DIE PASTORAL-REGELN DES HL. PAPSTES GREGOR D. GR.
(übers. von Benedikt Sauter O.S.B., Freiburg / Brsg. 1904)
VOM LEBEN DER HIRTEN.
1. WIE DERJENIGE, WELCHER ORDENTLICHER WEISE ZUM HIRTENAMTE GELANGT IST, IN DEMSELBEN SICH VERHALTEN SOLL!
Gleich wie das Leben des Hirten von dem der Herde sich unterscheidet,
ebenso muß sich der geistliche Vorsteher in seinem Handel und Wandel
vor dem des gemeinen Volkes auszeichnen. Er muß daher wohl ermessen,
wie notwendig es für ihn sei und wie sehr ihm es obliege, stets den
rechten Weg zu gehen und einzuhalten, da ja das Volk nur mit Rücksicht
auf ihn, den Hirten, als eine Herde bezeichnet wird. Demnach muß der
geistliche Hirte also beschaffen sein: in seinen Gedanken rein, in
seinen Werken musterhaft, im Schweigen weise, im Reden nutzbringend,
gegen jedermann voll mitleidiger Teilnahme, vor allem der Betrachtung
ergeben, ein demütiger Genosse der Guten, den Lastern der Bösen
gegenüber ein Eiferer für die Gerechtigkeit, bei der Beschäftigung mit
äußeren Dingen zugleich auf die Sorge für das Innere bedacht, im Eifer
für das innere Leben, in der Fürsorge für die äußern Bedürfnisse nicht
lässig. Diese Punkte, die wir jetzt nur kurz angeführt haben, wollen
wir nun ausführlicher erörtern.
2. DER SEELENFÜHRER MUSS IN SEINEN GEDANKEN REIN SEIN.
Der Seelenführer muß sich in seinen Gedanken stets rein bewahren, damit
denjenigen keine Unreinigkeit beflecke, welcher das Amt übernommen hat,
aus den Herzen anderer die Flecken der Unreinigkeit zu tilgen. So muß
auch die Hand, welche den Schmutz abwaschen will, rein sein, damit sie
nicht alles, was sie anrührt, noch schmutziger mache, wenn sie für sich
den Schmutz behält, welchen zu entfernen sie bestrebt ist. Es steht ja
beim Propheten geschrieben: "Reiniget euch, die ihr die Gefäße des
Herrn traget" (Is 52,11). Die Gefäße des Herrn tragen nämlich
diejenigen, welche es auf sich nehmen, die Seelen ihrer Mitmenschen
durch ihre treue Fürsorge und durch das Beispiel ihres Wandels in das
Heiligtum der Ewigkeit einzuführen. Sie sollen also bei sich selbst
wohl erwägen, wie diejenigen sich reinigen müssen, welche die ihnen
anvertrauten lebendigen Gefäße gleichsam im Schöße der eigenen
bräutlichen Trauung oder Gottverlobung zum Tempel der Ewigkeit tragen.
Deshalb befahl die Stimme Gottes (EX 28,15), daß auf Aarons Brust das
Urteilsblatt (Rationale judicii, Urim und Thummim) mit Binden befestigt
werde, weil lose Gedanken sich des priesterlichen Herzens nicht
bemächtigen dürfen, sondern die Vernunft allein darin herrschen muß.
Nichts Unbesonnenes oder Unnützes soll derjenige denken, welcher andern
als Muster vor Augen gestellt ist und durch den Ernst seines Lebens
immer zeigen muß, welche Weisheit er in seinem Busen trägt. Sehr
bedeutsam wird beigefügt, daß auf diesem "Urteilsblatt" die Namen der
zwölf Patriarchen geschrieben sein sollen. Denn die Namen der
Stammväter, beständig auf der Brust getragen, bedeuten, daß man das
Leben der Vorväter ohne Unterlaß betrachten soll. Dann wandelt nämlich
der Priester tadellos, wenn er die Beispiele der Vorväter unaufhörlich
vor Augen hat, wenn er unablässig die Fußstapfen der Heiligen
betrachtet und alle unerlaubten Gedanken unterdrückt, damit er nicht in
seinem Leben und Wandel die Schranken seines Standes überschreite. -
Mit Recht heißt dieses Kleid auch "Urteilsblatt", weil der Seelenführer
immer mit sorgfältiger Untersuchung zwischen Gutem und Bösem
unterscheiden und ernstlich nachdenken muß, was oder für wen, wann oder
wie etwas passe, weil er nicht das, was er für sich als vorteilhaft
erachtet, erstreben darf, sondern vielmehr das, was andern frommt, als
sein eigenes Glück betrachten muß. Darum heißt es an eben derselben
Stelle: "Und setze auf das Brustblatt des Urteils die Worte: 'Lehre und
Wahrheit' (doctrinam et veritatem), daß sie auf der Brust Aarons seien,
wenn er hineingeht vor den Herrn; und er trage das Urteil der Söhne
Israels auf seiner Brust vor dem Angesichte des Herrn immerdar (Ex 28,
3o). Der Priester muß nämlich das Urteil der Söhne Israels auf seiner
Brust vor dem Angesichte des Herrn tragen und die Angelegenheiten
seiner Untergebenen nur im Sinne des inneren Richters beurteilen, damit
sich nichts Menschliches in das einmische, was er als Stellvertreter
Gottes verwaltet, und sein Eifer in der Zurechtweisung nicht durch
persönliche Gereiztheit verbittert werde. Und wenn er als Eiferer gegen
fremde Fehler auftritt, so walte er seines Amtes an Gottes statt, damit
nicht die Ruhe seines Urteils durch verborgene Abneigung beeinträchtigt
oder durch Jähzorn getrübt werde. In der hl. Furcht vor dem obersten
Gerichtsherrn, dem Richter des Innersten, sollen die Untergebenen
immerdar regiert werden.
Indem diese Furcht die Seele des Führers demütigt, reinigt sie dieselbe
von stolzer Selbsterhebung, von der Befleckung fleischlicher Lust und
von der Verfinsterung, welche irdische Gedanken und Begierden zur
Unzeit hervorzubringen pflegen. Allerdings kann auch des Hirten Seele
dem Einfluße dieser Dinge sich nicht ganz entziehen, aber er muß sie
durch schnellen Widerstand besiegen, damit das Laster, welches ihn als
Anfechtung versucht, nicht durch weichliche Ergötzung ihn unterjoche,
und damit nicht die Einwilligung wie ein Dolch seine Seele durchbohre,
weil er zu nachlässig und zu säumig Widerstand geleistet hat.
3. DER SEELENFÜHRER SOLL DURCH SEIN GANZES LEBEN EIN LEUCHTENDES VORBILD SEIN.
Als ein Führer muß der Priester den Untergebenen in allem, was er tut,
voranleuchten, damit er ihnen durch sein Leben den Weg des Lebens
zeige, und damit die Herde, die der Stimme und dem Beispiele des Hirten
folgt, mehr noch nach seinem Leben, als nach seinen Worten gehen könne.
Denn da seine Stellung ihn nötigt, die erhabensten Wahrheiten zu
verkündigen, so befindet er sich eben deshalb auch in der
Notwendigkeit, in allen Stücken das erhabenste Beispiel zu geben. Jene
Worte dringen am leichtesten in die Herzen der Hörer, welche der
Prediger durch sein Leben empfiehlt, indem er dasjenige, was er sagt
und gebietet, durch sein eigenes Vorbild unterstützt, auf daß es
geschehe. Daher heißt es beim Propheten: "Steige auf einen hohen Berg,
der du Sion frohe Botschaft bringst" (Is 4o,9). Denn wer himmlische
Dinge predigt, der muß die Niederungen der Erde verlassen und, über
alle Dinge erhaben, gleichsam auf Bergeshöhen stehen, damit er umso
leichter die Untergebenen zur Vollkommenheit heranziehe, je höher der
Standpunkt ist, von welchem aus sein verdienstvolles Leben ihnen
predigt. Deshalb bekommt nach göttlicher Anordnung der Priester, wenn
er opfert, das losgetrennte rechte Schulterstück, auf daß all sein Tun
nicht bloß nutzbringend sei, sondern auch vor dem anderer etwas voraus
habe, und er nicht bloß im Gegensatze zu den Bösen das Gute tue,
vielmehr die rechtschaffenen Untergebenen so sehr durch seinen
tugendhaften Wandel übertreffe, wie er sie an Würde und Weihe überragt.
Auch wird ihm mit dem Schulterstück die Brust des Opfertieres zur
Mahlzeit gegeben, damit er dasjenige, was er nach dem Gesetze von dem
Opfer zu nehmen hat, an sich selbst seinem Schöpfer zu opfern lerne.
Und nicht nur in seiner Brust sollen gute Gedanken herrschen, sondern
er soll auch alle, die ihn sehen, durch die Werke seiner Hände, welche
durch das Schulterstück angedeutet werden, nach oben lenken (vgl. Ex
29,22 u. 27); die Glücksgüter dieser Welt verlange er nicht, ihre
Leiden fürchte er nicht; die Schmeicheleien der Welt soll er im
Hinblick auf den innern Richter verschmähen, ihre Schrecken im Hinblick
auf die Süßigkeit des innern Trostes verachten.
Und auf beiden Schultern wird nach Gottes Befehl (Ex 29,5) dem Priester
das Schulterkleid angeheftet, damit er allzeit, bei Glück und Unglück,
den Schmuck der Tugend als Schild gebrauche und so nach dem Worte des
Apostels Paulus "nach rechts und links mit den Waffen der
Gerechtigkeit" gerüstet einherschreite (2 Kor 6,7), allein nach dem
strebend, was innerlich ist und in keiner Weise niedriger Lust sich
zuneigend. Das Glück soll ihn nicht stolz machen, das Unglück nicht in
Verwirrung bringen. Angenehmes soll ihn nicht verweichlichen, ein
hartes Los ihn nicht zur Verzweiflung führen; und so keiner
Leidenschaft die Seele beugend, soll er die Schönheit des
Schulterkleides auf beiden Schultern den Menschen zu schauen geben. -
Nicht ohne Grund war auch befohlen, daß das Schulterkleid aus Gold,
Hyazinth, Purpur, zweimal gefärbtem Karmosin und gezwirntem Byssus
verfertigt werde (Ex 28,6), um dadurch anzuzeigen, mit wie mannigfachen
Tugenden der Priester geschmückt sein müsse. Im hohenpriesterlichen
Gewände erglänzte vor allem das Gold, weil der Priester durch Verstand
und Weisheit sich auszeichnen muß. Hyazinth, dessen Farbe himmelblau,
findet sich daran, weil der Priester durch alles, was er mit dem
Verstande erfaßt, nicht zum gemeinen Menschenlob hinabsteigen, sondern
zur Liebe der himmlischen Dinge sich erheben soll, damit er nicht,
indem er sich unvorsichtig vom Lobe einnehmen läßt, sogar das
Verständnis der Wahrheit verliere. Dem Gold und Hyazinth ist Purpur
beigemischt, weil im Herzen des Priesters, der die höchsten Wahrheiten
zu verkünden hat und demgemäß auch die höchsten Güter erhofft, die
sündhaften Anmutungen unterdrückt und gleichsam mit königlicher Macht
beherrscht werden müssen. Er soll allzeit den Adel seiner geistigen
Wiedergeburt im Auge haben und durch seinen Wandel das Kleid sich
bewahren, welches ihn des Himmelreiches würdig macht. Von diesem
Geistesadel sagt der hl. Petrus: "Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht,
ein königliches Priestertum" (1 Petr 2,9). Und von der Kraft, durch die
wir das Böse überwinden, redet Johannes, indem er spricht: "Demjenigen
aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden" (1,12).
In Ansehung dieser Kraft und Würde ruft der Psalmist aus: "O Gott, wie
hoch in Ehren sind mir deine Freunde, wie sehr gefestigt ist ihr
fürstlich Walten!" Der Geist der Heiligen erhebt sich nämlich und
steigt, während man sie äußerlich Verachtung erleiden sieht, fürstlich
empor zu,dem Höchsten. - Zum Gold, dem Hyazinth und dem Purpur kommt
zweimal gefärbter Karmosin, weil vor den Augen des innern Richters alle
Tugenden und Tugendwerke erst durch die Liebe Wert und Zier erhalten,
und weil alles, was vor den Menschen schimmert, vor dem Angesichte
dessen, der im Verborgenen sieht und urteilt, in der reinen
Liebesflamme erglühen muß. Diese Liebe erglänzt gleichsam in doppelter
Färbung, weil sie sich in ihrer Beziehung auf Gott und den Nächsten
betätigt. Wer also über der Gottesliebe die Sorge für den Nächsten
vernachlässigt, oder mit der Nächstenliebe sich so zu schaffen macht,
daß er darob in der Liebe Gottes erkaltet, der versteht es nicht, als
Schmuck des Schulterkleides den doppelt gefärbten Karmosin zu tragen,
weil er eines von beiden vernachlässigt. - Wenn aber die Seele sich
bestrebt, das Gebot der Liebe zu erfüllen, so erübrigt noch, daß auch
das Fleisch durch Enthaltsamkeit abgetötet werde. Deshalb kommt zum
zweimal gefärbten Karmosin der gezwirnte Byssus. Der glänzend weiße
Byssus sproßt nämlich aus der Erde hervor. Und was anders bedeutet der
Byssus als die Keuschheit, den blendend weißen Schmuck körperlicher
Unversehrtheit. "Gezwirnt" wird er in den Schmuck des Schulterkleides
verwoben, um anzudeuten, daß die Keuschheit eben dadurch zum vollen
Glänze der Reinheit gelangt, daß das Fleisch durch Enthaltsamkeit
abgetötet wird. Wenn also zu den übrigen Tugenden auch das Verdienst
leiblicher Abtötung hinzukommt, so erglänzt gleichsam der gezwirnte
Byssus am Schulterkleide in verschiednen Farben.
Fortsetzung folgt |