56. Jahrgang Nr. 5 / September 2026
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1. Enzyklika Humani generis
2. Enzyklika Humani generis, Fortsetzung
3. SCHADE, JAMMERSCHADE...
4. NUR FUR SEIN REICH
5. SEELSORGE IN MEXIKO
6. CHRISTLICHE BEWÄHRUNG
7. FORMEN, WIE DAS KIRCHLICHE RECHT ANZUWENDEN IST.
8. OFFENER BRIEF
9. DAS TURINER LEICHENTUCH
10. AUS DEM JUNI-RUNDSCHREIBEN VON HERRN DR. GRÖSSLER
11. VON DEN NICHT-WÄHLERN DER 'CDU INS STAMMBUCH GESCHRIEBEN
12. MEINUNG DES LESERS: EIN INTERVIEW MIT HERRN JOSEF MÜLLER
13. DIE PASTORAL-REGELN DES HL. PAPSTES GREGOR D.GR.
14. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN
15. MITTEILUNGEN DER REDAKTION
DIE PASTORAL-REGELN DES HL. PAPSTES GREGOR D.GR.
 
DIE PASTORAL-REGELN DES HL. PAPSTES GREGOR D.GR.


(übers, v. Benedikt Sauter O.S.B., Freiburg / Brsg. 1904)


8. DER SEELSORGER SOLL SICH NICHT DARUM BEMÜHEN, DEN MENSCHEN ZU GEFALLEN, ABER DOCH SICH SO VERHALTEN, DASS MAN AN IHM GEFALLEN FINDEN KÖNNE.

Der Seelsorger muß sorgfältig darüber wachen, daß ihn nicht die Begierde, den Menschen zu gefallen, stachle; daß er nicht bei der eifrigen Pflege des inneren Lebens und der sorgfältigen Verwaltung der äußeren Angelegenheiten mehr die Liebe seiner Untergebenen als die Wahrheit suche, damit nicht die Eigenliebe ihn dem Schöpfer entfremde, während er durch seine guten Werke der Welt entfremdet zu sein scheint. Ein Feind des Erlösers ist ja, wer an Christi Stelle um der eigenen guten Werke willen von der Gemeinde geliebt zu werden verlangt; denn auch der Diener, durch welchen der Bräutigam seine Geschenke überschickt, macht sich eines ehebrecherischen Gedankens schuldig, wenn er den Augen der Braut zu gefallen strebt. Wenn diese Eigenliebe das Herz des Seelsorgers einnimmt, so treibt sie ihn bisweilen zu ungeordneter Nachsicht, bisweilen zu ungeordneter Strenge. Zur Schwäche verleitet die Eigenliebe das Herz des Seelsorgers, wenn er die Untergebenen sündigen sieht und sie nicht zu tadeln wagt, damit deren Liebe zu ihm nicht erkalte; ja manchmal hätschelt er noch mit Schmeicheleien die Fehler der Untergebenen, gegen die er seine Vorwürfe richten sollte.

Mit Recht heißt es daher beim Propheten: "Wehe denen, die Pölsterchen machen unter jeden Ellbogen und Kissen unter das Haupt der Menschen jeglichen Alters, um Seelen zu fangen" (Ez 13,18). Pölsterchen unter jeden Ellenbogen legen heißt, die vom geraden Weg abweichenden und zur Weltliebe hinneigenden Seelen mit schmeichelndem Tröste beruhigen. Denn gleichsam auf ein Pölsterchen stützt sich der Ellenbogen, oder auf ein Bettkissen das Haupt, wenn dem Sünder die strenge Zurechtweisung erspart und ihm parteiische Nachsicht zuteil wird; denn so bleibt er ruhig in seiner Sünde liegen, da keine strenge Zurechtweisung ihn aufstachelt.

Aber so machen es die von der Eigenliebe gefangenen Seelsorger ohne Zweifel nur bei denen, von welchen sie eine Beeinträchtigung in ihrem Bestreben nach irdischer Ehre zu fürchten hätten. Diejenigen dagegen, welche sie als machtlos gegen sich erkennen, quälen sie unausgesetzt mit harten und strengen Vorwürfen, ermahnen sie niemals mit Güte, sondern schrecken sie, der Hirtensanftmut vergessend, auf Grund der Gewalt. Solche tadelt Gottes Stimme durch den Propheten: "Mit Strenge und Gewalt herrscht ihr über sie" (Ez 34,4). Denn da sie sich selbst mehr als ihren Schöpfer lieben, erheben sie sich prahlerisch über ihre Untergebenen und sehen nicht darauf, was sie ihrer Pflicht gemäß tun sollten, sondern was sie vermöge ihrer Macht tun können; sie fürchten sich nicht vor dem zukünftigen Gerichte und rühmen sich frevelhaft ihrer zeitlichen Gewalt; es freut sie, daß sie auch Unerlaubtes tun können, ohne daß ihnen jemand aus ihren Untergebenen Widerstand leistet. Wer also Unrechtes zu tun strebt und doch verlangt, daß andere dazu schweigen, der ist sich sein eigener Zeuge, daß er mehr geliebt sein will als die Wahrheit selbst, welche er gegen sich nicht in Schutz nehmen läßt. Niemand führt ja ein solches Leben, daß es dabei ohne alle Fehler abgeht. Wer also wünscht, daß man die Wahrheit mehr als ihn liebe, verlangt nicht, daß irgend jemand im Widerspruche mit der Wahrheit seiner schone. Deshalb nahm Petrus den Tadel des Paulus bereitwilligst an (Gal 2,11); auch David hörte demütig auf die Zurechtweisung eines Untergebenen (2 Kn 12,7).

So halten gute Seelsorger, welche die falsche Eigenliebe nicht kennen, gerade ein Wort freimütiger Aufrichtigkeit von seiten ihrer Untergebenen für demutsvolle Ergebenheit.

Dabei muß aber die Seelsorge mit solcher Klugheit geübt werden, daß die Untergebenen ihre Meinung, falls sie das Richtige zu erkennen imstande waren, zwar frei aussprechen können, daß äaer ihre Freimütigkeit nicht in Hochmut ausarte; denn würde ihnen zu große Freiheit im Reden eingeräumt, so würden sie ihres Lebens Demut verlieren. Auch ist zu bemerken, daß gute Seelsorger allerdings darauf achten müssen, den Menschen zu gefallen, aber nur, um durch ihre gewinnende Anziehungskraft die Mitmenschen zur Liebe der Wahrheit anzulocken - nicht aus Verlangen, selbst geliebt zu werden, sondern um die gegen sie gehegte Liebe gleichsam als Weg zu benützen, auf welchem sie die Herzen ihrer Gläubigen zur Liebe des Schöpfers führen. Denn ein Prediger, der nicht beliebt ist, wird schwerlich gerne gehört, auch wenn er die Wahrheit verkündet. Der Vorsteher muß daher allerdings wünschen, geliebt zu werden, auf daß sein Wort Eingang finde; aber er darf diese Liebe nicht für sich selbst suchen, damit er nicht durch geheime Nachgiebigkeit in seinen Gedanken sich als Rebell gegen DEN erweise, als dessen Diener er von Amtswegen erscheint. Dies gibt Paulus deutlich zu verstehen, da er uns sein geheimes Streben mit den Worten enthüllt: "Gleichwie auch ich allen in allem zu Gefallen bin" (1 Kor lo,33). Dessen ungeachtet sagt er aber auch: "Wenn ich noch den Menschen gefallen würde, so wäre ich kein Diener Christi" (Gal 1,lo). Paulus also ist zu Gefallen und ist es nicht; denn wenn er zu gefallen sucht, so verlangt er nicht, selbst zu gefallen, sondern daß um seinetwillen die Wahrheit den Menschen gefalle.

9. DER SEELSORGER MUSS WOHL WISSEN, DASS DIE LASTER SICH GEMEINIGLICH FÜR TUGENDEN AUSGEBEN.

Der Seelsorger muß wohl beachten, daß die meisten Laster sich für Tugenden ausgeben. So verbirgt sich oft der Geiz unter dem Namen der Sparsamkeit; die Verschwendung dagegen verhüllt sich unter dem Namen der Freigebigkeit. Oft wird ungeordnete Nachsicht für Milde gehalten, und leidenschaftlicher Zorn gilt als Tugend geistlichen Eifers. Oft erachtet man übereiltes Handeln für ein Zeichen gewandter Tüchtigkeit und ein langsames Wesen für ernste Überlegung. Daher muß der Seelenführer Tugenden und Laster sorgfältig unterscheiden, damit sein Herz nicht vom Geize eingenommen werde, während er zur sparsamen Haushaltung sich Glück wünscht - oder, während er etwas vergeudet, seiner barmherzigen Freigebigkeit sich rühme - oder durch Nachsicht, wo er strafen sollte, die Untergebenen der ewigen Strafe überliefere - oder durch schonungsloses Bestrafen der Fehler selbst noch schwerer sich vergehe - oder durch Voreiligkeit eine Sache überstürze, die mit Genauigkeit und Ernst geschehen sollte; oder durch Hinausschieben das Verdienst eines guten Werkes schmälere.

10. WIE DES SEELSORGERS KLUGHEIT IN BEZUG AUF ZURECHTWEISUNG UND STILLSCHWEIGENDES ÜBERSEHEN, WIE SEIN EIFER UND SEINE SANFTMUT SICH ZEIGEN SOLLEN.

Auch dies ist zu bemerken, daß man bisweilen die Fehler der Untergebenen in kluger Weise übersehen, dabei aber zeigen muß, daß man sie übersehe. Bisweilen muß man auch die Fehler, welche klar vor Augen liegen, mit reiflicher Erwägung ertragen, bisweilen aber die verborgenen eingehend ausforschen; bisweilen muß man sie sanft rügen, bisweilen aber ernstlich tadeln.

Einige Fehler also, wie gesagt, muß man in kluger Weise übersehen, dabei aber zeigen, daß man sie übersehe, damit der Fehlende erkennt, daß man sie bemerke und ungerügt lasse, und damit er sich scheue, dieselben noch zu vergrößern, wohl wissend, daß man sie an ihm stillschweigend ertrage, und damit er sich nach eigenem Urteil strafe, da ihn der Vorgesetzte in wohlwollender Geduld bei sich selbst entschuldigt. Dieses Übersehen stellt der Herr dem Judenlande vor, da er durch den Propheten spricht: "Du lügst und gedenkest nicht mein, noch nimmst du es dir zu Herzen, daß ich schwieg und tat, als ob ich es nicht sehe" (Is 57,11). Er übersah also die Vergehen, und doch zeigte er sie an; denn er schwieg gegenüber dem sündigen Lande und ließ ihm doch kundtun, daß er geschwiegen habe.

Bisweilen aber muß man auch solche Fehler, die klar vor Augen liegen, wohl erwogen ertragen, wenn nämlich die Umstände eine offene Zurechtweisung nicht zulassen. Unzeitig aufgeschnittene Wunden entzünden sich ja noch gefährlicher; und wenn die Arzneimittel nicht zur rechten Zeit angewendet werden, verlieren sie ohne Zweifel ihre Heilkraft. Während so der Vorgesetzte die rechte Zeit für die Zurechtweisung seiner Untergebenen abwartet, wird er sich selbst unter der Last der Fehler seiner Untergebenen in der Geduld geübt. Mit Recht heißt es daher beim Psalmisten: " Auf meinem Rücken schmiedeten die Sünder" (Ps 128,3). Auf dem Rücken trägt man die Lasten. Der Psalmist klagt also, daß auf seinem Rücken die Sünder schmieden, gleich als wollte er sagen: Die ich nicht bessern kann, trage ich wie eine auferlegte Last.

Geheime Fehler aber muß der Seelsorger bisweilen eingehend ausforschen, um aus dem Hervortreten gewisser Anzeichen die verborgenen Geheimnisse im Herzen seiner Untergebenen ausfindig zu machen, und mit Hilfe der Zurechtweisung vom Kleineren auf das Größere zu kommen. Bedeutsam wird deshalb zu Ezechiel gesagt: "Menschensohn, grabe in die Wand" (8,8). Gleich darauf fügt der Prophet hinzu: "Und als ich in die Mauer gegraben hatte, erschien eine Tür. Und Er sprach zu mir: Geh hinein und schaue die überbösen Greuel, welche sie hier tun. Und ich ging hinein und schaute; und siehe, da waren allerlei Gebilde von Gewürm und andern Tieren, und alle Götzengreuel des Hauses Israel waren da abgemalt an der Wand" (Ez 8,9-lo). Ezechiel bedeutet hier die Person derVorgesetzten; die Wand aber bezeichnet die Herzenshärtigkeit der Untergebenen; das Graben in die Mauer besagt nichts anderes, als daß man durch genaue Nachforschung die Herzenshärtigkeit durchbrechen müsse. Als er in die Mauer gegraben hatte, erschien eine Tür; denn wenn die Herzenshärtigkeit entweder durch sorgfältiges Nachforschen oder durch ernste Rügen gebrochen ist, zeigt sich gleichsam eine Tür, durch welche man die ganze innere Gedankenwelt des Tadelnswerten sehen kann. Darum heißt es an jener Stelle mit Recht weiter: "Geh hinein und sieh' die überbösen Greuel, die sie hier tun." So geht gleichsam der Vorgesetzte hinein, um Greuel zu schauen, indem sein Auge, nachdem er gewisse äußerlich hervortretende Anzeichen erforscht hat, so tief in das Herz der Untergebenen blickt, daß all ihre bösen Gedanken offen vor ihm daliegen. Darum heißt es weiter: "Und ich trat hinein und schaute; und sieh', da waren allerlei Gebilde von Gewürm und der Greuel von anderen Tieren." Das Gewürm sind die ganz irdischen Gedanken; die anderen Tiere bedeuten solche Gedanken, die sich zwar etwas über die Erde erheben, bei denen man aber noch nach irdischen Lohn Verlangen trägt. Denn das Gewürm kriecht mit dem ganzen Körper am Boden dahin, während die anderen Tiere sich mit einem großen Teile ihres Körpers über die Erde erheben, zu der sie sich aber immer des Futters wegen hinabneigen.

Gewürm also ist innerhalb der Mauer, wenn sich in der Seele Gedanken herumtreiben, die sich nie über irdische Gelüste erheben. Auch Tiere befinden sich innerhalb der Mauer, wenn die sonst rechten und ehrbaren Gedanken nur der Sucht nach irdischem Gewinn und nach Ehre dienstbar sind. An sich sind solche Gedanken schon so zu sagen über die Erde erhoben, aber gleichsam um des Futters willen neigen sie sich nach unten. Nicht ohne Grund ist deshalb beigefügt: "Alle Götzengreuel des Hauses Israel waren abgemalt an der Mauer." Es steht nämlich geschrieben: "Der Geiz ist Götzendienst" (Kol 3,5). Mit Recht also werden nach den Tieren die Götzenbilder angeführt; denn wenn auch manche durch ein ehrbares Geschäft schon gleichsam sich über die Erde erheben, so senken sie sich doch durch unordentliche Begier wieder zur Erde nieder. Treffend heißt es auch, "daß sie abgemalt waren"; denn wenn man die Formen äußerer Dinge in das Herz aufnimmt, so malt sich gleichsam in demselben ab, was man mit Wissen und Willen sich vorstellen pflegt. Auch ist zu bemerken, daß zuerst ein Loch in der Mauer, dann die Türe sichtbar wird, und daß zuletzt erst der geheime Greuel sich offenbart; denn zuerst zeigen sich bei jeder Sünde die äußeren Zeichen, dann die durch die Tür angedeutete, offen daliegende Versündigung, und dann erst wird das ganze, innerlich verborgene Übel aufgedeckt.

Einiges hingegen muß man mit Sanftmut rügen; denn da nicht aus Bosheit, sondern aus Unwissenheit und Schwäche gefehlt wird, so muß die Rüge des Fehlers mit großer Mäßigung vorgenommen werden. Denn wir alle, so lange wir uns im sterblichen Fleische befinden, unterliegen den Schwachheiten unserer verderbten Natur. Von sich selbst also muß jeder abnehmen, wie er mit der Schwachheit anderer Mitleid haben müsse, damit es nicht aussehe, als habe er seiner selbst vergessen, wenn er gegen die Schwachheit des Nächsten zu heftig mit Scheltworten loszieht. Treffend ermahnt darum Paulus: "Wenn ein Mensch von irgend einer Sünde übereilt worden wäre, so unterweiset einen solchen, ihr, die ihr geistlich seid, im Geiste der Sanftmut; und hab' acht auf dich selbst, daß nicht auch du versucht werdest" (Gal 6,1). Was der Apostel sagen will, ist offenbar dies: "Wenn dir mißfällt, was du an der Schwachheit eines anderen siehst, so erwäge, was du selbst bist; damit der Geist im Eifer der Zurechtweisung sich mäßige, weil er auch für sich fürchtet, was er andern vorhalten muß."

Manches aber muß man kräftig tadeln, damit der Schuldige aus den Tadel worten erkenne, wie schwerwiegend die Schuld sei, die er nicht einsehen will. Und wenn jemand das Böse, so er getan, gering anschlägt, so soll er durch die Strenge der Zurechtweisung zu ernster Furcht darüber angeregt werden. Pflicht des Seelsorgers ist es ja, die Herrlichkeit des himmlischen Vaterlandes durch das Wort der Predigt zu zeigen - zu enthüllen, wie große Versuchungen des alten Feindes auf dem Wege durch dieses Leben verborgen sind - sowie auch die Sünden der Untergebenen, die man nicht mit nachsichtiger Milde ertragen darf, mit großer, eifernder Strenge zu rügen, damit er nicht, wenn er es an Eifer gegen die Sünden fehlen läßt, selber aller Sünden der anderen sich schuldig mache. Daher wird bedeutungsvoll zu Ezechiel gesagt: "Nimm dir einen Ziegel und leg' ihn vor dich hin, und zeichne darauf die Stadt Jerusalem" (Ez 4,1 ff). Und gleich darauf wird hinzugefügt: "Und ordne eine Belagerung wider sie und bau' Bollwerke und einen Wall auf, und laß ein Heer wider sie lagern, und stelle ringsum Böcke" (d.i. Sturmwerkzeuge der Alten bei einer Belagerung). Hierauf wird dem Propheten selbst gesagt, wie er sich befestigen soll: "Nimm dann eine eiserne Pfanne, und stelle sie als eiserne Mauer zwischen dich und die Stadt." Denn wessen Bild anders als das der Lehrer stellt der Prophet Ezechiel dar, wenn ihm gesagt wird: "Nimm dir einen Ziegel, und leg' ihn vor dich hin, und zeichne darauf die Stadt Jerusalem."

Die heiligen Lehrer nämlich nehmen sich einen Ziegel, wenn sie es unternehmen, das irdisch gesinnte Herz ihrer Zuhörer zu belehren. Diesen Ziegel legen "sie vor sich hin, zum Zeichen, daß sie mit ganzer Aufmerksamkeit des Geistes über das Herz wachen. Die Stadt Jerusalem aber müssen sie auf den Ziegel zeichnen, um dadurch anzudeuten, daß sie sich bei ihrer Predigt bemühen sollen, irdischen Herzen zu zeigen, wie der himmlische Friede sich offenbare. Weil es aber nutzlos wäre, die Herrlichkeit des himmlischen Vaterlandes zu kennen, wenn man nicht auch wüßte, von welch großen Versuchungen des listigen Feindes man hinieden überfallen wird, so ist treffend beigefügt: "Und ordne eine Belagerung wider sie an und baue Bollwerke." Die heiligen Lehrer ordnen nämlich eine Belagerung um den Ziegel, auf welchem Jerusalem abgezeichnet ist, wenn sie einem irdisch gesinnten Herzen, das aber schon nach dem himmlischen Vaterland Verlangen trägt, zeigen, welch heftigen Kampf gegen die Sünde man während dieses Lebens zu führen habe. Wenn nämlich gezeigt wird, wie jede Sünde auf dem Weg des geistlichen Fortschrittes ein Fallstrick sei, so wird durch das Wort des Predigers gleichsam eine Belagerung um die Stadt Jerusalem geordnet. Weil sie aber nicht bloß die Anfechtungen der Laster, sondern auch die Kräftigung erklären müssen, welche aus der standhaften Tugendübung entspringt, ist mit Grund beigefügt: "Und baue Bollwerke". Bollwerke erbaut der heilige Lehrer, wenn er zeigt, durch welche Tugenden man den verschiednen Lastern Widerstand leisten könne. Und weil mit dem Wachstum der Tugend meistens auch die Kämpfe und Versuchungen sich mehren, wird noch bemerkenswert hinzugefügt: "Und wirf einen Wall auf, und laß ein Heer wider sie lagern, und stelle ringsum Böcke auf". Einen Wall wirft der Prediger auf, wenn er den Druck der zunehmenden Versuchung schildert. Ein Heer läßt er wider Jerusalem lagern, wenn er den bereitwilligen Zuhörern die schlauen und fast unergründlichen Nachstellungen ihres listigen Feindes vorhersagt. Böcke stellt er ringsum auf, wenn er mitteilt, welch starke Versuchungen uns in diesem Leben von allen Seiten befallen und die Mauer der Tugend zu durchbrechen suchen.

Aber wenn auch der Seelsorger dies alles sorgfältig einschärft, so macht er sich doch von der Verantwortung in der Ewigkeit nicht frei, wenn er nicht gegen die Sünden der einzelnen vom Geiste des Eifers erglüht. Darum heißt es treffend noch weiter an jener Stelle: "Und du nimm dann eine eiserne Pfanne und stelle sie als eiserne Mauer zwischen dich und die Stadt." Die Pfanne bedeutet nämlich, daß der Geist gleichsam geröstet werden müsse, das Eisen aber die Kraft der Zurechtweisung. Denn was röstet und peinigt die Seele des Lehrers mehr als der Eifer für Gott? Also fühlte Paulus das Feuer dieser Röstpfanne, da er sprach: "Wer ist krank und ich bin es nicht mit ihm? Wer wird geärgert und ich entbrenne nicht darüber?" (2 Kor 11,29) Und weil jeder, der von Eifer für Gott erglüht, um nicht wegen Nachlässigkeit verdammt zu werden, sich mit einer starken Schutzwehr für die Ewigkeit umgibt, darum heißt es bezeichnend: "Stelle sie als eiserne Mauer zwischen dich und die Stadt." Die eiserne Pfanne wird als eiserne Mauer zwischen den Propheten und die Stadt gestellt, weil den Seelsorgern, wenn sie jetzt kraftvollen Eifer beweisen, gerade dieser Eifer einst zur kräftigen Verteidigung im Gerichte zwischen ihnen und den Zuhörern gereichen wird; alsdann werden sie nicht der Rache preisgegeben sein, wenn sie jetzt in der Zurechtweisung nicht nachlässig waren.

Hierbei ist aber zu bemerken, daß es für den Lehrer, wenn er bei der Zurechtweisung im Geiste sich ereifert, sehr schwer ist, immer und bei jeder Gelegenheit jedes ungehörige Wort zu vermeiden. Und nicht selten geschieht es, daß sich die Zunge des Meisters, während er die Verschuldungen der Untergebenen heftig tadelt, zu irgend einer übertriebenen Äußerung fortreißen läßt. Bei so heftiger Erregung im Zurechtweisen fallen dann die Herzen derer, die sich vergangen haben, in Mutlosigkeit und Verzweiflung. Darum muß der Seelsorger, wenn er sieht, daß er in seiner Erbitterung mehr, als recht ist, das Gemüt seiner Untergebenen verwundet habe, immer in seinem eigenen Innern zur Buße die Zuflucht nehmen, um durch reuevolle Klage vor den Augen der ewigen Wahrheit auch für das Verzeihung zu erlangen, was er durch seinen Übereifer gefehlt hat. Dies befiehlt der Herr vorbildlich durch Moses mit den Worten: "Wenn jemand arglos mit seinem Freunde in den Wald ging, Holz zu fällen und die Axt seiner Hand entglitt, und das Eisen aus dem Stiel fiel und seinen Freund traf und tötete, der soll in eine der vorherbezeichneten Städte fliehen und am Leben bleiben, auf daß nidit etwa der Verwandte desjenigen, dessen Blut vergossen worden ist, vom Schmerz getrieben, ihn verfolge, ergreife und erschlage" (Dt 19,4 f.).

Mit einem Freunde gehen wir in den Wald, so oft wir uns daran machen, die Fehler der Untergebenen ins Auge zu fassen. Arglos fällen wir Holz, wennwir in guter Absicht ihre Fehler zu beseitigen suchen. Die Axt aber entfällt der Hand, wenn die Zurechtweisung über Gebühr sich erbittert. Das Eisen fällt aus dem Stiel, wenn die Zurechtweisung zur harten Behandlung ausartet. Es trifft und tötet den Freund; denn die zugefügte Beleidigung ertötet in dem, an den sie gerichtet ist, den Geist der Liebe. Schnell verfällt ja der Mensch infolge des Tadels in Haß, wenn er durch einen Vorwurf über Maß und Gebühr gestraft wird. Wer aber unvorsichtig Holz fällt und dabei seinen Nächsten tötet, der muß zu den drei Städten fliehen, damit er in einer derselben gesichert leben könne. Das will sagen: Wenn jemand einen Menschen getötet hat, sich aber bekehrt, Buße tut und in der Einigkeit des Sakramentes unter dem Schild der Hoffnung und dem Mantel der Liebe sich verbirgt, so wird er des verübten Mordes nicht mehr für schuldig erachtet. Der Verwandte des Getöteten, d.i. Christus, tötet ihn nicht, auch wenn er ihn findet. Denn wenn der strenge Richter kommen wird, der sich uns durch Annahme unserer Natur verwandt gemacht hat, so wird er ohne Zweifel denjenigen seiner Sünde wegen nicht zur Strafe ziehen, welchen der Glaube, die Hoffnung und die Liebe unter dem Schütze seiner Gnade verbergen.

11. WIE SEHR DER SEELSORGER ES SICH MÜSSE ANGELEGEN SEIN LASSEN, DAS HEILIGE GESETZ ZU BETRACHTEN.

Dies alles aber geschieht vom Seelsorger alsdann auf die rechte Weise, wenn er vom Geiste der Furcht und Liebe Gottes entflammt, täglich es sich angelegen sein läßt, die Vorschriften des göttlichen Gesetzes zu betrachten. So werden alsdann die Worte der göttlichen Ermahnung die Kraft des Eifers, und in Bezug auf das himmlische Leben die weise Vorsicht, welche durch den gewohnten Umgang mit dem Menschen beständig Schaden leidet, in ihm wieder erwecken. Wie er durch die Gesellschaft der Weltleute zu dem alten Leben verleitet wird, so muß er durch Seufzer der Zerknirschung immer wieder zur Liebe des himmlischen Vaterlandes angeregt werden; denn gar sehr gießt das Herz bei dem vielen Reden und Verkehr mit Menschen sich aus. Da es also unzweifelhaft feststeht, daß die innere Triebkraft beim Drang äußerer Geschäfte in Verfall gerät, so muß der Seelsorger unablässig bemüht sein, durch das Streben nach innerer Belehrung beständig sich zu erheben. Deshalb ermahnt Paulus seinen Schüler, der einer Herde vorgesetzt war, mit den Worten: "Fahre fort mit Lesen bis ich komme" (1 Tim 4,13). Und der König David spricht: "Wie hab' so lieb, o Herr, ich Dein Gesetz; den ganzen Tag ist es mein Sinnen". (Ps 1 16^97) Daher befahl der Herr für das Tragen der Bundeslade dem Moses: "Mache vier goldene Ringe und setze sie an die vier Ecken der Lade; mache dazu Stangen von Akazienholz und überziehe sie mit Gold, und stecke sie durch die Ringe, die an der Seite der Lade sind, dsß sie damit getragen werde. Diese Stangen sollen stets in den Ringen bleiben und niemals aus den selben herausgezogen werden" (Ex 25,12).

Was anders ist durch die Lade vorgebildet als die heilige Kirche? Wenn vier goldene Ringe an den Ecken der Lade angebracht werden müssen, so wird dadurch ohne Zweifel angedeutet, daß die Kirche nach allen vier Weltgegenden sich ausdehne, und mit den vier Büchern des Evangeliums gleichsam umgürtet sei. Die Stangen werden von Akazienholz gemacht und zum Tragen in die Ringe geschoben, wodurch angedeutet wird, daß man kräftige, ausdauernde Lehrer gleich unverweslichem Holze aussuchen müsse, die allzeit dem Unterrichte in den heiligen Schriften obliegend, die Einheit der heiligen Kirche verkünden und so die Lade tragen sollen, gleich als wären sie in ihre Ringe eingeschoben. Die Lade mit Stangen tragen heißt, durch gute Lehrer die hl. Kirche in den ungelehrigen Sinn der Ungläubigen mittels der Predigt einführen. Auch sollen die Stangen mit Gold überzogen sein, zum Zeichen, daß die Lehrer, während sie anderen predigen, auch durch den Glanz ihres eigenen Lebens leuchten müssen. Von den Stangen wird noch treffend bemerkt: "Sie sollen immer in den Ringen sein und nie aus ihnen herausgezogen werden." Denn wer dem Predigtamte obliegt, darf in der heiligen Lesung niemals vom Eifer ablassen. Und zwar sollen diese Stangen immer in den Ringen sein, damit wenn sich eine Veranlassung zum Tragen der Lade ergibt, nicht durch das Einschieben der Stangen das Tragen verzögert werde; so wäre es auch sehr schmachvoll für den Hirten, wenn er, in einer geistlichen Angelegenheit von seinen Untergebenen befragt, erst sich zu unterrichten suchen müßte, wo er schon die Frage lösen sollte; es sollen vielmehr die Stangen in den Ringen bleiben, auf daß die Lehrer, in ihrem Herzen das göttliche Wort allzeit betrachtend, ohne Verzug die Bundes lade erheben, d.h. sogleich lehren können, was not tut. Darum ermahnt der oberste Hirte der hl. Kirche alle übrigen Hirten: "Seid allzeit bereit zur Verantwortung gegen jeden, der von euch Rechenschaft fordert über eure Hoffnung" (1 Petr 3,13, gleich als ob er sagen wollte: Auf daß keine Verzögerung beim Tragen der Lade entstehe, sollen die Stangen nie aus den Ringen herausgenommen werden.
 
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