DAS BEISPIEL BETHLEHEM
- EINE 'NACH-WEIHNACHTLICHE' BETRACHTUNG EIGENER ART -
von
Dr. Peter Lintl
(Kommentar im MÜNCHNER MERKUR vom 2.1.86 zu der Meldung von 200.000
Abtreibungen, die jährlich auf Krankenschein abgerechnet werden in
Deutschland.)
Bei der vorweihnachtlichen Lektüre eines Bildbandes über bayerische
Barockkrippen fand ich ein Motiv, das ich bisher noch nie in einer
Krippendarstellung gesehen hatte: der Kindermord von Bethlehem. Aber
was war das eigentlich für eine Geschichte? Als die heiligen drei
Könige dem Stern folgten, um den neugeborenen Heiland zu suchen, kamen
sie zuerst nach Jerusalem in den Palast des König Herodes. Diesen
fragten sie nun nach dem neugeborenen König der Juden.
Der konnte seinerseits keine Auskunft geben, befahl den Weisen aus dem
Morgenland aber, sie sollten ihm sofort Bericht geben, wenn sie das
Kind gefunden hätten. So zogen die drei Könige weiter, vom Stern
geführt, nach Bethlehem, fanden das Kind und huldigten ihm. Indes wuchs
bei König Herodes die Spannung. Er bekam Angst, Angst vor dem kleinen
Kind, dem neuen König, der ihm nun alles streitig machen konnte, was er
aufgehäuft hatte, Wohlstand, Macht, Bequemlichkeit. Vom ersten
Augenblick trachtete er daher danach, das Kind zu töten. Das wußten
auch die drei Könige und sie kehrten nicht zu Herodes zurück. Da er des
Kindes nun nicht habhaft werden konnte, die heilige Familie war nach
Ägypten geflohen, entschloß er sich zu einem furchtbaren Schritt: Er
ließ alle Neugeborenen im ganzen Gebiet von Bethlehem töten. Ein
grauenvoller Massenmord an unschuldigem Leben, zerstückelte,
verstümmelte Leichen, schreiende Mütter, es regiert das Entsetzen.
Ein einmaliger, grauenvoller Akt frühorientalischer Grausamkeit? Nein!
Dies ist unsere Gegenwart, dies ist, was Tag für Tag vom Gesetz
geduldet und von den Krankenkassen finanziert bei uns im Deutschland
des 2o. Jahrhunderts passiert. Zigtausendfach werden ungeborene Kinder
hingeschlachtet, aus den gleichen Motiven, aus denen König Herodes
töten ließ: aus purem Egoismus, aus Angst, auch nur einen Bruchteil von
Wohlstand und Bequemlichkeit augeben zu müssen. Als Entschuldigung
sagen wir einfach, das Leben beginnt erst im dritten Monat. Früher
sagten wir, dieses Leben ist rassisch minderwertig, um Ausreden waren
wir nie verlegen.
Wie lange noch wollen Politiker, die sich christlich nennen, denen das
Recht auf Leben verweigern, die sich noch nicht einmal einen Anwalt
nehmen können? Machen wir es so wie die Weisen aus dem Morgenland,
folgen wir dem hellen Stern, der über der Krippe von Bethlehem
stehenbleibt und Jahr für Jahr die Augen ª unserer Kinder zum Leuchten
bringt. |