„Angriff auf die Familie“
Der Psychotherapeut und Publizist
Holger B. Flöttmann
über Feminismus, Familiensplitting und unsere Furcht vor Kindern
im Interview mit Moritz Schwarz
Moritz Schwarz: Herr Dr. Flöttmann, eine neue Studie der
Robert-Bosch-Stiftung (siehe auch Seite 5) präsentiert alarmierende
Zahlen zum Thema Kinderwunsch: Danach will jeder vierte deutsche Mann
und jede siebte deutsche Frau kinderlos bleiben. Damit ist unser
Kinderwunsch so gering wie in keinem anderen europäischen Land.
Flöttmann: Der Wunsch nach dem Kind ist in der Seele des Menschen tief
verwurzelt. Zugleich beeinflussen persönliche, kulturelle und
politisch-ideologisch geprägte Einstellungen die Fruchtbarkeit. Der
virulente Feminismus, der übertriebene Konsum und der narzißtische
Individualismus bewirken kinderfeindliche Lebensformen bei Mann und
Frau.
Schwarz: In einem Aufsatz in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“
sprechen Sie davon, daß auch „die massive, kollektive und depressive
Selbstabwertung des deutschen Nationalgefühls die Fruchtbarkeit der
Deutschen beeinträchtigt“.
Flöttmann: Laut Studie ist der Kinderwunsch der Deutschen geringer
ausgeprägt als der unserer Nachbarn mit ihren ebenfalls feministisch,
konsumistisch und hedonistisch orientierten Gesellschaften. Es muß also
zusätzliche Gründe geben, die zu dieser negativen Spitzenstellung
führen. Die Nazi-Vergangenheit ist eine schwere Hypothek für unser
Volk. Zum einen wegen des damaligen Mißbrauchs der Mutterrolle, zum
anderen wegen der schuldbedingten Zerstörung unseres Nationalgefühls.
Die sich derzeit durch die WM manifestierende Patriotismus-Welle ist
jedoch ein positives Zeichen für die Überwindung dieses Komplexes.
Schwarz: Wenn der Kinderwunsch in der menschlichen Seele wurzelt und
Deutschland den niedrigsten Kinderwunsch in Europa hat, dann sind die
Deutschen offenbar das am stärksten sich selbst entfremdete Volk.
Flöttmann: Es widerstrebt mir, eine besondere Entfremdung der Deutschen
festzustellen. Es gibt in vielen Völkern Anzeichen für eine Entfremdung
der Menschen von ihrem Selbst: Denken Sie zum Beispiel an die steigende
Anzahl von Kaiserschnitten aus Rücksicht auf die Figur oder wegen
Terminwünschen. Auch werden Kinder immer früher abgestillt.
Schwarz: Nun soll das Familiensplitting dem deutschen Kindersegen auf die Beine helfen.
Flöttmann: Dahinter verbirgt sich ein unverhohlener Angriff auf die
Familie. Es geht den Erfindern dieses Modells vor allem darum, die Ehe
und die daraus entstehende Familie durch unverbindliche Lebensformen
abzulösen.
Schwarz: In der „FAZ“ haben Sie geschrieben: „Die
Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckkardt sagt: ‘Wir wollen weg von der
Subvention der Ehe – zu einer Subvention der Kinder.’ In diesen
Menschen besteht eine Ablehnungs- und Haßpotential gegen die Familie
mit verdienendem Vater, hegender Mutter und Kindern.“
Flöttmann: Eine der ersten Entscheidungen im Leben der modernen Frau
lautet: „Ich entscheide mich gegen ein Kind.“ Ein Mädchen, welches nach
feministischen Vorbild erzogen wird, das in der Schule nichts über
Partnerschaft, Mutterglück, Aufgaben der Ehe, Erziehung, Liebe und
Treue erfährt, diesem Mädchen schwebt auch später wenig anderes vor,
als sich durch Leistung zu bewähren und wert zu fühlen. Denn aushäusige
Arbeit bestimmt das Leben der heutigen Frau. Sie erkennt sich an, wenn
sie beruflich aufsteigt. Sie verbietet dabei das typisch Weibliche in
sich, die Fruchtbarkeit: „Kinder ja, aber nicht jetzt!“ So geht es auch
vielen Männern. Diese Geisteshaltung ist sich ihrer eigenen
Beziehungsstörungen und Eisigkeit nicht bewußt. Wer sich wie ich mit
dem Feminismus auseinandergesetzt hat, der merkt bald, daß den selbst
zumeist kinderlosen Feministen das Wohl des Kindes zu keiner Zeit am
Herzen gelegen hat.
Schwarz: Heute heißt es: „Die Zeit des Feminismus ist doch längst vorbei!“
Flöttmann: Ja, aber die Auswirkungen im privaten und öffentlichen Leben
sind enorm. Die Feministen haben viele ihrer Vorstellungen etwa in den
Lehrplänen der Schule tief verankert. Sogar die Mädchenbücher von Enid
Blyton werden im Sinne der Feministen und der Gutmenschen
umgeschrieben. Wenn man Frauen auf den Feminismus anspricht, dann
winken sie in der Tat nach dem Motto ab: „Das ist doch Vergangenheit!“
Die Frau von heute stellt die geistige Urheberschaft
familienfeindlicher Gedanken gar nicht mehr in Frage, sondern empfindet
sie als gegeben und normal. Diese Frauen sind selbst Kinder einer
feministisch geprägten Zeit. Wie selbstverständlich – und also ohne den
umstürzlerischen Haß der Altfeministen – denken und handeln sie nach
feministischen Grundsätzen. Sie halten es für normal, ihre Kinder zur
Erziehung abzugeben oder erst gar keine zu bekommen. Hier ein Beispiel
für diese ihnen unbewußte, feministisch geprägte Haltung: Ein
Steuerfachangestellter berichtet mir von seiner Kollegin, die er fragt:
„Warum tippst du hier den ganzen Tag vom Band, was der Rechtsanwalt dir
diktiert? Warum heiratest du nicht? Warum ziehst du keine Kinder groß
und hast darin dein Glück?“ Daraufhin nimmt sie ihren Ohrstöpsel heraus
und sagt: „Da kann ich mich nicht selbst verwirklichen.“ Und tippt
weiter.
Schwarz: Wir müssen also umlernen: Der Feminismus ist gegenwärtig.
Flöttmann: Der Feminismus wollte die Familie, das Bild der Mutter und
des Mannes auflösen. Das Opfer des Feminismus ist die Beziehung
zwischen Mann und Frau. Gelebter Feminismus zerstört weibliche und
männliche Werte. Alice Schwarzer etwa wertet die Rolle der Mutter und
die Heirat massiv ab. Sie spricht in ihren Emma-Büchern von der
„Mutterideologie“ und der Selbstverwirklichung der Frau: „Heiraten?
Nein danke! Das sagen immer mehr Frauen. Sie leben lieber unverheiratet
mit einem Mann (oder einer Frau) zusammen oder wohnen ganz alleine. Da
mag die Männerpresse noch so viel von Heiratswut und Babyboom palavern,
die Statistik beweist: Die Ehe ist out. Mit gutem Grund.
Unverheirateten Frauen geht es einfach besser. Sie sind unabhängiger,
beruflich erfolgreicher und haben weniger Hausarbeit am Hals.“ So
Schwarzer. Es ist jedoch keine Leistung, nicht verheiratet zu sein,
sondern dieses geschieht aus tiefer, innerer Not.
Schwarz: Hätte man nicht von Institutionen wie bürgerlichen Parteien und Kirchen die Abwehr des Feminismus erwarten können?
Flöttmann: Widerstand hat es nur von seiten der katholischen Kirche
gegeben. Der Feminismus hat sehr effektiv über die Schuldschiene
gearbeitet: Die Männer, die Familie, das Kinderkriegen, alles war für
vermeintliche Mißstände verantwortlich und galt als rückständig. Diesem
mit Macht vorgetragenen Angriff waren die Institutionen nicht
gewachsen. Es wurde allgemein zugelassen, daß heute auf Frauen, die
sich für Mutterschaft statt für die Arbeit entscheiden, ein starker
Meinungsdruck liegt: „Die ruht sich aus! Die will sich der beruflichen
Herausforderung nicht stellen!“ So werden in ihnen Gefühle der
Minderwertigkeit geschürt. Frauen, die sich unter diesem Druck für
Mutterschaft und Beruf entscheiden, überfordern sich oft durch die
Mehrfachbelastung.
Schwarz: Kritiker wie Philip Longman in dieser Zeitung oder die
Journalistin Eva Herman unlängst in „Cicero“ beklagen, der Feminismus
hätte die Frauen erst recht in eine Ausbeutungs- bzw.
Selbstausbeutungssituation manövriert.
Flöttmann: Ja, die feministische Unterstellung, daß Frauen wie Männer
seien und deswegen Männerarbeit zu verrichten hätten, hat viele Frauen
in einen unlösbaren Konflikt geführt: Geldverdienen gegen Mutterschaft.
Sie überfordern sich, um die allgemein geforderten Ansprüche zu
erfüllen.
Schwarz: Sie stellen einen grundsätzlich falschen gesellschaftlichen
Kurs in puncto Elternschaft und Familie fest. Nun bemüht sich die
Politik allerdings, das Problem „innerhalb“ dieses Kurses in den Griff
zu bekommen: Die etablierten Parteien unterscheiden sich nur graduell.
Keine ist wirklich bereit, auf die „Errungenschaften“ des Feminismus
und auf einen ungebremsten Materialismus zugunsten eines wirklich
kinderfreundlichen Umschwungs für Eltern- u. Familienschaft zu
verzichten.
Flöttmann: Politiker sind keine Eltern. Bei den Eltern aber sollte die
Erziehung zu einem später verantwortungsbewußten Vater oder einer
sorgenden Mutter ansetzen. Es stimmt, daß Medien und Politik den
Menschen vorgaukeln, die Kinderarmut entspringe dem Mangel an
Ersatzmüttern und Kindergartenplätzen. Eine Politik, die das
Leistungsstreben verherrlicht, es zuläßt, daß Kind und Familie seit
Jahrzehnten in Verruf gebracht werden, zerstört die Grundlagen unseres
Staats. Als benachteiligt gilt bei uns immer noch eine kinderreiche
Familie. Benachteiligt ist tatsächlich aber die kinderlose Karrierefrau
– nämlich in ihrem Lebensglück. Oft wird sie sich ihrer Einsamkeit erst
im Alter bewußt.
Schwarz: Die Bosch-Studie enthält noch ein weiteres niederschmetterndes
Ergebnis: 75 Prozent der Befragten verbinden mit Kindern keinen Gewinn
an Lebensfreude!
Flöttmann: Hinter dieser Zahl verbirgt sich vor allem Depressivität.
Statistiker befragen die Deutschen nach den Gründen für die
Kinderlosigkeit. Was sie zu hören bekommen, sind häufig vorgeschobene
Motive. Der Einzelne sucht ebenso wie die Öffentlichkeit nach
Erklärungen, ohne sich der Verdrängungsmechanismen bewußt zu sein, die
in die Lebens- und Kinderarmut führen. Über die tiefenpsychologischen
Hintergründe wird in der Öffentlichkeit überhaupt noch nicht diskutiert
oder nachgedacht.
Schwarz: Was hindert so viele Deutsche also tatsächlich daran, sich auf Kinder zu freuen?
Flöttmann: Die eigene Infantilität, die unbewußte Weigerung, sich zu
einem erwachsenen Menschen, sich zu Vater oder Mutter zu entwickeln,
treibt die Menschen in die Kinderlosigkeit. Wer wie ich täglich mit den
seelischen Problemen unseres Volkes zu tun hat, der stellt fest, wie
viele Menschen einer gänzlich unbewußten Infantilität unterliegen. Sie
haben Angst und keine innere Erlaubnis, Vater und Mutter zu werden,
Kinder in Verantwortung und lebenslanger Treue großzuziehen.
Unterstützt werden diese Ängste in verhängnisvoller Weise durch
die feministische Ideologie, die gegen die Familie, die Mutterschaft
und gegen die Männer ein enormes Feindbild aufgebaut und im
öffentlichen Leben durchgesetzt hat. Der Wunsch nach einem Kind ist
jedoch in den Seelen aller tief verwurzelt.
Schwarz: Warum wünscht sich der Mensch an sich Kinder so sehr?
Flöttmann: Kinder sind Ausdruck von Lebensbejahung. Kinder erfreuen
unser Gemüt. Sie spenden Glück und Freude. Geld aber macht nicht
glücklich. Kinder schaffen tiefe, innere Zufriedenheit. Sie fördern das
Erwachsensein, die innere Reife, die Ablösung vom Elternhaus. Sie zu
erziehen heißt, Verantwortung zu tragen und Konfliktfähigkeit zu
erlernen. Kinder sorgen später als Erwachsene für das Auskommen ihrer
Eltern. Ob der Kinderwunsch in einem lebendig ist oder verblaßt, sich
erfüllt oder verhungert, darüber bestimmen mehrere Faktoren: der Glaube
und der Zeitgeist, vor allem aber das innere und unbewußte Verbot,
Kinder haben zu dürfen. Der Kinderlose ist zumeist in bezug auf seine
Fortpflanzung infantil, das heißt unreif geblieben. Kindergroßziehen
zum Wohl der Kinder heißt nicht allein Freude, Glück und Zufriedenheit
zu empfinden, sondern es bedeutet auch lebenslange Treue, es fordert
Fürsorge, Verzicht und Verantwortung. Diese Werte sind heute oft nicht
sehr angesehen. So beschließen Frauen und Männer, keine Kinder in die
Welt zu setzen oder sie gleich nach der Geburt an den Staat zu
übergeben, ganz so wie er es vorschreiben möchte. Zudem bestimmt
Leistung das Leben der modernen Frau. Der Leistungswille der Frau läßt
die Freude an Kindern in ihrer Seele vertrocknen. Ihre Fruchtbarkeit
verkümmert. Die Pflanze der Liebe, das Kind, darbt und welkt in der
Seele der Eltern. Kinderarmut ist Armut des Lebens.
Schwarz: Wir bekommen keine Kinder, weil wir selbst Kinder geblieben sind?
Flöttmann: Nach meiner langjährigen beruflichen Erfahrung ist diese
Frage zu bejahen. Vor der Entwicklung der Anti-Baby-Pille wurden Kinder
einfach geboren. Mit dieser Pille sind Mann und Frau plötzlich einer
großen Freiheit ausgesetzt, der sie bisher zumeist nicht gewachsen
sind. Sie wissen nicht, warum sie sich keine Kinder gönnen. Mittels der
Kinder wird der Mensch erwachsen.
Schwarz: Die Infantilität erscheint noch weit mehr als der Feminismus
unserer historischen gesellschaftlichen Entwicklung zu entspringen. Was
kann also überhaupt gegen dieses Problem unternommen werden?
Flöttmann: Es gilt, sich zu entwickeln, seine Persönlichkeit zur Reife
zu bringen. In der Bewußtwerdung über die verborgenen Kinderwünsche
liegt eine bedeutende kulturelle Herausforderung.
© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. 28/06 07. Juli 2006
Zur Person:
Dr. Holger Bertrand Flöttmann. Der Facharzt für Neurologie, Psychiatrie
und Psychotherapeutische Medizin provoziert mit seinen Thesen zum
Kindermangel der Deutschen und zum Feminismus. Flöttmann ist Leiter des
privaten Wilhelm-Griesinger-Instituts in Kiel (
www.wilhelm-griesinger-institut.de). Jüngst erschien sein neues Buch
„Steuerrecht des Lebens“ (Novum, 2006). Darin beschäftigt er sich unter
anderem mit den psychologischen Ursachen des Geburtenschwundes wie
mangelnder Persönlichkeitsreifung als Problem unserer Gesellschaft oder
dem Angriff auf die Familie. Geboren wurde Flöttmann 1946 in Gütersloh. |