen wir mit dieser Erwartung keinem eitlen Wahngebilde
nach. Nachdem sich bereits der erste Teil dessen erfüllt hat, was uns
verheißen ist (vgl. Job 19,25ff; Matth.13,43), sehen wir mit den Augen
des Glaubens schon verwirklicht, was unser erst in Zukunft wartet. Und
indem wir uns über diese einstige Erhebung unserer Natur freuen,
genießen wir schon jetzt, worauf wir hoffen.
5. Darum dürfen wir uns auch nicht von dem äußeren Scheine der
irdischen Dinge bestechen lassen. Nicht darf die W e l t unsere Blicke
auf sich ziehen und uns von dem ablenken, was zum H i m m e l führt.
Als abgetan muß für uns gelten, was so schon größtenteils vorüber ist.
Unser Herz, das nach dauernden Gütern verlangt, soll sich dorthin
sehnen, wo ihm ewige Genüsse winken! Obgleich unsere Seligkeit erst
kommt und wir noch in einem sterblichen, der Verwesung geweihten Leibe
wandeln, heißt es doch ganz richtig von uns, wir haben das Fleisch
abgelegt, wenn die sinnlichen Gelüste keine Macht mehr über uns
besitzen. Mit Recht spricht man uns den Teil unseres Wesens ab, auf
dessen Stimme wir nicht hören. Wenn der Apostel sagt: "Pfleget nicht
das Fleisch zu Begehrlichkeit (Rom.13,14.)!", so dürfen wir das nicht
so verstehen, als ob uns damit verboten wäre, was mit unserem Heile
vereinbar und für unsere schwache Natur vonnöten ist. Nein, nur deshalb
sehen wir uns ermahnt, Maß und Ziel zu halten, weil man nicht jedem
Verlangen willfahren und nicht alles tun darf, was das Fleisch begehrt.
Wir dürfen also dem Leibe, der dem Geiste untersteht, weder geben, was
überflüssig, noch versagen, was unentbehrlich ist. Darum sagt auch
derselbe Apostel an einer anderen Stelle: "Noch nie hat jemand sein
Fleisch gehaßt, sondern er nährt und pflegt es (Eph.5,29.)." Natürlich
soll der Leib nicht deshalb gehegt und gepflegt werden, um sich Lastern
und Ausschweifungen hinzugeben, sondern damit er die erforderlichen
Dienste leisten, seine Kräfte erneuern und seine Bestimmung erfüllen
kann! Soll doch nicht das Niedrigere an uns in verkehrter und
schimpflicher Weise über das Höhere herrschen oder dieses dem
Niedrigeren Untertan sein! Darf doch das Laster nicht unsere Seele
meistern. Darf doch das nicht zum Knechte werden, was als Gebieter
auftreten soll.
6. So sei sich also das Volk Gottes bewußt, daß es durch Christus
neugeschaffen ist! Mit Aufmerksamkeit frage es sich, von wem es
aufgenommen wurde und wen es selbst aufgenommen hat! Was neu geworden
ist, darf nicht mehr zur alten Unbeständigkeit zurückkehren! Und wer
die Hand an den Pflug gelegt hat (Vgl. Luk.9,62), der soll auch sein
Werk vollenden! Auf seine Aussaat richte er sein Augenmerk und nicht
auf das, was hinter ihm liegt! Niemand möge in die alte Lage
zurückfallen, von der er auferstanden ist! Und wenn jemand infolge der
Schwäche des Fleisches immer noch an einzelnen Gebrechen krank
darniederliegt, so muß er unablässig nach Gesundung und Befreiung
trachten. Nur dann befindet man sich auf dem Wege des Heiles, nur dann
nimmt man sich die tr.it Christus begonnene Auferstehung zum Vorbild,
wenn der Wanderer seine Schritte statt auf schwankenden Grund auf
festen Boden setzt, da auf den schlüpferigen Pfaden dieses Lebens Sturz
und Fall nicht ausbleiben. Darum steht auch geschrieben: "Vom Herrn
werden die Schritte des Menschen geleitet, und er ist gnädig seinem
Wege. Wenn der Gerechte fällt, wird er keinen Schaden nehmen; denn der
Herr legt seine Hand unter ihn ((Ps. 36 (37),23f.))." Solche
Betrachtungen sollen wir, Geliebteste, nicht nur aus Anlaß des
Osterfestes, sondern immer wieder anstellen, um unser ganzes Leben
dadurch zu heiligen! Die frommen Übungen dieser Tage müssen d a s als
Endziel anstreben, daß sie bei den Gläubigen, die sich ihnen für kurze
Zeit so gerne unterzogen haben, zur Gewohnheit werden und stets
ungeschwächt fortdauern, daß alle Mängel, die etwa dabei unterlaufen
sind, durch schnelle Buße getilgt werden. Und weil es schwer ist und
lange dauert, eingewurzelte Krankheiten zu beseitigen, so wollen wir um
so schneller zu den Heilmitteln greifen, je frischer die Wunden sind!
Dann werden wir stets von jeder Sünde wieder genesen und würdig werden,
zu der verheißenen Auferstehung und Verklärung des Fleisches zu
gelangen durch Christus Jesus, unseren Herrn, der mit dem Vater und dem
Heiligen Geiste lebt und waltet in Ewigkeit. Amen. |