DIE BEDEUTUNG VON OSTERN
AUS EINEM BRIEF DES HL. AUGUSTINUS AN JANUARIUS
AUS DEM JAHRE 400
(Entnommen der BIBLIOTHEK DER KIRCHENVÄTER Bd. 29, S.238 ff.)
Beachte also wohl jene drei hochheiligen Tage der Kreuzigung, des Grabes und der Auferstehung.
Was von diesen drei Geheimnissen das Kreuz bedeutet, das erfüllen wir
in diesem Leben; was aber das Grab und die Auferstehung bedeutet, das
vollzieht sich in Glaube und Hoffnung. Denn für jetzt ist dem Menschen
gesagt: "Nimm dein Kreuz und folge mir nach." (Matth. 16,24) Unser
Fleisch aber wird gekreuzigt, wenn wir unsere Glieder abtöten und dem
absterben, was auf Erden ist, der Hurerei, der Unreinigkeit, der
Unzucht, dem Geiz und ähnlichen Dingen. Hiervon sagt der heilige
Apostel: "Wenn ihr nach dem Fleische lebet, so werdet ihr sterben; wenn
ihr aber durch den Geist die Werke des Fleisches tötet, so werdet ihr
leben." (Rom. 8,13) In diesem Sinne sagt er von sich selbst "Die Welt
ist mir gekreuzigt und ich der Welt" (Gal.6,14.). Und an einer anderen
Stelle: "Ihr wisset, daß der alte Mensch in uns zugleich mit ihm
gekreuzigt ist, damit der Sündenleib zerstört sei und wir nicht weiter
zu sündigen brauchen" (Rom.6,6.). So lange also unsereWerke darauf
gerichtet sind, den Sündenleib zu zerstören, so lange "der äußere
Mensch verdirbt, damit der innere sich von Tag zu Tag erneuere" (2
Kor.4, 16.), so lange ist die Zeit des Kreuzes.
Das sind nun zwar gute Werke, aber mühsame, und ihr Lohn ist die Ruhe.
Darum aber heißt es: "Freuet euch in Hoffnung" (Rom.12,12.), damit wir
an die ewige Ruhe denken und uns mit frohem Sinne den Mühsalen
unterziehen. Auf diesen Frohsinn weist hin die Breite des Kreuzes an
seinem Querbalken, an den die Hände geheftet werden. Die Hände erinnern
uns ja an die Werke, die Breite an den Frohsinn dessen, der arbeitet;
denn Traurigkeit schnürt das Herz zusammen. Des Kreuzes Höhe aber, auf
der sich das Haupt befindet, bedeutet die Erwartung des Lohnes von der
erhabenen Gerechtigkeit Gottes, "der einem jeden nach seinen Werken
vergelten und denen, die durch Geduld in guten Werken Herrlichkeit,
Ehre und Unvergänglichkeit suchen, das ewige Leben verleihen wird" (Rom
2,6 u.7.). Deshalb bedeutet des Kreuzes Länge, auf die der ganze Leib
hingestreckt wird, die Geduld, und deshalb werden die Geduldigen auch
Langmütige genannt.
Des Kreuzes Tiefe aber, die in die Erde gesenkt wird, deutet die Tiefe
des Geheimnisses an. Du erinnerst dich sicherlich an die Worte des
Apostels: "Seid in der Liebe festgewurzelt und begründet, damit ihr mit
allen Heiligen zu erfassen vermöget, welches sei die Länge, die Breite,
die Höhe und die Tiefe" (Eph.3,18.). Was wir aber jetzt noch nicht
sehen und noch nicht besitzen, sondern im Glauben und in der Hoffnung
vollziehen, das ist in den beiden anderen Tagen vorgebildet. Denn was
wir jetzt tun, gleichsam mit den Nägeln in der Gottesfurcht befestigt -
nach dem Worte der Schrift: "Durchbohre mein Fleisch mit Nägeln durch
die Furcht vor Dir"(Ps.118, 120.) -, das gehört zu den notwendigen
Dingen, nicht zu jenen, die man um ihrer selbstwillen begehrt und
verlangt. Darum erklärt der heilige Apostel es als das Beste, wenn man
verlangt, "aufgelöst zu werden und bei Christus zu sein; im Fleische
aber zu weilen ist notwendig um euretwillen" (Phil.1,23 u.24.). Wenn er
also spricht von einem Aufgelöstwerden und einem Sein bei Christus, so
beginnt damit die Ruhe, die durch die Auferstehung nicht unterbrochen,
sondern verklärt wird. Jetzt jedoch besitzt man sie im Glauben, denn
"der Gerechte lebt aus dem Glauben" (Hab.2,4.). "Oder wißt ihr nicht",
spricht er, "daß wir alle, die wir in Christus getauft sind, auf seinen
Tod getauft sind? Durch die Taufe sind wir mit ihm auf den Tod
mitbegraben" (Rom.6,3 U.4.). Warum besitzt man jene Ruhe nur im
Glauben? Es ist ja in uns noch nichts Vollkommenes, sondern wir seufzen
noch bei uns selbst und erwarten die Annahme an Kindesstatt, die
Erlösung unseres Leibes. "Denn auf die Hoffnung sind wir gerettet
worden; hoffen aber, was man sieht, ist keine Hoffnung. Denn wie hofft
einer, was er sieht? Wenn wir aber hoffen, was wir nicht sehen, so
harren wir in Geduld" (Rom.8,24 U.25.).
Sieh, wie oft ich diese Stelle anführe, damit wir nicht glauben, wir
müßten schon in diesem Leben selig und von allen Beschwerden frei sein
und deshalb bei zeitlich Trübsalen mit lästerndem Munde gegen Gott
murren, als gebe er uns nicht, was er versprochen hat. Er hat uns ja
auch das Notwendige für dieses Leben versprochen, aber man muß wohl
unterscheiden zwischen einem Trost für Mühselige und den Freuden der
Seligen. "Herr", sagt der Psalmit, "nach der Menge meiner Schmerzen
haben Deine Einsprechungen meine Seele erfreut" (Ps.93,19).Murren wir
also nicht bei Mühseligkeiten, damit wir nicht jenen durch die Breite
des Kreuzes angedeuteten Frohsinn verlieren, von dem gesagt ist:
"Freuet euch in Hoffnung" (Rom.12,12.), worauf sofort folgt: "Seid
geduldsam in Trübsalen" (Rom.12,12.). Das neue Leben beginnt jetzt im
Glauben und vollzieht sich in Hoffnung. Vollkommen aber wird es dann
sein, wenn "der Tod in den Sieg verschlungen sein wird" (1 Kor.15,54.),
wenn "der uns feindliche Tod zuletzt vernichtet sein wird" (1
Kor.15,26.), wenn wir umgewandelt und den Engeln gleich geworden sein
werden. "Denn wir alle", sagt der Apostel, "werden zwar auferstehen,
wir werden aber nicht alle verwandelt werden" (1 Kor.15,51.). Und der
Herr sagt: "Sie werden sein wie die Engel Gottes" (Luk.2o,36.). Jetzt
sind wir durch den Glauben der Furcht dienstbar, dann aber werden wir
in der Liebe durch das Anschauen herrschen. "So lange wir nämlich im
Leibe uns befinden, pilgern wir fern vom Herrn3 denn wir wandeln im
Glauben und nicht in der Anschauung" (2 Kor.5,6 u.7.). Wenn daher der
Apostel sagt: "Möchte ich es ergreifen, wie ich auch ergriffen bin"
(Phil.3,12 u.l3.)> so bekennt er offenbar, daß er es noch nicht
ergriffen hat. "Brüder", sagt er, "ich glaube, es noch nicht ergriffen
zu haben" (Phil.3,12 u.13.). Da uns aber auch die Hoffnung auf die
Verheißung der ewigen Wahrheit gewiß ist, so fügt er seinen Worten:
"Wir sind mit ihm durch die Taufe zum Tode begraben"(Rom.6,4.),
sogleich den Satz bei: "Damit, wie Christus durch die Herrlichkeit des
Vaters von den Toten auferstanden ist, so auch wir in einem neuen Leben
wandeln" (Rom.6,4). Wir wandeln also in dieser Welt von Mühsalen, aber
in der Hoffnung auf Ruhe, im Fleische des alten Menschen, aber im
Glauben an ein neues Leben. Denn es sagt der Apostel: "Der Leib ist
zwar tot wegen der Sünde, der Geist aber ist Leben wegen der
Gerechtigkeit. Wenn aber der Geist dessen, der Jesum Christum von den
Toten auferweckt hat, in euch wohnet, so wird derjenige, der Jesum
Christum von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber
durch den in euch wohnenden Geist beleben" (Rom.8,10 u.11.).
Dies wird nach den Aussprüchen der heiligen Schriften und nach der
Übereinstimmung der ganzen, überall auf dem Erdkreis verbreiteten
Kirche alle Jahre an Ostern gefeiert, wie du schon siehst; als ein
großes Geheimnis. Während in den heiligen Schriften des Alten Bundes
für die Osterfeier keine Zeit bestimmt ist als der erste Frühlingsmonat
vom vierzehnten bis einundzwanzigsten Tage des Mondes, sind durch die
Konzile der Väter auch noch die Wochentage bestimmt worden, weil aus
dem Evangelium ersichtlich ist, an welchem Tage der Herr gekreuzigt
worden ist, und der ganze christliche Erdkreis ist überzeugt, daß man
auf diese Weise Ostern feiern müsse. |