56. Jahrgang Nr. 4 / Juli 2026
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1. Die Ereignisse der beiden letzten Jahre
2. LEBENSLAUF S.E. MGR. PIERRE MARTIN NGÔ-DINH-THUC
3. DIE BISCHOFSWEIHEN
4. EIN BRIEF VON BISCHOF MOISES CARMONA
5. LEBENSLAUF VON MGR. GEORGE MUSEY
6. BISCHOFSWEIHEN VON BRAVO, MARTINEZ, VEZELIS
7. EINIGE ANMERKUNGEN ZU DEN VON MGR. NGO-DINH-THUC UND MGR. CARMONA GESPENDETEN BISCHOFSWEIHEN
8. DIE WEIHE EINES BISCHOFS
9. DIE ANGRIFFE
10. DER FALL BARBARA
11. ERZBISCHOF PETER MARTIN NGO-DINH-THUC
12. ECONES WARNUNG AN TRADITIONALISTISCHE KATHOLIKEN BETREFFS FALSCHER HIRTEN
13. EIN SCHLECHTER PAPST
14. WIE DIE SCHEMATA ZUR LITURGIEREFORM UNTERZEICHNET WURDEN
15. UNSERE AKTIVITÄTEN
16. WO STEHEN WIR?
EIN SCHLECHTER PAPST
 
EIN SCHLECHTER PAPST


von
Eugen Golla


In gewissen 'traditionalistischen' Kreisen kann man immer wieder hören, daß wir seit über 20 Jahren schwache Päpste haben (als ob ein Willensschwacher imstande wäre, fast 2000 Jahre alte Strukturen zu zerstören!). Wer sich ganz 'radikal' gebärden will, wagt sogar zu behaupten, jetzt gäbe es leider nur schlechte Päpste. In diesem Zusammenhang wird dann meist Alexander VI. erwähnt und darauf hingewiesen, er sei trotz seiner Unwürdigkeit anerkannt worden. Folglich...

Aber so einfach darf man es sich nicht machen! Ein Arzt, der seine Kenntnisse nicht dazu anwendet, um den Kranken zu helfen, sondern um sie zu töten, verdient Mörder genannt zu werden und nicht schlechter Arzt. Ebenso kann man diejenigen, welche sich nach Pius XII. auf dem Stuhle Petri niedergelassen haben und die ihr Amt dazu benützen, um die Kirche zu zerstören, nicht als schlechte Päpste bezeichnen; die passende Bezeichnung wäre vielmehr Zerstörer der Kirche oder Seelenmörder.

Was versteht nun die Kirche unter einem schlechten Papst? - Eine alte Christenlehre 1) schreibt darüber u.a. folgendes: "Die Gegner der Kirche weisen nicht selten darauf hin, daß es unter den Päpsten viele schlechte gegeben habe, also Männer, die kein tadelsfreies, sittenreines Leben geführt haben... (Unterstreichung vom Autor) Darauf ist zu sagen, daß das Privatleben des Papstes und sein Amt zwei ganz verschiedene Dingesind. Auch David war in seinem Privatleben eine Zeit lang ein Sünder, sein Amt, sein Königtum war aber doch von Gott. (...) Gott hat es zugelassen, daß einige Päpste ein unheiliges Leben führten, wie das auch bei einem einfachen Priester vorkommen kann.(...) Das wenigstens ist noch nie vorgekommen, daß ein Papst jemals eine schlechte oder unsittliche Lehre, einen unsittlichen Grundsatz aufgestellt hätte." 2)

Betrachten wir nun kurz Alexander VI. (1492-1503), den Prototyp eines schlechten Papstes. Sämtliche Versuche zu seiner Ehrenrettung - und es gab solche immer wieder - mußten kläglich scheitern. Es steht vielmehr fest, daß er auch als Papst nicht die Kraft hatte, seine unsittliche Lebensweise aufzugeben. Versuche zur Umkehr, besonders nach der Ermordung seines Lieblingssohnes Juan, ja gelegentlich in aller Öffentlichkeit und in Briefen ausgesprochene Reue waren von keiner Dauer, über die Lasterhaftigkeit der Familie Borgia ist von kirchenfeindlichen Geschichts- und Geschichtenschreibern genüßlich übergenug geschrieben worden - meist noch unter freiem Walten der Phantasie und der Übertreibung. Nicht minder schweren Tadel verdient dieser Papst auch als Herrscher über den Kirchenstaat, da er wie ein weltlicher Regent reine Machtpolitik betrieb und schließlich in völlige Abhängigkeit von seinem Sohne Cesar geriet, dessen Ziel es war, mittels einer Schreckensherrschaft das Patrimonium Petri in ein erbliches Fürstentum der Borgia umzuwandeln.

Wichtiger ist es, einen kurzen Blick auf die innerkirchliche Tätigkeit Alexanders VI. zu werfen. Diese konnte natürlich infolge des Überwiegens rein weltlicher Interessen nicht so intensiv sein, wie es seiner Pflicht und seiner Begabung hätte entsprechen müssen. Da ist vor allem eine Bulle zu erwähnen mit sehr heilsaafen Bestimmungen über den Papst, die Beseitigung von Mißständen im Kardinalskollegium, die Reform der Apostolischen Kanzlei, das Verbot der Käuflichkeit der Ämter u.s.w. Leider blieb dies alles nur ein Entwurf.

Das Todesurteil über Savanarola wird von vielen deshalb als ganz besonders empörend empfunden, weil der sittenloseste Papst den sittenstrengsten Mönch richtete. Es darf aber nicht außer acht gelassen werden, daß Savanarola seinen Erfolg als Bußprediger dazu benützte, sich auf das Gebiet der Politik zu begeben, daß Alexander VI. erst nach langem geduldigen Warten zur Exkommunikation griff und der eifernde Mönch schließlich durch seine Konzilspläne, welche die Absetzung des Papstes zum Ziele hatten, ein Rebell und Schismatiker wurde.

Wie besorgt der Borgia-Papst um die Reinhiet der kirchlichen Lehre war, beweist das 1501 für Deutschland erlassene Censur-Edikt, das den Druck und die Verbreitung glaubensfeindlicher Schriften unter strenge Strafen stellte. Es ist dies die erste Bulle überhaupt, die sich mit dem wenige Jahrzehnte vorher erfundenen Buchdruck auseinandersetzte.

Für die damalige Zeit war auch der von Alexander VI vorgenommene Schiedsspruch über die Aufteilung der überseeischen Kolonialgebiete, insbesondere des eben entdeckten Amerika, unter Spanien und Portugal von großer Bedeutung; in kirchlicher Hinsicht deshalb, weil den Herrschern beider Länder gleichzeitig die Verpflichtung auferlegt worden war, für die Missionierung dieser Länder zu sorgen.

Zum Abschluß einige Sätze aus dem Werke des "Geschichtsschreibers der Päpste": "Mit vollster Unbefangenheit ergab er sich seinem lasterhaften Leben bis an sein Ende. Aber merkwürdig: Alexanders VI. Behandlung der rein kirchlichen Angelegenheiten hat zu keinem begründeten Tadel Anlaß gegeben, wie denn selbst seine erbittertsten Gegner in dieser Hinsicht keine weitergehenden speziellen Anklagen formulieren konnten. Die Reinheit der kirchlichen Lehre blieb unversehrt. Es war gleichsam, als ob die Vorsehung hätte zeigen wollen, daß die Menschen die Kirche wohl schädigen, aber nicht zerstören können." 3)

Anmerkungen:

1) Knor, Joh.B.: "Ausgeführte Christenlehre" I.Teil: Glaubenslehre, Rottenburg 1921,S.234.
2) Es gibt insgesamt etwa acht unwürdige, also schlechte Päpste, die meisten im 10. Jhrh., einige in der Renaissance-Zeit.
3) Pastor, Ludwig: "Geschichte der Päpste" 3.Bd., l.Abtlg, 1924, S.599.
 
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