56. Jahrgang Nr. 3 / Mai 2026
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1. PREDIGT ZUM WEIHNACHTSFEST
2. IN ERINNERUNG AN S.E. MGR. NGO-DINH-THUC
3. VOM LEID DER ANDEREN
4. DER DREIKÖNIGSKUCHEN
5. EINIGES ÜBER DEN BEGRIFF UND DAS WESEN DES CHRISTLICHEN GLAUBENS
6. PRIMIZ WÄHREND DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION
7. BRIEF VON HERRN PROF. DR. D. WENDLAND AN DIE REDAKTION
8. 'EINTRÄGLICHER' TAUSCHHANDEL
9. DIE PASTORAL-REGELN DES HL. PAPSTES GREGOR D. GR.
10. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN...
11. MITTEILUNGEN DER REDAKTION
DIE PASTORAL-REGELN DES HL. PAPSTES GREGOR D. GR.
 
DIE PASTORAL-REGELN DES HL. PAPSTES GREGOR D. GR.

(übers, v. Benedikt Sauter O.S.B., Freiburg / Brsg. 19o4)



III. Teil: WIE EIN GUTER UND FROMMER SEELSORGER SEINE UNTERGEBENEN LEHREN UND ERMAHNEN MUSS.



VORWORT:

Nachdem wir nun gezeigt haben, wie der Seelenhirte sein soll, wollen wir jetzt darlegen, wie er lehren müsse. Denn, wie schon lange vor uns Gregor von Nazianz, ehrwürdigen Angedenkens, gelehrt hat, paßt nicht für alle eine und dieselbe Ermahnung, weil ja auch nicht alle ihren Sitten nach gleich beschaffen sind. Oft schadet den einen, was den anderen nützlich ist. Dieselben Kräuter, welche den einen Tieren zum Futter dienen, sind oft für die anderen tödlich, und ein leises Zischen besänftigt die Pferde, während es die jungen Hunde reizt. Eine Arznei lindert die eine Krankheit, verstärkt hingegen eine andere, und das Brot, welches das Leben der Starken kräftigt, tötet jenes der Kleinen. Deshalb muß die Ansprache der Lehrer nach der Beschaffenheit der Zuhörer sich richten, damit sie den Bedürfnissen der Einzelnen entspreche und doch zugleich der Kunst gemeinschaftlicher Erbauung Rechnung trage. Denn was sind die aufmerksamen Herzen der Zuhörer anders als, um mich so auszudrücken, auf der Zither aufgezogene Saitenstränge, welche der Zitherspieler nicht in gleicher Weise anschlägt, damit sein Spiel nicht in sich selbst uneins werde? Deshalb geben die Saiten einen harmonischen Klang, weil sie zwar mit demselben Stäbchen (d.i. das plectrum), nicht aber mit dem gleichen Nachdruck angeschlagen werden. So muß auch jeder Lehrer, um alle in der einen Tugend der Liebe zu erbauen, zwar mit ein und derselben Lehre, aber nicht mit ein und derselben Ermahnung die Herzen seiner Zuhörer berühren.

1. WIE GROSSE VERSCHIEDENHEIT MAN BEI DER PREDIGTKUNST ANWENDEN MUSS.

Anders sind zu ermahnen die Männer und anders die Frauen; anders die Jünglinge, anders die Greise; anders die Armen, anders die Reichen; anders die Fröhlichen, anders die Traurigen; anders die Untergebenen, anders die Vorgesetzten; anders die Diener, anders die Herren; anders die Weisen dieser Welt, anders die Stumpfsinnigen; anders die Unverschämten, anders die Schüchternen; anders die Kecken, anders die Kleinmütigen, anders die Ungeduldigen, anders die Geduldigen; anders die Wohlwollenden, anders die Mißgünstigen; anders die Herzensgeraden, anders die Verschlagenen; anders die Gesunden, anders die Kranken; anders diejenigen, welche aus Furcht vor der Strafe unschuldig leben, anders diejenigen, welche so in der Bosheit verhärtet sind, daß sie auch durch Strafen nicht gebessert werden; anders die zu Schweigsamen, anders die der Geschwätzigkeit Ergebenen; anders die Trägen, anders die Eilfertigen; anders die Sanftmütigen, anders die Zornigen; anders die Demütigen, anders die Stolzen; anders die Hartnäckigen, anders die Unbeständigen; anders die Schwelger, anders die Enthaltsamen; anders, die das Ihrige barmherzig mitteilen, anders, die fremdes Gut an sich zu reißen suchen; anders, die weder fremdes Gut an sich reißen, noch das Ihrige hergeben; anders, die zwar von ihrem Eigentume mitteilen, aber dabei doch nicht aufhören, fremdes Gut sich anzueignen; anders die Zwistigen, anders die Versöhnten; anders die Händelstifter, ander die Friedfertigen; anders, die, welche die Worte des göttlichen Gesetzes nicht richtig verstehen, anders die, welche sie zwar wohl verstehen, aber nicht demütig im Munde führen; anders die, welche auf würdige Art zu predigen imstande wären, aber aus allzu großer Demut dies nicht zu tun wagten, anders diejenigen, welche ihre Unvollkommenheit und ihre Jugend vom Predigen abhalten sollte, die aber doch ihr voreiliger Eifer dazu antreibt; anders diejenigen, die in zeitlichen Unternehmungen Glück haben, anders jene, die zwar nach den Gütern dieser Welt Verlangen tragen, aber an der Mühe der Widerwärtigkeiten ermüden; anders die Verehelichten, anders die Ledigen; anders die mit der Sünde des Fleisches bekannt Gewordenen, anders, die damit unbekannt sind; anders diejenigen, welche Tatsünden, anders jene, welche Gedankensünden zu beweinen haben; anders, die ihre Vergehen zwar beklagen, aber sie doch nicht aufgeben, anders, die sie zwar aufgeben, aber nicht beklagen; anders jene, welche sich ihrer bösen Werke noch rühmen, anders, die sich zwar darüber anklagen, aber sie doch nicht aufgeben; anders, die von einer plötzlichen Begierde überwältigt werden, anders, die mit Überlegung von der Sünde sich fesseln lassen; anders solche, die sehr oft, wenn auch nur ganz kleine Fehler begehen, anders jene, die sich vor kleinen Fehlern in acht nehmen, aber bisweilen in größere geraten; anders, die das Gute nicht einmal in Angriff nehmen, anders, die das begonnene Gute nicht zu Ende führen; anders, die das Böse heimlich tun, das Gute aber öffentlich; anders, die ihre guten Werke geheim halten, aber doch durch gewisse Handlungen eine üble Meinung von sich zulassen. Doch, was nützt es, dies alles zusammen aufzuzählen, wenn wir nicht bei jedem einzelnen Punkte, so gut es in Kürze geschehen kann, die Art und Weise auseinandersetzen, in welcher die Ermahnung zu geschehen hat?

Anders also sind Männer, anders Frauen zu ermahnen; denn jenen ist Schweres, diesen Leichteres aufzuerlegen; jenen sollen große Dinge Übung verschaffen, diesen leichte Dinge auf anziehende Art zur Bekehrung verhelfen. Anders sind Jünglinge, anders Greise zu ermahnen; denn jene bringt häufig eine strenge Ermahnung auf den rechten Weg, diese aber macht eine freundliche Bitte zur Besserung aufgelegt. Es steht ja geschrieben: "Einen alten Mann sollst du nicht hart anlassen, sondern bitte ihn, wie einen Vater" (1 Tim. 5,1).

2. WIE MAN ARME UND WIE MAN REICHE ERMAHNEN SOLL.

Anders muß man Arme, anders Reiche ermahnen; jenen nämlich müssen wir die Hilfe des Trostes gegen die Trübsal, diesen aber Furcht als Gegenmittel gegen den Stolz beibringen. Der Gemeinde der Armen sagt ja der Herr durch den Propheten: "Fürchte dich nicht, denn du wirst nicht zuschanden werden" (Is 54,4). Gleich darauf ruft er ihr freundlich zu: "Du Arme, vom Wetter bestürmte" (Is 54,11). Und wiederum tröstet er sie mit den Worten: "Ich habe dich auserwählt im Ofen der Armut" (Is 48,lo). Dagegen sagt Paulus seinem Schüler von den Reichen: "Den Reichen dieser Welt gebiete, nicht stolz zu sein und nicht zu vertrauen auf unsicheren Reichtum" (1 Tim 6,17). Hierbei ist wohl zu beachten, daß der Lehrer der Demut bei Erwähnung der Reichen nicht sagt "bitte", sondern "gebiete"; denn so größerem Rechte anbefohlen, je mehr sie selbst in vergänglichen Dingen zu stolzen Gedanken sich erheben. Von diesen sagt der Herr im Evangelium: "Weh euch, ihr Reichen, denn ihr habt eueren Trost dahin!"(Lk., 6,24) Denn da sie die ewigen Freuden nicht kennen, trösten sie sich mit ihrem Überfluß im gegenwärtigen Leben. Jenen also muß man Trost bieten, welche im Glüh-Ofen der Armut geprüft und geläutert werden. Den andern aber muß man Furcht einflößen, denen nämlich, welche der Trost zeitlicher Ehre aufbläht; denn jene sollen erkennen, daß sie Reichtümer besitzen, die sie nicht sehen, diese aber wissen, daß sie die Reichtümer, die sie vor Augen haben, nicht behalten werden.

Häufig jedoch ändert die sittliche Beschaffenheit gleichsam den Stand der Personen, so daß ein Reicher demütig, ein Armer aber hochmütig ist. In diesem Fall muß die Sprache des Predigers sogleich nach dem Leben des Zuhörers sich richten und an dem Armen den Hochmut um so strenger strafen, als nicht einmal das Los der Armut denselben beugt; umso freundlicher dagegen muß er die Demut des Reichen anerkennen, da nicht einmal die Lockung des Überflusses sie erhebt.

Bisweilen muß man aber auch einen stolzen Reichen durch freundliche Ermahnung besänftigen; denn verhärtete Wunden werden meistens durch Linderungsmittel weich, und die Raserei der Wahnsinnigen wird häufig durch die Freundlichkeit des Arztes geheilt. Wenn man sich mit aller Güte zu ihnen herabläßt, dann mildert sich das Übel der Raserei. Es darf nicht übersehen werden, daß David, als den Saul ein böser Geist ergriff, die Zither zur Hand nahm und durch sein Spiel die Tobsucht Sauls beruhigte (1 Kn 18,lo). In Saul stellt sich uns der Stolz der Mächtigen dar, in David aber das demütige Leben der Heiligen. Wie also die Tobsucht des vom unreinen Geist ergriffenen Saul durch Davids Saitenspiel besänftigt wurde, so ist's des Hirten würdig, das Herz der Mächtigen, wenn es durch Stolz in Wut gerät, durch die Ruhe seiner Ansprache wie durch den Wohllaut einer Zither wieder zur Besinnung zu bringen.

Zuweilen aber muß man bei der Zurechtweisung der Mächtigsten dieser Welt zuerst gleichnisweise verfahren, als wollte man sie in der Sache eines anderen um ihre Meinung fragen. Wenn sie dann gegen diesen vorgeschützten anderen das richtige Urteil gefällt haben, dann kann man auf passende Weise ihnen ihre eigene Schuld vorhalten. So wird der auf zeitliche Macht pochende Geist sich nicht gegen den Zurechtweisenden erheben, sondern vor seinem eigenen Urteil den stolzen Nacken beugen und auf alle Selbstbeschönigung verzichten, weil solche durch das mit eigenem Munde gesprochene Urteil unmöglich gemacht ist. So kam der Prophet Nathan, um den König anzuklagen, gab sich aber den Anschein, als verlange er ein Urteil in der Sache eines Armen gegen einen Reichen. So sollte der König zuerst das Urteil fällen und dann erst die ihn betreffende Anklage vernehmen, damit er den gerechten Urteilsspruch, den er selbst gefällt hatte, nicht mehr zurücknehmen könnte (2 Kn 12,4). Der heilige Mann also zog sowohl den Sünder als auch den König in Betracht und war bestrebt, auf kluge Weise zuerst den kühnen Frevler in die Hand zu bekommen und dann erst durch offenen Vorhalt ihn zu vernichten. Er gab eine Weile nicht zu erkennen, wen er suche, aber auf einmal schlug er den nieder, den er schon in seinen Händen hatte. Zu langsam hätte er vielleicht den Streich geführt, wenn er gleich im Anfang der Unterredung die Schuld hätte strafen wollen; indem er aber ein Gleichnis vorausschickte, verschärfte er den Vorwurf, den er verborgen gehalten hatte. Der Arzt war zum Kranken gekommen; er sah, daß die Wunde aufgeschnitten werden müsse, zweifelte aber, ob der Kranke die notwendige Geduld besitze. Er verbarg daher das chirurgische Messer unter dem Gewand; plötzlich aber zog er es heraus und stieß es in die Wunde, so daß der Kranke eher den Schnitt fühlte, als er das Messer sah, damit er sich nicht weigere, es zu fühlen, wenn er es schon vorher gesehen hätte.

3. WIE MAN FRÖHLICHEN UND WIE MAN TRAURIGEN ZUSPRECHEN MUSS.

Anders muß man Fröhliche, anders Traurige ermahnen. Die Fröhlichen muß man an die Trauer erinnern, welche aus der Strafe erfolgt; die Trauernden aber muß man ermahnen, der Freuden zu gedenken, welche ihnen der Verheißung gemäß aus dem Reiche erwachsen. Die Fröhlichen sollen aus der Strenge der Drohungen erkennen, was sie zu fürchten haben - die Trauernden die Seligpreisung und göttliche Belohnung vernehmen, auf die sie hoffen dürfen. Jenen wird gesagt: "Wehe euch, die ihr jetzt lacht, denn ihr werdet weinen" (Lk. 6,25). Diese aber vernehmen aus dem Munde desselben göttlichen Meisters das Wort: "Ich werde euch wiedersehen und euer Herz wird sich freuen und eure Freude wird niemand von euch nehmen" (Joh. 16,22).

Es gibt aber auch solche, deren Fröhlichkeit oder Traurigkeit nicht von äußeren Dingen herrührt, sondern in ihrer Naturanlage ihren Grund hat. Diese muß man darauf aufmerksam machen, daß besonderen Naturanlagen gewisse Fehler entspringen. So liegt den Fröhlichen die Wollust, den Traurigen der Zorn nahe. Deswegen muß ein jeder nicht bloß erwägen, was sein Temperament verursacht, sondern auch, zu welchem Laster es ihn hindrängt, damit er nicht, weil er gegen das, was er darunter leidet, nich kämpft, dem Übel unterliege, von dem er sich frei glaubt.
 
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