WORTE DER WEISHEIT
von
I. M. Wiseman
(aus THE SERAPH Januar 1983; übersetzt von Eugen Golla)
Viel ist darüber geschrieben und gesprochen worden, was die Katholiken
glauben müssen. Manches hiervon ist korrekt, manches unkorrekt. Einige
Leute werden erleuchtet von dem Glauben, den sie frühzeitig lernen,
andere versinken wieder in tiefe Dunkelheit durch den einfachen Irrtum
der einen und die wohlüberlegte Falschheit der anderen.
Da gab es Erläuterungen der Irrtümer in dem sog. 'N.O.M.' eine ganze
Zeit hindurch. Man könnte nun meinen, diese Angelegenheit sei damit
seit langem erledigt. Das gleiche trifft hinsichtlich der (neuen)
Sakramentsriten zu. Da sollte es heutzutage keinen Zweifel bei einem
Katholiken von durchschnittlicher Intelligenz mehr geben, was sich in
der (ehemals) katholischen Kirche abgespielt hat. Indessen sind die
Tatsachen anders als solch ein Standpunkt von Seiten des gesunden
Menschenverstandes.
In Wahrheit gibt es vielmehr ein endloses und scheinbar hoffnungsloses
Hin- und Herplappern zwischen nur dürftig informierten und ganz und gar
hartnäckigen Menschen und anderen. Glauben Sie, lieber Leser, daß es
sich hier um einen Mangel an Information und Verständnis in der ganzen
Materie handelt? Wenn ja, dann sind Sie selbst nicht besonders
aufmerksam hinsichtlich dessen gewesen, was sich wirklich zugetragen
hat.
Eine Frage: Hat man in all diesem Austausch von Ideen und Informationen
jemals etwas gehört von übernatürlichem Gehorsam? Ich muß eingestehen:
ich nicht. Ich hörte, daß nur dann Gehorsam erwähnt wurde, wenn
diejenigen, welche Autorität innehatten, wünschten, daß ihnen gehorcht
werde. Abgesehen von dem fanatischen Gehorsam des Lefebvre-Kultes habe
ich von nichts gehört oder nichts gesehen, was auch nur gefährlich nahe
an den katholischen Gehorsam herankäme.
Das Herz der Messe ist der Gehorsam. Jesus Christus war gehorsam bis in
den Tod, ja bis in den Tod am Kreuze. Das Opfer der Messe ist die
Fortsetzung des ursprünglichen Gehorsamsaktes Christi.
Jeder, der diesen Punkt ausläßt - und die große Mehrheit der
'traditionalistischen' Priester und Laien hat dies getan - verspottet
Christus, indem er vorgibt, die Messe zu retten, während er zugleich im
Ungehorsam gegenüber der kirchlichen Autorität verharrt. Gehorsam ist
so wichtig für eine gute Ordnung im mystischen Leibe Christi und in
jeder Gemeinschaft dieser Art, daß er das Thema von ständiger Ermahnung
ist: Liebe. Denn richtiger Gehorsam ist in der Tat handelnde Liebe.
Gott lieben, heißt, Ihm gehorchen. Als Christus Petrus fragte: "Liebst
du mich?" bedeutete es: "Willst du mir gehorsam sein?" Später
wiederholt Christus dies, wenn Er sagt: "Wenn du mich liebst, wirst du
meine Gebote halten."
Ich frage noch einmal: Wie können solche, die von sich behaupten, sie
kämpften für die wahre Messe, sich so ungehorsam zeigen, daß sie den
Kindern Satans ähnlicher sind als den Kindern Gottes? Ich sah das
Gesicht mancher dieser Lefebvre-Sektierer, die aufgestachelt wurden von
dem fragwürdigen 'Klerus', der darauf besteht, diesen Gläubigen die
Messe zu bringen. Wenn der Pfarrer von Ars sie sehen würde, könnte er
ohne Zweifel erkennen, wie die blaue Flamme Satans sie umgibt.
Christus hat einige seiner Diener den andern vorgesetzt. Der hl. Paulus
schreibt im Briefe an die Hebräer (Hebr. 13,17): "Gehorcht euren
Vorstehern und ordnet euch unter; denn sie wachen über eure Seelen, um
Rechenschaft zu geben. Mögen sie dies mit Freude tun und nicht mit
Seufzen; denn dies wäre euch nicht von Nutzen."
Was der hl. Paulus sagt, ist, daß nicht jedermann auserwählt und
gemacht zum Prälaten ist und daß es daher konsequenterweise nicht für
jeden zweckmäßig sein kann, den Prälaten zu spielen. Die ersten
Bischöfe haben daher mit Recht und mit vollem Nachdruck auf ihrer
Pflicht und ihrer Verantwortung bestanden, war es doch Christus, der
sie über die Kirche gesetzt hat, um über die Seelen der anderen zu
wachen. Christus wirkt durch sie und nicht durch andere. Er selbst
warnte: "Wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich
verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat." (Lk. 10,16)
Christus sagt also: "Wer euch hört, der hört mich." Hören bedeutet
gehorchen. Unglücklicherweise gelangt viel von Christi Lehre an
verstopfte Ohren, gelangt an Ohren, die nach fremden Lehren verlangen.
Das chinesische Schriftzeichen für "heilig" setzt sich aus drei Zeichen
zusammen: Ohr, Mund und König. Der Heilige ist der, welcher auf die
Worte seines Meisters hört. Wie einfach und wirkungsvoll! Hören und
nicht gehorchen heißt verachten. Denjenigen zu verachten, der von
Christus gesandt ist, bedeutet Christus selbst verachten.
Wie sollen wir nun wissen, w e m wir zu gehorchen haben? Die
Antwort darauf ist nicht so schwer als wie es den Anschein hat. Ein
wenig Aufrichtigkeit und guter Wille werden helfen, die Antwort zu
vereinfachen. Christus gründete Seine Kirche auf einer festbestimmten
Hierarchie. So wie eine Armee sich aus verschiedenen Offiziersrängen
zusammensetzt und wie jede Gesellschaft ihre Rangordnung hat, so hat
die katholische Kirche ihre Rangordnung. Man kann sicher behaupten, daß
Christus nicht diese Art Anarchie, die wir schimpflich als den
'traditionalistischen' römischen Katholizismus in Parade aufmarschieren
sehen, beabsichtigt hat. Eher erinnert diese Szene von heutzutage -
ausgenommen diese begnadeten Priester, die nicht zögerten, sich den
Bischöfen anzuschließen - an die Frühzeit Amerikas, als widerspenstige
Priester unverschämt den Bischöfen den Gehorsam verweigerten und ihre
eigenen kleinen Gruppen errichteten und so 'Gruppenführer' wurden,
während Laien bischöfliche und priesterliche Rechte in Anspruch nahmen,
um die zeitlichen Güter der Kirche zu verwalten, wodurch sie die in der
Geschichte als "Trusteismus" bekannte Krise verursachten. In diesem
Fall konnten ungehorsame und nicht befähigte Laien nur deshalb Erfolg
haben, weil abgefallene Priester sie in ihrem Aufstand gegen die
Autorität unterstützten.
Daß manche ihr Schisma entschuldigen durch Bezugnahme auf die
außergewöhnlichen Zeiten, ist kein vollwertiges Argument. Diese gültig
geweihten Priester - wo auch immer sie sein mögen - sind verpflichtet,
die rechte Ordnung in der Kirche aufrecht zu erhalten, bis zu der Zeit,
in der Gott wieder für Bischöfe sorgen würde. Das Versagen dieser
Priester, aus welchem Grunde auch immer, diese schwere Pflicht zu
übernehmen, ist die Hauptursache für die Anarchie, die wir heute bei
denen feststellen, die sich in Wirklichkeit unter der Maske der
Latinität selbst protestantisiert haben.
Was kann man über die sagen, welche von der "wahren Messe", den "wahren
Sakramenten" und dem "wahren Glauben" sprechen? Was soll man über die
sagen - Kleriker und Laien -, welche denken, Gott zu gefallen und
Seelen zu retten, indem sie respektvollen und demütigen Gehorsam denen
verweigern, die Gott und Christus über sie gesetzt hat? Die Antwort
sollte für jeden Katholiken klar sein. Das sind die, welche weiterhin
Katholiken, welche in der Abwicklung der kirchlichen Angelegenheiten
keine Erfahrung haben, irre führen. Sie zwingen Vorschriften auf, die
sie selbst gemacht haben, während sie - aus verschiedenen Gründen - die
allezeit festgesetzten Vorschriften der katholischen Kirche, die als
das kirchliche Recht bekannt sind, ablehnen. Christi Willen ist uns
immer bekannt gemacht worden durch die Gesetze der Kirche. Falls es
dann einen Zweifel geben sollte, ist die lebende Autorität der Bischöfe
aufgerufen, die Angelegenheit zu schlichten. Bei der Konsekration eines
Bischofs wird nämlich gesagt, daß es des Bischofs Pflicht sei, zu
lehren und zu richten. Kein Priester erhielt diese Ermahnung anläßlich
seiner Weihe. Indessen findet man viele, welche die übernatürlichen
Dimensionen der Kirche vergessen und sich so übereilt den Tadel des hl.
Paulus zuziehen.
Herr Dr. Hugo Maria Kellner, der sehr positive Beiträge in seinen
ehrlichen Schriften über die Krise der Gegenwart geliefert hat, wies
darauf hin, daß eines der größten Hindernisse für das Leben und das
Wachstum der wahren röm.-kath. Restkirche bei denen liegt, welche sich
selbst als 'Traditionalisten' bezeichnen. Leider ist dies nur zu wahr.
Gehorsam gegenüber der Autorität der Kirche - als entgegengesetzt dem
Gehorsam gegenüber denen, welche die katholische Kirchen und Büros
besetzt halten - benötigt Gnade. Diese wird gewährt durch die
Sakramente und das Opfer der Messe, richtig verwaltet durch Priester,
die mir der göttlich vorgesehenen Ordnung in Gemeinschaft leben.
+ + +
ANMERKUNG DER REDAKTION:
Ich darf hier noch einmal wiederholen, was ich als Anmerkung zu der
Erklärung I.E. Mgr. Musey und Mgr. Vezelis O.F.M. in EINSICHT XIII(lo8)
vom Aug. 1983 geschrieben habe: Die neuen Bischöfe besitzen (noch)
keine eigentlich Jurisdiktionellen Vollmachten über ein bestimmtes
Territorium (Diözese). Das hängt damit zusammen, daß die Weihen dieser
Bischöfe ohne das normalerweise notwendige päpstliche Mandatum - in
einer Notsituation erfolgten, um primär die apostolische Sukzession zu
retten. Derjenige, der eigentlich jurisdiktionelle Amtsvollmachten
verleihen kann, ist der Papst, dessen Stuhl jedoch z. Zt. vakant ist,
da er von einem (illegitimen) Okkupanten besetzt ist. Dennoch ist es
moralische Pflicht jedes rechtgläubigen kath. Priesters und Laien,
unter diesen Bischöfen auf die umfassende Wiederherstellung der Kirche
hinzuarbeiten und ihre bischöfliche Autorität anzuerkennen (in einem
pastoralen Sinn). Das beliebte Weiterwursteln, besonders der sog.
'traditionalistischen' Priester, auf eigene Rechnung - das ist wörtlich
gemeint - bringt all jene in die Nähe von Sektierern.
Eberhard Heller |