DIE GLEICHGÜLTIGKEIT
von
Ernest Hello
(aus: "Untugenden" Köln und Ölten 1957, S.33-42.)
DAS JA UND DAS NEIN SIND NEBENEINANDER DA.
Viele Leute, die nichts wissen, werfen der Wahrheit vor, sie wäre
unduldsam. Man muß sich über dieses Wort ausdrücklich verständigen.
Wenn man diese Leute hört, möchte man sagen, die Wahrheit und der
Irrtum wären zwei Wesen, die auf gleicher Ebene miteinander verhandeln
könnten, zwei Königinen, die beide einander ebenbürtig wären, die -
eine jede in ihrem Reiche - in Frieden leben müßten, zwei Göttinnen,
die sich in die Welt teilten, ohne daß die eine das Recht hätte, der
andern ihr Reich zu entreißen. Daher denn die Gleichgültigkeit, die der
Sieg Satans ist. Der Haß gefällt ihm, genügt ihm jedoch nicht, er
braucht auch noch die Gleichgültigkeit.
Die Gleichgültigkeit ist Haß von einer Gattung für sich, ein kalter und
dauerhafter Haß, der sich vor den andern und manchmal auch vor sich
selbst hinter der Maske einer duldsamen Miene verbirgt - denn die
Gleichgültigkeit ist niemals, was sie zu sein vorgibt. Sie ist mit Lüge
überzogener Haß.
Um tagtäglich eine Flut von heftigen Beleidigungen gegen die Wahrheit
offensichtlich auszuspeien, müßten die Menschen anders sein, als sie
sind.
Die Partei, die sie ergreifen, ist: keine Partei zu ergreifen. Und
dennoch ist der laut schreiende Haß, da die Erbsünde einmal gegeben
ist, weit eher zu erklären als der schweigende. Nicht setzt mich in
Erstaunen, daß ich Lästerung einem menschlichen Munde entfahren höre.
Die Erbsünde ist vorhanden, die Freiheit des Menschen ist vorhanden,
und so ist die Lästerung erklärt. In ganz und gar nicht auszudrückende
Bestürzung dagegen versetzt mich die Scheu, Partei zu ergreifen. Es
geht um die Zukunft des Menschen und um die ewige Zukunft alles dessen,
was in der Welt die Gabe des Verstandes und der Freiheit hat. Es geht
sicherlich und notwendig um dich selbst, wie eben auch um jeden und
jedes. Wenn du also weder für dich, noch für irgend jemand, noch für
irgend etwas Gefühl aufbringst, so geht es doch sicherlich und
notwendig um ein geheiligtes Gefühl für dein eigenes Ich. Wenn du
lebendig bist, so erwecke das Leben in dir! Nimm deine Seele und bringe
sie ins Handgemenge! Nimm dein Sehnen, nimm dein Denken, dein Gebet,
deine Liebe! Nimm die Werkzeuge zur Hand, die du zu gebrauchen
verstehst, und wirf dich ganz in die Waagschale, auf der alles und
jedes Gewicht hat. Wenn du schläfst, so erwache! Wenn du tot bist,
stehe auf von den Toten! Suche die besten deiner Erinnerungen in deinem
vergangenen, deinem erloschenen Leben! Gedenke des Morgenduftes der
Rosen von einst, du mußt ihn doch einmal genossen haben, und sieh zu,
ob du die Kraft hast zu sagen: "Was macht das schon aus!"
Da man zwischen die Feuerlinie derer, die lieben, und derer, die
hassen, gestellt ist, muß man den einen oder den andern Waffenhilfe
leisten. Du sollst es wissen! Nicht an den Menschen im allgemeinen
ergeht der Ruf, sondern an dich ganz persönlich. Denn alle sittlichen,
geistigen und stofflichen Kräfte, über die du verfügst, sind Waffen,
die Gott dir in die Hand gegeben hat zugleich mit der Freiheit, sie für
ihn oder wider ihn zu benutzen. Du mußt dich schlagen, und notwendig
schlägst du dich auch. Nur die Wahl des Kampfplatzes ist dir
überlassen.
Als Christus in die Welt kam, hat er alles von den Menschen gefordert,
da er sich arm gemacht hatte, viel ärmer als die Ärmsten. Er hat einen
Platz gefordert, da er geboren werde. Man hat ihm den Platz versagt.
Die Herbergen waren überfüllt, ein Stall hat sich ihm geöffnet. Er hat
einen Platz gefordert, da er lebe. Man hat ihm den Platz versagt. Des
Menschen Sohn hat nichts gehabt, wo er sein Haupt hinlege. Und als es
zum Sterben kam, hat er nicht fünf Fuß Erde gehabt, um sich
auszustrecken. Die Erde hat ihn von sich gewiesen zwischen den Himmel
und sie selbst: ans Kreuz. Der gefordert hat, er fordert nun immer
noch. Er fordert einen Platz, da er geboren werde: die Leute, die die
Herbergen füllten und sich nicht stören ließen, die Jesus fortgeschickt
haben, daß er geboren werde zwischen einem Ochsen und einem Esel, sie
verkörpern in vorbildlicher Weise die unfaßliche Bedeutungslosigkeit
der langweiligen Zerstreuungen, um derentwillen die Menschen sich in
einem unaussprechlichen Brandopfer verzehren.
Ein Mensch, der ein Buch schreibt, der eine Druckerei zu seinen
Diensten hat, verfügt über eine unberechenbare Macht. Niemand hat je
die innerlichen und äußerlichen Wirktaten ermessen, die er hervorruft
oder verhindert, und niemand wird sie je ermessen. Nun frage man einen
Fremden, einen Reisenden, der mit den Gewohnheiten der Erde nicht
vertraut ist und nicht die Stumpfsinnigkeit der Menschen kennt, welchen
Gebrauch die, die so das Wort in die Welt tragen, gewöhnlich von der
Macht machen, die ihnen in die Hände gegeben ist.
Man stelle sich seine Antwort vor und sein Erstaunen, falls er zufällig
ein Buch oder eine Zeitung öffnen sollte. Aber was für Ausmaße nähme
dies Erstaunen erst an, wenn der Verfasser dieses geöffneten Buches
hinzufügte: "Es ist wahr, ich habe gesprochen, um nichts zu sagen; das
geschah aber in der Absicht, meine Leser zu unterhalten! Wir sind
nämlich alle davon überzeugt, daß allein die bedeutungslosen Dinge, die
weder Gott noch den Menschen angehn, Gefühl in der Leserschaft erwecken
und daß die Wahrheit langweilig ist."
Von allen Narrheiten, die der Teufel eingibt, ist diese seiner am
würdigsten. "Die Wahrheit ist langweilig." Die Wahrheit! Aber das ist
doch die Seligkeit! Die Wahrheit! Aber das ist doch der Urgrund der
Verzückungen! Das ist doch das, was alle je gekannten Herrlichkeiten
sich bemühen, sinnbildlich zu umschreiben, das ist doch das, was noch
im fernsten Aufleuchten unerhörtes Entzücken hervorruft!
Die Wahrheit war es doch, die mitten in der Wüste den glanzvollen Geist
des verbannten heiligen Athanasius in Seligkeit fast vergehn ließ,
während unterdessen in ihren Palästen die sich zu Tode langweilten, die
ihn zur Strafe in die Wüste verbannt hatten. Die Seele des Menschen ist
für die göttliche Nahrung geschaffen, in der Zeitlichkeit wie in der
Ewigkeit. Es gibt nicht zwei Quellen des Glücks, es gibt nur eine;
diese aber wird niemals versiegen, und alle können aus ihr trinken.
Liebst du also die Langeweile - dann wende dich an das Nichts, liebst
du das Leben, liebst du das Glück, liebst du die Liebe - dann wende
dich an das Sein!
Will man mir noch von der Gleichgültigkeit reden, auf die nur der
Irrtum Anrecht hat? Was würde man von einem Arzte sagen, der ans Bett
einer kranken Frau gerufen, sich weigern würde, sie zu behandeln - aus
Rücksicht auf die Krankheit, die die gute Behandlung der
Gleichgültigkeit verlange? "Ja", würde der Arzt sagen, "ich bin
unparteiisch, gegenüber der Krankheit so gut wie gegenüber der
Gesundheit. Ich höre beide Teile an. Warum soll denn die Krankheit
nicht genau soviel wert sein wie die Gesundheit? Durch die Cholera
könnte man z.B. Krämpfe kennenlernen, die ohne sie unbekannt blieben.
Man muß von allem kosten, alles zulassen, alles versuchen. Warum sollte
man es nicht auch einmal mit der Cholera versuchen? Sie wird auf Grund
fremder Autorität beurteilt; das ist unwissenschaftlich!
Man muß ihren Wert selbst erproben, um ihn vernünftig einzuschätzen.
Die Bräune kann die Kehle mit Wucherungen zieren, wie sie einem die
Gesundheit vorenthält. Das bedeutet Vielfalt und Fortschritt. Diese
Wucherung ist allerdings nur halb berechtigt, aber hieße es nicht ein
wenig zu gehn, wenn man sie verdammen wollte? Das hieße doch wohl ein
wenig in Unduldsamkeit verfallen."
Man wird sich dieses Schrecklichen und Lächerlichen bewußt, sobald es sich um Greifbares handelt.
Man mache sich doch klar, daß die Krankheit, die Wucherungen des
menschlichen Körpers, Myome, Krebs und anderes, die Folge einer
unsichtbaren Schrecknisse sind, die der Apostel die überschüssigen
Erzeugnisse der Sünde nennt. Man bedenke, daß körperliches Übel, dessen
Schrecknis man nicht leugnen kann, eine Folge, eine Spiegelung, ein
Merkmal des Irrtums und des unsichtbaren Übels ist. Was ist nun der
Irrtum, da er solche Kinder zeugt? Und dann bilde man sich gefälligst
ein Urteil über die Gleichgültigkeit die doch verlangt, der Irrtum
solle sein.
Der Teufel ist der Fürst des Überdrusses, der Verzweiflung und jeglichen Schmerzes.
Gott ist der Herr der Freude. So soll die Gleichgültigkeit auf sich selbst schauen und sich ihr Urteil sprechen!
Das wäre nun die rein geistige und die göttlichen Dinge angehende
Gleichgültigkeit. Die angewandte dagegen spricht etwa die folgende
Sprache: "Ich habe die Pest. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Pest
die Folge des Irrtums und des Übels ist. Man sagt es, und ich leugne es
nicht. Daß ich auf dem Wege zum Tode bin, ist gewiß; möglich ist, daß
ich auf dem Wege zur Hölle bin und daß all dies vom Irrtum kommt. Es
ist wahr: alles ist mir zum Überdruß geworden; mit dem Alter stumpfen
sich die Eindrücke ab, und der Tod wird kommen. Das ist ein
unangenehmer Gedanke. Wenn Gott mir aber vorschlüge, für einen
Augenblick diese langweiligen, eintönigen, lügenhaften, sterbenden und
tödlichen Dinge zu verlassen, die mich zu der gegenwärtigen
Verzweiflung und zur ewigen hinführen, und wenn er mir vorschlüge, ich
solle sie gegen das Leben, die Freude und die Seligkeit eintauschen, so
würde ich es ablehnen. Ich würde ihn überhaupt nicht anhören. Ich würde
meine Langweile weiterspielen und ihm sagen: 'Mach dich fort, Herr der
Verzückung und Fürst der Freude! Mach dich fort, Sonne, die sich erhebt
aus Fluten von Purpur und Gold! Fort, Majestät! Fort, Glanz! Mach dich
fort, der du blutigen Schweiß vergossen hast im Garten Ölberg! Fort du,
der verklärt ward auf Tabor! Fort, ich gehe ins Wirtshaus, wo ich mich
langweile.'"
"Und warum gehst du dorthin?"
"Weil ich es so gewohnt bin." |