DIE JAPANISCHEN MÄRTYRER
von
Eugen Golla
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts begab sich der hl. Franz Xaver - nach
dem Apostel Paulus wohl der größte und genialste Missionar - von
Indien, wo er einige Japaner kennen gelernt hatte, nach Japan, um dort
einige Jahre unter den unvorstellbarsten Schwierigkeiten, aber nicht
ohne Erfolg, die Botschaft Christi zu verkünden. Innerhalb kurzer Zeit
entwickelte sich dann das Bekehrungswerk des Heiligen zu einem
gewaltigen Erfolg: um 158o zählte man bereits etwa 15oooo Christen,
darunter auch hohe Würdenträger, welche Tempel zerstören und dafür
Kirchen erbauen ließen und welche einen großen Teil ihrer Untertanen
für die Kirche gewannen.
Aber nicht mehr lange konnten sich die Katholiken dieser günstigen Lage
erfreuen, nachdem Toyotomi Hideyoschi der mächtigste Mann im Reiche
geworden war. Anfangs den Christen wohlwollend gesinnt, gewannen bei
ihm die Furcht vor einer Überfremdung Japans infolge der Verbindung der
Christen mit dem Auslande sowie das Bewußtsein, daß die Lehre der kath.
Kirche im Widerspruch mit der göttlichen Verehrung des Kaisers und den
heidnischen Gebräuchen stand, immer mehr die Oberhand. 1587 begann die
Verfolgung durch das Dekret über die Verbannung der Jesuiten, da sie
Zerstörer der Tempel und Prediger eines "teuflischen Gesetzes" seien.
Diese befolgten den Befehl jedoch nicht, sondern setzten verkleidet im
Verborgenen die Betreuung der Gläubigen fort. Die Abneigung Hideyoschis
gegenüber den Christen vermehrte die Ankunft von vier
Franziskanermissionaren. Obwohl von starkem Eifer beseelt, handelten
sie jedoch gegen die päpstliche Anordnung, welche vorerst die
Missionierung in diesem Lande nur für die Gesellschaft Jesu freigegeben
hatte. Schwerwiegender war es in der Folge, daß ihre in der
Öffentlichkeit erfolgende Glaubensverkündigung der japanischen
Mentalität fremd und für den politischen Status Japans unpassend war,
wodurch die Rivalität unter den Missionsländern - dFranziskaner waren
Spanier, die Jesuiten Portugiesen - noch vergrößert wurde. So war
genügend Zündstoff vorhanden, der nur eines kleinen Anlasses bedurfte,
um zu einer Katastrophe zu führen.
1596 strandete ein spanisches Schiff an der japanischen Küste. Um seine
wertvolle Ladung zu retten, ließ sich der Kapitän zur Übertreibung der
Macht seines Königs und zu Drohungen hinreißen, welche den Eindruck
erweckten, als beabsichtigte Spanien notfalls Japan militärisch zu
besetzen. Als dies Hideyoschi hinterbracht wurde, entschloß er sich,
seine bisherige Zurückhaltung aufzugeben und rücksichtslos vorzugehen.
Im Dezember 1596 fand die Verhaftung von 26 Christen statt. Es waren dies:
a) sechs Franziskaner: Petrus Baptista
aus Avila, ein Wundertäter, der u.a. öffentlich zu Pfingsten ein von
Lepra befallenes Mädchen geheilt hatte; Martin von Aguirra, Prediger
und Theologie-Professor, der die japanische Sprache beherrschte;
Franzisco Blanco, ein Priester; Philipp de Las Casas, ein Mexikaner
spanischer Herkunft, der nach einer zügellosen Jugendzeit von seiner
Familie verstoßen, in den Franziskaner-Orden eingetreten war, ihn aber
bald wieder verlassen hatte, um sein früheres Leben fortzusetzen, dann
aber in Manila wieder in den Orden aufgenommen worden war, um direkt
bei seiner Ankunft in Japan verhaftet zu werden (nicht ordiniert);
Gonzales Garcia, Laienbruder, Kenner des Japanischen, ursprünglich
Kaufmann hatte er allem Wohlstand entsagt, um Mönch zu werden; Franz de
Parilha, Laienbruder, Wundertäter, der Hervorragendes in der
Missionierung und der Bekehrung geleistet hatte.
b) drei Jesuiten: Paul Miki, Japaner aus einer vornehmen Familie, mit
elf Jahren Jesuitenschüler, der berühmteste japanische
Jesuiten-Missionar; Johann de Goto, Japaner von christlichen Eltern,
kurz vor seinem Tod in die Gesellschaft Jesu aufgenommen; Jakob Kisai,
Katechist, ebenfalls kurz vor der Verhaftung in die Gesellschaft
aufgenommen.
c) siebzehn japanische Laien, sämtlich Mitglieder des 3. Ordens des hl.
Franziskus; unter ihnen befanden sich drei Knaben im Alter zwischen elf
und fünfzehn Jahren.
Am 2. Januar 1597 wurde ihnen auf dem Platz von Meaco ein Teil des
linken Ohres abgeschnitten. Darauf wurden sie - wie bei Verbrechern
üblich - zu dritt auf Karren verladen und durch das Land gefahren, um
Wut und Haß der Bevölkerung gegenüber den Verurteilten zu entfachen.
Aber die Peiniger erreichten das Gegenteil: es herrschte vielmehr
Trauer und Bedrücktheit. Besonders die drei Knaben erregten Mitleid,
und schließlich hatte die Standhaftigkeit der Bekenner sogar weitere
Bekehrungen zur Folge. Am 5. Februar gelangten die Gefangenen zu einem
kleinen Hafen bei Nagasaki, dem Zentrum des Katholizismus. Nachdem
ihnen zwei Geistliche die Beichte abgenommen hatten - die hl. Messe zu
lesen und die hl. Kommunion zu spenden wurde ihnen nicht erlaubt -
begaben sich die Verurteilten auf den Weg zu dem kleinen Hügel, der
nach ihnen den Namen "Heiliger Berg" erhielt und wo für sie schon die
Kreuze aufgestellt waren. Als beinahe schon alle an sie gebunden waren,
stimmte Pater Petrus Baptista des "Benedicite" an. Der fünfzehnjährige
Anton lud den Pater ein, mit ihm, wie versprochen, das "Laudate pueri
Dominum" zu singen; aber er war bereits in tiefe Betrachtung versunken,
so daß der Knabe den Psalm allein anstimmen mußte. Paul Miki rief, als
er vor dem Kreuz stand: "Heute ist mein Ostertag", und sprach noch vom
Kreuze aus mit voller Beredsamkeit; auch unterließ er es nicht, für
seine Henker zu beten. Lanzenstiche beendeten die Qualen der
Gekreuzigten.
1627 wurden diese Märtyrer selig gesprochen. Die Kanonisierung erfolgte 1862 durch Pius IX. Der Festtag ist der 5. Februar.
Diese Verfolgung war gleichsam nur ein Vorspiel, denn es folgten
zunächst - ähnlich wie im antiken Rom - Jahre verhältnißmäßiger Ruhe,
frei von weiteren Verfolgungen. Dies änderte sich, als Hidetada als
Shogun (bis 1868: der weltliche Herrscher, im Gegensatz zum
vergöttlichten Kaiser, dem Tenno) die Regierung übernahm, der ähnlich
wie Diokletian die systematische Ausrottung des Katholizismus plante.
Wieder waren es Missionare und einheimische Christen, die den Martertod
erleiden mußten. Ein englischer Kapitän, der alles andere als ein
Freund der Katholiken war, beschrieb voll Entsetzen, wie 1619
fünfundfünfzig Christen, darunter Kinder bis fünf Jahren, lebendig
verbrannt wurden, wobei er rühmend hervorhab, daß trotz aller Marter
nur wenige ihren Glauben verleugneten.
Bald darauf wurde eine neue Form der Tortur angewandt: die Wasserqual.
Man zwang die Verurteilten, eine Unmenge Wasser zu trinken, das ihnen
dann durch Schläge auf den Unterleib wieder ausgetrieben wurde. Am lo.
September 1622 fand auf dem "Heiligen Berg" von Nagasaki in Gegenwart
von mehr als 3oooo Zuschauern das sog. "Große Martyrium" statt. Damals
starben 23 Ordenspriester und 32 Laien, teils durch langsames Feuer,
teils durch das Schwert.
Womöglich noch ärger wütete Shogun Hitedadas Nachfolger Yemitsu unter
den Christen. Jedes Jahr erlitt eine große Anzahl von'ihnen unter
entsetzlichen Martern den Tod, so daß die Arbeit der Missionare
allmählich unmöglich gemacht wurde. 1627 kam eine neue Marter auf: man
tauchte Bekenner in heiße Schwefelwasserquellen. Um die Qualen zu
verlängern, geschah dies nicht auf einmal, sondern Glied für Glied. Der
erfinderische Geist der Henker ruhte aber noch immer nicht. So wurden
später Blutzeugen köpfabwärts in eine Grube gehängt, wobei man Mittel
anwandte, um durch Verlangsamung des Kreislaufes die Tortur zu
verlängern. Von diesen Märtyrern, deren Zahl in die Tausende geht,
wurden durch Pius IX. 2o5 selig gesprochen.
Der sog. Shimabara-Aufstand (1637/38), eine infolge Steuererpressung
unter der verarmten, noch teilweise christlichen Bevölkerung der
Halbinsel Shimabara verursachte Erhebung, wurde als eine Revolte der
Christen ausgegeben und endete mit der scheinbar totalen Ausrottung des
Christentums.
Schon längst war es den Spaniern und Portugiesen verboten, Japans Boden
zu betreten. Japan, von nun an eines der abgeschlossensten Länder der
Erde, gestattete es nur der Republik Holland, die sich zu einer
bedeutenden Seemacht entwickelt hatte, zu bleiben, d.h. Handel zu
treiben. Zweifellos waren die Bedingungen, unter denen dies gestattet
war, für die Holländer sehr demütigend; es ist aber nicht erwiesen, daß
sie ebenso wie die des Christentums verdächtige Einheimische die
Jesumi-Probe abzulegen hatten, d.h. Fumi-e (Tretbilder) genannte
Bronzeplatten, auf denen Christus oder die Jungfrau Maria dargestellt
waren, mit den Füßen treten mußten.
Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts - also zu einer Zeit, als man
annehmen mußte, daß in Japan das Christentum längst erloschen sei,
erfuhr man, daß damals noch eine Frau ihres christlichen Glaubens wegen
hingerichtet worden war. 1829 berichteten schiffbrüchige Japaner,
welche Medaillen trugen, daß sich in ihrer Heimat Christen befänden.
Als Mitte der 5o-er Jahre des letzten Jahrhunderts Japan gezwungen
wurde, seine Häfen zu öffnen und Missionaren das Betreten des Landes zu
erlauben, wartete auf diese eine große Überraschung: es stellte sich
heraus, daß in der Umgebung von Nagasaki noch etwa 25oo Christen
lebten, welche die Patres frugen, ob sie den Zölibat hielten, den Papst
anerkennen als auch die Jungfrau Maria verehren würden. Sie hatten
somit mehr als zweihundert Jahre ohne Priester, Katechese oder Kirche
und völlig abgeschnitten von der übrigen katholischen Welt ihren
Glauben bewahrt, auch wenn er natürlich infolge dieser langen
Isolierung nicht in allem ganz korrekt war. Es ist dies ein
hervorragendes und für unsere besondere Situation bemerkenswert
aktuelles Beispiel, wie in Zeiten außergewöhnlicher Not die Laien
befähigt sein können, den Glauben zu bewahren und zu tradieren.
Dankbar, wie reich wir im Verhältnis zu jenen Christen noch an
Gnadenmitteln sind, sollen wir uns aber auch fragen, wie lange uns noch
Gottes Barmherzigkeit beschattet, wenn wir nicht bald den richtigen Weg
für einen Neuanfang finden werden.
Die bald darauf gewährte Religionsfreiheit ließ die Zahl der Katholiken
schnell ansteigen, so daß die 'Konzilskirche' etwa 25oooo Gläubige
'vereinnahmen' konnte. Wir hoffen, daß es Gott nicht zuläßt, daß in
diesem von Märtyrerblut getränkten Land die wahre Kirche ganz erlischt.
Literatur:
New Catholic Encyclopedia, New York 1967, Bd.7.
Pastor, Ludwig: "Geschichte der Päpste" Freiburg 1927, Bd.11-13.
Rudolphi, Georg Wilhelm: "Heilige Kirche - Kirche der Heiligen" Frankfurt 1949.
"Vies des Saints" Paris 1936, Bd.2.
Wetzers u. Weites Kirchenlexikon, Freiburg 1889, Bd.6. |