DIE HÄRESIE DER TRADITIONALISTEN
von
S.E. Bischof Louis Vezelis OFM
(aus THE SERAPH April 1983; übersetzt von Eugen Golla)
Die große Mehrheit der Leute, die sich 'Traditionalisten1 nennen und
die gegen die furchtbaren und abscheulichen 'Modernisten1 kämpfen, sind
in Wirklichkeit nicht viel besser als ihre offenkundigen Feinde.
Während sie voll Eifer ihre eigene Rechtschaffenheit preisen, bemerken
sie nicht, daß sie selbst die katholische Lehre verleugnen, indem sie
sich der Leitung eines abgefallenen Priesters unterstellen und sich so
vom sakramentalen Leben der Kirche getrennt haben. Andre wieder,
betrogen durch das Drum und Dran der Tradition, folgten blindlings, und
so sind bis heute viele von ihnen beinahe hoffnungslos umgarnt von dem
Gewebe des Betrugs, das von solchen Männern gesponnen wurde, die nicht
einmal alle wirkliche Priester sind.
Die Häresie der 'Traditionalisten' ist verschieden. Die Grundlage
bildet aber immer die Ablehnung der Notwendigkeit, sich zur sichtbaren
Kirche zu bekennen. Natürlich wird man immer jede nur denkbare
Erklärung geben, um zu überzeugen, daß sie zur sichtbaren Kirche
gehören. Sie werden z.B. sagen, daß sie Johannes Paul II. als
rechtmäßigen Papst anerkennen. Das wird sie selbstverständlich
gefühlsmäßig sympathisch machen und rechtfertigen, daß ihre
unbedeutende kirchliche Tätigkeit ganz und gar jede kirchliche
Autorität ablehnt. Autorität? Sie werden versichern, daß es keine gäbe.
Oder sie werden dumm auf irgendeinen zweifelhaften Franzosen hinweisen,
dem es gelang, mehrere tausend Leichtgläubige zu überreden, daß er der
Bischof der röm.-kath. Kirche ist. Sie werden auf diesen Mann hinweisen
und sagen: "Er ist unsere Autorität."
Man könnte nun aber fragen: Gesetzt den Fall, dieser Mann ist wahrer
röm.-kath. Bischof. Wie kann er dann in der Weltgeschichte herumreisen,
ohne von den örtlichen Bischöfen eingeladen zu werden, andererseits
jedoch in jeder Diözese Gegen-Kirchen errichten? Die große Lüge besteht
darin, daß dieser Franzose vorgibt, diese lokalen Bischöfe zu
'respektieren'!
Was besonders fragwürdig bei dieser Art 'Traditionalismus' ist: der
betreffende Mann bildet sich ein, gleichsam der hl. Paulus zu sein, der
dem hl. Petrus vorwirft, auf dem falschen Weg zu sein. Der hl. Petrus
hat weder eine falsche Lehre verbreitet noch die rechtgläubige Lehre
verleugnet. Falls diese 'Traditionalisten' nicht mehr vorstellen, als
Verein für äußere Zeremonien, wäre es vielleicht erlaubt, diesen
französischen Herrn als eine Art verzogenes Kind mit übler Laune zu
betrachten. Wenn dies alles sein sollte, was hinter dieser sogenannten
'traditionalistischen Bewegung' steckt, dann kann man sicherlich sagen,
daß sehr viele um ihren Seelenfrieden und einen Großteil ihres
Kleingeldes gebracht worden sind. Was man auch immer über diese
'Traditionalisten' denken mag: es ist klar, daß mit diesen falschen
Vergleichen, welche nur die Rätsel fortsetzen, Schluß gemacht werden
muß und daß es um so dringender wird, diesen Betrug zu entlarven. Die
Namen des hl. Paulus, des hl. Pius X. und die röm.-kath. Kirche sind zu
lange von diesem Pseudo-Johannes von Are ausgebeutet worden. Die
Häresie solcher Traditionalisten besteht darin, daß sie die katholische
Religion auf das Niveau eines Fetischismus herabsetzen. Sie bauen ihre
Sekte auf den abgelegten Gewändern und Meßbüchern der wahren
apostolischen Kirche auf, der sie in scheinbarem Gehorsam nicht
gehorchen.
Bezeichnend für die Widersprüche dieser nach dem II. Vatikanischen
Konzil entstandenen seltsamen Sekte ist es, daß sie die
widersprüchlichste aller Sekten ist, denen man in der
Religionsgeschichte begegnet. Sämtliche anderen Sekten stellen klar
ihre Lehren heraus, und es ist daher eine bestimmte Logik in ihren
irrtümlichen Meinungen. Wenn es indessen bei dieser Sekte, deren
Oberhaupt Marcel Lefebvre ist, etwas sicheres gibt, so ist es die
Flexibilität ihrer Lehrsätze und ihrer Angehörigen. Dies ist das
klassische Beispiel der marxistischen Dialektik, angepaßt an die
Religion: zwei Schritte vorwärts, einen zurück. Nicht weit hinter
diesen 'röm.-kath.' Hari Krischnas, kann man viele 'unabhängige'
Kapellen mit ihren 'treu-kath.' verschanzten traditionalistischen
Führern finden. Und was könnte mehr 'katholisch' sein als dies? In
Wirklichkeit nichts; denn nichts ist hier katholisch oder traditionell,
nur die äußeren Zeremonien. Wäre es nicht eine furchtbare Enttäuschung
für die, welche vielleicht einst aufwachen werden, zu entdecken, daß
wieder einmal ihr ganzer 'traditionalistischer Glaube' nichts weiter
als ein schlauer Trick eines verärgerten Priesters war, der alles nur
mit seiner eigenen Autorität machen wollte? Dies wäre ein hoher Preis,
der in dieser und der kommenden Welt zu zahlen wäre für die Eitelkeit
irgend eines Individuums. Ich für meinen Teil möchte nicht meine
Bestimmung für die Ewigkeit in die zweifelhaften und dunklen Hände
irgend eines solchen Menschen legen. Entweder besteht eine Krise des
Glaubens und der Moral in der Kirche, oder nicht. Wenn ja, dann müßte
es für einen Durchschnittsmenschen klar sein, was zu tun ist. Wenn es
keine Krise des Glaubens und der Moral gibt, wenn die Kardinale in Rom
schlicht und einfach Liberale und nicht völlige Häretiker, die Bischöfe
auch einfach Liberale und nicht Bilderstürmer und protestantische
Schleppträger sind, dann muß man wahrheitsgemäß sagen, daß dieser ganze
'traditionalistische' Zauber nichts mehr als ein riesiger Zirkus mit
kirchlichen Clowns ist, welchen die Leichtgläubigkeit und Begeisterung
des Volkes für die Zirkusveranstaltung ein bequemes Leben ermöglicht.
Das ist anscheinend die Haupthäresie der 'Traditionalisten'. |