ERSTER PASSIONSSONTAG
von
S.E. Bischof Louis Vezelis OFM
übers. von Eugen Golla
Liebe katholische Gläubige,
jedes Jahr sind wir Zeugen des Verrates an Jesus Christus, Seines
demütigen Leidens an Leib und Seele und schließlich des höchsten Aktes
Seines Gehorsams gegenüber Gott: Seiner Kreuzigung. Drei Tage später
stand Er, wie Er es vorhergesagt, von den Toten wieder auf.
Unsere wahre Fastenzeit setzt sich für jeden von uns fort, bis wir
diese Welt verlassen haben und unsere Augen in der Ewigkeit wieder
öffnen. Jesus Christus leidet und stirbt nicht mehr in Seinem
menschlichen Körper. Er vermag nicht wiederum zu leiden und zu sterben.
Es ist aber ein großes Mysterium unseres heiligen Glaubens, daß wir,
die lebenden Glieder Seines mystischen Leibes, wir, die katholische
Kirche, die gleiche Demütigung und den gleichen mystischen Tod erleiden
müssen, wie einst Christus an Seinem eigenen Leibe.
Jesus hat oft vom Kreuz gesprochen. Er sagte, daß jeder, der Sein
Jünger sein wolle, täglich sein Kreuz auf sich nehmen und Ihm
nachfolgen müsse. Nichts hat sich an diesem ursprünglichen Plan und
Vorhaben Gottes geändert. Jesus kann allerdings nur im mystischen Sinne
in und durch uns leiden, die wir die Glieder Seines mystischen Leibes,
der Kirche, sind.
Wenn wir gedankenvoll die gegenwärtige Lage der Kirche betrachten,
nicht als eine Einrichtung abstrakter Ideen, sondern als eine Realität,
die sich aus vielen menschlichen Geschöpfen zusammensetzt, können wir
sehen, daß wir dasselbe leiden, was Jesus an Seinem menschlichen Körper
erlitt.
Was jetzt insbesondere wichtig ist, ist zu verstehen, daß wir - die
Glieder am mystischen Leibe Jesu Christi (als einzelne Individuen und
als eine Vereinigung von Individuen) - die Passion Jesu Christi
erleiden. Dieser Passionssonntag soll uns daran erinnern, daß wir
gegenwärtig dem mystischen Leibe Satans gegenüberstehen: den modernen
Pharisäern. Wir erdulden Leiden von ihnen wie einst Christus: wir sind
die Opfer ihres abscheulichen Stolzes, wir sind das Opfer ihrer
satanischen Heuchelei, wir sind die Opfer ihres satanischen Verrates an
Christus.
Stimmt es nicht, daß wir, die Repräsentanten der wahren röm.-kath.
Kirche, angegriffen, verleumdet, verspottet, geschmäht werden und daß
man von uns behauptet, wir seien vom Teufel besessen? Betrachtet doch
gerade diejenigen, die sich auf Seiten der Pharisäer befinden. Ihr
werdet an ihnen allen ein charakteristisches Merkmal finden, und dies
ist der teuflische Stolz!
Vernehmen wir nicht das 2000 Jahre alte Echo der ersten Pharisäer:
"Sagen wir nicht mit Recht, daß Du ein Samariter (Feind der Juden) bist
und einen bösen Geist hast?" Sind dies nicht die Worte, welche so viele
moderne, getaufte pharisäische Priester über die wahren Nachfolger der
Apostel sagen? Sind dies nicht die Worte, welche die gedankenlosen
Anhänger dieser Pfarisäer des 2o. Jahrhunderts wiederholen? Als Jesus
allein und verlassen vor den Juden stand, litt er da nicht für die
Wahrheit, während diese Kinder des Teufels ihre Lügen ausspien? Was
können sie heute antworten, wenn diese geistigen Kinder der Pharisäer
dieselbe Anklage gegen die Diener Jesu Christi wiederholen? Die einzige
Antwort kann sein: "Nein, wir haben nicht den Teufel - ihr habt ihn!"
Und so stehen sich der mystische Leib Satans und der mystische Leib
Christi gegenüber. Es ist daher notwendig zu beobachten, daß eben
diejenigen, welche Glieder des mystischen Leibes Satans geworden sind,
darauf bestehen und es beweisen wollen, daß sie die "Kinder Abrahams"
sind. Aber betrachtet sorgfältig, was Jesus Christus diesen 'Kindern
Abrahams' antwortet, er sagt zu ihnen: "Ich habe keinen bösen Geist,
sondern verherrliche Meinen Vater. Ihr aber entehrt Mich. Ich suche
nicht Meine Ehre. Es ist aber Einer, der sie sucht und richtet.
Wahrlich, wahrlich Ich sage euch, wenn jemand Meine Worte hält, wird er
in Ewigkeit den Tod (der Seele) nicht schauen."
Wir können nur diese Worte Christi wiederholen, denn wir handeln als
Sein mystischer Leib. Wenn wir wirklich mit Christus sind, werden wir
auch wirklich wie Er und mit Ihm leiden. Wir werden gekreuzigt werden
durch die bösen Pharisäer des 20. Jahrhunderts, welche jetzt den
mystischen Leib Satans darstellen.
So können wir, meine lieben gläubigen Freunde Jesu Christi, Trost und
inneren Frieden finden im Bewußtsein, daß wir uns von den Toten erheben
werden zur glorreichen Auferstehung mit Christus, wenn wir bereitwillig
in diesem Leben mit Ihm leiden und sterben den erniedrigenden Tod der
persönlichen mystischen Kreuzigung. Jetzt ist es notwendig, den
mystischen Tod zu erleiden, um schon einen Vorgeschmack der ewigen
Glorie zu erhalten. Christus hat uns in dieser Hinsicht viele Lehren
gegeben; aber nur so wenige nahmen sie an. Die, welche diese großartige
und wichtige Lehre für ihr Leben angenommen haben, sind die, die wir
Heilige nennen. Aber wie wenige sind es! "Fürchte dich nicht, du kleine
Herde, denn es hat der Vater beschlossen, dir das Königreich im Himmel
zu geben."
Ich erteile Euch allen meinen bischöflichen Segen und ermahne Euch,
tapfer zu sein in der Zeit unserer eigenen Passionssonntags.
+ Bischof Ludwig Vezelis O.F.M. |