DER DREIKÖNIGSKUCHEN
von
Ernest Hello
(aus: "Seltsame Geschichten" München, S.182 ff.)
I
Es war zu der Zeit, da sich noch Freunde und Familie um den
Dreikönigskuchen versammelten. Es war zu der Zeit, da man noch lachte.
Es ist also lange her! Um den runden Tisch saß eine vielköpfige Familie
in fröhlichster Stimmung. Man lachte, war ausgelassen und wartete auf
den Kuchen. Die Kinder trippelten mit den Füßen und steckten die Eltern
mit ihrer guten Laune an. Endlich war es soweit. Der Kuchen wurde
aufgetragen, die Bohne ausgeteilt. Heller Jubel brach los. Nur der
Großvater bewahrte seinen Ernst.
In der Familie herrschte noch vollkommene Harmonie. Das mag
unwahrscheinlich klingen, aber man bedenke, daß es sich um eine Legende
handelt. Um eine Legende aus längstvergangenen Zeiten. Deshalb ist es
wohl auch erlaubt, auf Gefühle hinzuweisen, die heute so gut wie
unbekannt sind.
Da also in dieser Familie vollkommene Harmonie herrschte, umschattete
die Wolke, die auf der Stirn des Großvaters stand, die ganze
Tafelrunde. Selbst die Enkelkinder sahen einander unruhig an und wußten
nicht, wie sie sich den plötzlichen Wechsel erklären sollten.
Die Wehmut, die der Großvater ausstrahlte, verbreitete sich wie die
Abendschatten, die von den Höhen ins Tal kommen und länger werden, je
tiefer die Sonne sinkt.
Die Mutter der Kleinen redete den Alten an: "Was ist Euch, Vater? Ihr
habt etwas. Eben sah ich auf Euer weißes Haar, und mich durchfuhr ein
Schrecken, wie ich ihn bisher nur zweimal in meinem Leben verspürt
hatte." "Kinder", entgegnete der Greis, "der Dreikönigskuchen steht auf
dem Tisch und ihr habt Gottes Anteil vergessen. Auch in meiner Kindheit
gab es den Dreikönigskuchen, doch ehe man ihn aß, schnitt man ein Stück
davon ab, und das jüngste Kind, die Unschuld der Familie, ging vor die
Tür und rief: 'Gottes Anteil! Gottes Anteil!' Der erste Arme, der
vorüberging, nahm das Stück. Denn es gehörte ihm. Und erst, wenn dem
Dreikönigskuchen die hohe Ehre widerfahren war, daß ein Armer davon
gegessen hatte, erst dann begann auch die Familie, davon zu essen. Und
die Fröhlichkeit war groß. Denn Gott hatte seinen Anteil. Doch heute,
da man Gottes Anteil vergessen hat, ist auch die Freude nicht mehr auf
Erden. Ich will euch eine Geschichte erzählen, die mein Großvater selig
auch an einem 6. Januar erzählte. Wir saßen, wie heute, um einen runden
Tisch und hatten ebenfalls nicht an Gottes Anteil gedacht. Viele Jahre
sind vergangen. Ich war etwa so alt wie ihr, Kinder. Ich weiß noch: ich
war der jüngste am Tische, wie ich heute der älteste bin. Eines Tages
wird der jüngste unter euch der älteste einer neuen Familie sein und
sich am 6. Januar meiner erinnern, wie ich mich heute meines Großvaters
selig erinnere. "
"Ah!" riefen die Kinder, denen etwas bevorstand, was noch schöner war
als ein Dreikönigskuchen, "eine Geschichte, eine Geschichte!" "Ja,
Kinder", plichtete der Großvater bei, "eine Geschichte. Als mein
Großvater damit begann, machte er ein verlegenes Gesicht, und wir
lärmten um ihn herum, wie ihr jetzt um mich lärmt." Großvater, ist es
eine wahre Geschichte?" fragte der Allerkleinste. "Man könnte meinen,
alles soll sich genau so abspielen wie damals. Denn ich stellte die
gleiche Frage, auf die du jetzt eine Antwort erwartest. Mir erwiderte
mein Großvater: 'Es ist nicht nur eine wahre, sondern eine ganz wahre
Geschichte.' Ich wurde eindringlicher. 'Hast du selbst gesehen, was du
uns erzählen willst?' Über Großvaters Stirn huschte jener Schatten
seltsamer Verlegenheit, den ich soeben erwähnte. Obgleich ich noch sehr
klein war, lief mir ein Frösteln über den Rücken. Ich fand nicht den
Mut meine Frage zu wiederholen.
Großvater erzählte: 'Vor Jahren trieben sich Bettler im Lande umher,
wie es ihrer noch heute überall gibt. Aber einer war unter ihnen, den
man einfach d e n Bettler nannte. Er besaß nichts, absolut nichts, und
litt Not an allem. Sein Elend war herzzerreißend. Man nannte ihn auch d
e n Armen, weil die anderen Armen reich waren neben ihm. Er ging von
Tür zu Tür und bettelte. Auf dem Rücken trug er einen Sack, in der Hand
einen Stock. Er war ganz krumm. Ich sehe ihn noch vor mir."
"Du hast ihn gewiß selbst gekannt, Großvater", rief eines der kleinen
Plappermäulchen. "Willst du wohl still sein", schrien die anderen.
"Wenn du schwatzenwillst, kann Großvater nicht erzählen."
"'Er ging also von Tür zu Tür und bettelte und war stets blaß, weil er
Hunger hatte. Hatten die Leute irgendeinen Weg zu machen, so trafen sie
ihn auf der
Landstraße, oder an Feiertagen kniete er vor der Kirche, und sein
Flehen war herzzerreißend. Er bat um Speise und Trank, um Wäreme und
Obdach, denn er litt Not an allem. Er allein verkörperte den Inbegriff
der Armut. Jeder Arme besaß etwas. Nur er besaß überhaupt nichts.
Zuweilen fiel er vor Schwäche hin, und die Stimme ging ihm aus, so daß
er nicht einmal betteln konnte. Und wenn ihm die Kräfte dann allmählich
wiederkehrten, stöhnte und bettelte er noch flehentlicher als zuvor.
Stand er auf der Schwelle und ward ihm Gastfreundschaft gewährt oder
verweigert, so schrieb er mit seinem Stocke ein Zeichen an die Tür und
ging schweigend weiter.
An einem 6. Januar war es besonders kalt, und der Schnee fiel in
dichten Flocken. Doch in einem Hause, das ich vor mir zu sehen glaube -
so hat die Schilderung meines Großvaters es meinem Gedächtnis
eingeprägt -, aß und trank man und war fröhlich.
Von dem Dreikönigskuchen, den man vor einer Weile aufgetragen hatte,
war nicht ein Stück mehr übriggeblieben. Plötzlich hörte man vom Wege
her eine schaurige Stimme. Es war der Arme, der im Schnee auf den Knien
lag. Er sah von außen die Lichter glänzen, er hörte das fröhliche
Lachen und dachte an sein Weib, das ihn mit banger Frage erwartete.
Auch im Leben eines Armen kann der Schmerz sich steigern! Das Elend,
das man sieht, ist nur die Kulisse, hinter der sich das andere, größere
Elend verbirgt. Es bedarf schon großer Güte, um den Schmerz zu ahnen,
der unter den Lumpen eines Armen brennt.
Die schaurige Stimme flehte: Gottes Anteil! Gottes Anteil! Sie flehte
lange. Niemand öffnete, ihr Gehör zu schenken. Schließlich, da er nicht
schweigen wollte, hieß man ihn seiner Wege gehen. Ja, man drohte, man
werde die Hunde auf ihn hetzen. Er hörte nicht auf zu flehen. Man
machte die Hunde los. Die Kinder liefen hinaus und warfen mit Steinen
nach ihm. Die Hunde kläfften, und der Herr des Hauses sagte, zum warmen
Ofen eilend und sich die Hände reibend: Wenn man sich um jeden Bettler
kümmern wollte, man würde seines Lebens nicht mehr froh. Der Kuchen ist
aufgegessen. Glaubt der gute Mann vielleicht, wir hätten auf ihn
gewartet? Und während die Kleineren fortfuhren, mit Steinen zu werfen,
lachten die Größeren über sein Aussehen. Sie waren so ausgelassen, daß
sie sich an den Händen faßten und um den Tisch tanzten.
II
Einige Zeit darauf war das Land in eine Wüste verwandelt. Ein
unvorsichtiger Bauer wollte versuchen, es wie ehedem zu bestellen. Es
gehöre ja ihm, sagte er. Er wagte sich also mit seinem Pflug und seinen
Ochsen bis zu der Stelle, wo am 6. Januar das Haus gestanden hatte, von
dem soeben die Rede war. Je näher er der Stelle kam, desto unruhiger
wurden die Tiere. Plötzlich blieben sie stehen, und als er sie mit dem
Stachel reizte, sprangen sie wütend auf die Hinterbeine, wühlten die
Erde mit ihren Hörnern auf, und einer warf sich, als wollte er ihn
dafür bestrafen, daß er sie mit Gewalt an den verdammten Ort getrieben,
auf den Bauern, schleifte ihn erst ein Stück, nahm ihn dann auf seine
Hörner und schleuderte ihn durch die Luft. Der Unglückliche fiel gerade
an der Stelle zur Erde nieder, an der sich der Eingang in das Haus
befunden hatte.'"
"Aber, Großvater", sagte eins der Kinder, "der Bauer war doch nicht
schuldig. Er hat doch den Bettler nicht davongejagt. Weshalb wurde er
bestraft?"
"Beruhige dich", erwiderte der Großvater lächelnd. "Der Bauer stand
wieder auf. Er wurde nur gewarnt, nicht bestraft. Ihr wißt noch nicht,
was es heißt, bedürftig sein. Möget ihr es auch nie am eigenen Leibe
erfahren! Aber laßt euch schon heute sagen: Gnade widerfährt euch,
klopft ein Bettler an eure Tür! Gott, der sich selbst der Armen
erbarmt, tritt euch seine Stelle ab. Steht ein Bettler an eurer Tür, so
berührt seine heilige Hand mit zitternder Ehrfurcht. Und hütet euch,
wenn er unerhört seines Weges ziehen muß, daß sich die Erde nicht öffne
unter euren Schritten!"
Großvater hatte zu Ende erzählt. Tiefes Schweigen herrschte in der
Stube, in der es eben noch so laut zugegangen war. Aber dieses
Schweigen war nicht traurig. Plötzlich wurde an die Haustür geklopft.
Ein seltsames Frösteln befiel die Anwesenden, groß und klein. Niemand
sagte etwas. Doch jeder erhob sich, um zu öffnen. Der ganze Kuchen war
aufgegesssen, nur ein Stück war noch übrig. Das jüngste Kind hatte,
völlig gebannt von Großvaters Erzählung, vergessen, sein Stück zu
verzehren. Es nahm es und gab es dem Bettler, der vor der Tür stand. |