"VERZICHTE AUF DEINE RACHE"
(aus: Charrière, Henri: "Papillon" Wien 197o, dt. v. E. Ziha u. R.v. Mayenburg)
Einleitung:
Henri Charrière, genannt Papillon, Atheist und Hauptfigur des Romans,
wird wegen falscher Zeugenaussage des Mordes angeklagt und unschuldig
zu lebenslänglicher Haft auf einer Sträflingsinsel in franz. Guayana
verurteilt. Das Leben im "Bagno", in der Strafkolonie ist entsetzlich,
qualvoll und grausam. Von dort unternimmt Papillon mehrere
Fluchtversuche, die jedoch scheitern, bis er schließlich doch den Weg
in die Freiheit findet. Freiheit! d.h. für ihn auch, endlich Rache
nehmen zu können an denen, die ihn durch Lüge und Bosheit auf diesen
Kreuzweg von über 13 Jahren geschickt haben.
(S.496 ff.:)
Morgen früh um sieben soll ich also in Begleitung von Piccolino meine
wahre Freiheit erhalten. Tiefe Wärme durchströmt mein Herz, endlich
habe ich auf immer den "Weg der Verwesung", den "Weg zur Hölle" hinter
mich gebracht. Wir haben August 1944. Seit dreizehn Jahren habe ich auf
diesen großen Tag gewartet.
Ich habe mich in mein Gärtnerhaus zurückgezogen und mich bei meinen
Kameraden entschuldigt, daß ich allein sein möchte. Meine Gefühle
überwältigen mich so, daß ich mich ihnen nicht vor Zeugen hingeben
will. Ich drehe und wende meinen Personalausweis, den mir der Direktor
überreicht hat, hin und her: links in der Ecke ist meine Photographie,
darüber die Nummer 1728629, ausgestellt am 3. Juli 1944. Schön in der
Mitte mein Name, darunter mein Vorname, dahinter das Geburtsdatum: 16.
November 19o6. Das Personaldokument ist in tadelloser Ordnung. Es ist
sogar vom Leiter der obersten Polizeibehörde unterzeichnet und trägt
seinen Stempel. Status in Venezuela: "residente". Dieses Wort
"residente" ist für mich umwerfend, denn es garantiert mir, daß ich
jetzt meinen ständigen Wohnsitz in Venezuela haben darf. Mein Herz
schlägt mir bis zum Hals. Ich möchte mich auf die Knie werfen, beten
und Gott danken. Aber du hast nie beten gelernt, du bist nicht einmal
getauft, an welchen Gott willst du dich wenden, wenn du keiner
bestimmten Religion angehörst? An den Gott der Katholiken? Der
Protestanten? Der Juden? Der Mohammedaner? Welchen soll ich wählen, um
ihm mein Gebet zu widmen, das ich mir aus irgendwelchen einzelnen
Stücken zusammendenken muß, weil ich kein einziges vollständiges Gebet
kenne? Aber warum suche ich eigentlich einen Gott? Habe ich nicht
immer, sobald ich ihn in meinem Leben einmal angerufen oder auch
verflucht habe, an das Jesuskind gedacht, wie es in seiner Krippe
liegt, und der Esel und der Ochse stehen dabei? Hege ich vielleicht in
meinem Unterbewußtsein noch einen Groll gegen die Barmherzigen
Schwestern in Kolumbien (die ihn bei einem Fluchtversuch wieder an die
Polizei ausgeliefert hatten, Anm.d.Red.)? Nein. Warum sollte ich mich
dann nicht an den einzigartigen, heiligmäßigen Bischof von CuraÁao
halten, an seine Exzellenz Irénée de Bruyne, und auch noch weiter
zurückdenken, bis zu dem guten Priester in der Conciergerie?
Morgen werde ich frei sein. Völlig frei. In fünf Jahren bin ich
naturalisierter Venezolaner, denn ich werde sicher nichts Schlechtes
auf diesem Boden begehen, der mir Asyl gewährt und mir Vertrauen
schenkt. Ich muß ein doppelt anständigeres Leben führen als jeder
andere.
Wenn mich der Staatsanwalt, ein paar Huren und ein Dutzend Würmer von
Geschworenen zu Unrecht für einen Mord, an dem ich unschuldig bin, zu
den Schweren geschickt haben, dann kennte das ja nur geschehen, weil
ich so ein Strolch war, ein Vagabund. Wäre ich ein ausgepichter
Abenteurer gewesen bin, war es leicht, rund um meine Person ein Netz
von Lügen zu spinnen. Die Geldschränke anderer Leute zu knacken ist
kein angesehener Beruf, und die Gesellschaft hat das Recht und die
Pflicht, sich gegen solche Leute zu wehren. Wenn ich auf den Weg des
Verderbens, der Verwesung, der Hölle gebracht werden konnte, dann nur
deshalb - ich gebe es ehrlich zu -, weil ich ein ständiger Kandidat für
ihn war. Daß dieses Züchtigungssystem Frankreichs und seines großen
Volkes nicht würdig ist, daß eine Gesellschaft sich zwar verteidigen,
aber doch nicht auf so niedrige Art Rache nehmen muß, das steht auf
einem anderen Blatt. Meine Vergangenheit kann nicht mit einem Schwamm
weggewischt werden, ich muß mich selbst zu einem ehrbaren Menschen
machen, zuerst in meinen eigenen Augen, dann in den Augen der anderen.
Danke daher dem Herrgott der Katholiken, Papi, versprich ihm irgendeine
sehr wichtige Sache.
"Lieber Gott, verzeih mir, daß ich nicht beten kann, aber blick in mein
Inneres, und Du wirst die Worte der unendlichen Dankbarkeit lesen, die
ich nicht auszudrücken vermag. Den Passionsweg zu gehen, den die
Menschen mir auferlegt haben, war nicht leicht. Und sicherlich habe ich
alle Hindernisse nur deshalb überwinden können und bin nur deshalb heil
und gesund bis zu diesem gesegneten Tag gelangt, weil Du es warst, der
seine Hand über mich hielt, um mir zu helfen. Was kann ich tun zum
Beweis dafür, daß ich Dir für Deine Wohltaten ehrlich dankbar bin?"
"Verzichte auf deine Rache."
Habe ich diesen Satz wirklich gehört, oder nur geglaubt, ihn zu hören?
Ich weiß es nicht. Aber er schlug mir wie eine Ohrfeige ins Gesicht, so
daß ich fast behaupten möchte, daß ich ihn wirklich gehört habe, laut
und deutlich.
"O nein! Das nicht! Verlange das nicht von mir! Diese Leute haben mich
zu viel leiden lassen. Wie kannst Du wollen, daß ich diesen mistigen
Polizisten, diesem falschen Zeugen lolain verzeihe? Ich soll darauf
verzichten, diesem Untier von Staatsanwalt die Zunge herauszureißen?
Das ist nicht möglich! Nein, nein und dreimal nein! Es tut mir leid,
daß ich mich Dir widersetzen muß, aber auf meine Rache werde ich um
keinen Preis verzichten!"
Ich gehe aus meiner Gärtnerhütte hinaus, ich habe Angst, schwach zu
werden. Ich will nicht klein beigeben. Ich mache einige Schritte in
meinem Garten. Toto bindet die Kletterbohnen an, damit sie sich um die
Stangen winden. Alle drei kommen auf mich zu, Toto, der Pariser mit den
ewigen Hoffnungen der Allerarmseligsten aus der Rue de Lappe, dann
Antartaglia, der diebische Spitzbub aus Krsika, der lange Jahre die
Pariser um ihre Brieftaschen erleichterte, und Deplanque, der Mörder
aus Dijon, der genauso einen Schnauzbart umgebracht hat, wie er selber
einer ist. Sie schauen mich an, ihre Gesichter leuchten voll Freude,
daß ich nun endlich frei bin. Bald ist es auch für sie soweit,
bestimmt.
"Hast du nicht aus dem Dorf eine Flasche Wein oder Rum mitgebracht, damit wir deine Abreise feiern?"
"Entschuldigt, ich war so erregt, daß ich nicht einmal daran dachte. Verzeiht mir."
"Macht nichts", sagt Toto, "es sei dir verziehen. Ich koche uns allen einen guten Kaffee."
"Du bist glücklich, Papi - was? -, daß du jetzt endlich und endgültig frei bist. Und wir sind glücklich mit dir."
"Bald kommt auch ihr an die Reihe, hoffe ich."
"Das ist schon sicher", sagt Toto. "Der Hauptmann hat mir gesagt, daß
alle vierzehn Tage einer von uns freikommt. Was wirst du tun, wenn du
frei bist?"
Ich zögere ein, zwei Sekunden, dann habe ich trotz meiner Befürchtung,
lächerlich zu erscheinen, den Mut zu folgender Antwort: "Was ich machen
werde? Sehr einfach: ich werde arbeiten und immer anständig sein. In
dem Land, das mir Vertrauen schenkt, würde ich mich schämen, etwas
Strafbares zu tun."
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