DIE PASTORAL-REGELN DES HL. PAPSTES GREGOR D.GR.
(übers. von Benedikt Sauter O.S.B., Freiburg 1904)
GREGORIOS AN SEINEN HOCHWÜRDIGSTEN UND HEILIGSTEN MITBRUDER,
DEN BISCHOF JOHANNES.
In wohlwollender und demutsvoller Absicht tadelst du, teuerster
Mitbruder, daß ich der Bürde des Hirtenamtes entfliehen wollte, indem
ich mich verbarg. Damit aber keinem diese Bürde als etwas Leichtes
erscheine, so will ich in gegenwärtigem Buche alles sagen, was ich über
die Schwere einer solchen Bürde denke. Wer vom Hirtenamt noch frei ist,
wird sich alsdann hüten, unbedachtsam danach zu verlangen. Wer aber
schon unvorsichtig nach demselben getrachtet, mag zittern, es erlangt
zu haben.
In vier Abhandlungen ist diese Schrift geteilt, um durch geordnete
Darlegung gleichsam schrittweise im Geist des Lesers Eingang zu finden.
Denn also fordert es die Ordnung der Dinge: Man muß wohl überlegen, wie
man zur Höhe des Hirtenamtes aufsteige, und wenn man rechtmäßig dazu
gekommen, wie man leben, dann wie man recht lebend lehren, und endlich
wie man recht lehrend täglich in ernster Betrachtung die eigene
Schwäche sich zu Gemute führen solle. Beim Amtsantritt darf die Demut
nicht fehlen, der Amtsführung aber das Leben nicht widersprechen, mit
dem Leben muß die Lehre in Einklang stehen und die Anmaßung darf die
gute Lehre nicht verderben. Zuerst also muß die Furcht das Verlangen
nach dem Hirtenamte mäßigen, hernach soll ein gutes Leben das ungesucht
übernommene Amt empfehlen; dann muß das Gute, das im Leben des Hirten
sich zeigt, auch durch das Wort weiterhin verbreitet werden. Endlich
ist es notwendig, daß der Hirte auch bei der vollkommensten Lebensweise
die Demut nicht verliere und stets seiner eigenen Schwachheit eingedenk
sei, damit nicht eitle Selbstüberhebung vor des geheimen Richters Augen
die guten Werke ihres Verdienstes beraube.
Weil aber sehr viele, mir an Unerfahrenheit ähnlich, an sich selbst
nicht den richtigen Maßstab zu legen verstehen und darum lehren wollen,
was sie nicht gelernt haben, und die Bürde des Hirtenamtes um so
geringer anschlagen, je weniger sie deren ungeheure Größe kennen, so
sollen diese gleich im Anfange dieses Buches ihre Zurechtweisung
empfangen. Weil sie ungelehrt und voreilig die Lehrkanzel besteigen
wollen, sollen sie gleich zu Beginn unserer Abhandlung von ihrem kecken
Wagnis abgeschreckt werden.
1. UNERFAHRENE SOLLEN ES NICHT WAGEN, DAS LEHRAMT ANZUTRETEN!
Niemand maßt sich an, eine Kunst zu lehren, bevor er dieselbe mit
aufmerksamer Sorgfalt erlernt hat. Wie groß ist also die Verwegenheit
jener, die unerfahren und ununterrichtet ein Hirtenamt übernehmen, da
die Seelenleitung die größte Kunst, die Kunst der Künste ist! Denn wer
wüßte nicht, daß die Seelenwunden tiefer liegen als die Wunden des
Leibes? Und doch gibt es viele, welche die Gesetze des Geistes gar
nicht kennen, sich aber trotzdem nicht scheuen, für Seelenärzte sich
anzusehen, während sie sich schämen würden, für leibliche Ärzte zu
gelten, ohne die Kraft der Arzneien zu kennen.
Weil aber durch Gottes Fügung jetzt alles, was in der Welt hochsteht,
in Ehrfurcht der christlichen Religion sich zuneigt, so gibt es manche,
die in der hl. Kirche durch den Glanz des Hirtenamtes nach Ehre und
Ruhm streben; sie möchten als Lehrer angesehen werden, über andere
hervorragen und, wie es in der hl. Schrift heißt (Mt. 23,6 f.), die
ersten Ehrenbezeugungen auf dem Markte empfangen, die ersten Plätze bei
den Gastmählern einnehmen, die ersten Lehrstühle in den Versammlungen
besetzen. Solche vermögen das übernommene Hirtenamt um so weniger
würdig zu verwalten, je mehr sie lediglich der Hochmut zum Lehramte der
Demut geführt hat. Muß doch die Zunge beim Lehramte stocken und in
Verwirrung geraten, wenn man anderes und mehr lehren will, als man
gelernt. Über die, welche so handeln, klagt der Herr beim Propheten
Oseas (8,4): "Sie waren Könige, aber nicht durch mich, Fürsten, aber
ohne mein Wissen". Durch sich selbst nämlich und nicht nach dem Willen
des obersten Königs - regieren diejenigen, welche nicht auf Grund ihrer
Tugenden und nicht kraft göttlicher Berufung regieren, sondern von
Ehrgeiz entflammt den Gipfel der Regierungsgewalt vielmehr an sich
reißen, als rechtmäßig ersteigen. Solche läßt der göttliche Richter,
der die Herzen erforscht, zwar zur Höhe gelangen, kennt sie aber doch
nicht, er duldet sie nur vermöge seiner Zulassung, kennt sie aber
nicht, weil er über sie das Verdammungsurteil fällt. Deshalb spricht er
zu einigen, die zu ihm kommen, nachdem sie Wunder gewirkt: "Weichet von
mir, ihr Übeltäter, ich weiß nicht, wer ihr seid" (Lk. 13,27). Die
Unerfahrenheit der Hirten wird durch die Stimme der Ewigen Wahrheit
getadelt, da sie durch den Propheten spricht: "Die Hirten selbst hatten
keine Erkenntnis" (Is. 56,11). Und anderswo zeigt der Herr seinen
Abscheu gegen sie, indem Er spricht: "Auch die das Gesetz in den Händen
hatten, kannten mich nicht" (Jer. 2,8). Es klagt also die Ewige
Wahrheit, daß sie von diesen nicht erkannt werde und beteuert, daß auch
sie - die Ewige Wahrheit - von dem Vorsteheramt solcher nichts wissen
wolle. Denn fürwahr von denjenigen, welche nicht kennen, was der Herr
ist, will auch der Herr nichts wissen, gemäß den Worten des Apostels
Paulus (1 Kor. 14,38): "Wer selbst nicht erkennt, der wird auch nicht
erkannt werden".
Häufig indes ist die Unwissenheit der Hirten eine gerechte Strafe für
die Schuld der Untergebenen. Denn obgleich jene aus eigener Schuld das
Licht der Wissenschaft nicht besitzen, so ist es doch die Folge eines
strengen Gerichtes, wenn durch ihre Unwissenheit auch diejenigen
Schaden leiden, die sich nach ihnen richten. Daher heißt es im
Evangelium: "Wenn ein Blinder den Blinden führt, so fallen beide in die
Grube" (Mt. 15,14). Darum spricht auch der Prophet nicht etwa bloß im
Sinne eines Wunsches, sondern als amtliche Weissagung: "Es sollen sich
umdunkeln ihre Augen, daß sie nicht sehen, und ihren Rücken krümmen
allezeit" (Ps. 68,24). Unter den Augen sind jene zu verstehen, welche,
in den Vordergrund der Ehre gestellt, die Aufgabe haben, den andern den
Weg zu zeigen; diejenigen aber, welche ihnen anhängen, werden unter dem
Gleichnisse des Rückens dargestellt. Wenn also die Augen verfinstert
werden, dann beugt sich der Rücken; das will sagen: wenn die
Vorgesetzten das Licht der Erkenntnis verlieren, so krümmt sich der
Rücken der Untergebenen, um die Last der Sünden zu tragen.
2. DAS HIRTENAMT SOLL NICHT ÜBERNEHMEN, WER IM LEBEN NICHT AUSFÜHRT, WAS ER IN DER BETRACHTUNG ERKANNT HAT.
Es gibt solche, welche mit emsiger Sorgfalt die Gesetze des geistlichen
Lebens erforschen, aber durch ihr Leben eben das mit Füßen treten, was
sie mit ihrem Verstande erfaßt haben. Eilfertig lehren sie, was sie in
der Betrachtung erkannt, im Werke aber nicht geübt haben, und es
geschieht, daß sie durch ihr Verhalten dasjenige bekämpfen, was sie mit
dem Munde lehren. So kommt es, daß der Hirte auf der Kante des steilen
Abgrundes dahinwandelt, während die Herde ihm zu jähem Sturze
nachfolgt. Darum klagt der Herr durch den Propheten über diese
bejammernswerte Wissenschaft der Hirten: "Nachdem ihr das klarste
Wasser getrunken, habt ihr, was übrig blieb, mit euren Füßen getrübt.
So hatten meine Schafe zur Weide, was eure Füße zertraten; und was eure
Füße trübten, das tranken sie" (Ez. 34, 18 f.). Das reinste Wasser
trinken die Hirten, wenn sie die Ströme der Wahrheit in richtigem
Verständnis in sich aufnehmen - sie "trüben jedoch dieses Wasser mit
den Füßen", wenn sie die Erkenntnisse heiliger Betrachtung durch ein
schlechtes Leben zu Grunde richten. Die Schafe aber, d.s. die
Untergebenen, "trinken das durch die Füße der Vorgesetzten getrübte
Wasser", indem sie nicht den Worten folgen, die sie hören, sondern nur
die schlechten Beispiele nachahmen, die sie sehen. Bei ihrem Durste
nach dem Worte genießen sie also aus verdorbenem Wasser Kot im Tranke,
da sie durch das Beispiel irre geführt werden.
Daher steht beim Propheten geschrieben: "Ein Fallstrick des Verderbens
für mein Volk sind schlechte Priester" (Os. 5,1; 9,8). Und wiederum
sagt der Herr durch den Propheten: "Sie sind dem Hause Israel ein
Anstoß zur Sünde geworden" (Ez. 44,12). Denn niemand schadet mehr in
der Kirche Gottes, als wer bei verkehrter Handlungsweise den Namen und
Stand der Heiligkeit an sich trägt. Ihn wagt niemand als Sünder
zurechtzuweisen; die Sünde aber wird dann ein überaus verführerisches
Beispiel, wenn der Sünder wegen der Würde seines Standes geehrt wird.
Gewiß würden alle Unwürdigen (Priester) die Last einer so großen
Verantwortung fliehen, wenn sie mit aufrichtigem Herzen den Ausspruch
der ewigen Wahrheit bedächten: "Wer eines von diesen Kleinen, die an
mich glauben, ärgert, dem wäre es besser, daß ihm ein Mühlstein an den
Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde" (Mt. 18,6).
Der Mühlstein bedeutet nämlich den mühevollen Verlauf des weltlichen
Lebens, und die Tiefe des Meeres bezeichnet die schrecklichste
Verdammnis. Wer also seinem Stande gemäß als heilig erscheinen sollte
und die Seelen anderer, sei es durch Wort oder Beispiel, verwüstet, für
den wäre es in der Tat besser, wenn er durch ein sündhaftes Treiben in
weltlichem Stande dem Tode verfiele, als daß ein heiliges Amt ihn
andern als Vorbild der Sünde vor Augen stellte. Denn wenn er nur allein
fiele, so würde ihn immerhin eine noch erträglichere Höllenstrafe
peinigen.
(Fortsetzung folgt)
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