56. Jahrgang Nr. 3 / Mai 2026
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1. PREDIGT ZUM WEIHNACHTSFEST
2. IN ERINNERUNG AN S.E. MGR. NGO-DINH-THUC
3. VOM LEID DER ANDEREN
4. DER DREIKÖNIGSKUCHEN
5. EINIGES ÜBER DEN BEGRIFF UND DAS WESEN DES CHRISTLICHEN GLAUBENS
6. PRIMIZ WÄHREND DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION
7. BRIEF VON HERRN PROF. DR. D. WENDLAND AN DIE REDAKTION
8. 'EINTRÄGLICHER' TAUSCHHANDEL
9. DIE PASTORAL-REGELN DES HL. PAPSTES GREGOR D. GR.
10. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN...
11. MITTEILUNGEN DER REDAKTION
DER DREIKÖNIGSKUCHEN
 
DER DREIKÖNIGSKUCHEN


von

Ernest Hello

(aus: "Seltsame Geschichten" München, S.182 ff.)

I

Es war zu der Zeit, da sich noch Freunde und Familie um den Dreikönigskuchen versammelten. Es war zu der Zeit, da man noch lachte. Es ist also lange her! Um den runden Tisch saß eine vielköpfige Familie in fröhlichster Stimmung. Man lachte, war ausgelassen und wartete auf den Kuchen. Die Kinder trippelten mit den Füßen und steckten die Eltern mit ihrer guten Laune an. Endlich war es soweit. Der Kuchen wurde aufgetragen, die Bohne ausgeteilt. Heller Jubel brach los. Nur der Großvater bewahrte seinen Ernst.

In der Familie herrschte noch vollkommene Harmonie. Das mag unwahrscheinlich klingen, aber man bedenke, daß es sich um eine Legende handelt. Um eine Legende aus längstvergangenen Zeiten. Deshalb ist es wohl auch erlaubt, auf Gefühle hinzuweisen, die heute so gut wie unbekannt sind.

Da also in dieser Familie vollkommene Harmonie herrschte, umschattete die Wolke, die auf der Stirn des Großvaters stand, die ganze Tafelrunde. Selbst die Enkelkinder sahen einander unruhig an und wußten nicht, wie sie sich den plötzlichen Wechsel erklären sollten.

Die Wehmut, die der Großvater ausstrahlte, verbreitete sich wie die Abendschatten, die von den Höhen ins Tal kommen und länger werden, je tiefer die Sonne sinkt.

Die Mutter der Kleinen redete den Alten an: "Was ist Euch, Vater? Ihr habt etwas. Eben sah ich auf Euer weißes Haar, und mich durchfuhr ein Schrecken, wie ich ihn bisher nur zweimal in meinem Leben verspürt hatte." "Kinder", entgegnete der Greis, "der Dreikönigskuchen steht auf dem Tisch und ihr habt Gottes Anteil vergessen. Auch in meiner Kindheit gab es den Dreikönigskuchen, doch ehe man ihn aß, schnitt man ein Stück davon ab, und das jüngste Kind, die Unschuld der Familie, ging vor die Tür und rief: 'Gottes Anteil! Gottes Anteil!' Der erste Arme, der vorüberging, nahm das Stück. Denn es gehörte ihm. Und erst, wenn dem Dreikönigskuchen die hohe Ehre widerfahren war, daß ein Armer davon gegessen hatte, erst dann begann auch die Familie, davon zu essen. Und die Fröhlichkeit war groß. Denn Gott hatte seinen Anteil. Doch heute, da man Gottes Anteil vergessen hat, ist auch die Freude nicht mehr auf Erden. Ich will euch eine Geschichte erzählen, die mein Großvater selig auch an einem 6. Januar erzählte. Wir saßen, wie heute, um einen runden Tisch und hatten ebenfalls nicht an Gottes Anteil gedacht. Viele Jahre sind vergangen. Ich war etwa so alt wie ihr, Kinder. Ich weiß noch: ich war der jüngste am Tische, wie ich heute der älteste bin. Eines Tages wird der jüngste unter euch der älteste einer neuen Familie sein und sich am 6. Januar meiner erinnern, wie ich mich heute meines Großvaters selig erinnere. "

"Ah!" riefen die Kinder, denen etwas bevorstand, was noch schöner war als ein Dreikönigskuchen, "eine Geschichte, eine Geschichte!" "Ja, Kinder", plichtete der Großvater bei, "eine Geschichte. Als mein Großvater damit begann, machte er ein verlegenes Gesicht, und wir lärmten um ihn herum, wie ihr jetzt um mich lärmt." Großvater, ist es eine wahre Geschichte?" fragte der Allerkleinste. "Man könnte meinen, alles soll sich genau so abspielen wie damals. Denn ich stellte die gleiche Frage, auf die du jetzt eine Antwort erwartest. Mir erwiderte mein Großvater: 'Es ist nicht nur eine wahre, sondern eine ganz wahre Geschichte.' Ich wurde eindringlicher. 'Hast du selbst gesehen, was du uns erzählen willst?' Über Großvaters Stirn huschte jener Schatten seltsamer Verlegenheit, den ich soeben erwähnte. Obgleich ich noch sehr klein war, lief mir ein Frösteln über den Rücken. Ich fand nicht den Mut meine Frage zu wiederholen.

Großvater erzählte: 'Vor Jahren trieben sich Bettler im Lande umher, wie es ihrer noch heute überall gibt. Aber einer war unter ihnen, den man einfach d e n Bettler nannte. Er besaß nichts, absolut nichts, und litt Not an allem. Sein Elend war herzzerreißend. Man nannte ihn auch d e n Armen, weil die anderen Armen reich waren neben ihm. Er ging von Tür zu Tür und bettelte. Auf dem Rücken trug er einen Sack, in der Hand einen Stock. Er war ganz krumm. Ich sehe ihn noch vor mir."

"Du hast ihn gewiß selbst gekannt, Großvater", rief eines der kleinen Plappermäulchen. "Willst du wohl still sein", schrien die anderen. "Wenn du schwatzenwillst, kann Großvater nicht erzählen."

"'Er ging also von Tür zu Tür und bettelte und war stets blaß, weil er Hunger hatte. Hatten die Leute irgendeinen Weg zu machen, so trafen sie ihn auf der

Landstraße, oder an Feiertagen kniete er vor der Kirche, und sein Flehen war herzzerreißend. Er bat um Speise und Trank, um Wäreme und Obdach, denn er litt Not an allem. Er allein verkörperte den Inbegriff der Armut. Jeder Arme besaß etwas. Nur er besaß überhaupt nichts. Zuweilen fiel er vor Schwäche hin, und die Stimme ging ihm aus, so daß er nicht einmal betteln konnte. Und wenn ihm die Kräfte dann allmählich wiederkehrten, stöhnte und bettelte er noch flehentlicher als zuvor. Stand er auf der Schwelle und ward ihm Gastfreundschaft gewährt oder verweigert, so schrieb er mit seinem Stocke ein Zeichen an die Tür und ging schweigend weiter.

An einem 6. Januar war es besonders kalt, und der Schnee fiel in dichten Flocken. Doch in einem Hause, das ich vor mir zu sehen glaube - so hat die Schilderung meines Großvaters es meinem Gedächtnis eingeprägt -, aß und trank man und war fröhlich.

Von dem Dreikönigskuchen, den man vor einer Weile aufgetragen hatte, war nicht ein Stück mehr übriggeblieben. Plötzlich hörte man vom Wege her eine schaurige Stimme. Es war der Arme, der im Schnee auf den Knien lag. Er sah von außen die Lichter glänzen, er hörte das fröhliche Lachen und dachte an sein Weib, das ihn mit banger Frage erwartete. Auch im Leben eines Armen kann der Schmerz sich steigern! Das Elend, das man sieht, ist nur die Kulisse, hinter der sich das andere, größere Elend verbirgt. Es bedarf schon großer Güte, um den Schmerz zu ahnen, der unter den Lumpen eines Armen brennt.

Die schaurige Stimme flehte: Gottes Anteil! Gottes Anteil! Sie flehte lange. Niemand öffnete, ihr Gehör zu schenken. Schließlich, da er nicht schweigen wollte, hieß man ihn seiner Wege gehen. Ja, man drohte, man werde die Hunde auf ihn hetzen. Er hörte nicht auf zu flehen. Man machte die Hunde los. Die Kinder liefen hinaus und warfen mit Steinen nach ihm. Die Hunde kläfften, und der Herr des Hauses sagte, zum warmen Ofen eilend und sich die Hände reibend: Wenn man sich um jeden Bettler kümmern wollte, man würde seines Lebens nicht mehr froh. Der Kuchen ist aufgegessen. Glaubt der gute Mann vielleicht, wir hätten auf ihn gewartet? Und während die Kleineren fortfuhren, mit Steinen zu werfen, lachten die Größeren über sein Aussehen. Sie waren so ausgelassen, daß sie sich an den Händen faßten und um den Tisch tanzten.

II

Einige Zeit darauf war das Land in eine Wüste verwandelt. Ein unvorsichtiger Bauer wollte versuchen, es wie ehedem zu bestellen. Es gehöre ja ihm, sagte er. Er wagte sich also mit seinem Pflug und seinen Ochsen bis zu der Stelle, wo am 6. Januar das Haus gestanden hatte, von dem soeben die Rede war. Je näher er der Stelle kam, desto unruhiger wurden die Tiere. Plötzlich blieben sie stehen, und als er sie mit dem Stachel reizte, sprangen sie wütend auf die Hinterbeine, wühlten die Erde mit ihren Hörnern auf, und einer warf sich, als wollte er ihn dafür bestrafen, daß er sie mit Gewalt an den verdammten Ort getrieben, auf den Bauern, schleifte ihn erst ein Stück, nahm ihn dann auf seine Hörner und schleuderte ihn durch die Luft. Der Unglückliche fiel gerade an der Stelle zur Erde nieder, an der sich der Eingang in das Haus befunden hatte.'"

"Aber, Großvater", sagte eins der Kinder, "der Bauer war doch nicht schuldig. Er hat doch den Bettler nicht davongejagt. Weshalb wurde er bestraft?"

"Beruhige dich", erwiderte der Großvater lächelnd. "Der Bauer stand wieder auf. Er wurde nur gewarnt, nicht bestraft. Ihr wißt noch nicht, was es heißt, bedürftig sein. Möget ihr es auch nie am eigenen Leibe erfahren! Aber laßt euch schon heute sagen: Gnade widerfährt euch, klopft ein Bettler an eure Tür! Gott, der sich selbst der Armen erbarmt, tritt euch seine Stelle ab. Steht ein Bettler an eurer Tür, so berührt seine heilige Hand mit zitternder Ehrfurcht. Und hütet euch, wenn er unerhört seines Weges ziehen muß, daß sich die Erde nicht öffne unter euren Schritten!"

Großvater hatte zu Ende erzählt. Tiefes Schweigen herrschte in der Stube, in der es eben noch so laut zugegangen war. Aber dieses Schweigen war nicht traurig. Plötzlich wurde an die Haustür geklopft. Ein seltsames Frösteln befiel die Anwesenden, groß und klein. Niemand sagte etwas. Doch jeder erhob sich, um zu öffnen. Der ganze Kuchen war aufgegesssen, nur ein Stück war noch übrig. Das jüngste Kind hatte, völlig gebannt von Großvaters Erzählung, vergessen, sein Stück zu verzehren. Es nahm es und gab es dem Bettler, der vor der Tür stand.
 
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