DIE PASTORAL-REGELN DES HL. PAPSTES GREGOR D. GR.
(übers. von Benedikt Sauter O.S.B., Freiburg / Brsg. 19o4)
10. WIE DERJENIGE BESCHAFFEN SEIN MÜSSE, WELCHER DAS HIRTENAMT AUF SICH NIMMT.
Wer allen sinnlichen Leidenschaften ersterbend sich schon zu einem
geistlichen Leben erschwungen hat - wer die Reize dieser Welt
verachtet, wer keine Widerwärtigkeit fürchtet - wer nur nach den
inneren Gütern trachtet - wer gleichmäßig gesund ist an Körper wie an
Geist, so daß Körper und Geist ihrer höheren Aufgabe gefügig dienen -
wer nicht gierig ist nach fremdem Gute, sondern gerne das Seinige an
andere verteilt - wer aus herzinnigem Mitleide schnell zum Verzeihen
bereit ist, jedoch niemals durch unzeitiges Mitleid von der Höhe der
Gerechtigkeit sich herabziehen läßt - wer kein Unrecht begeht, dagegen
die Fehler anderer beweint, als hätte er selbst sie begangen - wer
fremdes Elend von Herzen bemitleidet und über des Nächsten Wohlergehen
sich freut wie über sein eigenes - wer in allen seinen Werken so sehr
als Muster und Vorbild für alle anderen sich erweist, daß er vor
niemandem, auch nicht einmal hinsichtlich seiner Vergangenheit, zu
erröten braucht - wer so zu leben sich bestrebt, daß er auch die
trockenen Herzen seiner Mitmenschen durch die Ströme seiner Belehrung
zu bewässern vermag - ein solcher, ein Mann, der diese Eigenschaften
besitzt, soll auf jegliche Weise dazu gedrängt werden, andern ein
Muster und Vorbild für ihr Leben zu geben.
Auch soll ein Mann, der zum Hirtenamte berufen ist, durch sein
Gebetsleben schon erkannt und erfahren haben, daß er vom Herrn alles
erlangen könne, um was er ihn bittet, da er gleichsam durch die Tat das
Wort des Herrn an sich erprobt hat: "Noch während du redest, werde ich
sprechen: Siehe, Ich bin da" (Is. 58,9). Denn wenn jemand zu uns käme
mit der Bitte, sein Fürsprecher zu sein bei einem mächtigen Herrn,
dessen Zorn er auf sich geladen, der uns aber gänzlich unbekannt wäre,
so würden wir augenblicklich antworten: Wir können bei diesem Herrn
keine Fürsprache einlegen, weil wir in keiner freundschaftlichen
Beziehung zu ihm stehen, ihm vielmehr gänzlich unbekannt sind. Wenn
also ein Mensch sich scheuen muß, als Fürsprecher aufzutreten bei einem
anderen Menschen, obwohl er sich nichts gegen denselben vorzuwerfen
hat, welche Verwegenheit ist es alsdann, sich vor Gott die Stellung
eines Fürsprechers für das Volk anzumaßen, obwohl man sich keineswegs
bewußt ist, durch ein verdienstvolles Leben in Gottes Freundschaft und
Gnade zu stehen? Oder wie kann derjenige Verzeihung für andere von Gott
erlangen, welcher nicht weiß, ob er selbst mit Gott ausgesöhnt ist? Im
Gegenteil, es ist in einem solchen Falle noch etwas anderes ernstlich
zu befürchten, nämlich, daß gerade derjenige durch seine eigenen Sünden
den Zorn Gottes verschulde, von dem man glaubte, daß er denselben
besänftigen könne. Denn wir alle wissen ganz gut, daß das Gemüt des
Erzürnten noch mehr erbittert wird, wenn man einen ihm Mißfälligen als
Fürsprecher sendet. Wer also noch in den Banden irdischer Begierde
liegt, der hüte sich, den Zorn des strengen Richters noch mehr zu
reizen und aus Freude an seinem ehrenvollen Amte Urheber des Verderbens
für seine Untergebenen zu werden.
11. WIE DERJENIGE NICHT BESCHAFFEN SEIN SOLL, DER DAS HIRTENAMT ÜBERNIMMT.
Sorgfältig also prüfe sich jeder und keiner wage es, das Hirtenamt
anzunehmen, wenn in ihm noch irgend ein Laster in verdammnisbringender
Weise herrscht, denn derjenige soll nicht Mittler für die Sünden
anderer sein wollen, welchen noch seine eigene Sünde verunstaltet.
Deshalb sprach die Stimme Gottes zu Moses: "Sage zu Aaron: Wer von
deinen Nachkommen in den künftigen Geschlechtern einen Leibesfehler
hab, soll dem Herrn, seinem Gott, die Opfergaben nicht darbringen, noch
seinem Dienste sich nahen" (Lv. 21,17). Und sogleich heißt es weiter:
Wenn er blind ist oder hinkend, eine zu kleine, zu große oder gekrümmte
Nase, einen gebrochenen Fuß oder eine gebrochene Hand hat, wenn er
höckerig oder triefäugig ist, wenn er einen weißen Fleck im Auge,
beständig Ausschlag, Flechten am Leibe oder einen Bruch hat" (Lv.
21,18),
B l i n d ist nämlich, wer das Licht der Betrachtung göttlicher Dinge
nicht kennt; wer, mit der Finsternis des gegenwärtigen Lebens bedeckt,
das zukünftige Licht weder liebt noch sieht und darum nicht weiß, wohin
er seine Lebensschritte lenken soll. Deshalb sagt die Prophetin Anna
weissagend: "Die Schritte seiner Heiligen wird er schützen und die
Gottlosen werden in der Finsternis verstummen" (1 Kg. 2,9).
L a h m ist, wer zwar sieht, wohin er gehen sollte, aber aus geistiger
Schwäche den Weg des Lebens, den er doch sieht, nicht vollkommen
einzuhalten vermag; denn da die weichliche Gewohnheit sich nicht zur
standhaften Tugend erhebt, so bleiben die Schritte der wirksamen Tat
hinter dem zurück, was das Verlangen erstrebt. Darum sagt Paulus:
"Richtet wieder auf die erschlafften Hände und die wankenden Knie und
machet gerade Tritte mit euren Füßen, damit nicht jemand hinke und
ausgleite, sondern vielmehr geheilt werde." (Hebr. 12,12 f.)
Eine zu k l e i n e N a s e hat, wer nicht nach richtigem Maßstab
zu unterscheiden weiß. Denn durch die Nase unterscheiden wir guten und
schlechten Geruch. Mit Recht also bedeutet die Nase das
Unterscheidungsvermögen, wodurch wir auf die Seite der Tugend treten,
das Laster aber zurückweisen. Deshalb heißt es zum Lobe der Braut im
Hohenliede: "Deine Nase ist wie der Turm, der auf dem Libanon ist",
(Hl. 7,4) weil die heilige Kirche die Versuchungen zu unterscheiden
weiß, welche aus gewissen Ursachen zu entstehen pflegen und so schon
von weitem die Kämpfe entdeckt, die man später mit dem Laster zu
bestehen hat. Aber es gibt auch einige, die, um nicht für stumpfsinnig
zu gelten, sich oft in gewisse Untersuchungen mehr als notwendig
einlassen und gerade durch ihre übertriebene Ängstlichkeit in Irrtum
geraten. - Darum ist beigefügt: (dem Priestertum bleibe fern) "wer eine
zu g r o ß e oder g e k r ü m m t e Nase hat". Eine zu große oder
gekrümmte Nase bedeutet nämlich die übertriebene Xnsgtlichkeit, welche,
wenn sie über Gebühr sich entwickelt, die unbefangene Geradheit der
eigenen Handlungsweise verdirbt.
Einen " g e b r o c h e n e n F u ß " oder " e i n e g e b r o c h e n
e H a n d " hat, wer auf dem Wege Gottes überhaupt nicht zu gehen
vermag und aller guten Werke von Grund aus ledig ist; er wandelt den
Weg Gottes auch nicht einmal hinkend, sondern überhaupt gar nicht.
Einen " H ö c k e r " hat, wen die Last irdischer Sorgen
darniederbeugt, so daß er nie zum Himmel aufblickt, sondern allein auf
den Kot der Erde achtet. Wenn ein solcher auch bisweilen etwas von den
Gütern des himmlischen Vaterlandes hört, so erhebt er doch keineswegs
sein Herz dorthin, weil er mit der Last böser Gewohnheit beschwert ist;
denn der vermag in seinen Gedanken nicht sich aufrecht zu halten, den
die Gewohnheit irdischer Sorgen darniederkrümmt. Im Hinblick auf diese
sagt der Prophet: "Gekrümmt und erniedrigt bin ich gar sehr." (Ps.
38,8) Und die ewige Wahrheit selbst verurteilt die Sünde solcher mit
den Worten: "Der Samen aber, der unter die Dornen fiel, das sind die,
welche das Wort gehört haben und sodann hingehen und es in den Sorgen,
Reichtümern und Wollüsten des Lebens ersticken und keine Frucht
bringen." (Lk. 8,14)
" T r i e f ä u g i g " aber ist der, dessen Verstand sich zwar in der
Erfassung der Wahrheit hervortut, aber durch Werke des Fleisches
verfinstert ist. Bei den Triefäugigen sind nämlich die Pupillen gesund,
aber durch herabfließende Feuchtigkeit werden die Augenlieder schwach
und angeschwollen; da sie nun durch die beständige Feuchtigkeit häufig
leiden, so wird auch die Schärfe des Augapfels angegriffen. So gibt es
einige, deren Gewissen durch fleischlichen Lebenswandel verwundet ist,
die mit ihrem Verstand klar das Richtige erkennen könnten, aber infolge
von Gewohnheitssünden verfinstert sind. Triefäugig also ist, wer von
Natur aus scharfsinnig, aber durch verkehrten Wandel abgestumpft ist.
Einem solchen sagt treffend der Engel der Apokalypse: "Salbe deine
Augen mit Salbe, damit du siehst." (Offb. 3,18) Mit Salbe, um zu sehen,
salben wir nämlich unsere Augen, wenn wir, um die Wahrheit des wahren
Lichtes zu erkennen, unserer Verstandesschärfe durch das Heilmittel der
Tugendübung zu Hilfe kommen.
Einen " w e i ß e n F l e c k a b e r im A u g e "
hat, wem es nicht gestattet ist, das Licht der Wahrheit zu schauen,
weil ihn Stolz auf seine Weisheit oder Gerechtigkeit blendet. Denn die
Pupille sieht, wenn sie schwarz ist; hat sie einen weißen Fleck, so
sieht sie nichts. So kommt der Mensch zur Erkenntnis des inneren
Lichtes, wenn er sich selbst als töricht und sündhaft erkennt; wenn er
aber sich selbst das weiße Kleid der Weisheit und Gerechtigkeit
zuschreibt, so schließt er sich von dem Lichte höherer Erkenntnis aus
und durchdringt gerade deshalb diesen Lichtglanz nicht, weil er vor
sich selbst im Hochmut sich erhebt. Darum ist von einigen gesagt: "Da
sie sich für Weise erklärten, sind sie Toren geworden." (Rom. 1,22)
" B e s t ä n d i g e n A u s s c h l a g " aber hat derjenige, über
welchen die Zügellosigkeit des Fleisches unaufhörlich herrscht. Beim
Ausschlag nämlich tritt die innere Hitze durch die Haut hervor, wodurch
Unkeuschheit angedeutet ist. Denn wenn die innere Versuchung zur
äußeren Tat wird, so wird die innere Hitze zum Ausschlag an der Haut
und befleckt nun den Körper. Wenn nämlich die böse Lust in den Gedanken
nicht gezügelt wird, so herrscht sie selbst über die Werke. Gleichsam
den Reiz der Haut wollte Paulus beseitigen, da er sprach: "Möge euch
keine Versuchung überfallen, als eine menschliche." (1 Kor. lo,13)
Menschlich ist es, die Versuchung im Herzen zu erleiden, vom Teufel
aber rührt es her, wenn man sich von der Versuchung sogar in Bezug auf
Werke überwältigen läßt.
" F l e c h t e n hat am L e i b " , wessen Seele vom Geiz verwüstet
wird. Wenn dieselben nicht ausgerottet werden, solange sie noch klein
sind, so dehnen sie sich maßlos aus. Sie ergreifen schmerzlos den
Körper, entwickeln sich, ohne daß man Beschwerde fühlt, entstellen aber
die Schönheit der Glieder. So versetzt auch der Geiz die Seele des mit
ihm behafteten durch -Ergötzung in Eiterung, da er vorspiegelt, was man
erlangen könnte, zu Feindschaften anreizt und dabei doch keine
schmerzhafte Wunde beibringt, indem er der leidenschaftlich erregten
Seele Gewinn von ihrer Sünde verheißt. Aber die Schönheit der Glieder
wird entstellt, weil durch diesen Fehler auch die Schönheit anderer
Tugenden verloren geht; und es wird gleichsam der ganze Körper rauh,
weil er mittelst aller Laster die Seele zum Falle bringt, nach dem
Zeugnisse des heiligen Paulus, der 1 Tim. 6,lo sagt: "Die Wurzel aller
Übel ist die Habsucht."
Einen " B r u c h " hat, wer zwar im Werke keine Schändlichkeit
betreibt, aber durch beständige Gedanken an solche Dinge seinen Geist
ohne Selbstbeherrschung erniedrigt, wer sich zwar nicht bis zu
schändlichen Werken hinreißen läßt, aber ohne Widerstand sich an
wollüstigen Gedanken ergötzt. Mit dem Bruch ist behaftet, wer mit allen
seinen Gedanken der Lüsternheit nachhängt und so eine schändliche Last
im Herzen trägt. Obwohl er nichts Schlimmes im Werke verübt, so reißt
er sich doch im Geiste nicht davon los. Auch kann er sich nicht frei
zur Ausübung eines guten Werkes erheben, weil ihn im Geheimen eine
schändliche Last beschwert.
Wer also einem dieser Laster unterworfen ist, dem ist es verwehrt, dem
Herrn die Brote zu opfern, denn er ist durchaus unvermögend, fremde
Sünden zu tilgen, da ihn seine eigenen noch verunstalten.
Da wir nun kurz gezeigt haben, wie beschaffen der sein müsse, welcher
würdig das Hirtenamt antreten will, und wie sehr ein Unwürdiger
dasselbe zu fürchten habe, so wollen wir jetzt zeigen, wie in demselben
leben müssen, wer würdig dazu gelangt ist.
(Fortsetzung folgt) |