Der brennende Himmel
Eine armenische Legende
Maria, die hochheilige, stand bereits im achten Monat ihrer
Schwangerschaft, als sie mit Joseph aufbrechen mußte, um sich nach
Bethlehem zu begeben. Joseph setzte sie auf ein Maultier, ergriff es am
Zügel und wanderte weit übers Gebirge. Eines Abends, als es schon zu
dunkeln begonnen hat, kamen sie in die Nähe von Bethlehem. Sie wollten
gerade noch einen Hügel überqueren und sie wären schon dort gewesen,
da: auf dem Weg stand der Engel, den sie schon kannten, der Engel
Gabriel.
Er sagte zu Joseph: »Hier ist es. Nimm Maria vom Lasttier!« Joseph
hielt an und hob vorsichtig Maria vom Maultier. Er wollte etwas sagen,
aber er konnte nicht. Und während es schnell finster wurde, erkannte
Joseph etwas wie ein Lager am Rande des Weges. Er führte Maria dorthin
und bettete sie. Dann wandte er sich um, damit ihm das Maultier nicht
davonlaufe.
Er ging also hin, nahm es am Zügel und führte es zu einem überdachten
Schafpferch, der in der Nähe war. Dort band er das Tier an, dann ging
er, um nach Maria zu sehen. Aber er konnte sie nicht erblicken, denn
der Engel hatte seine Flügel weit, weit über sie ausgeschlagen wie ein
Zelt.
Während Joseph noch stand und dachte, was er machen solle, war es, als
fing der Himmel zu brennen an. Ein großes Leuchten wie von Raketen zog
sich über den Himmel, und die Sterne begannen so hell zu leuchten, daß
man sie kaum mehr anschauen konnte.
Und es war, als ob die Sterne zu tanzen anfingen, alle um einen Stern
herum, der sich mit einem anderen Stern so eng berührte, als wären
beide zusammen ein einziges Gestirn. Die Bewegung des Himmels machte
Joseph ganz schwindlig. Er mußte sich hinsetzen und die Augen schließen.
Dann berührte ihn jemand sanft an der Schulter: Es war der Engel. Er
hatte ein Kind in den Armen und sagte zu Joseph: »Hole die Mutter und
bring Maria unter das Dach! «
Der Himmel aber schien Joseph wie vorher.
Da holte er Maria und trug sie unter das Dach. Der Engel aber leuchtete
wie eine Fackel, und die Flamme schlug bis zum Dach empor, ohne es
jedoch in Brand zu setzen. Und er leuchtete die ganze Nacht hindurch.
(aus: "Schöne wilde Weihnacht - Märchen, Sagen und Legenden aus alter
Zeit" hrsg. von Ulf Diederichs, DTV München 1991, S. 53 f.) |