AUF DEM WEG ZUR 'RECHTEN' EINHEIT
(aus einem Dokument der modernen Kongregation für die Ostkirchen
(Würzburg, Chur, Fribourg, Salzburg), ein Predigtvorschlag über die
Einheit der Kirche; zit. nach UVK 12/82)
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Wer ist die wahre Kirche?
Es ist durchaus nicht schlimm, wenn sich das Christentum in
verschiedenen Ausprägungen darstellt. Das ist im Gegenteil
wünschenswert, damit die Nicht-Christen erkennen, daß auch sie mit
ihrer Lebensart in dieser Religion Platz haben könnten. Schlimm ist
nur, daß das in Konfessionen zerfallene Christentum sich solange selbst
bekämpft hat. Katholiken, Protestanten und Orthodoxe sprachen einander
ab, die wahre Kirche zu sein und in der unverfälschten Nachfolge Jesu
zu stehen. Besonders Hartnäckige denken auch heute noch so. Hier liegt
jedenfalls die größte Schwierigkeit: wer ist die wahre Kirche Jesu
Christi? Wir Kaholiken haben früher gelernt, daß nur die katholische
Kirche mit dem Papst an der Spitze die wahre und alleinige Kirche ist.
Aber auch die anderen haben gelernt, daß nur sie die wahre Kirche sind.
Wenn nach dieser Auffassung die Einheit nur zustande kommen kann, wenn
die Verirrten zu den rechtgläubig Gebliebenen zurückkehren, dann müßten
wir Katholiken folgerichtig beten, daß alle katholisch, die
Protestanten, daß alle protestantisch, und die Orthodoxen, daß alle
orthodox werden. Der Heilige Geist kann sich dann aussuchen, welches
Gebet er erhören will. Es ist ziemlich sicher, daß er keines dieser
Gebete erhören wird. Aber eine erste Erhörung unserer Gebete um die
Einheit liegt wohl schon darin, daß sich in allen drei großen
Konfessionen immer mehr die Einsicht durchsetzt, daß der Weg der
Unterwerfung der einen unter die anderen nicht gangbar ist, daß die
Einheit auf eine ganz andere Weise langsam wachsen muß und wachsen
wird.
Christus das Haupt - Wir die Glieder
Wie sieht dieser andere Weg aus? Er beginnt mit einer Besinnung
darüber, was Kirche eigentlich ist. Kirche kommt vom griechischen Wort
Kyriake, was soviel heißt wie "dem Herrn gehörige Gemeinde". Noch
deutlicher kommt das Wesen der Kirche zum Ausdruck im griechischen
Ekklesia, was bedeutet "herausgerufene, zusammengerufene Gemeinde".
Kirche ist also das Zusammengerufensein von Menschen unter dem einen
Haupt Christus. Wenn Christus das Haupt ist, dann bilden die unter ihm
Zusammengerufenen den dazugehörigen Leib mit seinen vielen Gliedern.
Ausführlich schildert Paulus in der Lesung des heutigen Tages diesen
Zusammenhang. - In dieser Kirche haben alle Platz: alle Rassen, alle
Völker, alle Kulturen, alle sozialen Schichten. Eine solche Kirche, die
alle und alles umfaßt, verdient den Namen "allumfassend", zu griechisch
"katholisch".
Der Leib wächst noch
Da nun aber eine Vereinigung von Menschen nie etwas Starres, ein für
allemal Festliegendes, sondern etwas Dynamisches, Lebendiges, sich
immer wieder Veränderndes ist, so kann sich auch das Wesen der Kirche
nicht darin erschöpfen, unveränderliche Organisation zu sein, sondern
Kirche ist auch etwas, das sich immer wieder neu ereignet. Damit ist
auch gesagt, daß Kirche nie auf einmal alle in ihr liegenden
Möglichkeiten verwirklichen kann und auch nie verwirklicht hat, auch
nicht die katholische Kirche. Ja, wir haben heute noch keine Ahnung,
was die Saat des Menschensohnes noch alles an unentdeckten
Möglichkeiten in sich birgt. Viele davon sind durch menschliche
Blindheit und Unzulänglichkeit verhindert worden. Aber auch dieses
schuldhafte Verhalten gehört zum Wesen der Kirche, die eine Kirche der
Sünder ist. Schlimm wird es erst, wenn diese Schuld nicht mehr als
Schuld gesehen wird.
Neue Möglichkeiten
Wenn wir fragen, was bedeutet das für uns, dann ergeben sich einige
recht eindeutige Konsequenzen. Grundlage einer neuen Einstellung zum
Thema "Einheit der Christen" ist die Einsicht, daß die Kirche kein
fertiges Haus ist, das höchstens quantitativ ausbaufähig ist, sondern
daß sie infolge der vielen unverwirklichten Möglichkeiten auch
qualitativ noch wachsen kann. Daraus ergibt sich: jede Konfession muß
der anderen zugestehen, daß diese eventuell einige Qualitäten und
Möglichkeiten besser verwirklicht hat. Eine weitere Konsequenz ist die
Einsicht, daß die kleinen Leute mit der Bewegung auf Einheit hin nicht
zu warten brauchen, bis Kirchenführer und Theologen den letzten
Streitpunkt ausgeräumt haben werden - das wird wahrscheinlich nie der
Fall sein -, sondern sie können von unten her, von der Basis, Einheit
verwirklichen, wo immer die Gelegenheit sich bietet, ohne daß sie dabei
ihre eigene Konfession mit all ihren Traditionen zu verleugnen
brauchen. Ob nämlich Einheit unter den Christen sein wird, hängt nicht
nur von den Hirten ab, sondern auch von der Herde. Wie die
Kirchengeschichte mehrmals gezeigt hat, kommt Einheit nicht nur dadurch
zustande, daß Päpste, Patriarchen und Theologen Unionsdekrete
unterschreiben, wenn das Volk nicht mitmacht. So war es beim
Unionskonzil von Florenz-Ferrara 1439. Heute ist es eher umgekehrt:
viele Gläubige aller Konfessionen wünschen sich eine schnellere Gangart
ihrer Hirten in Richtung auf die Einheit.
Grund zur Hoffnung
Können wir also überhaupt auf die Einheit im Glauben hoffen? So wie die
Einheit fast unmerklich im Lauf des ersten Jahrtausends zerbrochen ist,
so wird sie wieder zusammenwachsen, wenn alle das wirklich wollen.
Vielleicht werden dann am Ende des zweiten Jahrtausends die Christen
mit Freude feststellen: wir brauchen die Einheit nicht mehr zu
beschließen, sie ist bereits da!
Kommentar unnötig!!! |