56. Jahrgang Nr. 3 / Mai 2026
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1. PREDIGT ZUM WEIHNACHTSFEST
2. IN ERINNERUNG AN S.E. MGR. NGO-DINH-THUC
3. VOM LEID DER ANDEREN
4. DER DREIKÖNIGSKUCHEN
5. EINIGES ÜBER DEN BEGRIFF UND DAS WESEN DES CHRISTLICHEN GLAUBENS
6. PRIMIZ WÄHREND DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION
7. BRIEF VON HERRN PROF. DR. D. WENDLAND AN DIE REDAKTION
8. 'EINTRÄGLICHER' TAUSCHHANDEL
9. DIE PASTORAL-REGELN DES HL. PAPSTES GREGOR D. GR.
10. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN...
11. MITTEILUNGEN DER REDAKTION
VOM LEID DER ANDEREN
 
VOM LEID DER ANDEREN

(aus den Mitteilungen der IGFM - Frankfurt, Nov. 85, Nr.4.)


"DDR": Die Rache

Ein totalitärer Staat vergißt nichts, verzeiht nichts, er straft jeden - auch einen Schwerkranken, der versucht, seine unmenschlichen Verordnungen zu umgehen. Gisela Herrmann und ihre Familie sind eines der zahlreichen Opfer. Frau Herrmann erfuhr einen schweren Schicksalsschlag, als sie 1981 an Krebs erkrankte. Es folgten mehrere schwere Operationen, bis hin zu der Entfernung einer Niere. Nach zwei Jahren wurde sie als zu 8o % Schwerbehinderte nach Hause entlassen. Aber ihr Mann und die Kinder halfen ihr, ihr Schicksal zu ertragen - die Familie war trotz allem glücklich.

Als Invalidenrentnerin durfte Gisela Herrmann nun Verwandte und Freunde im anderen Teil Deutschlands besuchen - und das tat sie auch. Bald erkannte sie, daß es hier weit bessere Voraussetzungen für die Behandlung ihrer Krankheit gibt als in der (sog., Anm.d.Red.) DDR. Darum entschloß sie sich, nicht zurückzukehren. Diese schwerwiegende Entscheidung teilte sie schriftlich ihrem Ehemann Rainer (47) und ihrem zwölfjährigen Sohn Sven mit. Sie bat sie, zu ihr zu kommen. Für die beiden gab es nur eine Entscheidung: die Frau und Mutter nicht alleine zu lassen - zu ihr überzusiedeln. Rainer Herrmann hat nicht erwartet, daß man ihn ohne weiteres ziehen läßt, aber die Ausweglosigkeit der Situation wurde ihm erst voll bewußt, als er seinen ersten Ausreiseantrag im Oktober 1984 stellte. Man sagte ihm, seine Frau gehöre vor Gericht, sie habe den Paragraphen 213 - "Ungesetzlicher Grenzübertritt" - verletzt. Dafür gäbe es zwei Jahre Haft. In solchen Fällen käme eine Familienzusammenführung gar nicht in Frage. Es folgten übelste Beschimpfungen, seine Frau sei der Abschaum der Menschheit. Das alles mußte sich der Ehemann über seine geliebte Frau anhören, ohne sich dagegen wehren zu können. Das war die Rache des totalitären Staates.

Nun trafen die Polizeiorgane die üblichen Maßnahmen: Schikanen am Arbeitsplatz, anonyme Anrufe mit Drohungen und Beschimpfungen, die Korrespondenz mit Gisela Herrmann wurde abgefangen. Die nervliche Belastung für alle Familienangehörige wurde unerträglich. Aber nach Meinung der Staatsorgane war das Vergehen der kranken Frau noch lange nicht 'gesühnt'. Am 7. Juni 1985 wurde Rainer Herrmann an seiner Arbeitsstelle verhaftet und einige Zeit später zu 3 Jahren und 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Das Strafregister' des unschuldigen Ehemanns ist lang: § 99 (Weitergabe von der Geheimhaltung nicht unterliegenden Nachrichten), §219, §63. Gisela Herrmann ist verzweifelt: wie geht es dem Sohn Sven - wie übersteht ihr Mann die harten Strafbedingungen? Briefe kommen nicht durch. Ein Einschreibebrief kam zurück mit folgendem Vermerk: "Sehr geehrte Frau Herrmann! Ich sende Ihren Einschreibebrief vom 19.7.1985 mit Rückschein zurück, da eine Genehmigung für den Briefverkehr mit dem Empfänger nicht vorliegt. Im Auftrag Schwarz,

Staatsanwalt (Bezirk Halle-Salle)".

Ein totalitärer Staat kennt kein Erbarmen.

Am 1. August 1985 fand in Helsinki eine Jubiläumsfeier anläßlich des 10. Jahrestages der Unterzeichnung der KSZE-Schlußakte statt. Bekannterweise geht es dort auch um die Menschenrechte und speziell um die Familienzusammenführung. Politiker aus Ost und West dinierten reichlich, tranken Sekt und lobten die Ergebnisse des "Helsinki-Prozesses". Für die Familie Herrmann sind das alles leere Worte. Für sie hat die Schlußakte von Helsinki keinen Wert.

Wo die Politiker versagen, dort müssen sich die Bürger selbst helfen. Dafür ist die IGFM (Internationale Gesellschaft für Menschenrechte) gegründet worden. Die Zahl der politischen Gefangenen in der "DDR" wird auf 7ooo-8ooo geschätzt. Für diese Menschen und ihre Familien bitten wir Sie um eine Spende. Noch vor Weihnachten soll das dem einen oder anderen zugute kommen. Herzlichen Dank! Kennwort bei Überweisungen "Für verfolgte Familien-'DDR'".

UdSSR: "Ich schrieb meine Beschwerden mit meinem eigenen Blut."

Vor kurzem erreichte uns ein Hilferuf aus dem hohen Norden der Sowjetunion. Hier ein Auszug: "An die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte vom inhaftierten Sowjetbürger Ismidin Sagatow. Beginn der Haft: 1976. Ende der Haft: 1988. - Appell - 1976 wurde ich in Femidalija (Tschetscheno-Inguschskaja ASSR) zum Verbrecher gestempelt. Alle gegen mich vorgebrachten Beschuldigungen waren erfunden und das Gerichtsurteil stand von vornherein fest. Es lautete: 12 Jahre Freiheitsentzug zuzüglich einer Gedlstrafe in Höhe von 3618 Rubel. Dieses Urteil entspricht jedoch nicht der Wirklichkeit: tatsächlichkommt es für mich einer verzögerten Todesstrafe gleich.

Damals schrieb ich an alle Behörden Beschwerdebriefe, daß ich zu Unrecht inhaftiert worden sei - doch dafür wurde ich schwer mißhandelt. Meine Beschwerden schrieb ich mit meinem eigenen Blut - woher sollte ich wissen, daß in diesem Land selbst Blut nichts mehr wert ist.- 1978 wurde ich von den Offizieren des Straflagers so schwer mißhandelt, daß ich an Lungentuberkulose erkrankte und eine Zeit lang zwischen Leben und Tod schwebte. Man verweigerte mir jegliche medizinische Hilfe und steckte mich in eine betonierte Zelle, zu der die Ärzte keinen Zugang hatten. Dort habe ich die "sozialistische Demokratie" am eigenen Leibe zu spüren bekommen: schwere Schläge, nur in Unterwäsche bei 4o Grad Kälte, lange Zeit in der Dunkelzelle, Inszenierungen von Hinrichtungen durch den Galgen, Behandlungen mit Drogen und ähnliches mehr.

Ich weiß, daß ich wegen dieses Appells mit neuen Verfolgungen rechnen muß. Doch ich fürchte mich deswegen nicht - wenn ich nur meinen Mitgefangenen helfen kann. Ich bin ein Todeskandidat und habe nicht mehr lange zu leben. Ich Ismidin Sagatow, wurde 1947 im Dorf Karlan-Jurt in Dagestan geboren. Meiner alten Mutter ist es nicht möglich, mich zu besuchen, da ihr Geld für die weite Reise hierher fehlt - und das nun schon neun Jahre lang. Unter Berücksichtigung des oben Gesagten bitte ich Ihre Organisation, mir in meiner Not zu helfen und sich beim Obersten Sowjet der UdSSR dafür einzusetzen, daß mein Gerichtsurteil revidiert wird.

Gegenwärtig erwarte ich Ihre Antwort im Betonbunker des Straflagers KL-400 in Mikun. - Mit inständiger Bitte um Ihre Hilfe, der Gefangene der Sowjetunion
Ismedin Sagatow. 2o.6.1985".

Wie und was können wir antworten? Resignation und Hilflosigkeit überfällt einen beim Lesen dieser Zeilen. Ein Mensch wird zu Tode gequält, aber sein Ruf verhallt in der Leere. Die Verantwortlichen dafür, ob das Andropow oder Michail Gorbatschow ist, übertönen die Schreie der Gefangenen durch markante Worte, die von den Medien der ganzen Welt millionenfach wiederholt werden: Humanismus, Freundschaft, Frieden, Frieden, Frieden. Dürfen wir aufgeben - nicht hören, nicht sehen, alles verdrängen? Das wäre Selbstbetrug. Wir müssen tun, was in unserer Kraft steht, um den Verfolgten zu helfen - Ihre Spende ist uns dabei unentbehrlich. Bitte das Kennwort "Für Gefangene in der UDSSR" angeben.


Rumänien: "Laßt uns nicht im Stich, Vater!"

Der rumänische orthodoxe Priester Gheorghe Calciu Dumitreasa verbrachte 16 Jahre seines Lebens in Haft. Doch das war noch nicht das Ende. 1979 wurde er erneut verhaftet und zu 10 Jahren Kerker verurteilt. Die IFGM und viele andere Organisationen bemühten sich sehr um seine Freilassung. Dies war nicht vergeblich. Am 2o. August 1984 (nach 5 Jahren und 5 Monaten) wurde er entlassen. Die Verfolgungen gingen weiter. Dutzende von Polizisten bewachten Tag und Nacht seine Wohnung. Auf der Straße wurde er beschattet und verprügelt. Das Schlimmste jedoch war das Verbot der Ausübung seines Priesteramtes von Seiten der kirchlichen Hierarchie!!! Trotzdem behielt er seinen Glauben an Gott und die Menschen. Einige Auszüge aus dem Bericht des Priesters sollten Sie, lieber Leser, zur Kenntnis nehmen:

"Ich bin zutiefst gerührt: Es ist, als ob ich bei der Niederschrift dieser Zeilen mit der Seele der Welt sprechen würde - mit jener Welt, die mich während meines ganzen Leidens mit ihrer Liebe, mit ihrem Gebet, mit ihrer Anteilnahme unterstützt hat. Selbst in meinen tragischsten Augenblicken, als mich meine Einsamkeit erdrückte, brachte mir der leuchtende Gedanke unserer geistigen Solidarität den rettenden Trost. (...) Nach einem zehntägigen Hungerstreik, als endlich zwei Staatsanwälte aus Bukarest angereist kamen, sprachen sie über völlig andere Dinge, kein Sterbenswörtchen fiel über das, was mir widerfahren war. Ich protestierte gegen das Verbrechen, das gegen mich und andere Strafgefangene in der sogenannten 'Sonderabteilung' begangen worden war - Folter, Hunger, Beleidigungen. Das Ergebnis war, daß am nächsten Tag die Schläge und die Schmerzensschreie nur noch schrecklicher wurden. Dasselbe geschah auch, als ich bei dem örtlichen Staatsanwalt protestierte. Im Krankenhaus des Gefängnisses von Jilava (ich möchte das Wort Krankenhaus betonen) wurde ich mit dem Gummiknüppel geschlagen, weil ich betete. Der Schläger war der Feldwebel Petre. (...) Als ich mich in der Haftanstalt AIUD wiederholten Ausrottungsaktionen ausgesetzt sah, angeordnet vom Direktor der Anstalt Panait, schützte mich kein einziges Gesetz. Als derselbe befahl, mich mit zwei verurteilten Mördern in eine Zelle einzusperren (in der unverhohlenen Hoffnung, sie würden mich zu Todeprügeln) schützte mich kein Gesetz. Es war die göttliche Fügung im versteinerten Herzen der beiden, die sie vor einer schicksalhaften Missetat abhielt - zu meinem und zu ihrem Glück. Sie, diese verurteilten Mörder, sagten mir offenherzig: 'Das sollen sie doch selber tun, Hochwürden, denn dafür haben sie Rangabzeichen und Sold!' - Meine Liebe und mein Geist mitsamt des riesigen Schatzes an Leiden habe ich meinem Land und unserer Kirche gewidmet. Hier befindet sich das Wesen und der Sinn meiner Existenz. Und nun sehe ich mich gezwungen, das Land zu verlassen. Ich würde es nie tun, wenn ich allein wäre. Aber ich bin nicht allein. Auch meine Familie leidet unter dem Terror. Menschen, die ich nie gekannt habe, sagten mir: 'Laßt uns nicht im Stich, Vater!1 Ausgerechnet mir sagten sie es, dem gedemütigten, unterdrückten, dem gefesselten Menschen. Andere wiederum sagten mir: 'Rettet Euch, Vater!"'

Die Schikanen nahmen kein Ende. Der Priester Calciu entschloß sich zur Ausreise. Wieder ein Kampf, der ein Jahr lang dauerte. Die IGFM und Sie, verehrte Leser durch Ihre Spenden, unterstützten ihn dabei. Im August 1985 durften der Priester und seine Familie die sozialistische Republik Rumänien endlich verlassen, um in die USA auszuwandern.

Konten: IGFM - Internationale Gesellschaft für Menschenrechte - Deutsche Sektion e.V. Kaiserstr. 72, D - 6000 Frankfurt / M. - Postgiroam Frankfurt / M, Ktnr. 9858-6o9 oder: Kreissparkasse Bad Homburg v.d.H. (BLZ 5oo52oo9) Ktnr. o23ooo733.
 
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