56. Jahrgang Nr. 5 / September 2026
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1. Enzyklika Humani generis
2. Enzyklika Humani generis, Fortsetzung
3. SCHADE, JAMMERSCHADE...
4. NUR FUR SEIN REICH
5. SEELSORGE IN MEXIKO
6. CHRISTLICHE BEWÄHRUNG
7. FORMEN, WIE DAS KIRCHLICHE RECHT ANZUWENDEN IST.
8. OFFENER BRIEF
9. DAS TURINER LEICHENTUCH
10. AUS DEM JUNI-RUNDSCHREIBEN VON HERRN DR. GRÖSSLER
11. VON DEN NICHT-WÄHLERN DER 'CDU INS STAMMBUCH GESCHRIEBEN
12. MEINUNG DES LESERS: EIN INTERVIEW MIT HERRN JOSEF MÜLLER
13. DIE PASTORAL-REGELN DES HL. PAPSTES GREGOR D.GR.
14. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN
15. MITTEILUNGEN DER REDAKTION
MEINUNG DES LESERS: EIN INTERVIEW MIT HERRN JOSEF MÜLLER
 
MEINUNG DES LESERS:

EIN INTERVIEW MIT HERRN JOSEF MÜLLER


(aus: STADTREVUE / Villingen, März 1984, S.16 f.)


STADTREVUE: Herr Müller, Sie sind seit 1971 an die Öffentlichkeit gegangen, um Entwicklungen entgegenzutreten, die in den damaligen Jahren immer stärker zu Tage traten. Ich meine damit die Reformen der sozial-liberalen Koalition, die seit dem Jahre 1969 an der Regierung in Bonn war. Was war in diesen Jahren Ihre Hauptsorge, wohin die Entwicklung führen werde?

JOSEF MÜLLER: "Von dem Augenblick an, wo der Mensch das Gleichgewicht gegen die zehn Gebote Gottes verliert, beginnt er, moralisch zu stürzen. Die Liberalisierung des Sittenstrafrechts war durch das politische Klima im Ansatz bereits sehr deutlich zu erkennen. Die Fristenlösung stand zur Diskussion. Es sollte das für mich, für mein Rechtsempfinden Furchtbare geschehen, daß der Schutz des ungeborenen Menschen aufgehoben würde. Diese Ansicht bedrückt mich um so mehr, als man im Dritten Reich eben gerade durch dieselben Fehler die man heute macht, dieses unselige Tun schon praktiziert hatte.
Die Juden waren unerwünscht, die Behinderten waren unerwünscht, die geistig Behinderten waren unerwünscht und nicht als gleichberechtigte, richtige Menschen anerkannt. Für mich ist der Mensch in jedem Zustand gleichwertig, ob Mann, ob Frau, geboren oder unbegoren, gesund oder krank. Jude oder Christ, alt oder jung, immer handelt es sich um den Menschen, dem man, aus welchen Gründen auch immer, niemals das Lebensrecht verweigern darf. Es gibt keine Gründe, ungeborene Menschen durch Abtreibung zu töten".

STADTREVUE: Herr Müller, welche Reformen in dieser Zeit sind für Sie besonders schwerwiegend und gravierend gewesen, und glauben Sie, daß unter einer konservativen Regierung die Entwicklung vielleicht anders verlaufen wäre?

JOSEF MÜLLER: "Die Freigabe des Tötens durch Abteibung, besonders durch die Aufnahme der sogenannten sozialen Indikation, die Scheidungserleichterungen, die Freigabe der Pornografie, dies waren die Schwerwiegendsten. Wichtig ist auch die Liberalisierung des Strafrechts in dem Sinne, daß gegen diese offensichtlichen Verbrechen nicht mehr nach dem Buchstaben des Gesetzes vorgegangen wurde und wird. Hierin sehe ich eine Tendenz fortschreitenden Kultur- und Sittenverfalls gemessen an den zehn Geboten Gottes und dies bedeutet, daß hiermit der Mensch vor Gott eine furchtbare Schuld auf sich lädt.
Von den christdemokratischen Kräften bin ich insofern enttäuscht, als sie diese liberale Lebensauffassung zu einem großen Teil mitmachen und deshalb eben auch zum selben Ereignis hinführen. Den Beweis hierfür erleben wir alle mit der jetzigen Koalition, in der Kohl, Geißler und andere öffentlich, wenn auch mit Umschreibungen erklären, den Paragraphen 218 nicht ändern zu wollen; der Kinderholocaust geht also weiter.

STADTREVUE: Herr Müller, glauben Sie, daß nach den Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte eine Änderung der Lebenseinstellung in dem Sinne, wie Sie ihn wollen, überhaupt noch möglich ist?

JOSEF MÜLLER: "Ja und nein. Sie ist nicht mehr möglich, wenn die Mehrheit unseres Volkes weltanschaulich am Sozialismus und Liberalismus festhält und auf diesem politischen Wege weiter mitgeht, der vorgibt, die Menschen zu höheren Kulturen zu führen. Wesensmerkmal dieser nach meiner Meinung falschen Weltanschauungen sind hauptsächlich, daß sie nur auf materielle Dinge ausgerichtet sind. Der Mensch selber als Materialwert, denn nach dieser Auffassung soll ja nach dem Tode alles aus sein. Der Mensch aber hat Ewigkeitswert und was hierüber zu sagen ist, da glaube ich dem Wort der heiligen Schrift. Hat der Mensch aber tatsächlich nur den reinen Materialwert, dann muß man ganz automatisch zu der Auffassung kommen, daß nur Wert hat, was einem nützlich ist. Ist ein ungeborenes Kind einem im Wege, unerwünscht, erwächst daraus die Rechtfertigung, es aus der Welt zu schaffen. Materialwert. Das ist sehr furchtbar. Die Weltverbesserung beginnt letztendlich durch die Verbesserung des eigenen Herzens. "Nur mit dem Herzen sieht der Mensch gut und richtig", heißt ein Dichterwort. Ändern muß sich die Einstellung zwar zu den Normen der zehn Gebote hin unter Zuhilfenahme von Religion und Gebet. Die Ansicht von Marx, Religion sei Opium für das Volk, von Demokraten ausgesprochen und prophezeit, kann die Wende zum Besseren nicht herbeiführen. Religion ist nicht für die Dummen, Religion ist richtig besehen eine Notwendigkeit, ist unentbehrlich. Ein Schulbeispiel dafür bietet doch die Sowjetunion. Ist es dort besser geworden, nachdem man Gott für tot erklärt hat? Was ist dort de Mensch wert? Wir haben es hier mit dem Geheimnis des Bösen zu tun. Ändere Dein Verhalten, sagt ein Dichterwort, dann ändern sich die Verhältnisse".

STADTREVUE: Herr Müller, in der Dritten Welt entstehen durch einen hohen Geburtenüberschuß ständig Hungersnöte: Arbeits- und Ernährungsprobleme sind für hunderttausende von Menschen an der Tagesordnung. Es gibt wohl kaum etwas Schlimmeres, als verhungernde Kinder zu sehen. Wie glauben Sie kann man dieses Problem lösen, wenn man Geburtenregelung in jeder Form ablehnt?

JOSEF MÜLLER: "Werte ich den Menschen nur als biologisches, fleischliches Menschenwesen, mit der Maßgabe, daß nach dem Tod alles aus ist, dann gibt es in der Tat nur die eine Lösung, der Überbevölkerung durch Töten von Menschen und man spricht es doch durch die hohle Hand, durch Tötung ungeborenen Lebens und durch die Verhinderung von Geburten durch die Pille, Einhalt zu gebieten. Das Recht des Stärkeren wäre damit zum Kriterium allen sozialen Handelns geworden. Das Recht des Stärkeren aber ist das stärkste Unrecht. Die scheinbare Überbevölkerung, die es gibt wird doch recht besehen dadurch zum Problem, daß man in der westlichen Welt bis jetzt die Zukunftsaufgaben der Menschheit überhaupt noch nicht zu lösen angefangen hat. Technik, Wissenschaft und Erkenntnisse stellen wir in den Dienst unserer matereillen, egoistischen Lebenauffassung. Wir sind nicht bereit, unser Konsumdenken, unsere materialistische Einstellung zu ändern. Wir sind damit gegenüber der Dritten Welt unsozial. Bevölkerungspolitische Probleme können und dürfen nicht durch Töten von Menschen gelöst werden. Wagen wir uns zu erinnern an unsere unselige Vergangenheit, in der man gleichfalls bevölkerungspolitische Zielsetzungen durch Töten von Menschen praktiziert hat. Wir müssen den Menschen, seinen Lebenssinn und -ziel auf dem Hintergrund der Ewigkeit werten. Ein Menschenleben ist dem Zeitmaß nach ein Hauch. Vor Gott spielt es keine Rolle, ob ich zehn oder neunzig Jahre alt werde/ Die Leiden, die die Menschen durch Krankheit oder Not erdulden müssen, sind nach christlicher Überzeugung keine Sinnlosigkeit. Diese Sinnlosigkeit und Ungerechtigkeit bestünde aber darin, daß am Ende eines Lebens der Verhungerte gleichviel hat wie der Reiche oder der satte Demokrat. In diesem Zusammenhang wäre auch einmal ein Wort darüber zu verlieren, woher denn überhaupt Krankheit und Tod kommen. Der Belesene weiß, daß die Ursache letztendlich in der Erbsünde besteht. Eine materialistische Weltauffassung wird die Not der Dritten Welt nicht leichter machen können.
Es gibt aber nicht nur die materielle Not, sondern auch die geistige. In diesem Punkt stellt sich der Westen und vornehmlich Europa als 'Dritte Welt' der Dritten Welt dar. Wir glänzen in diesem Jahrhundert mit zwei Weltkriegen und mit der Ungeheuerlichkeit der Sozialproblemlösungen durch Töten durch Abtreibungen. Es gilt also zuerst den eigenen Mist im eigenen Stall zu beseitigen.

STADTREVUE: Herr Müller, eine abschließende Frage, Sie werden sicherlich wegen Ihrer christlichen Lebenseinstellung, die Sie auch offen bekennen und zeigen, oftmals angefeindet, vielleicht sogar lächerlich gemacht. Wie schafft man es, dies zu verkraften und seine Meinung und seinen Lebensinhalt weiterhin offen zu vertreten?

JOSEF MÜLLER: "Das ist eine ganz einfach zu beantwortende Frage. Ich habe keine Feinde. Ich mach mir von keinem Menschen ein Feindbild. Jeden Menschen, der mir gegegnet, werte ich als Geschöpf Gottes mit Ewigkeitswert, so unendlich viel wert, daß ein Gott für ihn am Kreuz starb. Wenn der Mensch aber soviel wert ist, habe ich mit keinem Gedanken eine Veranlassung, einen Menschen irgendwie zu entwerten. In jeder Begegnung mit einem Menschen erhalte ich eine Bereicherung, auch von jenen, die mir nicht wohlgesonnen sind. Wünschte ich doch jedem Menschen, daß er nicht wie ein Tier verendet und damit sein Leben abschließt, sondern daß er, wie der Christus selber sagt, mit ihm nach Durchschreiten des Todes die höchste Würde in der Gemeinschaft mit Gott finden möge. Es fällt mir also nicht so schwer, das Ausgelachtwerden in Kauf zu nehmen, wenn einer meiner 'Freunde' die einzige Freude gewänne, mich lächerlich zu machen; dann gönne ich ihm diese Freude von Herzen. Dies ist meine Einstellung zu meinem Gegenüber, gleich, welcher Weltanschauung er auch sein mag.
Wenn man eine Auffassung als richtig erkannt hat, darf man sie auch offen vertreten. Der Schwache hat ein Recht darauf, daß der Gefestigtere stark bleibt. Es gibt genug "Rundpunktleser", die in verschiedenen Notlagen neuen Sinn für den weiteren Lebensweg erhalten. Das wäre zum Beispiel ein Fall, bei dem nicht materielle Hilfe, sondern echte Lebenshilfe praktiziert wird. - Mein Motto und das meiner Familie lautet: Sei was Du bist und was Du bist, habe den Mut ganz zu sein".
 
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