1. PREDIGT ZUM WEIHNACHTSFEST 2. IN ERINNERUNG AN S.E. MGR. NGO-DINH-THUC 3. VOM LEID DER ANDEREN 4. DER DREIKÖNIGSKUCHEN 5. EINIGES ÜBER DEN BEGRIFF UND DAS WESEN DES CHRISTLICHEN GLAUBENS 6. PRIMIZ WÄHREND DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION 7. BRIEF VON HERRN PROF. DR. D. WENDLAND AN DIE REDAKTION 8. 'EINTRÄGLICHER' TAUSCHHANDEL 9. DIE PASTORAL-REGELN DES HL. PAPSTES GREGOR D. GR. 10. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN... 11. MITTEILUNGEN DER REDAKTION
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| PRIMIZ WÄHREND DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION |
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PRIMIZ WÄHREND DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION
(aus: Hünermann, Wilhelm:
"Die Herrgottsschanze" Freiburg)
Immer noch zögerte der Verwalter, den seltsamen Besuch einzulassen. Da
aber tut sich die Tür zur anstoßenden Kammer auf und der Greis tritt
über die Schwelle. "Kommen Sie herein, junger Freund", sagt er
lächelnd, "ich bin der Bischof von Clermont." Da stürzt der Fremde in
die Knie und küßt voll Ehrfurcht die Hand des Bekenners. Dann zieht er
ein Schreiben aus einer verborgenen Tasche, das er dem Bischof
einhändigt. "Von Abbé Bruneval, dem Generalvikar der Diözese Poitiers",
fügt er hinzu. "Er hat mich zu Ihnen geschickt. Ich bitte Sie um die
heilige Priesterweihe."
Sorgfältig prüft der Bischof das Schreiben. Dann reicht er dem Fremden
freudig die Hand und sagt: "Seien Sie willkommen, Diakon Peter Coudrin,
ich werde Ihren Wunsch gerne erfüllen."
Kurze Zeit danach kniete Peter Coudrin in der Bibliothek des irischen
Seminars vor dem Bekennerbischof. Aus der Kapelle schallte das Lachen
und Gröhlen der betrunkenen Jakobiner herauf. "Hören Sie", sagt
Monsignore de Bonnal und deutet mit der Hand nach unten, woher in die
Bibliothek soeben das häßliche Revolutionslied heraufschallt: "So
geht's gut, so geht's gut! Die Priester an die Laterne!" - "Dort unten
singt man den Choral zu Ihrem Weihetag." Eindringlich schaute der
Bischof den jungen Diakon an. "Sie werden von den Menschen geächtet
sein, verfolgt, verfemt, gehaßt. Man wird Sie verfluchen, wenn Sie zu
segnen kommen. Man wird Sie schlagen, wenn Sie zu heilen, verstoßen,
wenn Sie zu retten kommen. Sie werden ein Mensch sein ohne Heimat, ohne
Ehre und ohne Friede, ein vom Tode Gezeichneter, gehetzt wie ein wildes
Tier, wie ein Verbrecher gejagt und aufgespürt. In Armut werden Sie
leben, in Hunger und Elend, in Frost und Kälte, ohne Obdach, ohne
Hilfe. Vielleicht wartet der Kerker auf Sie, vielleicht das Schafott.
Horchen Sie, Peter Cordin!"
Und wieder toste das schreckliche Lied empor: "Die Priester an die Laterne!"
"Und nun frage ich Sie, Peter Cordin, wollen Sie Priester werden?" Aber
der Diakon schaut fest zu dem ehrwürdigen Bekenner empor und sagt: "Ich
bitte Sie um die heilige Weihe, Gott wird mich stärken!" "Gott sei
Dank", antwortete der Greis. Dann beteten die beiden mit der ganzen
Inbrunst, die ihre Herzen in dieser Stunde empfanden, die Litanei zu
allen Heiligen.
Inzwischen tost unten in der Kapelle weiter die rote Hölle. Immer
viehischer wird der Lärm und das Geheul der Betrunkenen. In all das
Grauen aber schaut von einer Wand her das stille, ernste Antlitz des
Gekreuzigten. Jetzt torkelt der Fleischer Legendre, der Roheste von
allen, auf das heilige Bild zu, hebt einen Meßkelch, aus dem Branntwein
herausschwabbt, zum Kruzifix empor und grölt:
"He, Jesus von Nazareth, trink, trink einen Schluck! Hast ja vom Kreuz
aus geschrien, daß Du Durst hast, da trink! Ist kein Essig und keine
Galle! Ist guter, französischer Branntwein! Trink, Herrgott, trink!"
Ein tosendes Gelächter belohnte die furchtbare Lästerung. Da aber
springt Georges Beaujeau, der Jüngste der Jakobiner, so jäh auf, daß
der Kirchenstuhl krachend zu Boden stürzt. Mit einem Schrei wirft er
sich auf den Gotteslästerer, stößt ihm die Faust unters Kinn, so daß
der riesige Fleischer zusammenbricht.
Dann aber reißt er das geschändete Kreuz von der Wand, hebt es hoch und
ruft zornig in die Schar der Betrunkenen hinein: "Ich will das nicht,
nein, ich dulde das nicht! Zurück! Wer mir in den Weg tritt, den schlag
ich nieder!" Und wirklich wagt keiner der Jakobiner, die stumm und wie
erstarrt herumstehen, ihm entgegenzutreten. Wie eine Fahne reckt
Georges Beaujeau das Kreuz empor und trägt es aus der Kapelle.
Im gleichen Augenblick legt der Bischof de Bonnal dem jungen Diakon die
Hände auf zum heiligen Sakrament der Weihe. Mit geschlossenen Augen
fleht er Gottes Segen und des Heiligen Geistes Kraft auf den
Christusjünger herab. Peter Coudrin aber ist es, als knieeer vor dem
Throne Gottes, der sein heiliges Siegel ihm in Herz und Hände brennt.
Da plötzlich fährt der Verwalter, der ein wenig abseits kniet, zu Tod
erschrocken empor. Die Tür wird aufgerissen. Ein Jakobiner stürmt in
den Saal, ein Kreuz in der Hand. Jäh aber prallt er zurück, als er den
Bischof sieht, dessen Hände immer noch auf dem Haupt des Neugeweihten
ruhen. "Also doch ein Eidverweigerer!" kommt es stotternd über seine
Lippen. Als aber der Verwalter mit todblassem Gesicht beschwörend die
Hände hebt, um für den greisen Bischof um Gnade zu bitten, wehrt der
Jakobiner ruhig ab: "Fürchten Sie nichts! Ich werde Sie nicht verraten.
Ich bitte Sie nur, nehmen Sie dieses Kreuz in Ihre Obhut."
"Das wird Gott Ihnen lohnen" sagt der Bischof mit bebender Stimme.
"Diese Tat löscht viele Sünden aus!" Dann nimmt er ehrfürchtig das
geschändete Kreuz und lehnt es über einem Tisch vorsichtig gegen die
Wand. "Peter Coudrin", sagt er dann und weist auf den Tisch und das
Kreuz, "der Altar zu Ihrem Primizopfer ist bereitet."
Der Neugeweihte aber erhebt sich, aufs tiefste erschüttert, dann geht
er auf den Jakobiner zu, ergreift dessen Hand und sagt: "Ich danke
Ihnen, daß Sie mir das Kreuz gebracht haben. Meine erste Messe schenke
ich Ihnen."
Da bricht der junge Mensch mit einem Aufschrei in die Knie und stammelt
unter wildem Schluchzen, in dem das ganze Elend eines verirrten Lebens
aufweint: "Segnen Sie mich!" - Da legt Peter Coudrin seine Hände auf
das Haupt des Jakobiners und zum ersten Mal spricht er die Worte des
Segnens. Mit einer heftigen Gebärde drückt der junge Mensch die Hände
des Neugeweihten an seine Lippen. Dann verläßt er ohne ein Wort die
Bibliothek. Während in der Kapelle aufs neue ein wilder Lärm ausbricht,
stürzt Georges Beaujeau in die sinkende Nacht hinaus.
Am anderen Morgen aber bringt Peter Coudrin vor dem geschändeten Kreuz
in der Seminarbibliothek sein erstes heiliges Meßopfer dar. Über den
Dächern von Paris ging blutrot die junge Frühlingssonne auf.
(Nach einigen Jahren:) Die gute
Schwester Ave im Krankenhaus lachte hell, als sie in dem Maurer, der
mit dem Mörtelkasten auf der Schulter hereinkam, den Priester Peter
Coudrin erkannte. "Aber was wollen Sie denn hier mauern, Hochwürden?"
Der Priester aber legte den Finger an den Mund und sagte leise: "Still,
Schwester, ich bin nicht allein!" Damit wies er auf seine Brust, an der
er das Allerheiligste geborgen hielt. Da sank die Ordensfrau still in
die Knie und betete den Heiland an, der unter so demütiger Gewandung
sich wie ein Dieb zu den Elenden schleichen mußte, um ihnen das Leben
zu schenken. "Auf Zimmer drei erwartet Sie ein Kranker", flüsterte sie
dann. "Es steht sehr schlimm um ihn. Er wird den Tag nicht überleben."
- Als Coudrin an das Krankenbett trat, wußte er, daß er einen
Sterbenden vor sich hatte. Ein junger Mensch mit blutleerem Gesicht lag
in den Kissen und schaute mit fieberglänzenden Augen den Fremden an,
der in so seltsamem Gewände vor ihm stand.
"Wer sind Sie?" fragte er mit zitternder Stimme. - "Ein Priester, der
Ihnen helfen will, beim Heimgang zu Gott." - "Ich habe lange nicht mehr
gebeichtet" ächzte der Kranke. "Ich war sehr schlecht." - "Im Himmel
ist mehr Freude über einen Sünder, der sich bekehrt, als über 99
Gerechte, die der Buße nicht bedürfen." Dankbar schaute der Kranke zu
dem Priester auf, in dessen Worte so viel Kraft und Hoffnung lagen.
Plötzlich aber richtete er sich jäh empor, starrte den Geistlichen an
und stammelte: "Ich kenne Sie, Hochwürden! Ich war dabei, wie Ihnen ein
Bischof die Priesterweihe gab. Ja, ja, in der Bibliothek des irischen
Seminars war es, während drunten die Jakobiner heulten. Und ich, ich
habe doch das Kreuz, das geschändete Kreuz hinaufgetragen und auf den
Tisch gestellt, daß es aussah wie ein Altar. Und Sie haben mir die
Hände aufgelegt und haben mich gesegnet." Ächzend sank der Kranke in
die Kissen zurück.
Die Augen hielt er geschlossen. Ruhig und schweigend lag er da, als
wenn seine Gedanken zurückgingen in die Vergangenheit. "Lieber Freund",
sagte Coudrin, aufs tiefste ergriffen, "ich habe keinen Tag vergessen
für den zu beten, der mir das Kreuz zu meinem Primizaltar gebracht hat
und ich danke Gott aus ganzem Herzen, daß ich Ihnen diesen Dienst heute
vergelten kann."
Ein Leuchten ging über das Gesicht des Kranken. Dann fuhr er zu
sprechen fort, so leise, daß der Priester sein Ohr zu ihm neigen mußte.
"An dem Tag, an dem das geschah, im irischen Seminar, lief ich lange
plan- und sinnlos durch die Straßen von Paris, während der Ekel über
das Treiben im Jakobinerklub mich beinahe erwürgte. Ich floh vor meinen
elenden Kumpanen, floh vor mir selber. An der Seinebrücke blieb ich
stehen und schaute in das schmutzige, trübe Wasser. Ich mußte mich
heftig gegen den Gedanken werten, von der Brücke herabzuspringen. Da
unten mußte Friede sein. Da hätte man Ruhe vor allem Ekel und Jammer.
Aber irgend etwas trieb mich weiter, trotzdem ich mich fast mit Gewalt
von der schäumenden Tiefe wegreißen mußte. Ich begann ein Leben, das
weniger war als ein Leben. In elenden Kneipen trieb ich mich herum,
suchte mein Elend mit Alkohol zu vertreiben. Ich schlief in den
verrufensten Spelunken, in Toreingängen und Kanalrohren, unter den
Brücken der Seine. Nur eines konnte ich nicht: zu meinen einstigen
Kameraden konnte ich nicht zurück."
Keuchend hielt der Fiebernde inne. Ein hohles, lange anhaltendes Husten
riß ihn hoch. Das Taschentuch, das er gegen den Mund preßte, wurde rot
von Blut. Barmherzig reichte ihm der Priester einen Schluck Wasser.
Nach einer Weile aber fuhr der Kranke zu sprechen fort: "Eines Tages
lief ich den Werbern zu, die überall Soldaten für den Feldzug gegen
Österreich zusammentronmelten. Ich wurde Husar, kämpfte mit in Belgien,
im Elsaß, in der Pfalz. Es gab im Regiment keinen besseren Reiter,
keinen verwegeneren Soldaten. Hundertmal setzt ich mein Leben aufs
Spiel, das mir so leer und wertlos erschien. Dann aber, vor Worms war
es, zerriß mir eine feindliche Reiterlanze die Brust. Lange lag ich
zwischen Leben und Tod. Halb genesen, erbat ich, zum Kampf noch
unfähig, mir Urlaub und ritt heim in die Vendee. Seit Jahren hatte ich
meine Mutter nicht mehr gesehen. Auf dem Krankenlager hatte die
Sehnsucht nach ihr mich gepackt. Als ich heim kam, war die Mutter tot.
Irgend jemand sagte, sie sei aus Gram über mich gestorben." - Wieder
machte der Kranke eine lange Pause. Der Priester wollte ihn hindern,
weiter zu reden. Aber vergebens.
"Die Nachricht vom Tode meiner Mutter machte mich rasend vor Schmerz.
Ich sprang wieder auf mein Pferd, stieß ihm die Sporen in die Weichen,
daß es mit allen Vieren in die Luft ging. Dann ritt ich weiter, ritt
wie noch nie in meinem Leben, ganz ohne Ziel, ritt immer weiter. Die
Nacht sank herab, ich ritt im Dunkel weiter, ohne auf den Weg zu
achten. Mein Pferd hatte blutigen Schweiß vor dem Maul. Ich gönnte ihm
keine Ruhe. Auf einmal brach es röchelnd zusammen. Ich selbst stürzte
schwer gegen einen Feldstein und blieb besinnungslos liegen. Am anderen
Morgen fanden mich Bergarbeiter in einer Lache Blut. Die Wunde in
meiner Lunge war wieder aufgerissen und hatte einen heftigen Blutsturz
verursacht. Als mir das Bewußtsein wieder kam, lag ich hier im Bett.
Schwester Ave pflegte mich mit einer Liebe, wie nur eine mir sie vordem
geschenkt hatte: meine
Mutter. Als sie dann von einem Priester sprach, konnte ich nicht nein
sagen. Daß nun Sie hier stehen, Hochwürden, ist mir wie ein Wunder!"
Erschöpft sank der Offizier in die Kissen zurück, während Peter Coudrin
ihm den Schweiß von der Stirne wischte. Kurze Zeit später aber fand er
Gottes Barmherzigkeit im Sakrament der Erlösung. Dann kam der Herr
selbst und speiste mit seinem Fleisch und Blut einen Unglücklichen, der
am Rande des Todes, nach einem friedlosen Leben, den Frieden gefunden
hatte. |
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